Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1930)
- Date
- 1930-04-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 17 DerJsraelit bleibt auch die Flucht in den Glauben nicht mehr i'brig; denn wenn die Beobachtungen schon den Weg des Beweises als falsch gezeigt haben, werden sie den noch weniger sicheren Weg des Glaubens erst recht als einen Irrweg kennzeichnen. Ein Glaube ist das Judentum nicht; bewiesen sind seine Wahrheiten auch nicht; alsowas ist das Judentum? Beobachtung, eigenes Erlebnis, das ist die Thora. Als eigene Beobachtung und eigenes Erlebnis bedarf die Thora keines Beweises; ja, sie ist fester gegründet als auf der Basis des wissenschaftlichen Beweises, weil Beobachtung ein kraftvollerer Untergrund der Wahrheit ist als der Beweis. Als eigenes Erlebnis kann mir die Thora überhaupt nicht mehr entrissen werden. Denn denjenigen, der sich vermessen würde, mir den Gegenbeweis zu führen, den würde ich genau so auslachen, für genau so wahnsinnig halten wie den, der mir d°ie Unwahrheit meiner Tagebucherlebnisse nachzuweisen versuchen wollte. Die Thora eigenes Erlebnis? Bin ich denn beim Auszug aus Aegypten, bei der Offenbarung am Sinai, bei der Erschaffung der Welt dabei gewesen? Habe ich damals schon gelebt? Können diese Ereignisse also meine eigenen Beobach tungen, meine eigenen Erlebnisse sein? Jawohl, das können sie nicht nur, das sind sie. Wir müssen nur einen Augenblick unser Gedächtnis etwas anstrengen. Wir erinnern uns, daß wir im Aufsatz „Zurück in die Natur" (Israelit Nr. 13) zu dem Ergebnis gelangt sind, daß der Mensch nach jüdischer Anschauung nicht das letzte und höchste Wesen der Natur und Schöpfung ist, sondern daß auch noch über den einzelnen Menschen hinaus lebendige Organismen vorhanden sind, die genau so selbständige lebende Geschöpfe sind wie der .Mensch selbst: Das Volk (z. B. das jüdische), dem der Mensch (der Jude) als Zelle angehört; die Menschheit, aus Völkern als ihren Zellen bestehend; die Erde usw. bis hinauf zum höchsten lebenden Geschöpf, dem Kosmos. Wir denken ferner daran, daß wir im Aufsatz „Erinnerung an den Auszug aus Aegypten" (Israelit Nr. 15) die Erkenntnis gewonnen haben, daß nach jüdischer Auffassung jeder Organismus unabhängig ist vom Wechsel seiner Zellen, daß ein Organismus (etwa ein Mensch) mit seinen jetzt lebenden Zellen sich eines Ereignisses als eines Selbsterlebnisses erinnert, obwohl zur Zeit des Erlebnisses der Organismus aus ganz anderen Zellen bestanden hat, als er jetzt, zur Zeit der Erinnerung, besteht. Was ein lebendiger Volksorganismus vor tausenden von Jahren erlebt hat, dessen können sich seine Zellen und Glieder, d. h. seine Volksgenossen, noch heute als Selbsterlebnis erinnern. Was dem lebendigen Organismus Kosmos bei seiner Geburt zuftieß, das haftet als Erlebnis im Gedächtnis seiner Zellen und Organe-, also auch der Menschen, noch nach Aeonen. Der Auszug aus Aegypten, die Offenbarung und all die vielen anderen Ereignisse aus Thora und Bibel sind Erlebnisse derjenigen Organismen, die uns Juden und Menschen übergeordnet sind und denen wir als Zellen und Organe angehören. Diese Ereignisse sind daher unsere eigenen Erlebnisse. Es gilt nur, unsere Erinnerung an diese unsere Kollektiv-Erlebnisse wieder lebendig bei uns zu machen. Das kann nur dadurch geschehen, daß, wie wir ebenfalls schon in mehreren Aufsätzen sahen, wir die uns übergeordneten Organismen, die die Erlebnisse hatten, wieder zu wirklichen, lebensstarken, erinnerungsfähigen Lebewesen gestalten, indem wir uns mit unseren Handlungen lediglich als die Zellen dieser uns übergeordneten Lebewesen empfinden. Der einzige Weg hierzu ist: mitzuschwingen in den lebendigen Bewegungen der uns übergeordneten Organismen; für uns Juden also: unwillkürlich mitzuschwingen in den lebendigen Bewegungen der Thora. Leicht ist dies nicht. Heutzutage übt jeder die Thoravorschriften als seine individuellen Handlungen aus: Er, der einzelne Jude, schüttelt Lulow, legt Tefillm, sagt Sch'ma. Von jetzt an heißt es umlernen: das jüdische Volk als solches schüttelt Lulow, legt