Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1930)
- Date
- 1930-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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25. 4. 30 24. April 1930 Frankfurt a. M., den 26. Nißan 5690 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. a AflonnSmenr aL IM ISN: De«1schMV^1:M' ME"mdSäMchkr Au Ächnv: Viertel- : jahrpreise (entsprechend denr deutschen Jntandsprei» znzüattch Koften'drs'Stretfband-Berfandes) Deutsch-Österreich: Schilling 8.— : Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 8.; Holland 8 fl.; Italien ab 1.1.28.18 Lire; Iugoslavien 55 Din.; Litauen 7.6Y Lit.; Rumänien ab 1.'7. 37. 15V Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 5 Fr; Tschecho-Slowaket 85 Kronen; Ungarn Pengö 5 ab 1. Juli 1937; Dänemark 3.5V Krön.; Norwegen3.5V Krön.; Schweden 3.5VKrön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige.- Der Israelit .erscheint jede» Donnerstag. Inserate Lv Goldpf. für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen beiStellengesuchen und Familienanzetgen nurIVPf. Die 75 am breite Reklamezeile: letzte Textseite 2.— Mk., vorletzte Textseite 35V Mk.; Ehiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Jnserataufträgen tartfm. Preiserhöhung jeder«. Vorbehalt. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. M. Rechneigrabenstratze 7, Tel. Hansa 21084 fow. durch sämtl. Annoneen-Exped. d. In» und Auslands. Alleinige Jnseratenann. für Franks. Geschiiftsanz.: Jul. Schmidt, Langestr. 7, II, Tel. Hansa 25865. Platzvorschr. ohne Verbindltchk. Bukarest »ouu». —Poftspaxkaffenamt Budapest Nr. 18424. — Postscheckkonto Böhmische ünionbank in Prag — Banca Marmarosch Blank & Co. in - * eropfcenheit Uablunasoerollilbtunaen ift Nrrankiurt a. M. BibelkrMk. Von Dr.L. L. in A. Angenommen, Du besitzest ein Tagebuch, darein hast Du alle bemerkenswerten Ereignisse verzeichnet, die Dir auf Deinem Lebensweg begegnet sind. Nun kommt jemand und versucht Dir zu beweisen, daß die Ereignisse nicht oder zu anderen Zeiten geschehen, daß die Aufzeichnungen ganz oder zum Teil von einem anderen als von Dir verfaßt seien. Was würdest Du sagen? Du würdest ein großes Gelächter anstimmen und Deinen Tagebuch-Kritiker für verrückt erklären. Denn was ich selbst getan, selbst erlebt habe, bedarf keines Beweises 5 niemand kann mir mit wissenschaftlichen Experimenten meine Reise gestern von Berlin nach Hamburg fortbeweisen; höchstens könnte eine Untersuchung darüber in Frage kommen, ob ich nicht vielleicht einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen bin; dann hat aber der andere, der die Sinnestäuschung behauptet, die volle Beweislast. Solange eine Sinnestäuschung nicht einwandsfrei nachgewiesen ist, sind m e i ne Tat, m ei n Erlebnis, mein e Beobachtungen und deren Inhalt für mich unumstößliche Wirklichkeiten, die , keines Beweises bedürfen. Alles andere, also alles, was von mir nicht in eigener Person getan, erlebt oder beobachtet worden ist, muß mir bewiesen werden, wenn ich es als wirklich ansehen soll. Ich kann allrdings auch auf einen Beweis verzichten und dennoch etwas als' wahr annehmen; nämlich dann, wenn ich glaube. Der Glaube an die Wahrheit eines Ereignisses entbindet mich von der Notwendigkeit, mir die Wahrheit erst beweisen zu lassen. Es gibt also drei Wege zur Besitzergreifung einer Wahrheit: Die eigene Wahrnehmung, den Beweis und den Glauben. Von diesen dteien ist der Glaube der unsicherste Weg; denn wenn jemand mir das Gegenteil von dem, was ich glaube, beweist oder wenn ich selbst Wider- . sprechendes beobachte, ist mein Glaube erschüttert, wenn nicht gar besiegt. Der Weg, der eigenen Wahrnehmung ist der-sicherste; denn kein noch so starker Gegenbeweis ist imstande, meine eigene einwandsfreie, nicht als Selbsttäuschung sich herausstellende Beobachtung umzustoßen; bei einer Beobachtung muß eben der Beweis weichen; entweder er ist . falsch oder lückenhaft. Ja, der Beweis ist gar, nicht einmal so, recht - eigentlich ein selbständiger Weg zur Wahrheit; er beruht seinerseits wieder auf Beobachtung und Experiment und gilt daher nur soweit, als Beobachtung und Experiment ihn untermauern. Ein Beweis ist nur ein aus Beobachtungen gezogener Extrakt. Die Schlußfolgerung -ist also: Der einzig sichere Weg zur Wahrheit ist die eigene Beobachtung. Auf die Beobachtung anderer kann ich mich nicht verlassen. Ich weiß