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Der Israelit · 1930-05-01 · Heft 18 (1.5.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 18 (1.5.1930)
Date
1930-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1. Mai 1930 Der Israelit Nr. 18 Seite 3 ganz in unserem Sinne ist, wenn die Abwehr des deutschen Antisemitismus zu einer i nternationalen W e l t a n g e l e g e n h e i t gemacht wird, solange wir den letzten Rest von Vertrauen auf d-ie Regierung und die geistigen Führer in Deutschland, schließlich auch aus den gesunden Sinn der deutschen Nation nicht eingebüßt haben. Die deutschen Juden sind Manns genug, ihre Rechte im Rahmen der alle Bürger des Landes umfassenden Gesetzgebung und Verfassung zu verteidigen. Immerhin dürfen wir hoffen, daß, nachdem er einmal geschehen ist, der Schritt der Amerikaner in Deutschland noch eine andere Wirkung ausüben wird, als die erwähnten Schimpftiraden des „Völkischen Beobachters". Zum fowjekrusflschen Problem. Die Nachricht von der angeblichen Auslösung der Jewsekzia in Rußland hat bisher keine offizielle Bestätigung gefunden. Sie läßt sich auch, wenn die Tatsache an sich richtig sein sollte, nur dann in ihrem Werte richtig einschätzen, wenn man weiß, welche Instanz an der Stelle der Jewsekzia treten, d. h. also, wer künftig die russischen Juden gegenüber der Regierung vertreten soll. Einer unserer Mitarbeiter sendet uns nun in der Voraussetzung, daß die Jewsekzia in der Tat verschwindet, die nachfolgenden Ausführungen, die wir ihrer Originalität wegen der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten zu können glauben, ohne daß wir uns eine Meinung darüber bilden können, ob die Ideen des Verfassers irgendwelche Aussicht auf Verwirklichung haben. Die Einsendung lautet: Das Ende des Krieges konnte uns nie zu früh kommen, und doch hat es uns in manchen Dingen ratlos überrascht; das Gleiche gilt vom Ende der religionsfeindlichen Jewsekzia. Run wird an ihr Ende' gedacht. Was soll danach kommen? Wem werden nunmehr die. Angelegenheiten jüdischer Gemeinden in Rußland überantwortet werden? Man weiß nicht, ob wirklich der Regierung direkt oder neuen jüdischen Instanzen. Das ist garnicht das Entscheidende. Soviel ist für jeden nicht ganz naiven Leser jener Nachricht sicher: Anti kommunistische Personen werden in Rußland in absehbarer Zeit auch das Mische Dezernat nicht in die Hände bekommen. Wo sind aber die Juden, die zugleich gesetzestreu und nicht a n t i - kommunistisch sind? Wir stehen dem Kommunismus mit schlimmerer Ratlosigkeit gegenüber als vor 120 Jahren der Reform. Hie die Alten, die jedes noch so formale äußere Zugeständnis an den Kommunismus perhorreszieren; hie die Jungen, die dem Kommunismus Religion und Ueberlieferung restlos und radikal hinopfern. Daran, daß der russische Gewalt-Kommunismus etwas dern besonders zugetanes Antlitz, das heiter scherzen und ausmuntern und ernsthaft belehren und raten kann. Niemand im Dorfe ahnt, daß Mendel Rosenbusch, der gute, alte Freund aller Binder, mit jenem geheimnisvollen Wohltäter der Erniedrigten, Gedrückten identisch ist. Er erzählt den Dorfkindern, die er genau beobachtet, und erzählt viele sonderbare, schöne Geschichten, aber wenn er erst die vielen, herrlichen Dinge erzählen wollte, bei denen er selbst eine große Rolle spielt — — Man kann dieses Büchlein. 9—12jährigen Kindern aller Stände in die Hand geben, sie werden, in den Bann Mendel Rosenbuschs gezogen, große Freude daran haben, und sittliche und jüdische Werte werden, da der Ton des echten Volksmärchens gewahrt ist, als Wirklichkeit, nicht als phrasenhafte Moral nachempfunden werden. Das Buch erschien in einfacher, netter Ausstattung im Verlag D r. R. Färber, M ä h r i s ch - O st r a u. II. Altbekannte, immer geliebte Midraschim hat Lina Wagner-Tauber ausgewählt und ausgeschmückt. Für Kinder, dir sie nicht von Mund zu Mund erzählt bekommen — von den Eltern, in der jüdischen Schule, im Jugendbund — oder sie nicht selbst im Urtext lesen können, ist es wertvoll, in diesen „Jüdischen Märchen und Sagen" (Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig) den alten, jüdischen Geschichtenschatz ein wenig kennen zu lernen. Mir erscheinen sie nicht kindhaft genug erzählt, stellenweise wird der echte Märchenton getroffen, dann aber „entströmen