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Der Israelit · 1930-12-11 · Heft 50 (11.12.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 50 (11.12.1930)
Date
1930-12-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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11. Dezember 1930 De r Israelit Nr. 50 Seite 3 scheu, die sich getäuscht und um eine Zukunft betrogen fühlen, zu verstehen und die Formen, in denen sich dieser Aerger entlädt, mit Vonhomie hinzunehmen. Aber was hat das wilde Getue genützt? Der Kandidat der Labourparty, James H al t, ch a t e in e n S i e g davon getragen. Sein Gegenkandidat hatte 7445 Stimmen auf sich vereinigt und blieb gegen Hall (8544) in der Minderheit. Das erklärt sich dadurch, daß Whitechapel schließlich nur zur guten Hälfte von Juden bewohnt wird. Die. andere Hälfte setzt sich aus Arbeitern und^. kleinen Leuten anderer Konfessionen zusammen, die vorwiegend der Weltanschauung der Labourparty am nächsten stehen. Auch unter den Juden des Londoner Ghetto wird es welche geben, die an Zionismus und Palästina weit weniger interessiert sind, als cmr Parteiprogramm der Labourleute. Das war bei vernünftiger Beurteilung der Sachlage vorauszusehen. Wir wollen hoffen, daß über das Zwischenspiel Whitechapel der Vorhang gefallen ist, ohne irgendeinen Einfluß auf den dritten Akt, von dem wir einen relativ versöhnenden Abschluß erwarten, auszuüben. Die Allzuftürmifchen haben nun gesehen, — was die Besonnenen und Verantwortlichen im Zionismus schon lange wußten —, daß mit Gewalt wenig auszurichten fei, daß wir, selbst wenn wir deren Anwendung für richtig hielten, gar keine Machtmittel in Händen haben, um uns etwas zu erzwingen. Die im Gange befindlichen neuen Verhandlungen dürfen nicht an Aeußerlichkeiten, Formalitäten und Kleinlichkeiten, oder an Prestigerücksichten scheitern. Es muß für Palästina und den Jischuw auf dem Wege der Verständigung gerettet werden, was zu retten ist. Auf der anderen Seite wird die englische Regierung klug genug sein, über die 7445 jüdischen Stimmen, die in einer kompakten jüdischen Niederlassung ihrer Hauptstadt gegen sie abgegeben wurden, nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen. Ehrliche Gefühle von Menschen, die in Vertrauen zum englischen Weltreiche eine frohe Hoffnung im Herzen nährten und nun bange sind um diese Zukunstshoffnung, sprechen aus den Wahlzetteln. Die Regierung wird bei den Verhandlungen eine Gelegenheit und Möglichkeit finden, beruhigend auf die Millionen, für die die Siebentausend von Whitechapel typisch sind, einzuwirken, und zu zeigen, daß ein von England gegebenes Wort, in seinem tiefsten Sinne von unglücklichen Formulierungen eines Weißbuches nicht zerstört werden kann. Von der Arbeit der ILA. Der Umfang ihrer Arbeit bringt die JCA. zu der jüdischen Kolonisation vieler Länder in Beziehung. Es sei daher aus der Rede des Präsidenten, Leonard Cohen, auf der Pariser Tagung des Conseil der JCA. folgendes wiedergegeben: Das Gedeihen unserer Siedlungen irr A r - g e n t i n i e N ist gesichert. Wir haben in diesem Lande eine aufblühende, freie jüdische Agrarbevölkerung. geschaffen. Unsere Kolonisten sind heute argentinische Bürger (180 haben im Jahre 1929 Heimatscheme bekommen, 1250 besaßen solche schon.Ende 1928). Die