Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1930)
- Date
- 1930-04-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 17 Seite 3 24. April 1930 ums sich nur 1 50 000 Jud eN! im Lands befinden. > Und was geschah in dem halben Jahre nach der Katastrophe? Von unserer Seite so gut wie nichts und für Hebron ganz und gar nicht s. Ein Hilfskomitee übte kleine Wohltätigkeit aus, gab Almosen an Bedürftig-e, aber die Trümmer wurden nicht aüfgebaut. Die einzige Antwort: für jedes zerstörte Haus zehn neue, für jeden getöteten Juden hundert neue Einwanderer, diese Antwort wurde nicht gegeben. Die neuen Friedensbündler — er dürfte damit Magnes gemeint haben — predigen den Frieden mit den Arabern und empfehlen, die arabische Sprache zu erlernen. Haben nicht grade Hebrons Juden sich die arabische Sprache angeeignet, dem arabischen Wesen sogar in Tracht und Art sich angepaßt? Hatten die Thorcrjünger in Hebron je etwas mit Politik oder Zionismus zu tun? Hebron ist der blutige Beweis dafür, daß unsere Schuld nicht Mangel an Friedensliebe fei, unsere Schuld besteht einzig und allein darin, daß wir die Schwächeren s i n d. Ussischkin rechnet scharf mit der englischen Politik ab und stellt an das jüdische Volk am Scheidewege. . die Frage, ob es bereit sei, die Millionen für die Antwort auf die Ereignisse zu geben, oder die jüdische Hoffnung in Palästina unter den Trüm-!nern der Augusttage begraben zu lassen? Hebron must z u n ä ch st und ungesäumt wieder aufgebaut werden. Wir teilen nicht in allen Punkten die Meinung Ussischkins. Vor allem wissen wir, daß die tausendjährige jüdische Hoffnung auf Erez Jisroel auch dann nicht begraben wird, wenn der zionistische Aufbauprozeß in Palästina, was wir nicht wünschen, vollkommen scheitern sollte. Die Ruinen und Trümmer werden die jüdischen Hoffnung nicht begraben, sondern, wie sie es bald zweitausend Jahre getan haben, sie in uns lebendig, heiß und heilig erhalten. Aber dem Aufrufe zur Hilfe für Hebron schließen wir uns mit ganzem Herzen an. Und hier scheint es uns noch einen vierten Schuldigen zu geben, nämlich das Zionistische Hilfskomitee, das, wie aus den Klagen auf der Protestversammlung der Hebroniten, aus den Spalten der palästinensischen Blätter und schließlich aus den Worten Ussischkins selbst sich mit aller Deutlichkeit ergibt, für den Aufbau Hebrons so herzlich wenig getan hat. Daß der alte Jischuw bet der Hilfsaktion vielfach übersehen wurde, konnten wir mit Dokumenten belegen, die die misrachistische Polemik gegen.uns doch schließlich mit der Wucht der Tatsachen zum Schweigen brachte. Neue Tatsachen über die empörende Parteilichkeit, mit der das Hilfskomitee selbst seiine reinen U n t e r st ü tz u n g s g e l d e r für P e ß a ch einseitig der P a r t e i m a s ch i n e r i e des W a a d le umi ausliefert und damit automatisch die ganze unabhängige Orthodoxie ausschließt, stehen, dokumentarisch belegt, zu Gebote. Hebron: ist gewissermaßen Symbol für das alte Erez Jisroel, und Hebrons Not ist Me Not des alten Jischuw überhaupt. Man darf hoffen, daß Ussischkin, indem er von Hebron spricht, auch an alle anderen alten Thora- und Wohlfahrtsstätten in Jerusalem und Palästina denkt, die in die Aufbauarbeit mit hineinbezogen werden sollen für den Fall, daß die Judenheit die nötigen Millionen aufbringt. Die Probe sollte jetzt schon mit der Vorarbeit in H e b r o n und im alten Jerusal e m gemacht werden. Die MTSschssKsfituaNon der OeuLfchen Juden.! Der „Landesausschuß Berlin der jüdischen Jugendverbände" veranstaltete vor kurzem in Berlin einen Ausspracheabend über die Wirts ch a f t s s i t u a t i o n der deutschen Juden. Der Referent des Abends, Herr S. Adler-Rudel, konstatierte die Tatsache, daß sich heute ein unaufhaltsamer Pr o l e t arts i e r u n g s p r o z e ß im deutschen Judentum vollzieht. Die Frage fei nur, wie man sich mit dieser Tatsache abzufinden habe. Der Referent versucht von seiner sozialistischen Weltanschauung aus aufzuzeigen, daß diese Proletarisierung nicht unbedingt als Verelendungsprozeß zu beurteilen fei. Es müsse der.Versuch gemacht