harmonische Töne ihren Lippen" und verderben mir die Freude und dem Kinde das richtige Verstehen und Eindringen in den Stoff. (Ich rate Eltern und Erziehern, ihren Kindern, denen sie Midraschim zugänglich machen wollen, nach Bertha Pappenheims „Maaßebuch", I. Kauffmann-Verlag, Frankfurt a. M., zu erzählen, vom 14. Jahre ab dieses Buch Unjüdisches und Unreligiöses ist, soll selbstredend kein Zweifel gewagt' werden. Aber ist der Kommunismus selbst wirklich erheblich unjüdischer als der Ungeist Westeuropas, der uns vor 120 Jahren bedrohte? — Im grellen Lichte klarer jüdischer Ueberzeugung schrumpft der Wertunterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus auf ein Nichts zusammen. Also haben wir uns auch des Letzteren mit denselben Methoden zu erwehren wie des Ersteren. Es . ist nicht unjüdischer, wegen an «nisVai Angestellter eines Kollektivbetriebs zu sein oder ein "nn durch einen Montessori-Kindergarten zu ersetzen, als wegen eines Weststaates Soldat zu werden, als solcher N2V ^rr» zu fein und den „Kneller" des 18. Jahrhunderts durch einen geprüften Lehrer zu ersetzen. Wir haben im demo kratisch-arelig lösen Westlande ein Schulwerk, durch S. R. Hirsch angebahnt, erhalten, das es mit jeder Profanschule aufnehmen kann, ohne mw und nxT zu vernachlässigen; wir können auch im Sowjetftaate eine Kindererziehung hervorbringen, die den modernsten Methoden gerecht, bewußt, orthodoxe Juden heranbildet. (? Red.) (Kann der Montessori-Kindergarten etwas so hoffnungslos Unjüdifches sein, da er doch, gleich unseren Ahnen, zweckfremdes Spielzeug, Märchenspuk u. ä. nicht kennt?) Wir können auch, wenn wir nur wollen, Handwerksleute heranbilden, die mit geringstem Lebensanspruche und gleichachtendster Gesinnung unverbrüchliche Gefetzestreue verbinden, und kein Ge-! setz des Sowjetstaates verhindert das Aufkommen eines Kollektivbetriebs oder einer Kollektiv-Siedlung, die 6tägig arbeitet und am S a b b a t feiert. Nur unsere im Westen erworbene Breitspurigkeit unseres Gememdelebens und die Bischofsallüren unserer Rabbiner müssen wir ganz aufzugeben den Mut Haben. Wir müssen aus den Pfennigen des Kollektivhandwerkers unser Gemeindeleben dort neu aufbausn. Und wenn es aus psychologischen Rücksichten auf die Bevölkerung nicht überall in Rußland möglich sein sollte, — an einzelnen Stellen, hoffentlich an einer konzentrierten Stelle wird es gehen. Wenn wir uns innerlich darauf umstellen können, daß ein Staat, der ein Prinzip hat, uns vielleicht ebenso ehrliche Achtung entgegenbringen wird wie andere Staaten, die aus Demokratie jedes Prinzips entraten, dann, aber nur dann, ist die Zeit nahe, wo ersterer Staat uns, unseren geistigen Führern, — thoragelehrten Handwerkern seines Landes, das nötige Vertrauen und ihnen die Regelung jüdischer Dinge überlassen wird. Denn jüdisches Leben kann ohne Aufwand m i n d e st e n s s o gut gedeihen wie „mit". Und wenn wir diese innere ihnen selbst in die Hand zn geben.) Am schönsten ist die letzte Geschichte „Rabbi Eliesers erste Rede". Obwohl auch hier zu große und hohe Worte gebraucht werden, so ist es doch verstanden worden, von Anfang bis Ende den Leser zu fesseln, ihn Rabbi Elieser sowohl als Knaben, der' nach dem Thoralernen dürstet, als auch als den auf der Höhe seines Ruhmes stehenden großen Gelehrten v e r st e h e n und lieben zu lassen. Das gerade ist wesentlich für unsere jüdische Jugendliteratur, daß wir die großen Menschen unseres Volkes, Ihr Werden und Denken, von den Kindern verstehen und nachempfinden lassen. Die Großen der Umwelt locken gar zu sehr zur Nacheiferung. Der Jugendliche braucht das Ideal, um sich an ihm emporzuheben, ihm nachzustreben. Gebt ihm das jüdische Ideal! . . . . a.. m: (Gottesdienst ohne Minjan.) Im Anschluß an diin den letzten Nummern des „Israelit" erschienenen Anregungen des Herrn Dr. B. C. sei darauf hingewiesen, daß die vom Verfasser geäußerten Wünsche längst erfüllt sind. Schon im Jahre 1908 hat die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" eine von Provinzialrabbiner Dr. Michael Lahn y'xr verfaßte „G o t t e s d i e n st o r d n u n g für Zwerggemeinden ohne Minjan" herausgegeben, die in detaillierter Form alle in Betracht kommenden religionsgesetzlichen Vorschriften sowie die Einschaltungen mpaa 'v'-w'rr us nr usw. enthält, sodaß