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Der Israelit · 1930-12-11 · Heft 50 (11.12.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 50 (11.12.1930)
Date
1930-12-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 50 Der Israelit 11. Dezember 1930 Nicht der Körper des jüdischen Volkes feiert am Chanukka feinen Triumph, sondern der jüdische Geist in seiner Urkraft. Jüdischer Geist, das ist der Geist G'ttes, der die Schöpfung erneuert und die Menschheit erlöst. „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist — spricht G'tt der Schöpfung" — wird der Menschheit Erneuerung. Drum ist es unstatthaft, sich der Materie dieser Lichter zu bedienen, die ganz Geist, ganz „Heiligtum" sind. „Nur in sie zu schauen" ist unsere Pflicht, an ihnen das Geheimnis jüdischer Kraft und jüdischen Lebens zu verspüren. Also sprechen die Chanukkalichter, die „wir anzünden ob der Wunder und seltsamen Dinge" in lebendiger Erinnerung an das kleine Krüglein Oel, in welchem das Geheimnis unserer ewigen Existenz geoffenbart ist. Wochenrundschau. Fläch den Berliner Wahle«. Wir haben über den Ausgang der Wahlen zur Repräsentanz der Berliner Jüdischen Gemeinde urifo zum Preußisch- Jüdis chen Landesverband in voriger Nummer eingehend berichtet. Es ist nicht ohne Reiz, zu verfolgen, wie die jüdische Presse, je nach Einstellung, die Wahlen im Sinne ihrer Partei zu deuten sucht. Um aus dem Ausgang einen „zionistischen Sieg" zu machen, dazu gehört schon der ganze frohe, oder zur Hebung der Stimmung markierte Optimismus der zionistischen Wahlmacher. Kurt B l u m e n f e l d , wie K a r e s k i bringen es in der „Jüdischen Rundschau" 'fertig, indem sie im Zuwachs der Stimmenzahl im Vergleich zu den Wahlen im Jahre 1926 (n i ch t aber im Verhältnis zum liberalen Stimmenzuwachs 1930) den Aufstieg und Sieg der zionistischen Idee erblicken, oder, sagen wir genauer, zeigen. Daß sie in derjenigen Verwaltungskörperschaft, die sie bis jetzt numerisch und intellektuell in solchem Maße beherrschten, daß sie der Gemeinde den e.r st e n Vorsitzenden stellen konnten, nunmehr nur mit 14 von 41 Mandaten vertreten sind, zeigt indessen, daß die seit Herz! ausgegebene Parole: „Eroberung der Gemeinden" selbst in Berlin" noch lange nicht erreicht ist. Wie unhaltbar und unaufrichtig diese zionistische Deutung der Berliner Wcchlresultate ist, geht aus der Darstellung unseres Berliner Berichterstatters in jüngster Nummer übrigens klar hervor. Daß die „Jüdisch-liberale Zeitung" den Sieg, in den höchsten Jubeltönen besingt, ist verständlich. Bruno Woyda feiert die „Erlösung des deutschen Judentums aus dem zionistischen Ghetto". Er kündigt Abbau der zi o nisti - s ch e n Stellungen in der. Gemeinde an und Aufbau der s o z i a le n u n d religiösen G e m e i n d e i n st i t u t i o n e n (letztere, wie er sie versteht). Die „VÄksgemeinde" nach zionistischem Muster hört auf, die „ R e l i g i o n! s gemeinde" .(ebenfalls, wie er sie versteht), tritt in ihre Rechte. Für die Konservativen, die leer ausgegangen sind, hat er ein Wort des Mitleides und der Teilnahme und die Versicherung, daß ihre Interessen durch die Liberalen bestens gewahrt werden. Die gleiche gute Absicht, als unbestellter Vormund die religiösen Interessen der mundtoten Konservativen zu wahren, bekundet auch die Volkspartei, die — leider — in der Tat drei oder vier gesetzestreue Repräsentanten in zionistischer Vermummung, in sich birgt. Die „ C. - V. - Z e i t u n g " wertet im Sinne des Centralvereins das Wahlergebnis als einen „vollen Sieg des deutsch-jüdischen Gedankens". Sorge macht dem Blatte nur die Befürchtung, die Liberalen in der Gemeinde könnten, im Bewußtsein ihrer Macht, jetzt auf den Gedanken kommen, den Abwehrkampf zu übernehmen, der nach wie vor dem Centralverein überlassen bleiben muß. Die Aufgabe der Gemeinde sei