nicht, ob ihre Beobachtungen richtig gesehen sind oder ob nicht vielleicht das Ganze nur erdichtet ist. Cs bleibt nichts weiter übrig, als an die Beobachtungen anderer zu glauben, sei es, weil die fremden Beobachter für mich Autoritäten sind, sei es, weil mir aus Veranlagung, Erziehung oder, Milieu der Inhalt der fremden Beobachtungen sympathisch ist. Wahrnehmungen anderer sind daher für mich Wahrheiten nur auf dem Wege des Glaubens. Das Christentum hat seine Religion auf den Glauben gegründet. Wer an den christlichen Erlöser glaubt, wird selig. Von den Beweisen der Wissenschaft angegriffen sucht fräs Christentum den Glauben durch den zweiten Weg zur Wahrheit, durch Beweise zu stützen und gegen die wissenschaftlichen Beweise Gegenbeweise zu erbringen, um sie als nicht stichhaltig zu bezeichnen. Diese Methode muß auf die Dauer zum Mißerfolg führen. Sobald der Schwächere von einem Stärkeren angegriffen wird, muß der Schwächere allmählich unterliegen. Wird der Glaube durch den Beweis oder der Beweis durch die Beobachtung berannt, dann ift die Lage des Schwächeren, also des Glaubens gegenüber dem Beweis oder des Beweises gegenüber der Beobachtung von vornherein aussichtslos. Der Kampf mag Jahrhunderte dauern. Die Niederlage des Schwächeren steht aber von Anfang an fest. Die Judenheit der Gegenwart, einschließlich der thoratreuen, hat nun das Kunststück fertig gebracht, das Judentum in diesen <Ärudel mit hineinzuziehen. Als ehrfürchtige Anbeter europäisch-christlicher Kultur haben die Juden ihr Judentum assimiliert und zu einem Glauben degradiert. Nachdem ihnen diese Zauberei gelungen ist, mußten sie konsequenter Weise sich — gleich dem Christentum — an die Sisyphus-Aufgabe heranmachen, den jüdischen Glauben gegenüber der Wissenschaft zu verteidigen. Was hat man da nicht alles zu beweisen versucht: Vom Anti-Darwin- und Anti-Haeckel-Feldzug an bis zum Anti- Wellhausen-Kampf! Die Voraussetzungen der wissenschaftlichen Beweise könnten zum mindesten zweifelhaft sein, so argumentiert man; der biblische Schöpftingsbericht könne durchaus noch nicht als widerlegt gelten; die sprachlichen und historischen Schwierigkeiten des biblischen Textes zwängen keineswegs zu dem Schluß, daß mehrere Verfasser anzunehmen seien, eine Erzählung oder ein biblisches Buch erst später entstanden sein müsse, als ihr Inhalt angebe, usw. Eine Fülle von Scharfsinn ist auf diese Apologetik gegen die wissenschaftliche Bibelkritik verschwendet worden und wird noch heute verschwendet. Man wird solange verschwenden, bis das Judentum, bis der sogenannte jüdische Glaube im Untergang aller Glaubenslehren vernichtet ist, und zwar als erste aller Glaubenslehren, weil dem Judentum das verlangsamende Moment der kirchlichen Organisation und Macht fehlt. Wenn das Judentum kern Glaube ist, was ist es dann? Die beiden anderen Wege zur Wahrheit sind Beweis und Beobachtung. Beweis ist das Judentum doch auch nicht; denn wir bemühen uns ja gerade, wie eben dargelegt, gegenüber der Wissenschaft seit langem um den Beweis für das Judentum, ohne daß dabei etwas herausgekommen wäre, was auch Menschen, die nicht schon vor den sogenannten Beweisen gläubig waren, zu überzeugen imstande wäre. Ein Beweis muß aber jeden vernünftigen Menschen überzeugen können, nicht nur denjenigen, der das zu Beweisende schon vorher glaubt, also schön vorher, d. h. ohne den Beweis, ftir wahr hält. Wirkt der Beweis auf den Ungläubigen nicht, dann ist der Beweis eben kein vollgültiger Beweis. Der Satz, daß 2 X 2 — 4 ist gilt für jeden Vernunft-Begabten; wirkt er nur auf diejenigen, die aus irgend einem Grunde schon ohne den mathematischen Beweis dieses Satzes an ihn geglaubt haben, so kann er eben nicht als wissenschaftlicher, für a l l e Vernunft-Begabten geltender Beweis angespro- .chen werden. Niemand wilvd aber behaupten wollen, daß die sogenannten Beweise für die Wahrheit der Thora die ungläubigen Juden zu überzeugen, sie zu thoratreuen Juden zu bekehren vermögen. Gesetzt aber den Fall, es gelänge, den Beweis für die Wahrheit von Judentum und Thora zu erbringen; auch dann stände ein solcher Beweis auf tönernen Füßen. Denn es gibt ja einen Weg zur Wahrheit, der noch sicherer und gewisser ist als der Weg des Beweises, nämlich der Weg der Beobachtung. Es könnten eines Tages Beobachtungen gemacht werden, die die Wahrheitsbeweise der Thora über den Haufen werfen. Dann 1