Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450617--76904-2534531- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Nr. 18 Der Israelit 1. Mai 1930 zralen Sphären, Nationalitäten oder Religionsgemeinschaften herrühren, wie man« solche in europäischen, zumeist staatlichen, Irrenanstalten antrifft. Nun ist es aber klar, daß die Psyche eines jüdischen Geisteskranken eine ganz besondere Berücksichtigung seiner Individualität verlangt, da der Unterschied zwischen der Eigenartigkeit eines Juden- und der eines Nichtjuden markanter ist als zwischen anderen Nationalitäten. Ein jüdischer philanthropischer Frauenverein mit Namen „Esrath Naschim" — von der Erkenntnis der früher erwähnten Bedingungen getragen — fyat sich der jüdischen Geisteskranken angenommen, indem er vor etwa 34 Jahren ein „Heim für Geisteskranke und Unheilbare" in Jerusalem begründete, welches im Lause der Jahre nach und nach zu einer normalen modernen Irrenanstalt ausgestaltet wurde. Diese Anstalt ist . auch heute noch das einzige psychiatrische Unternehmen (auf philanthropischer Basis) Palästinas - sowie des nahen Ostens, vielleicht auch des übrigen Auslandes, worin ausschließlich jüdische Geisteskranke beherbergt und von jüdischem, verständnisvollem Personal bedient werden. Die medizinische Leitung von Esrath Naschim (Dr. Heinz Herrmann aus Königsberg) will die bei ihr internierten 80 Kranken nur mit Güte behandelt wissen und ihr Pflegepersonal kommt diesem Verlangen mit beispielloser Geduld und Opferwilligkeit nach. Kein Wunder also, daß dieses Hospital immerfort von Petenten wegen Aufnahme neuer jüdischer Kranker überlaufen wird, die man nur m äußerster Not der in Bethlehem vorhandenen Irrenanstalt der Regierung überantworten mag. Leider sind die räumlichen und finanziellen Verhältnisse der Anstalt — wie sich der Schreiber dieser Zeilen persönlich überzeugen konnte — auch schon für die vorerwähnte Krankenzahl höckst ungenügend und die administrative Leitung (Frau David Bellin) hat nicht selten bedeutende .Schwierigkeiten zu überwinden, wenn die benutzten Warenkredite oder die Gehälter der Angestellten zu begleichen sind. Wenn man die vielen im Lande umherirrenden, unversorgten Kranken, deren Zahl von Tag zu Tag steigt, berücksichtigen wollte, so wäre in Esrath Naschim Raum für ungefähr 200 Betten zu schaffen und die Anstalt mit einer entsprechenden Baupauschale sowie mit einer ausreichenden Jahressubvention zu dotieren. Denn da die Kranken zumeist aus armen oder schwachbemittelten Familien herrühren, die gar keine oder nur minimale Beiträge zu deren Erhaltung abgeben können, von anderer Seite aber keine regulären Einkünfte vorhanden sind, so kann die Anstalt recht gute Aufsätze aus der Jugend und für die Jugend; auch Berichte Korrespondenzen und Nachrichten über die „Tifereth Bachurim-Bewegung", deren Organ die Zeitschrift ist. Wir wünschen unseren jungen Gesinnungs- , genossen auf den litauischen Jeschiwaus ein weiteres Glückauf! (General Brusiilow und der jüdische Soldat.) ^Jn den demnächst in deutscher Uebersehung erseinenden Memoiren des russischen Heerführers, General. Brussilow, des einstigen Lieblings des Zaren, der später eine hohe Stellung in der „Roten Armee" einnahm, kommt die folgende Episode vor, die die Stellung des jüdischen Soldaten in der Zarenarmec zeichnet: „Als wir am Bug standen", erzählt der General, „führte man mir bei einer Inspektion einen jüdischen Soldaten vor, der nicht nur als der beste im Regiment,, sondern in der ganzen Division bezeichnet wurde. Er stand im Felde seit Anfang des Krieges, nahm tapfer an allen Kämpfen teil, war dreimal verwundet, kehrte aber immer wieder ohne Zwang sofort zum Regiment zurück, meldete