es vor allem, zu zeigen, daß Jude sein und Deutscher sein in unlösbar e r Vereinigung m ö g l i ch se i. — Wahr ists, daß die Liberalen ihren Sieg, d e n Zionisten zu verdanken haben. Die 17 000 Nichtwähler, die der Liberalismus dieses Mal aktivieren und an die Wahlurne bringen konnte, wollten mit ihrem Wahlzettel Protest gegen den tionismus und die zionistischen Methoden in der emeindeverwaltung einlegen. Ein neuerwachter und bewußter religiöser Liberalismus im Sinne Woydas spricht aus dem Wahlzuwachs ganz gewiß nicht. Die leer ausgegangenen Konservativen Für Körper und Füsse nur DIAIÖN-Puder werden aber gut tun, Anschluß und geistige Stütze nicht dort zu suchen, wo man.ihnen gelegentlich, gewissermaßen aus Anstand und Toleranz, ein paar Brocken zuwirft, sondern bei den Kreisen, zu denen sie, über alle Gemeindepolitik hinweg, seelisch und weltanschaulich gehören, bei den Kreisen der selbständigen O r t ho d o x i e, die die zioni stifche „ Volks gemeinde" a b l e h n t und ihre R e l i gri o n sgemeinde, nicht im Sinne eines blutleeren Konfessionalis.mus versteht, sondern wie sie vom g ' t t l i ch e n Gesetzgeber ge me i nt und i n i h r e n G r u n d l a g e n g e s o r m t ist : als Zelle des G'ttesvolkes, als Trägerindes offenbarten G'ttesgefetzes, neben dessen ausschließlicher Autorität es für die jüdische Gemeinde keine anderen Götter zionistischer oder liberaler Provenienz gibt. Das ist die wahre Lehre des Berliner Wahlresultats. Whitechapel. In die drei Akte der jüngsten Po l ä sti na - t r a g ö d i e : Weißbuch, Protestbewegung, Verhandlungen zwischen Regierung und Agency, schiebt sich als Zwischenspiel die Nachwahl fürs Unterhaus im Londoner Jude n b e zi r k e. Auch diese. Episode ist nicht gerade heiterer Natur. Wer da geglaubt hat, daß Whitechapel die Labourparty gruseln machte, daß die englische Judenheit mit den Stimmen dieses Judenbezirkes ein Pressionsmittel gegen die Regierung in Händen hätte, darf enttäuscht sein. W t r glaubten es nie und sehen in dem Ausgang der Nachwahlen nur einen erneuten Beweis dafür, daß wir Juden gar keinen Grundhaben, auf unsere Macht zu pochen, und daher in jedem Falle unklug handeln, wenn wir statt an das N e ch t zu appellieren, im Scheine der Macht die Faust ballen. Säbelgerassel war nie unsere Sache; wer aber mit einem Holz s übel rasselt, macht sich noch lächerlich obendrein. Und unsere Sache ist uns zu heilig und zu ernst, als daß wir sie der Lächerlichkett preisgeben sollten! Man hat in Whitechapel, wie in voriger Nummer berichtet, in jüdischen Massenversammlungen wilde Gebärden aufgesetzt, Vertreter der Labourparty, auch wenn sie versöhnend sprechen wollten, gar nicht zu Wort kommen lassen und mit Schimpf und Spott aus dem Saale gewiesen. Wir sind überzeugt, die englische Regierung und die heute hinter ihr stehende Labourparty nehmen so etwas in Tagen, die von einer Wahlpsychose beherrscht sind, nicht sehr tragisch. Sie denken großmütig genug, um den Aerger von Men- Don Joseph Wohlfarth. (Zur Jahrzeit am nav 'tO Das Lharmkahlichl Der Streit zwischen und rra über die Ordnung des oaim-Lichtes wird von zwei Amauroim motiviert, irpar na 'vi';m pan na ’or» *n. Die Erklärung des ersteren Amauro prr'rim dw naaai roaaan mm na» erscheint auf den ersten Blick verblüffend: Mühten wir uns nicht sagen, daß jeder der von unseren Weisen aufgestellten Bestimmungen eine prinzipielle Bedeutung innewohnt, daß zu jeder eine *) Von der Familie Joseph Wohlfarth werden wir gebeten, folgende Aufforderung zu veröffentlichen: Aus den Manuskripten von Joseph Wohlfarth Hrsr sind vor Jahrzehnten ein oder zwei Bändchen (wahrscheinlich Klein-Oktavformat) verliehen worben, unb zwar enthaltend: » 1. ar« Kap. 30— bis Schluß 2. 12—29. Cs ist bisher nicht gelungen, ausfindig zu machen, wohin sie gekommen sind. Eine nicht ganz sichere Spur wies nach Hamburg.