Tefillm, sagt Sch'ma. Der einzelne bewegt sich mit im" Volksrhythmus als Zelle der Gesamtheit; der einzelne muß bei jeder Mizwoh fühlen, wie das ganze jüdische Volk sich in ihrem Rhythmus gleichmäßig bewegt; eine Mizwoh darf lediglich das Erlebnis der Gesamtbewegung des jüdischen Volkes sein. Nur auf diese Weise kann wieder eine lebendige Gesamtbewegung des jüdischen Volksorganismus geschaffen werden; nur so kann der jüdische Volksorganismus als wirkliches lebendiges Geschöpf mit selbständigem Seelenleben erneuert werden. Wenn auf diese Weise die Erneuerung des jüdischen Volksorganismus gelingt, dann werden die Thora und ihre Ereignisse für alle Volkszellen, für alle Volksgenossen lebendige Erinnerungen an eigene Erlebnisse werden. 2>er jüdische Volksorganismus erlebt die Ereignisse der Vergangenheit in der Erinnerung wieder und immer wieder, auch wenn die zur Zeit der Erinnerung lebenden Zellen des Volksorganitzmus andere sind als in der Vergangenheit. Die Thora wird für uns Juden das selbsterlebte Tagebuch sein, dessen Inhalt für uns als Gewißheit des eigenen Erlebens keiner Beweise bedarf, dessen Besitz sicherer ist, als je eine Wissenschaft ihn uns gewähren kann. Ja, die Thora wird auch von denjenigen _24. April 1930 Volksgenossen als Wirklichkeit und Wahrheit empfunden werden, öre bei der Erneuerung des jüdischen Volksorganismus durch die lebendigen Volksbewegungen der Thora assimMert waren oder gar spöttisch beiseite gestanden haben; denn die Erinnerung geht durch alle Zellen eines Organismus hindurch; sind Zellen krank, so werden sie eben durch die lebendigen Gesamtheitsbewegungen der gesunden Zellen allmählich mitergrifsen und gesund gemacht. Der Zweifel an d>er Thora und ihrem Inhalt wird aus Israel verscbwinden, nicht durch dlen Glauben, nicht durch Beweise, sondern durch das Erlebnis des Lebewesens jüdisches Volk. Bibelkritik? Ein jeder von uns trägt Schuld daran, daß überhaupt >eine Bibelkritik vorhanden ist. Wenn wir als Menschen und Juden von der Krankheit der Assimilation und des religiösen Verfalls gesunden wollen, so kann «es nur eine Parole geben: zurück zum Lebendigen, zurück zum lebendigen Volksorganismus, zum lebendigen Kosmos, zur l e b e n d i g e n Thora, zur lebendigen Gesamtheitserinnerung! Schon einmal schrieb ich in diesen . Blättern: Auf zur jüdischen Aktion! Ich wiederhole diesen Ruf. Wer hört? Wochenrundschau. wm. Die drei Schuldigen. In einer Massenversammlung in Jerusalem, die, ein halbes Jahr nach ihrem Märtyrertode, den Heiligen vonHebron gewidmet war, sprach u. a. Menachum Ussischkin über die drei Schuldigen an d er b luti g en Tragödie in Palästina und speziell in Hebron. Es sind dies die Araber, die englische Regierung, und zuletzt wir selbst, die Jude n. Ussischkin sucht dies wie folgt zu begründen: Die Schuld der arabischen Räuber und Mörder muß nicht erst bewiesen werden. Die Schuld der englischen Regierung i st bewiesen. Unter der Fahne des Imperiums, das sich berufen fühlt, die Kultur in die entferntesten Weltteile zu tragen, konnte in Hebron das Gemetzel vor sich gehen. Mit dem, was England in den Jahren seit der Balfourdeklaration nicht getan hat, hat es das Blutvergießen mitverschuldet. Die Schuld der Juden besteht aber schließlich darin,' daß nach fünfzig Jahren Chibath Zion und Zionis- Vom Gottesdienste aussterbender Meingemeinden. Von §3. ß. (Schluß.) 4. In den Gebetbüchern mit kabbalistischen Kommentaren ist jedoch dem Bedarf „minjanloser" Gemeinden weiter abgeholfen worden. Sie enthalten, gewöhnlich neben der Ordnung der Thoravorlesung des Montags und Donnerstags, eine Reihe von Bibelversen, die dem Kaddisch, der Keduscho und dem Borachu ähnlich sehen nud, mit dem Vorspruch Dipas inirr nr. „Dies sage ich anstatt. . . ." eingeleitet, an der Stelle der Gebetordnung zu sprechen sind, wo Kaddisch rc. wegen des Fehlens des „Minjan" fortzulassen ist. Ausdrücklich vermerken die Herausgeber der Kommentare dazu, daß nur bei wirklicher Zwangslage von solchen Ersatz-Bibelversen Gebrauch gemacht werden soll. Dennoch ist nicht einzusehen, weshalb