werden, der Deklassierung und dem wirtschaftlichen Herabsinken großer Kreise eine positive Seite abzugewinnen. Redner bejaht die Einordnung der deklassierten und proletarisierten jüdischen Mittelständler in die Reihen der Arbeiterschaft, an deren unaufhaltsames Vordringen und endgültigen Sieg er glaubt. Neben dieser wirtschaftlichen Betrachtungsweise gäbe es allerdings noch leinen anderen. Gesichtspunkt, den j ü - dischen. Es sei eine oft bestätigte Erfahrung, daß bisher wenigstens Proletarisierung gleichbedeutend mit Entjudung gewesen sei. Hier gelte es, den Inhalt des Jüdischen zu konkretisieren. Der Palästinagedanke und die Schaffung eines Nationalbewußtseins könnten vielleicht in diesem Sinne wirksam sein. .Die Bejahung eines wirtschaftlich gesehen zwangsläufigen Prozesses entspreche dem Temperament und der Einstellung großer 'Teile der jüdischen Jugend. Unter dem Zwang der Verhältnisse habe sich auch die Be- Dauerwellen und" ist Vertrauenssache! EUGEN OCHS Spezialist dafür Moselstr.16 . Taunus 1593 ■mmm Unverbindlicher Besuch erbeten Wertung der Berufe durch die jüdische Gesellschaft geändert. Allerdings sollte mall sich davor hüten, die Proletarisierung und Berussumschichtung, die sich heute vollzieht, durch Parolen beschleunigen zu wollen. Aber es sei wichtig, dem bösen Geschick den Stachel zu nehmen und den Menschen, die in diesen Prozeß verstrickt sind, ein neues Selbstbewußtsein zu geben. In der Aussprache zeigte sich, daß viele an den „zwangsläufigen Proletarisierungsprozeß" in der deutschen Judenheit nicht glauben. Manche bezweifelten, ob der Weg ins Proletariat unbedingt ins Arbeiterproletaviiat führen muffe. Sicher sei, daß dem Handwerk auch in der zukünftigen Wirtschaft eine besondere Bedeutung zukommen werde und daß daher eine Umschichtung jüdischer Jugendlicher in handwerkliche Berufe durchaus zu befürworten sei. Wir vermissen in Rede und Gegenreden den Hauptfaktor, der die Umschichtung der deutschen Judenheit zu einer Schicksalsfrage für das deutsche Judentum macht: den Sabbat. Wohl spricht der Hauptredner von der Sefahr einer Entjudung durch den Proletarisierungsprozeß, tröstet sich aber hinterher mit dem Palast i n a g e d a n k e n und dem nationalen Bewußtsein. Soll der „Palästinagedanke" — wohl gemerkt, nicht Palästina, wo die Rettung des Sabbat wohl möglich ist, sondern der Palästina ge d a n k e nur! — den Sabbat imb alles jüdische Leben, wofür der siebente Tag Syrnbol ist, NNLVN 7)22 rat? ersetzen? Ob wir m i t d e m Sabbat einen anderen besseren Weg wissen, fragt man uns. Nein, noch nicht. Aber wir ringen in den raw '->viw-Verbänden nach einer Lösung, die die Rettung der Judenheit für das Sabbatjudentum bringen soll. Wie man sieht, wissen sie in den Kreisen der v)Ugendverbände ohne den Sabbat auch noch keinen Ausgang aus der wiirtschastlichen Not, was gewiß nicht ihre Schuld ist. Aber keine jüdische Organisation darf heute an eine Lösung der jüdisch-sozialen Probleme Herangehen, ohne wenigstens den Versuch zu machen, diese Lösung mit dem Sabbat anzustreben. wie die wiener Aniverfitiik den Itafionattfäfenfampf löst. . . Der Akademische Senat der Wiener Universität will die Nationalitätenfrage mit einer Be- Korrektur des Toß. im Jeruschalmi nicht anzuerkennen und will sogar für das Gemeindegebet das Hinzuzählen eines Knaben mit Szefer Thora im Arm zulassen. Doch haben seine — übrigens auch beim Tischgebet sehr weitgehenden— Erleichterungen nieNachfolge gefunden. — Aus Orach Chajim 55,1—2 schließt er jedoch, daß nicht bloß die dort genannten Einzelgebete, sondern auch die laute Wiederholung der v"m ne bst drauffolgendem v"ip, sobald mit w» begonnen, auch nach dem Hinausgehen Einzelner zuendegesprochen werden dürfen. Doch trifft nach dem Jeruschalmi l. c solche, die vorzeitig das Gotteshaus verlassen, der jesajanische Fluch (1,29): „Die Gott verlassen, werden schwinden." — Wir fassen zusammen: 1. Jedes Gebet in einer Synagoge hat den Vorzug vor dem Gebet an anderer Stätte, — auch wenn nur ein Einzelner betet. 2. Jedes Zusammenbeten Mehrerer ist dem Gebet eines Einzelnen an religiösem Werte weit überlegen. . 