Entwicklung der Kooperativen, die im Leben der argentinischen Kolonisten eine so große Rolle spielen, war eine sehr günstige und schreitet weiter fort. Auch in Brasil i e n , Cana d a u nd P a - l ä st i n a arbeiten unsere Kolonisten als Landwirte und verbessern von Jahr zu Jahr ihre Lage. Wir hatten gegen die Macht der Naturgewalten, manchmal aber auch gegen einen gewissen Pessimismus anzukämpfen, der nach einer Vergangenheit voller Leiden. Mühsal und Enttäuschungen nur zu verständlich ist. Wenn wir auch nicht in jedem Jahre auf beträchtliche Fortschritte Hinweisen können, freuen wir uns. doch, sagen zu können, daß die Zeit schwerster Entbehrungen für unsere Kolonisten vorüber ist. Es ist auch eine tröstliche Feststellung, daß unsere Kolonien in Palästina nur in geringem Ausmaß von den Unruhen des Jahres 1929 in Mitleidenschaft gezogen worden sind und unsere Schutzbefohlenen persönlich unter ihnen nicht zu leiden hatten. Der Erfolg unserer überseeischen Unternehmungen hat uns zur Entschließung neuer Gebiete kolonisatorischer Arbeit ermutigt. Auf diesen Weg wurden wir auch durch die Ergebnisse des Weltkrieges und die Verelendung der jüdischen Bevölkerung Mittet- und Osteuropas gedrängt. Wir haben in P ölen, Rußland und Rumänien Kolonisation an Ort und grelle betrieben, d. h. den Wiederaufbau bestehender Betriebe und deren Vergrößerung ermöglicht. Der'Ihnen vorliegende Bericht enthält die Resultate unserer Bemühungen. Es gibt in Polen eine dichte jüdische landwirtschaftliche Bevölkerung, die vor allem in den östlichen Provinzen und in Galizien einen schweren Existenzkampf führt. Aus unserem Bericht werden Sie ersehen, wie wir 35 von Wirtschaftskrise und Mißernte besonders stark betroffenen Kolonien Hilfe gebracht haben. Sie werden die Bedeutung der 1413 jüdischen Betrieben erteilten Vorschüsse erkennen. Diese Aktion betrifft ehemals russische Landesteile. Aber auch in Ostgalizien, in den Distrikten von Stamslau, Lemberg und Tarnopol leben 8000 jüdische Bauernfamilien, die ebenfalls unsere Hilfe benötigen. Um sie ihnen bringen zu können, haben wir die Arbeit auch in diesem Lande ausgenommen, wo Ladenpreis und Armut der Kolonisten unser Werk erschweren, aber auch seine wohltätige Auswirkung im vollen Sinne des Wortes steigern. Auch in Rumänienhaben wir zahlreichen jüdischen Kolonisten unsere Hilfe angedeihen lassen. In Beßarabien gibt es 31 Kolonien mit einem Areal von über 27.000 ha, die durch 4u00 Landwirte bestellt werden. Wir haben uns bemüht, ihren Lebensstandard zu heben-, sie in den zahlreichen Methoden des landwirtschaftlichen Rroduktionsprozesses zu unterweisen und ihre Veroundenheit mit dem Lande zu festigen. Mit unserer Arbeit in Rußland will ich mich, so intensiv und nutzbringend sie auch ist, nicht oefasfen. Nur über die sogenannte „neue Kolonisation" will ich ein paar Worte sagen. Am 31. Dezember 1929 hatten bereits 2362 Familien in den Kolonien der JCA. festen Fuß gefaßt. Diese Menschen sind zu einem wirklichen Landvolk geworden und bilden eine neue Klasse jüdischer Bauern, deren Zukunft gesichert ist, wenn nicht Aenderungen eintveten, die sich unserer Kontrolle entziehen. Das sind unsere Ergebnisse auf dem Gebiete der Kolonisation, wie sie aus unserem Bericht ersichtlich sind. In außereuropäischen Ländern haben