— Besitzer derartiger Handschriften werden herzlichst gebeten nachzuprüfen, ob sich Bändchen etwa bei ihnen vorfinden und dieselben —. evtl, durch den „Israelit" wieder an die Familie gelangen zu lassen, damit der schriftliche Nachlaß komplettiert werden kann.— Namenseintragung ist wahrscheinlich nicht vorhanden. Die Schrift zeichnet sich durch besondere Zierlichkeit aus.— eingehende, tiefe Erwägung geführt, man könnte den Streit fast kindlich finden.— Aber bedenken wir: Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Vorfreude eines Festes und der Beginn desselben in den Augen der Menschen -eigentlich der Gipfel des Festes ist, und das Frohgefühl umsomehr abnimmt, als das Fest sich seinem Ende nähert. Jemehr man sich in die Festtage hineinlebt, umso blasierter wird man gegen die Festesfreude. Gewohnheit stumpft ab, — das ist historische Wahrheit, sie liegt in dem omvui enthalten, und sie ist die Quelle des staatlichen Zusammenbruchs Israels gewesen: Das Makkabäerlicht, welches im Anfang hell leuchtete und begeisterte, wurde blasser und blasser, und die letzten Makkabäer, unwürdig ihres Ahns, trieben Israel in das Verderben, aus welchem es Jener errettet hatte.— Diese Mahnung ist in dem Lichtniedergange '«»v -a enthalten: pv»m tr»» na»« 'a dagegen sind Optimisten. Gewiß, die Geschichte spricht für v"a, aber diese haben eines übersehen: Zwar ist das Makkabäergeschlecht gesunken, der Makkabäertempel in Trümmer gegangen, aber das Makkabäerlicht ist gebliebech kündet immer wieder den Aufschwung jener großen Zeit, begeistert immer neue Generationen zur Nachahmung, bewirkt, daß immer neues Leben aus den Ruinen blüht, bestätigt immer neu die Unvergänglichkeit und den endlichen einstigen Sieg.der min- Und wenn r>irar>n mm naaa das Licht sich fort und fort entwickelt, um mit dem achten Tage schließlich doch zu versinken, — das Licht versinkt, der Lichtgedanke bleibt, sich ausbreitend, feste Wurzeln schlagend, Kraft sammelnd, um im gegebenen Momente neu zu ersttrahlen — das ist die Idee der 'a- Aber 'es gibt noch eine andere Definition der sich gegenüberstehenden Entscheidungen: naun, welches mit maiv auch äußerlich die gleiche Bestimmung 8 tägiger Dauer und des unverkürzten Mn zeigt, liegt and) ein der maio-Jdee paralleler Gedanke zugrunde. Hält diese die Erhaltung Israels und des Jisroel-Geistes fest, wie sie sich beispielsweise in dem Körper und Geist gefährdenden Zuge durch die Wüste bewahrheitete, so ist nman der Tatsache der Erhaltung jüdischen Lebens in den Gefahren des G o l u s geweiht. Jene wie diese sind wahrhaftige Wunder G'ttes. Ohne den rettenden G'ttesarm wäre Israel in der Wüste vom Hunger und Durst, von den Tieren, der Wildnis und den übermächtigen Feinden, von Sonnenbrand und schweren Wettern dezimiert worden, Sps) wie es ohne denselben rettenden G'ttesarm von den feine Existenz bedrohenden feindlichen Völkern vernichtet worden wäre. — Das übriggebliebene Oelkrüglein, welches, für einen Tag nur reichend, das Licht erhielt, bis neues Oel gefertigt, war, kündet die Wahrheit, daß die Erhaltung des oft nur noch glimmenden Lebensfunkens Israels eine G'tt es tat war, die dem Funken Existenzkraft gab, bis er zur helleuchtenden Flamme erstarkte. ' (Schluß folgt.) Kleines Feuilleton. Gedaüken um einen Roman. Ein eigenes Ding um so einen Roman: Was ist seine Wurzel, sein Zweck, sein Ziel? Genügt es, 'wenn,, er Telle der Wirklichkeit absplittert, sie zusammenzimmert zu einem mehr oder minder stolzen Gebäude, bunte Wimpeln oder Trauerfahnen von dessen Dache flattern läßt? Oder muß er zum mindesten für die innere Lebenskraft, die er beim Leser absorbiert, das Lebensgefühl erhöhen, weiten, stärken? Sind ihm Grenzen gezogen hinsichtlich der Sittlichkeit, darf er, mag fein Schöp-

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