Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1930)
- Date
- 1930-04-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 17 Der Israelit 24. April 1930 -damit nicht in Haß und Argwohn der Bruder gegen den Bruder verharret . . Stille, dann ein leises und anwachsendes Räuspern. War das alles? Manch einer konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Der Rabbi sprach weiter: „In alten heittgen Schriften steht geschrieben: Jede gute Sache, wenn sie wachsen und gut werden soll, ist von drei Kräften getragen, die in ihrem Widerstreit ihr auf verschiedene Art dienen. „Koach hamessaje," die helfende Kraft, die von oben kommt, von Ihm, der jedem helfend die Hand reicht, der zur Reinheit drängt. Dann ein „Koach hamaazor," eine Kraft, die der Sache hindernd im Wege steht. Zuletzt aber noch ein „Koach hadoche", eine Kraft, die von hintenher stößt, je nachdem ans Ziel oder in den Lwgrund. Diese stoßenden und hemmenden Kräfte sind so nötig wie die helfenden-" „Wie meint das der Rabbi?" raunten die Leute. „Sollten wir uns bei Wilna gar bedanken, daß sie dort den Heilgen Mann ins Gefängnis und beinahe aufs Schafott gebracht hätten? Aber bevor noch das Raunen zum lauten Murren anwuchs, erklärte der Rabbi, wie er es meinte: „Man sagte uns nach, wir setzten uns — Gott behüte — über manche Gebote der Thora hinweg, wir pflegten das Talmudstudium nicht so wie die anderen, hielten die Gebetzeiten nicht ein und dergleichen mehr. Das trifft nicht zu. Wir lernen das Gesetz und halten treu zu den Geboten. Wer anders sagt, kennt uns nicht, will uns nicht kennen. Aber ist es nicht gut für unsere eigene Treue und innere Läuterung, daß argwöhnische Augen unsere Schritte bewachen: daß wir gezwungen sind zu zeigen, wie die anderen nicht im Rechte seien? Dazu waren und sind die „stoßenden" und „hemmenden" Kräfte vonnöten.^ Sie kommen, wie die helfenden, von Gott, und keiner darf keinem etwas zur Last legen ..." Und nach einigen Minuten: , „Was liegt an einem Menschen? Ob er nun auf einem goldenen Throne sitzt oder im Gefängnis schmachtet? Der Mensch geht dahin, die Sache, ist sie gut und heilig und ewig, bleibt. Ob i ch oder er, — alle wußten in diesem Augenblicke, wer „er" war — die Zukunft wird es zeigen. Vielleicht kommt der Tag, da die einen und die anderen sich verstehen und es lernen, daß zwei Wege am Ende zusammenlaufen können zu einem Ziele." - Und nachdem die großen Fleischplatten verteilt, geplündert und gegessen waren, ertönte ein Lied, die Melodie der „Chabad", weinerlich und hoffnungsfroh, ein Gemisch von litauischer Schwermut und chassidischem Frohsinn. Die Melodie löste ein neues Wort des Rabbi aus: „Ehochmoh ist die Weisheit, die Gott selbst in des Menschen Herz gießt, das, was uns mit auf den Weg für das Leben, den äußeren und inneren Kampf, gegeben ist, Fundament und Grundmaterial. B i n o h ist die Einsicht, ist das, was wir aus der Ehochmoh machen, das Haus, das wir mit eigener Hand auf dem Urgrund der Ehochmoh erdichten. Das Dach darüber ist aber die D e a h, die letzte Erkenntnis, zu der alles Sein und Tun führen, die alles Leben und Streben und Denken und Trachten beschützt und beschirmt.