sich freiwillig zu den schwierigsten und gefährlichsten^ Unternehmungen und war berühmt durch seine Kühnheit und Gewandtheit. Er hatte als Auszeichnung vier Medaillen vom Hlg. Georg und drei Georgkreuze und hatte Anspruch auf das Großkreuz 1. Klasse, aber der Korpskommandant meldete mir, daß er sich nicht getraue, den Mann für diese hohe Auszeichnung vorzuschlagen, da ihre Verleihung mit der Ernennung zum Fähnrich verbunden sei pnd hie Ernennung eines Juden zum Fähnrich sei verboten. Und so war der Mann» obwohl er auf Grund ^seiner Aufzeichnungen schon längst zum Unteroffizier hätte ernannt sein sollen, weiter gemeiner Soldat geblieben, ' Zur Charakterisierung dieses jüdischen Soldaten ist. noch hinzuzufügen, daß ihn diese Ungerechtigkeiten keineswegs verniemals auf autarkifchem Wege für ihre eigenen Bedürfnisse aufkommen. Ein Wiener Tourist, der sich für die Geisteskranken der gesamtem jüdischen Welt und insbesondere für die des Heiligen Landes wärmstens zu interessieren scheint, veröffentlichte vor einigen Monaten seine Eindrücke und Ansichten. in einem Wiener Blatte, wo er in knappester Kürze doch sehr treffend die Tätigkeit der gedachten Irrenanstalt skizzierte. Er drückt sein Bedauern aus, „daß das Volk des Geistes, wie man das jüdische Volk zu nennen beliebt, auf die Krankheiten des Geistes so wenig Rücksicht nimmt, wo mit verhältnismäßig geringen Aufwendungen noch recht viel Nutzen gestif-tet werden könnte" und appelliert an die jüdische Öffentlichkeit, sich mit der Frage der jüdischen Geisteskranken zu befassen und die bewährte Anstalt „Esrath Naschim" sukzessive zu erweitern und „zu einer zentralen Heilstätte für die Geisteskranken des gesamten jüdischen Volkes" auszubilden. Dieser Appell, den der Schreiber dieses herzensgerne unterschreiben möchte, wurde bedauerlicherweise bisher nicht berücksichtigt. Hoffen wir, daß mit dem Eintritt normaler Verhältnisse in Palästina auch diese für das Judentum hochbedeutendc Frage in Zukunft ihre Freunde und Verfechter finden und zu einer günstigen Lösung gelangen wird. Korrespondenzen « fiacbricimn. Deutsches Reich. Vom Verbände „Ort". Berlin, 25. April. Die Plenarsitzung des Verbandes „Ort" am 23. April faßte folgende Beschlüsse: 1. In der Erkenntnis, daß die ökonomische und technische Hilfe der sozialen Organisationen für die jüdische Landwirtschaft in der Uebergangszeit, in der die jüdischen Landwirte gegenwärtig in der Sowjetunion leben, besonders wichtig ist, findet es das Plenum der Zentralverwaltung für richtig, daß die Arbeit des Verbandes „Ort" auf diesem Gebiete sich auf jene Aufgaben konzentriert, bei welchen seine Hilfe in einem besonderen Maße beansprucht wird, wie z. B. Entwicklung von Milchwirtschaften, Weinbau, Obstzucht usw. 2. Als eine wichtige Form ökonomischer Hilfe für die landwirtschaftliche Bevölkerung, die einen erweiterbitterten, ' .sondern, daß er auch weiterhin tapfer und ehrenvoll, 'seine.. soldatische Pflicht erfüllte. Es ist begreiflich, daßich diesen' Mann vor der. Front umarmte mnd;küßte und ihn, wenn auch vielleicht gegen das..Gesetz, sofort zum Fähnrich ernannte und ihin das Großkreuz 1. Klasse; anheftete." ' : ';r; .?:; ^{Jer-jfioraX'Shctmpcon für dein Haar Macht ej seidig, glänzend und fa/gr. Cd reinigt von Schuppen datret, ^tst billig und dcdafreil Familiennachrichten. Barmizwo: Julius, Sohn, des Herrn MaxBodenheimer, Darmstadt, Rheinstr. 