nicht — selbst werktags — ein gemeinsames Beten von 5—6 Personen in der Synagoge aus allen oben genannten Gründen in Städten mit nur so wenigen jüdischen Einwohnern immer noch dem Einzelgebet oorzuziehen sein und nicht auch diesen das Recht eingeräumt werden soll, die genannten Ersatz-Bibelverse für 1212 nemp zu sprechen. Es wäre sogar gar zu überlegen, ob eine solche Praxis nicht auch in der Art statthaben kann, daß diese Verse als Wechselgesang oder -gespräch, soweit möglich, vorgetragen werden. Selbstredend ist das nicht an den Stellen der Gebetordnung möglich, wo die eigentlichen Gemeindegebete wegen des fehlenden Minjan fortbleiben; dort würden diese Ersatzverse, da sie doch nur Privatgebete sind, eine unerlaubte Unterbrechung bedeuten; vielmehr wären sie, wie in o^rin rn und ähnlichen Siddurim vorgeschrieben, nach der vorzubringen. Doch sind dies alles Einzelstagen, zu deren Mitbeantwortung die breitere Öffentlichkeit sich nicht berufen fühlen sollte. Mit der ganzen Verfeinerung des Gefühls für prophetisches und efranifches Beten, wie sie nur der in Thorakunde Aufgewachsene in sich trägt, muß an diese Dinge herangegangen werden. Es würde in unserer Zeit, welche die meisten Landgemeinden Hinsterben sieht, besonders lohnendes Unterfangen für die Thoragrößen des Ostens sein, solche notwendigen Belebungsmittel des ländlichen Judentums auf dem nur ihnen voll vertrauten Wege des Religionsgesetzes zu suchen und zu finden. Soviel nur wagen wir auch aufgrund unserer eigenen Begriffe zu entscheiden: Nach der^V ollen düng der Gebetordnung für den Einzelnen darf, nein s o ll auch eine Schar von 5—6 Synagogenbesuchern sich wehmütig der Fehlenden erinnern und soll sprechen: ivirr »jk nr oipna. Dies sage ich anstatt .... Der Ersatz sqll die Sehnsucht nach dem wachhalten, was fehlt 5. Doch schon in alter Zeit hat dieses Probletn die Talmud-Großen bewegt. Man kannte auch in ihrem Kreise die Stimmung, den unvollständigen Gemeindegottesdienst seinem gänzlichen Unterbleiben vorzuziehen. Die Zehnzahl lauscht der Talmudweise (Meg: 23 b) den trübsten Erinnerungen unserer Wüstenwanderung ab; dieselbe Gemeinde, die in der Zehnzahl der Kundschafter (rra Rum. 14,27) und im Kreise (iw ib. 16,21) der Empörer um Korach Gott gelästert, sollte (Lev. 22,32) nur in Zehnzahl zur Heiligung Gottes befugt sein. Dennoch wurde den Spätkommenden (Meg.Las. und die Erklärer) schon in alter Zeit ein nachträgliches Beten mit denen gestattet, die vorher gebetet haben. Auch erwähnt schon Rabbenu Tam, der Enkel Raschis, den Gebrauch, bei fehlendem zehntem „Minjan-Mann" einen dem Barmizwo-Alter nahen Knaben mitzuzählen, der ein Chumesch in der Hand halten mußte; — doch Rabbenu Tam (Toß- Berach. 48 a) versäumt nicht, diesen Gebrauch als rm» nivv Albernheit gehörig zu kennzeichnen. Obgleich R. T. dortselbst theoretisch die Zulässigkeit der Zuzählung eines Knaben (ohne Chumesch) erörtert, so wird doch praktisch an gleicher Stelle dieses Verfahren von Allem abgelehnt, sowohl v"i als seinen Diskussionspartnern. Auch den Berichten über Minjan-Veranstaltungen in ältester Zeit (aus Kap. d. R. Elieser 8,6) mit neun Erwachsenen, einem Kinde und einem Sefer Thora wird für die Praxis aufgrund von Ber. 47b aiaa -pia m alle Bedeutung abgesprochen. Bemerkenswert ist, daß in beiden Talmuden*) die Zulassung zur Zehnzahl des Tischgebets die höhere Stufe bildet, während die Auffassung, daß die zur Zehnzahl des Gebetes ni-r-n die höhere ist, eigentlich nur im Midrasch Bereschith rabba 91,3 (Antwort des R. Joßef an R. Berechja) ihre Quelle hat. Zur Thora Vorlesung allein scheint auch die strenge Auffassung des Rebbenu Tam den Knaben als Zehnten zuzülaffen. Die für uns allein gültige Ansicht des rr"oi scheint jedoch, obgleich, bei den Bestimmungen über das Tischgebet (Orach Chajim 199,10) vorgebracht, selbst für die Thoravorlesung Oi-v inirr p3ivx» prr) keine Ausnahme zuzulasien. Der twpT nivs zu B. CH. 65,4 scheint die *) Babli Berachoth 47b—48a und Jeruschalmi VII2. — Das *iaoi ]t>p> ist dort in eck. Sitomir schon nach Toß. e. c. in N3vigeändert.