Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1930)
- Date
- 1930-04-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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af©^^ «Stf^i^j-; Jettilleton Beilage ', \t m Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Märkyrergeschichte. Von S. Schachnomitz. (Fortsetzung). Abraham nahm die Eindrücke dieser neuen, nie gekannten Welt gierig in sich auf, und sie sollten sich noch wesentlich steigern. Denn schon erhob sich im Osten eine Staubwolke und kündete die Ankunft der sehnlich erwarteten Wagen. „Der Rebbe kommt, der Rebbe kommt, der Rebbe ist schon gekommen!" sang die Menge, indem sie sich in Bewegung setzte und zu einem Knäuel zufammenballte, das unentwirrbar schien. Hände erhoben sich zum Gruß und Rufe hallten durch die staubige Lust. Zwei Troikas, von leichten Pferden gezogen, waren jetzt so nahe, daß sich die Menschen doch teilen und eine Gasse bilden mußten. Im vordersten Wagen saßen drei ältere langbärtige Männer. Im hinteren Wagen sah man die große Gestalt mit dem schönen, bartumrahmten Gesicht, von dem man, auch ohne eingeweiht zu sein, gleich wußte: es ist der Rabbi. Zur Seite des Rabbi saß ein kleiner, gutgepflegter Mann im modernen schönen Pelz. Beide Wagen mußten vor dem Menschenandrang stille halten. „Scholom Rebbe!" schrie der Chor hundertstiimmig. Einige machten sich daran, die Pferde auszuspannen. Schon hoben sich starke Hände, um das Gefährt bis zu dem Hause, in dem der Empfang vorbereitet war, wie eine Sänfte iM Triumphe zu tragen. Der Rabbi sah mit hilflosen Augen in diesen Ansturm und winkte abwehrend mit den Händen. Da die Handbewegungen unbeachtet blieben, machte er Miene, aus dem Wagen zu steigen. Der kleine Mann im Pelze war schon vorher abgestiegen. Nun gruppierte sich die Menge in einem weiten Kreise um den gefeierten Gast. Wie ein Tanz bewegte sich der Zug, der Rabbi mit seinen Begleitern in der Mitte und rund herum in einigem Abstand, in doppeltem und dreifachem Spalier, die Menschen, bis sie zur großen „Kretschme" (Dorfwirtshaus) anlangten. Der Gasthof, fast, mitten im Felde unweit der Grenze, sonst Absteigequartier für Fuhrleute, Boten, Soldaten, Bauern, die zum Markte fuhren und Kaufleute, die hier auf die Postverbindung nach verschiedenen Richtungen warten muß-' ten, hatte sich heute in einen T e m p e l verwandelt.,^ Der längliche Holzbau mit dem Stroh- und Schindeldach darüber und dem knorrigen Apfelbaum davor schmückten sich wie zu einem Feste. Fuhren, Holzhaufen, Strohmatten, sowie die dazu gehörigen Menschen,, waren von Jossel Herz, dem Wirt, alle nach hinten» dirigiert worden, wo die Ställe und Scheunen, noch erbärmlicher als der Hauptbau, standen. Der Platz vor der Türe war sauber gefegt, drinnen in der geräumigen Wirtsstube der Boden blank gescheuert und mit frischem Sand bestreut. Lange, aus Tonnen und Brettern rasch zurecht gemachte Tische waren weiß gedeckt. Jossel Herz, der Wirt, der sonst das Jahr über kaum einen Mnjangottesdienst sah und zu den heiligen Feiertagen fünstStunden ins nahe Städtchen fahren mutzte, » hatte seine Festkleider angelegt Und war.in gehobenster Stimmung. Dieser Tag machte.vieles * gut an ihm, der von der Vorsehung in eine. Ecke hinter der Sonne gestellt wurde. Weit vom Herzpunkte des jüdischen Lebens, mußte er hier jahraus jahrein unter rohen Fuhrleuten und betrunkenen Bauern leben. Wie weit mußte er die Gemeinde suchen. Nun kam die Gemeinde zu ihm, und