24. ’ snx» j^Stn niw. Silberne Hochzeit feiern am 2. Tag vs ni Lehrer Benzion Wechsler u. Frau geb. Strauß, Alzenau. Frankfurts größtes Spezialhaüs bietet „Beste Qualität zu billigsten Preisen“. Uhren aller Art Gold . Silber Juwelen __ ---- Bestecke unD SOMn ‘Trau ringe NurZeil95u.Töngesg.25-27 ] ten Raum in der Tätigkeit der Vertretung.des Verbandes „Ort" in Sowjetrußland einzunehmen hat, erkennt die Plenarsitzung die Verbreitung entsprechender Nebenberufe durch Heimarbeit besonders unter den -Frauen und der Jugend der Kolonien an. 3. In Anbetracht der in den jüdischen Kleinstädten herrschenden wirtschaftlichen Not beschließt das Plenum, daß in den Rayonen für landwirtschaftliche Tätigkeit des Verbandes „Ort" unter anderen Maßnahmen zur Behebung der jüdischen Armut in den Kleinstädten die größte Aufmerksamkeit der Gründung von Gärtnerei- Artels, Milchwirtschaften usw. auf den Freiflächen in der unmittelbaren Umgegend der Kleinstädte zugewendet werden soll. 4. Die Plenarsitzung ratifiziert die Verlängerung des Abkommens zwischen dem Verbände „Ort" und der Regierungskommission Komzet zum Zwecke der Hilfe an die jüdischen Landwirte in- Sowjetrußland. Von der großen Versammlung des Hilfsvereins der deutschen Inden. Berlin, 10. April. In der Versammlung des Hilfsvereins am 7. April,, über die wir bereits berichteten, skizzierte Frau Katharina von Kardorff die Aufgabe der Frau im sozialen Hilfswerk und appellierte an die Frauen, an der Seite der Männer das Werk des Hilfsvereins, das überreligiös und überparteilich ist, zu fördern. Der nächste Redner, der Führer der deutschen Sozialdemokratie, Dr. Breitscheid, führte ungefähr aus: Es ist vielleicht auf den ersten Blick sonderbar, daß ich als Nichtjude für den Hilfsverein der Deutschen Juden das Wort ergreife. Aber das Werk des Hilfsvereins ringt jedem, ob Jude oder Nichtjude, Respekt ab. Meine Ansprache hat aber auch einen anderen Zweck: ich habe das Bedürfnis, einem Manne den Tribut der Verehrung zu zollen, der an der Wiege des Hilfsvereins gestanden hat: Paul Nathan. Ich hatte das Glück, mich Mit ihm vor einem Vierteljahrhundert auf dem Boden des Liberalismus im Kreise von Theodor Barth zu treffen. Von dort fanden Paul Nathan und ich den Weg zum Sozialismus. Paul Nathan, der damals für die Befreiung der unter den Drangsalen des Zarismus leidenden Juden wirkte, hat mein Interesse für den Hilfsverein geweckt. Ich und viele andere hatten es bedauert, daß Paul Nathan als Juden manche Straße in Deutschland verschlossen blieb, ihm, der über alle guten Eigenschaften des politischen Führers verfügte. Vielleicht war dies zum Guten, da es seine Kräfte frei machte für ein anderes großes Ziel: kulturelle und soziale Hebung wie politische Befreiung der Juden in vielen Ländern. Reick»srninister. a. D. Peter Reinhold schloß seine Rede mst den WMen: „Wir, die wir an die Zukunft glauben,' wissen, .daß einmal der Tag kommt/'wo der Schlag des Herzens lauter, fein wird, als das Donnern der Kanonen und,.haß man sich über Rassen und Religionen hinweg zu gemeinsamem Streben zusammensinden wird. In diesem Glauben grüße ich den Hklfsverein der Deutschen Juden." Der Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, Dr. Hans Schaffer, sprach von der Anerkennung, die das Werk des Hilfsvereins bei zahlreichen Deutschen nichts jüdischen Glaubens findet. Das Los der Juden-in den osteuropäischen Ländern ist ein bitteres. Denn wo Völker Schweres durchzumachen haben, trifft es die Juden, die in ihrer Mitte leben, doppelt. Die Hilfsarbeit der deutschen Juden für ihre Brüder im Osten ist ein Chrenschild des deutschen Judentums. r r: Fluch des bösen Wortes. . . Köln, 4. April. 2fm 26. Juli 1929 wurde der; nationalsozialistische Abgeordnete Dr. L e y vom Erweiterten Schöffengericht anstelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe oon!*;, zwei Monaten zu einer Geldstrafe von 1000 Mark:wegen Beschimpfung der jüdischen Religion verurteilt. Er hatte im „Westdeutschen Beobachter" aus Anlaß des in Glad-