wir mindestens 20 000 jüdische Familien auf dem Lande angesiedelt. Es besteht somit dank den Bemühungen der JCA. eine jüdische bäuerliche Bevölkerung von mindestens 100 000 Seelen, wobei diejenigen, die ohne unsere direkte Mitwirkung zu dieser Masse gestoßen sind und denen wir ebenfalls die Einordnung in die Landwirtschaft erleichtert haben, nicht mit eingerechnet sind. Ich frage Sie: Kann jemand nach all dem sagen, daß die Juden es nicht verstehen, Landwirte zu werden? Eine Aufgabe, die sich die JCA. [e'tt ihrer Gründung gestellt hat, besteht darin, jene amorphe Masse unglücklicher berufsloser Menschen durch Ausbildung von qualifizierten Arbeitern und Handwerkern zu verkleinern. Diese Arbeit ist auf festen Grundlagen aufgebaut,' ihr geregelter Fortgang und der durch sie der Bevölkerung geleistete Dienst ist allgemein bekannt. Dank unseren Schulen, unseren professionellen Ausbildungskursen, unseren Handwerksmeistern (welche Lehrlinge aus allen Arbeitsgebieten aufnehmen) in Polen, Beßarabien und Rußland wurden Tausende fer es noch so ernst und redlich meinen, sogar bei höchsten Kunstmitteln a l l e s darstellen — auf die Gefahr hin, niedrige Triebe aufzupeitschen? Oder aber ist seine edelste Ausgabe, der er bei seiner Beliebtheit und Volkstümlichkeit in erster Linie gerecht werden kann, „die Menschen zu bessern und zu bekehren?" Und dann — ein jüdischer Roman mit seinen Besonderheiten und seinen besonderen' Anforderungen. Cr mag marmorgepflästert sein, er mag blutwarmes Leben 'einfüllen, er mag ergreifen, erschüttern, ergötzen — muß man ihm nicht in einem Betracht zurufen: bis hierher und nicht weiter? Dann nämlich, wenn er mit dem Reinsten und Bedeutendsten, was uns eignet, mit dem Fundamente unseres Daseins, mit der Tauroh und ihren Auswirkungen etwa in Widerspruch schroffer oder sogar nur leiser Art gerät? Wenn statt das Lebensgefühl aller Lebensgefühle, das hohe Bewußtsein der aus freien Stücken übernommenen und aus freien Stücken beharrlich durchgeführten G'ttesdienerschaft zu erhöhen, zu vertiefen, zu weiten, dieses Lebensgefühl angetastet, brüchig gemacht, eingeengt wird? Zusammengefaßt: Darf die Kunst, das Kunstwerk selbst in ihrer grandiosesten Gestaltung sich Selbstzweck sein, muh sie sich nicht willig einem letzten größeren, ausgedehnteren Zwecke unterordnen: dem der Versittlichung, Vervollkommnung, Emporhebung des Menschengeschlechts, in diesem Fälle der j ü d i schon Versittlrchüng, Vervollkommnung, Emporhebung? Vor mir liegt in stattlicher Gewandung ein Roman. (Abraham Sohn Abrahanrs. Eine Helden- und Märtyrergeschichte von S. S ch a ch n o w i tz. 19 3 0. Verlag de? Israelit und Hermon G. m. b. H. Frankfurt a. M.). Ich versuche ihn zu messen an dem, was ich angedeutet — ruhig, objektiv. Und ich muß bekennen: er kann das Maß, das recht anspruchsvolle Maß, aushalten. Es ist die Lebens- und Leidensgeschichte des berühmten Ger Zedek, der, einer groß dastehenden katholischen polnischen Adelsfamilie entsprossen, Genüsse und Ehren dieser Welt frohen Herzens und gefestigten Geistes hinwarf, um sich der Religion der Wahrheit, dem Judentum anzuschließen. In dem die Kraft der neugewonnenen Ueberzeugung so machtvoll uuö sieghaft sich ausbreitete, so flammend lohte, daß er ihre irdische Hülle, seinen Körper willig