was für eine Gemeinde! Der Größte und Heiligste war mit dabei, unter seinem niederen Dache. Schon» seit Tagen sammelten sich die Chassidim von allen Seiten bei ihm. Sie gaben zu verdienen, aber was wichtiger war^ jüdisches Leben entsproß dem öden Boden wie die ersten Knospen aus dem Apfelbaume draußen im ersten Frühlingshauch. Hier sollte zuerst der aus dem Gefängnis erlöste Rabbi begrüßt und gefeiert werden. Ein Wunder war geschehen. Aber Gott läßt kein Münder entstehen, wenn die Menschen nicht wollen, nicht mithelfen. Darum hatten sich jüdische Magnaten ins Zeug gelegt, sind nach Petersburg gefahren und große, große Geldsummen mit hingenommen. Ein jüdischer Baron aus Petersburg, der nicht wollte, daß man ihn nanne, tat mit. Der Mann im Pelz . . . Jossel Herz hatte in den letzten Tagen so viel von diesen Dingen gehört und stand jetzt beim Eintreffen des großen Augenblickes dennoch wie geistesabwesend da und hielt die Türen auf, daß sie alle, alle hineinkonnten. Schone war das Haus bis zum letzten Winkel angefüllt. Der Rabbi war im Nebengemach, wo er einige Augenblicke allein sein wollte. Abraham, der nun mitten im Gedränge stand, als gehörte er von jeher dazu, suchte den Sinn dieser Stunde genauer zu erfassen. Aber trübe Gedanken überkamen ihn. Waren das nicht die Chassidim, die man in Wilna bei schwarzem Kerzenlicht und der Stimme der Posaune in den Bann tat? Waren es nicht die Menschen, die der Gaon Rabbi Elle unerbittlich von sich wies? In Not und Bedrängnis war ihr Rabbi gekommen und wurde befreit. Wird diese Huldigung sich nicht bald zu einer Verschwörung gegen Wilna und Rabbi Elie auswachsen? Einigung zum Zwecke des Haders. Sprachen doch die Leute schon von einem Gegenbann. Er hörte schon, wie der Rabbi den Gegenbann mit verdammenden Worten sprach, und die Versammlung von Flüchen und Verwünschungen widerhallte. Und er, Abraham, war doch auf dem Wege zum Gaon, um durch ihn ein großes Friedenswerk für Israel zu vollbringen. Sollte er sich lautlos davon schleichen und dieses Zwischenerlebnis wie einen Traum von sich abschütteln? Das konnte er gar nicht, wenn er es wollte. Es war nicht möglich, die Türe zu erreichen, so eingeklemmt^ war, er in her Menge., Mdschon ging von der anderen Seite leise: die: Türe auf. n,Platz gewacht für»den Rebben!-^ -ßchrieen viele Stimmen zugleich^ohNe MMcheH-'MfolA' .Han mußte den Rabbi fast auf den Armen durch die Menge zu seinem Ehrenplätze an der Spitze der langen-Tafel ^tragen: : ' Noch setzte er sich nicht. Er hatte jetzt, nachdem er den Oberrock abgelegt hatte, ein wallendes schwarzes Atlasgewand an und einen breiten Gürtel um die Lenden. Auf dem mächtigen Kopf saß eine riesige Zobelmütze. Er legte die linke Hand m die rechte, schloß die Augen und fing an, Wort für Wort etwas zu beten. Wie Sturmbrausen fiel die Menge in den Psalm zur Einleitung des Minchogebets ein. Draußen färbte die Sonnenkugel den westlichen Horizont feuerrot. Die ausschlagenden Zweige Ies Apfelbaumes zeichneten Schatten wie Sprossen einer Leiter auf dem Boden. Drinnen, in der- Herberge zwischen Wald und Feld stand eine große chassidische Gemeinde!t»m Gebete der Dämmerstunde. Eine Lawine hatte sich irgendwo losgerissen und zog alles mit und nach sich; hundert-jüdische Herzen schmolzen zu einem zusammen. Eine solche Art zu beten, hatte Abraham weder in Amsterdam noch ln Altona noch in Frankfurt gesehen, llr. 17 1930 ganz so auch nicht in seinen ersten Jugendjahren in den jüdischen