3. Den Grundcharakter des jüdischen Gemeindegebets bilden die Wechselgesänge ntpaj? ,ff’apv--Daa u. ä. 4. Wo das Fehlen der Zehnzahl das Sprechen dieser Gesänge unmöglich macht, da ist, — nach Maßgabe der rabbinischen Anordnung, — von den Ersatz-ll'pivs 0'iai b'iv nnjn) Gebrauch zu machen. 5. Ob und wann ein noch nicht völlig im Barmizwo- Alter stehender Knabe zum Minjan eingerechnet werden darf, ist eine durchaus ungeklärte Frage, und ihre Entscheidung darf nie ohne speziellen rabbinischen Rat in einer Kleingemeinde gehandhabt werden. So sieht die Halacha für die Verlassenen aus, die Thora der Aussterbenden. Und doch ist auch sie besser als keine Thora, als keine Halacha, als kein Gemeindegottesdienst. Vergessen wir nur nicht über dem Ersatz den Wunsch nach dem Ersetzten, — dann sind wir auf rechtem Wege. Wenn wir zwischen Granattrichtern und Trümmerfeldern unseren Gottesgruß mit den Worten entschuldigten, daß „überallhin Gott kommt, wo er seinen Namen in Erinnerung bringt, und uns segnet", dann soll uns bewußt bleiben, daß das nur ein Trost war. Vor allem waren das Orte, wo Gott seinen Namen gegen unseren Willen, als Gott des Schreckens und der Vernichtung, in Erinnerung brachte. Wir aber suchen und ersehnen den Platz, wo wir seinen Namen, als den unseres Vaters, in gemeinsamem Bitten und Danken als Brüder, als seine Kinder, erklingen lassen. Dann bleiben wir auch von selbst dessen eingedenk, daß jede Synagoge, auch die von Betern erfüllte' nur ein »y» vap», ein Abbild des „Hauses der Welten" ist x"aa —*) Meines Feuilleton. Das Zahlenrätsel der tzagada. Von Rabbiner Eduard Auckesz in Dttoira.**) In die messianische Stimmung am Schluffe des Sederabends klingt die Frage hinein: snv ’» an« wer weiß, wer weiß, was die Zahl Eins bedeutet und darauf die Antwort: an« ich weiß die Bedeutung der Eins, einzig ist unser Gott im Himmel und auf Erden. Die Frage und darauf die Antwort: „Die Eins weiß ich, will uns sagen, die höhere Bedeutung der Eins weiß nur ich, der Jude, der eben das Peßachfest gefeiert und *) Vgl. betreffs mancher Punkte die Ausführungen von Oberrabb. Dr. Carlebach im Jeschurun gez. XV. 1—4. **) Wegen Raummangels verspätet. dadurch anerkennt das erste Gebot." „Ich bin der Ewig e Dein Gott, der Dich aus Aegypten geführt." „Die anschließenden Fragen und Antworten gruppieren sich und haben als Ausgangspunkt diesen einen höchsten Gedanken — „Einzig ist Gott auf Himmel und auf Erden". Diese Lehre findet sich in den zwei Bundestafeln und unsere drei Stammväter haben sie schon aus sich heraus erkannt und erforscht, wie auch die vier Erzmütter. Diesen Grundgedanken des Judentums finden wir in den fünf Büchern Moses und in ihrer mündlichen Überlieferung, die in den sechs Abschnitten der Mischnah ihre Ergänzung findet! „Daß Gott der Einzige und Schöpfer des Himmels und der Erde ist" kündet uns ein jeder Sabbat, an dem wir ruhen, und kündet jedes Kind, das in den Abrahamsbund ausgenommen wird. nav und nV-s sind rrniK lebendige Zeichen und Zeugen unseres Bekenntnisses zum Einzigeinen. rn>!> ’m’nnytwi: jede werdende Mutter freut sich während der ganzen Zeit des Werdens, begnadet zu sein, einem solchen Zeugen des Gottesglaubens das Leben zu schenken, der dann in den zehn Aussprüchen s’-aa navs forschen wird. Äm Himmel rvaaia avs an# die weltbewegenden Planeten, die im Dienste Gottes ihre genau vorgeschriebene Bahn durcheilen und die zwölf Stämme Jacobs auf Erden, die durch ihren Fortbestand ein lebendiges Zeugnis für die höhere Israelsbestimmung sind; sie alle sind Kinder des an« einzigen Gott* im Himmel und auf Erden. Als letzte Verherrlichung Gottes werden «'ans avs vbv die dreizehn göttlichen Eigenschaften erwähnt, die ihn uns als den Barmherzigen, Allgütigen und Allmächtigen zeigen, der gerecht ist in seinem Walten, das Gute tausendfach belohnt, aber auch das Unrecht und Böse nicht unbestraft läßt. Es gibt eine Vergeltung unseres Tuns auf Erden und diese Vergeltungslehre wird dann in der Sedernacht in dem Schlußgesang rvar an uns bildlich veranschaulicht. — 7499