Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 15-16 (10.4.1930)
- Date
- 1930-04-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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10. April 1930 Der Israelit Nr. 15 Seite 3 Nein, Bram war nicht bange, nicht vor der See und nicht vor dem Tod und nicht vor Leichen! Hundertemale war er schon in seinem schweren Taucheranzug ms Meer hinabgestiegen. Er kannte die See und ihre gefährlichen Stellen, und — es wurde gut bezahlt . . . „Nächste Woche'' ist Peßach, und die ganze Zeit war kein Cent zu verdienen — ich geh' tauchen und damit basta!" entschied Bram. „Du muht es selbst wissen," seufzte Betje. „Voriges Jahr hast du dein ganzes Geld verloren, und diesmal willst du gar noch das Leben Die neue Synagoge in^Dohannerburg (Südafrika). Er bestellt bei mir 2 Tonnen Heringe als Schiffsproviant, und als ich die Ware abliefere, sagt! der Kapitän der „Albatros": „Erst muß ich die quittierte Rechnung haben — dann werde ich bezahlen. Ich traue keinem Juden." Ich bin so dumm und geb' die Quittung aus der Hand — da sagt er mit gemeinem Grinsen: „So, Saujud, jetzt kannst du hinter deinen Cents herpfeifen. Die Quittung ist in meiner Hand — nun sieh du zu, wie du den Zaster kriegst!" Damit geht er mit dem Koch in die Kambüse und grinst und kichert. Ich sag: „Kapitän," sag' ich, „Sie ruinieren mich, Sie haben mein ganzes Hab und Gut in der Hand. Sie haben die Waren — geben Sie mir gefälligst das Geld, das mir zusteht." Sagt er: „Wenn du nicht gleich machst, daß du runterkommst, schmeiß ich dich von Bord, dann, kannst du dir dein Geld unten bei den Krabben .suchen, du bist ja sowieso Taucher, also ist das nicht so schlimm. Der olle Jonas hat ja auch unten im Meer im Walfischbauch gesessen ..." Was sollte ich tun? Er hatte die Quittung, ich hatte keinen Zeugen — ich war ruiniert, und wir hatten Tischoh beaw statt Peßach . . . Aber -wenn dieser Gauner hier mal auf die Insel kommt, dann kann er sich auf was gefaßt machen. Man müßte ihn aufhängen wie Haman!" „Hallo, Bram, was stehst du da wieder und ratterst wie 'n alter Wecker! Und wer ist das: Haman?" Ein breitschultriger Inselbewohner, der den Beinamen „Die Seekuh" trug, war unbemerkt eingetreten. „Sitz' hier doch nicht 'rum und diskutiere über den Kapitän von der „Albatros", das nutzt ja doch nichts. Ich sag' immer: wenn man in den Nesseln sitzt, dann muß man nich jammern und klagen, sondern dann heißt's zupacken, vorwärts marsch, sag' ich." „Anpacken? Js da denn was anzupacken!? Bei diesem schweren Nordwest kommt kein Hering und kein Kabeljau her, den man anpacken könnte — die bleiben allemal tief unter Wasser. Und wenn ich keine Fische fangen kann, kann ich sie auch nich in der Stadt verkaufen." „Wenn du mich mal ausreden läßt," unterbrach die „Seekuh" wieder, „dann wirft du sehen, da ßdu dichter an die Kabeljaus rankommst, als du denkst — daß du sie beinahe mit Händen wirst greifen können, denn du weißt, daß letzte Woche im Sturm hier eine große Barke mit Mann und Maus untergegangen ist. Das ist noch nicht dagewesen. Ehe wir noch mit den Rettungsbooten an kamen , war alles futsch. Js ja au ch 'ne bös gefährliche Stelle da. Na-, nu wollen sie vons Gericht unter Wasser die