- „Wo Ehochmoh da ist, aber keine Binoth, um jene zum Höchstpunkt der Deah hinaufzuführen, da ist es ein schlechter Grund, der nur Giftpflanzen treibt und böse Früchte zeitigt. Das mag der Sinn des Talmudwortes fein: „Wer es an Deah mangeln läßt, verdient kein Erbarmen. --" „Nun kommts!" flüsterten sich die Leute zu. „Er meint vielleicht die Scheinheiligen in Wilna, die, auf ihre Weisheit bauend, nicht weiter und höher hinaufkönnen." „Schah! Der Rabbi spricht noch!" „Darum einigen wir die drei Ziele zu e i n e m Ziel, streben nach „Chabad", nach Choch- Mvh, Binoh un d Deah!" Wieder erscholl ein Lied, und ein Tänzchen im Kreise um den Rabbi herum entwickelte sich von ungefähr mitten im Singen zur Bekräftigung des Wortes vom „Chabad". (Fortsetzung folgt.) Amerikanische Berichte der achtziger Zahre. Von Henny Vock-Neumann. Unter alten.Papieren meiner Eltern vom Jahre 1882 fand 'ich amerikanische Notizen über die Tätigkeit der „Hebrem Aid Society", die auch heute noch interessieren dürften: Man hatte damals die in Newyork befindlichen russisch-jüdischen Flüchtlinge für den herannahenden Winter auf Ward? Island in Baracken untergebracht. Sie wurden dort zu allerlei Arbeiten angehalten, um einen Teil ihrer Unterhaltungskosten selber zu erwerben. Sie wurden auch in der englischen Sprache unterrichtet, um' ihnen den Weg zum späteren Fortkommen in Amerika zu ebnen. Der größere, ackerbaukundige Teil der nach dem gastlichen Gestade Amerikas getriebenen Flüchtlinge, wurde in Kolonien (damals bestanden deren vier) angesiedelt. Der Korrespondent einer Zeitung aus Philadelphie besuchte die größte dieser Kolonien und schrieb darüber: Eine Fahrt von 34 Meilen brachte mich von Camden aus mit der West Jersey-Eisenbahn durch eine ziemlich eintönige Landschaft nach Vineland. Mit einem Omnibus ging es dann noch eine kurze Strecke weiter bis nach Alliance, wo die neugegründete Ackerbaukolonie der russisch-jüdischen Flüchtlinge in blühendem Aufschwung begriffen war. Nach einer scharfen Fahrt von vier Meilen zwischen uneingezäunten Weinbergen, Kartoffelfeldern und Waldland kam die ,'unge Kolonie in Sicht. Die Alliance-Kolonie zählte damals 476 Seelen. In fünf großen Gebäuden zu je 20 Räumen hatten diese Flüchtlinge familienweise Unterkunft gefunden. Die Urbarmachung des Landes begann im Frühjahr mit der Ausrodung eines Waldgrundstückes von 40 Aeckern. Dann wurden die fünf Gebäude mit den zugehörigen Nebengebäuden und ein provisorischer Tempel erbaut. Nach stärkerer Ansiedelung von ackerbautreibenden Flüchtlingen wurden weitere 120 Acker Wald ausaerodet, und in die schnell gezogenen Furchen des jungfräulichen Bodens wurde die junge, bald in die Halme schießende Aussaat gestreut. Der überschüssige Teil der Kolonicbevölkerung fand während der Erntezeit in den umliegenden, durch ihre rationelle Obstzucht berühmten Distrikten des New Ierseyer Staates reichliche und gewinnbringende Beschäftigung ,sodaß die fleißigen Arbeiter bald kleine Ersparnisse zurücklegen könnten. Nach der Erntezeit beschäftigten sie sich mit der Errichtung von wetterfesten Farmhäuschen, sogenannten Cottages. Im Ganzen sollten bereits am 15 .November 67 solcher Cottages bewohnbar sein. Sie bedecken je ein Areal von 12—14 Fuß, sind zweistöckig und zu jedem gehört ein Grundstück von 10 Aeckern. Die hebräische Hilfsgesellschaft in Newyork (Hebrew Md Soicetp) lieh den Kolonisten das Kapital, das in äußerst geringen Raten rückzahlbar war. Außerdem gab die genannte Gesellschaft den ganzen Unterhalt der Kolonisten während des ersten Winters bis zu den Resultaten der ersten Ernte. Es wurden damals auf der Alliance-Kolonie täalich 800 Pfund Mehl, 200 Pfund Fleisch, 100 Quart Milch und 15 Pfund Zucker konsumiert, was etwa 11 x Million Dollar Unterhaltungskosten bedeutete. Die Kinder besuchten die Schule in Parvin Mills, einem etwa eine Meile entfernten Landstädtchen, sie sollen sich nach dem Zeugnis ihrer Lehrer durch großen Fleiß und schnelle Ausfassungsaabe ausgezeichnet haben. Der Korrespondent beschrieb das vierte, mit vielem