Bethäusern zu Wilna. Wenn er zum Rabbi hinschaute, war ihm, als wäre dessen Gesicht von Lichtfluten umstrahlt. In fieberhaften Bewegungen goß er den ganzen Inhalt seiner Seele aus. Abraham hätte sich nicht gewundert, wenn der Rabbi nach dem Gebete entseelt hingesunken wäre. Als die letzten Töne des Gebetes verklungen waren, faßen sie alle bei Tisch, und eine Freude durchzog die Gemüter, und eine Einheit herrschte bei allem Gedränge und bei aller Unförmlichkeit, als hätte sich eine große Familie um ihr Oberhaupt zu einem Feste zufammengefunden. „Lechajim Rebbe!" Chassidim trugen Waschbecken herbei. Große, kunstvoll geflochtene Riesenbrote lagen auf dem Tisch. Nicht viel hatte Jossel Herz zur Hand, aber er gab alles und das Beste und die ganze Liebe seines Herzens dazu. .Der Schnaps, der Inhalt eines ganzen Füßchens, war tin Flaschen und Karaffen abgefüllt. Was tat es, wenn es für die Hundert Menschen nur etwa ein halbes Dutzend Gläschen gab? Man wartete und trank und rief sich Mut zu. „Lechajim Jüden, der Rebbe soll leben! ..." Auch die sein zerlegten Heringe und die duftenden Fische auf den Platten waren nicht überreichlich für die vielen Menschen. Aber keinen verlangte es nach dem, was auf den Platten schön geordnet lag und leicht zu erlangen war. Eine Brotkrume von dem Stück, auf das der Rabbi den Segensspruch gesprochen hatte, wog mehr als alle Genüsse dieser Erde. Ein kleines Stückchen Fische aus dem Teller, der vor dem Rabbi stand, schien kostbare^ als alle Kostbarkeiten der Welt. Man raufte um einen Heringsschwanz, der angeblich — wer konnte es beweisen? — zu dem Heringe gehörte, von dem. der Rabbi ein winzig Stückchen kostete. Er, der große Rabbi, aß kaum etwas, er berührte nur die Speisen. Alles andere wunderte weiter, an die Getreuen, danach sich hundert Hände ausstreckten. Jeder Happen wurde erhascht, als hinge davon Leben und Glück ab. Und mit liebevollen Augen umkoste der Glückliche die kleine Beute, bevor er sie in den Mund führte, gewiß, alles Heil dem Körper und der Seele damit zuzuführen. „Scha, Stille, der Rebbe wird reden!" Er wird reden. Wie versteinert stand auf einmal die eben noch brausende Menge. Keiner wagte zu sitzen in diesem gehobenen Augenblick. Der Rabbi wird reden, zum ersten Mal seit er aus der Bedrängnis heraus »ist: Es zitterten die Herzen fast sichtbar in Erwartung des Fluches, eines Wortes der Verdammung . . . In die Stille sickerten leise, sanfte Worte aus fast lächelndem Munde: j(!.. „Liebe Brüder. Kotaunti, ich bin zu gering für all die Gnade und all die Treue, die der Schöpfer der Welt mir erwiesen hat. Ein Wunder ist geschehen. Schon hatten mich die Bande des Todes umringt und die Leiden der Gruft trafen mich, Not und Kummer umfingen mich. Und wie ich den Namen Gottes anrief: „o Gott, errette meine Seele," da kam die Rettung- „Und nun, liebe Brüder, beschwöre ich Euch, — die Menge lauschte mit anhaltendem Atem — traget es t einem na 6). Saget nicht, der und jener seien schuld. Keiner ist schuldig und alle sind schuld, und jeder büße seine eigenen Sünden: Es verzeche jeder, jedem, und fern fei es von Euch, gegen die Menschen von der anderen Seite Groll »in Euren Herzen zu tragen. Seid gut und brüderlich auch gegen sie. „Du sollst nicht rächen und nicht nachtragen," gebietet .die. , heilige - Thora. — — „Und diese Mahnung, die mit dem Worte „Kotaunti" - beginnt, nehmet Euch zu Herzen. Schreibet sie auf und lehret sie Eure Kinder, r.1 31;»i t -i.