und begeistert dem Feuer des Scheiterhaufens darbrachte. Erste Frage, mehr äußerer Natur: ist dieser Roman an und für sich kunstvoll gefügt? Man darf gerne antworten: Ja. Die Schicksale, Verschlingungen, Verzweigungen, durch die sein Held wandert, die, ach heute noch so brennend aktuelle Aufgabe der Einigung des ganzen wahren Israel, der er sich widmet, führen Menschen auf den Plan, die unser reichstes Interesse erregen. Gipfel und zum Gipfel strebende Niederungen tauchen auf, alle mit sicherer Hand hingemalt. Silhouetten zumeist, aber scharf Umrissen und eindrucksvoll. Der Wilna er G a o n, Reb Jonathan Eibenschitz, Reb I a - kob Emden, der Dub noer Magid. Dazwischen in weitem Abstand Moses Mendelsohn und sein Kreis: der Hoffaktor Daniel Jtzig, Ephraim Kuh, den Berthold Auerbach in einem unvergeßlichen Roman „Dichter und Kaufmann" verewigte. Zum Gipfel strebende Niederungen:. Volkstypen aus der damaligen Burg der Jüdifchkeit, aus Polen. Etwa ein schlichter Tabakmacher, von echter Inbrunst des jüdischen Gefühls beseelt, ein Schankwirt, dem der Talmud Inhalt seines Lebens wird. Zweite bedeutungsvollere Frage: ist die Schönheit des Romans damit erschöpft, erschließt er nicht weitere Horizonte, webt in ihm nicht mehr als bloßes tatsächliches Geschehen, als kräftig herausgemeißelte Chärakterdarstellung? Ja und nochmals Ja! Sein Grundzug vielleicht: er weckt Ehrfurcht, Ehrfurcht vor G'tt, Ehri furcht vor seinen besonders geadelten, mit der Krone der I Tauroh geschmückten Geschöpfen. Dieses goldene unzerreißbare Band der Ehrfurcht, der Jiras Hafchem — in > Sechen Gefürsteten ehrt man auch zugleich Ihn — schlingt sich um die Größen und die Kleinen. Wie da, mag es in Wilna, in Paris, in Amsterdam, in Hamburg, in Frankfurt oder sonstwo sei, alles glüht, wenn nur der Name des Wilnaer Gaon ausgesprochen wird: Wie da alles hindrängt, den irdischen Rahmen der sozialen Stellung und der Leiblichkeit sprengt, sich seines Selbst entäußert, wenn ein Wort vom Gaon ertönt, wenn der Dubnoer Magid eines seiner ein Stück des menschlichen Lebens widerspiegelnden Gleichnisse vorträgt, vorlebt! Diese unwillkürlich den Leser miterfastsende Ehrfurcht ist für mein Empfinden der Adelsbrief des Werkes. Sie ist zugleich der Fittig, der noch zu Höherem hinaufträgt: zum Bewußtsein, daß man für .diesen G'tt, den man ehrfürchtet, nicht nur leben — -nein, wenn es gilt, and) zu Seiner Heiligung sterben muß. Dieses Bewußtsein eint den geistig umfassend und ' vielseitig vorgebildeten, intellektuell hochstehenden Abraham Sohn Abrahams mit dem nur aufs „Lernen" konzentrierten einfachen polnischen Schankwirt, „stark wie Löwen" tun sie den Willen ihres Schöpfers, besiegeln .sie mit ihrem Tode die Ueberzeugung ihres Lebens. Das Lichterfest steht vor der Türe. Das Fest vom Siege des Geistes über die Materie, vom. Sieg des G'ttesftchutzes über Menschenmacht. Lichter mögen wir anzünden — innere Lichter neben den äußeren Feuerzeichen vom Wesen der Dinqe. Ich wußte nach unseren geheiligten Sforim, den Lichtern aller Lichter, Weniges, was mehr und reiner das Licht in die Gemüter unserer Kinder, in unsere eigenen Gemüter säete, wie dieses Buch. Legen wir es als Weihegabe, als Lichtgabe allerorts neben die Menauroh. —r.

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