Glanz gefeierte Hochzeitsfest, das lange Zeit den Gesprächsstoff unter den Kolonisten bildete, in einer so farbenprächtiaen, bis ins kleinste Detail gehenden Weise, als ob es sich um eine Heirat in den Kreisen der „Upper tens" gehandelt hätte. Weiter berichtete der Korrespondent, daß bald darauf 60 Familien in May's Landing an der Camden- und Atlantic-Eifenbahn, in kurzer Entfernung von Alliance, auf dem unter dem Namen „Cstelle tract" bekannten Grundstück angesiedelt wurden. Zwei hervorragende Bürger von Philadelphia standen an der Spitze des Unternehmens, das die armen Flüchtlinge in den Besitz von Farmen zu einem mehr nominellen Preise bringen wollte. Jede Familie erhielt eine Farm von 15 Aeckern guten Landes, ferner errichtete die Gesellschaft für^e eine Familie erste Cottage, drei Zimmer und eine Küche enthaltend, die sogar mit den notwendigen Möbeln, Haushaltungsgegenständen ufw. ausgestaltet wurden und ließ auf jeder Farm einen Brunnen graben. Sobald die Kolonisten das ihnen zugewiesene Land von allem Strauchwerk gereinigt hatten, lieh die Gesellschaft für sie zwei Aecker pflügen und zur Aussaat vorbereiten, sodaß die Kolonisten die Ernte zur richtigen Zeit herefnbringen konnten. Außerdem erhielt jeder Kolonist eine Art, einen Spaten und zwei Hacken; forme jede Familie eine Ziege, einen Hahn, und fiffif Hennen, und schließlich verteilte die Gesellschaft noch den notwendigen Samen' für die erste Aussaat. (Was die Dänen den Juden verdanken.) Die berühmte dänische Schriftstellerin Karin Michaelis widmet dem vom Paneuropo-Schöpfer Grasen Richard Coudenhove- Kalerghi neu herausgegebenen und eingeleiteten Buche seines Vaters,. Grafen Heinrich Coudenhove-Kalerghi, „Wesen des Antisemitismus", einen Aufsatz im „Berliner Tageblatt", der die Ueberschrift trägt „Ein Buch,, über das man nicht hinweg kann" und in welchem die Verfasserin über die Juden in Dänemark schreibt: „Mit Stolz muß ich sagen, daß wir in Dänemark schon seit mehreren Menschenaltern frei sind von jenem Bazillus, Z>ec sich Antisemitismus nennt. Nie fragt man bei uns, ob einer Jude ist. Bei uns wäre unmöglich, was Tag für Tag im sanften Oesterreich geschieht, daß die Studenten ihre jüdischen Kollegen mit Stöcken.und Gummiknüppeln von der Universität fortjagen. Bei mir zu Hause weiß man nichts von den unmenschlichen Greueln m Rumänien, in Bulgarien, in der Ukraine, und kein Mensch kann sich einen Pogrom vorstellen. Wenn wir in Dänemark so fortgeschritten sind, wie es jetzt unleugbar der Fall ist, so ist es möglich, daß wir das der Qualität der Juden verdanken, die wir in uns ausgenommen haben. Die Juden haben uns von ihrer Tüchtigkeit, Vitalität und Ausdauer abgegeben; ihre Freigebigkeit ist nicht ohne Einfluß auf uns geblieben, wir haben sie dafür aus der Enge ihrer Anschauungen (?!) befreit, ihnen von unserer heiteren Weltweite und leichtbeschwingten Lebensform mitgeteilt." Anknüpfend an den Hinweis des Buches, daß, die Judenfcindschaft ursprünglich im Religionsunterschied begründet ist, schreibt Karin Michaelis: „Wir sind erschüttert, daß die ersten Christen sich lieber vor wilde Tiere werfen ließen, als daß sie ihrem Glauben abgeschworen hätten. Der jüdische Widerstand gegen einen aufgezwungenen Glauben ist aber eben noch größer. Der jüdische Mut erscheint so ungeheuerlich, so ergreifend in all seinem Fanatismus, daß man aus der Bewunderung ■ nicht herauskommt. Sie werden im Mittelalter gezwungen, abgesondert zu leben, gebrandmarkt und gezeichnet. Man entzieht ihnen die Erlaubnis, die Erde zu bebauen, ein Handwerk auszuüben. Nichts bleibt ihnen übrig, als der