danach ein gemeinsames Gemeindegebet ohne Verstoß gegen die Halacha gesichert werden kann. Natürlich wird in dieser Gottesdienstordnung mit Nachdruck herv.orgeh.oben, daß sie nur im Notfälle, wenn um keinen Preis Minjan zu verschaffen ist, zur Rettuug einer gottesdienstlichen Gemeinsamkeit Dauerwellen und Haararbeiten ist Vertrauenssache! EUGEN OCHS Spezialist dafür Mosels«r.16 . Taunus 1593 bmhihhb Unverbindlicher Besuch erbeten Umstellung versäumen, wenn uns mehr an der Märtyrerkrone als an schleuniger Ausbildung werktätiger Thoraführer sowjetrussischer Staatsangehörigkeit liegt, Hann werden unsere Proteste und Fasttage soviel bezwecken wie Vmnb die der Kirchen und auch die Auflösung der Jewsekzia uns keinen Segen bringen. Wir müssen mir größter Beschleunigung ans Werk gehn und tätig dem russischen Judentum helfen: i n Rußland mit von der russischen Regierung genehmigten Fonds Schulen für werktätige Nebenamts- und -v'22-1 gründen. (Davon wird auch der Westen nachzulernen haben.) Aber hier heißt es: Schleunigst Nationalökonomen, Pädagogen und Fachleute auf den Plan, bevor es zu spät ist! mv'rr T»2py kV öki, Zur Frage der jüdischen Geisteskranken. Man schreibt uns aus Jerusalem: Psychoanalytische Forscher verschiedener Zeiten haben die Störungen des menschlichen Gehirnes erkannt, ihre Erscheinungen und Phasen zu beurteilen verstanden, und praktische Neurologen haben auf Grund angewandter Theorien und eigener Erfahrungen die Zustände geisteskranker Individuen, durch angepaßte Behandlungsmethoden zu bessern oder mindestens zu mildern vermocht. Die allgemeine Lage der Irrsinnigen wurde schon dadurch verbessert, daß man sie von den Kerkern, in denen sie dahinfchmachteten, befreite und sie nicht mehr als Verbrecher öder Besessene, sondern als Krank e betrachtete und in entsprechende Heilanstalten mit humaner ärztlicher Behandlung überführte. Allein im Laufe der Zeiten, da man auf das Wesen der Nervenleidenden immer mehr einging, stellte es sich heraus, daß der Geisteskranke — wenn noch nicht vollständig in Idiotie verfallen — auf seine Umgebung mit einer ziemlich starken Empfindung reagiert. Er fühlt sich unglücklich, bedroht, verfolgt oder beeinträchtigt, wenn ihm seine Leidensgenossen oder das Pflegepersonal nicht entsprechen, er kann« sich aber ganz wohl fühlen, wenn ihm der Charakter feiner Umgebung paßt und die Pfleger für die Eigenart des Kranken Verständnis haben. Diese Umstände treten besonders deutlich zutage da, wo es sich um ein Konglomerat von Kranken handelt, die aus verschiedenen sogestattet ist. Die Gottesdienstordnung ist durch das Büro der „Freien Vereinigung" auch jetzt noch zu beziehen. (Zufall.) Zu dem Artikel „Zufall" in der letzten Nummer des „Israelit" teilt uns ein Frankfurter Freund unseres Blattes ein Wort des in Frankfurt unvergeßlichen Selig G o l d s ch m i d t V'xt mit. Selig Goldschmidt ließ einen „Zufall" nie gelten . Als man einmak in seinem Hause von einem „Zufall" sprach, erzählte er folgendes Gleichnis: Einem Manne kam einmal ein Hund zugelaufen, den er nicht mehr los zu werden vermochte. Um nicht des Diebstahls verdächtigt zu werden, ließ er die Sache in der Zeitung bekanntgeben. Wirklich kam nach einigen Tagen ein Herr aus einem ganz weit entfernten Stadtviertel, erkannte seinen Hund und nahm ihn gleich mit. „Welcher Zufall!", würde der Hund glauben, wenn er denken könnte. „Mein Herr, der in ganz entgegengesetzter Richtung wohnt, verläuft sich hierher, wie ich selbst und wir treffen.^ uns!" Wir aber, die den Zusammenhang kennen, wissen: es war kein. Zufall, es war klare Berechnung. Wie oft ergeht es uns Menschen ebenso. Wir sehen einen Zufall in einer Begebenheit, weil uns deren innere Ursachen, von einer höheren Macht über uns geschaffen, nicht bekannt sind. („Zur Jugend".) In der Jeschiwa Kowno-Slabodko erscheint seit einiger Zeit ein Zweimonat-Journal in jiddischer Sprache, unter dem Titel „Zur Jugend", das, ähnlich wie der hebräische in Telsch, wohl dazu angetan ist, den Geist von Thora und Mussar in der Jeschiwa zu verbreiten und gleichzeitig der Außenwelt von dem guten Geiste, der in der Jeschiwa des Rabbi Israel Salanter herrscht, Zeugnis abzulegen. Die uns vorliegenden beiden Nummern enthalten gute, zum Teil

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