Handel. Erwerben sie durch diesen ein Vermögen, so nimmt man ihnen das Geld weg und jagt sie in eine neue Verbannung. So jagt man sie durch alle Länder. Sie leisten passiven Widerstand. Sie lassen sich töten, lassen sich martern, statt ihren Glauben abzuschwören. Und doch beruht auch die jüdische Lehre auf den Grundsätzen der Nächstenliebe. Ich kenne viele Juden, die den Geboten der Bergpredigt eher nachleben als wir Christen. Was liegt schon daran, daß sie auf einen neuen Messias warten, statt unseren anzuerkennen.?" (Samson Raphael Hirsch »rnd die Unabhängigkeit der jüdischen Gemeinden.) Im „Jewish Chronicle" beruft sich Ben Ami auf S. R. Hirsch, um zu beweisen, daß die Stellung des Chief-Rabbi, sofern sie gestützt aus Parlamentsakte eine geistliche Autorität über die Gemeinden ausüben soll, dem Geiste des Judentums widerspreche. Ohne aus die Frage der Stellung des Chief-Rabbis einzugehen, muß um der historischen Wahrheit willen festgestellt werden, daß die Darlegung, die Ben Ami von den Ansichten S .R. Kirschs auf diesem Gebiete gibt, nicht ganz korrekt ist. Wohl hat Hirsch die religiöse Autonomie der jüdischen Gemeinden auch gegenüber ihren Rabbinern( mit Schärfe vertreten, soweit es sich um das den Gemeinden iru Religionsgesetz selbst vrberiefte Recht der Selbstgesetzgebung durch rrmi r-Tupn handelt.- Hier kann der Rabbiner ohne Zustimmung der Gemeinde kein neues Recht schaffen. Anders aber verhält es sich bei der Interpretation der feststehenden Halacha, wofür der Rabbiner allein und nicht die Gemeinde zuständig ist. Inwieweit diese Stellungnahme des jüdischen Religionsgesetzes der von Ben Ami erwähnten Parlamentsakte zugrunde liegt, vermag der Schreiber dieses nicht zu beurteilen. Richtig ist natürlich, daß das jüdische Religionsgesetz keine Unterscheidung zwischen Geistlichen und Laien anerkennt, daß auch die von den Rabbinern der Neuzeit vielfach akzeptierte geistliche Tracht dem Geiste des jüdischen Gesetzes widerspricht und als eine zeitgeborene Konzession angesehen werden muß. (Der neue Kaiser von Abessinien, Sohn des Löwen von Juda.) Nach dem plötzlich erfolgten Tode der Kaiserin Zauditu (Judith) von Abessinien, der Tochter des Kaisers Menilek, der seinen Stammbaum bis auf König Salomo und der Königin von Saba zurückfühtte, ist nun der bisherige Regent von Abessinien, Ras Tafari, zum Kaiser des abessinischen Reiches gekrönt worden. Auch Kaiser Tafari hält sich für einen Nachkommen von König Salomo und der Königin von Saba und führt wie alle bisherigen Kaiser von Abessinien den Titel: „Sohn des Löwen von Juda". Der Name des Kaisers fetzt sich aus drei hebräischen Worten zusammen: Rosch (Haupt) Tas (Kind) Ari (Löwe). 1924 besuchte Ras Tafari Palästina. Damals wies er in einem Schreiben an das palästinensische Oberrabbinat. aus die rassische Verwandschaft zwischen den Juden und den Abessiniern hin und betonte die freundschaftlichen Gefühle seines Volkes für die Juden Palästinas. Er erinnerte daran, daß die Abessinier des Glaubens sind, daß sie von der Königin von Saba und dem König Salomo abstammen. In dem Brief erklärte er, er wolle den. Falaschas (den schwarzen Juden Abessiniens) Schutz und Förderung angedeihen lassen. Als im September 1929 die Palästina-Unruhen vor der Versammlung des Völkerbundes zur Sprache kamen, gab Der Vertreter Abessiniens im Völkerbund, Lidy Andargue, seiner Sympathie für das verwandte jüdische Volk in Palästina Ausdruck und wies darauf hin, daß die Abessinier - glauben, direkte Abkömmlinge des König' Salom ozu sein^ Kaiser Ras Tafarr spendete vor kurzem eine größere Summe für den Pro Falascha-Fonds.