Höhe und Breite von dem Schiff aufnehmen, und feststellen, was für 'n Landsmann das war, und wie das gekommen is, daß das Boot wie so 'n Backstein abgesackt is. Ich sag' zu dem Kommissar, das wär' akkrat was vor Bram Snoek, der hat schon oft nach alten Wracks getaucht ..." „Du bist wohl verrückt! Das heißt Gott versuchen, bei diesem Wetter sein Leben aufs Spiel zu setzen," fiel Brams Frau der „Seekuh" ins Wort. „Da is gar keine Rede von. Der „Lederne" und der „Seestern" sind auch Taucher, warum gehn die nich?" „Sie sagen, das sei da nich geheuer, auf dem treibenden Sarg unter Wasser," flüsterte die „Seekuh". „Der Kommissar hat ihnen fünfzig Gulden geboten — aber nix da. Ich Hab' gleich gesagt, wenn sie nich wollten, würde Bram Snoek die fünfzig Gulden verdienen, das is 'n großer Taucher, der hat keine Angst vor Toten, und auch nich vor 'ner steifen Brise . . . Der läßt sich nich lumpen, das is der beste Taucher auf der Insel." „Aber es ist doch lebensgefährlich," sagte Betje ängstlich. Doch Bram sprach ernst: „Wir sind überall in Gottes Hand — ich geh' mit. Ich tauch' nach dem Schiff, das Geld kann ich gebrauchen . . . Und vor den Toten im Schiff bin ich nicht bange." aufs Spiel setzen . . . Das läuft sicher schlecht ab . . ." „Wenn Gott mich beschirmt, kann mir nichts geschehen, nicht über und nicht unter dem Wasser Hat Er nicht Jonas im Bauche des Walfisches errettet? Nicht den Juden in Schuschan geholfen? Vorigen- Peßach wurde ich ruiniert — vielleicht beginnt jetzt der Wiederaufstieg." — Vergebens hatten die Inselbewohner Bram gewarnt. Er hatte auf ihre Vorstellungen nur gelächelt. In seinem Taucheranzug mit den schweren, bleiernen Schuhen, den Helm mit den riesigen Gläsern auf dem Kopf, war er, ein Urweltungeheuer, die Leiter, die indas stürmisch bewegte Wässer hinabhing, heruntergeklettert. Als Lord Balforir. er die letzte Sprosse erreicht hatte, gab er dem Tau einen Ruck. Das war für die Männer oben auf dem Schiff ein Zeichen, und langsam ließen sie ihn in die geheimnisvolle Tiefe des Meeres hinunter. Nach einigen Schritten hatte er den Boden erreicht, der glitschig und weich war, und in dem seine bleiernen Schuhe tief einsanken. Das schwere Schuhwerk behinderte ihn aber nicht in seiner Bewegungsfreiheit, da alle Gegenstände im Wasser sehr viel von ihrem Gewicht verlieren. Im strahlenden Licht seiner elektrischen Taschenlampe sah er das Schiff wie einen großen, ungefügen Koloß, ganz auf eine Seite geneigt, auf dem Meeresboden liegen. Als er den Rumpf des Wracks erreicht hatte, konnte er einen Schauer nicht unterdrücken. Einen Augenblick zitterte er. Schließlich hatten alle andern Taucher, die doch wahrlich keine Zuckerpüppchen waren-, sich nicht an diese Aufgabe herangewagt ... Aber Bram überwand seine Angst. Fünfzig Gulden, und bald ist Peßach! Gott ist überall! Und leise sprach er: „Lejodecbo afkid ruchi"; dann kletterte er an dem mit Tang bedeckten Rumpf des gekenterten Schiffes empöre Plötzlich sieht er, mit einem Gurt um den Leib von oben festgehalten, über sich inl Wasser ein Liek*) hin- und Herschweben. Gerade am Bug ist das Tau befestigt. Bram kriecht weiter, um den Fall zu untersuchen — doch als er am Bug angelangt ist, bleibt er wie versteinert stehen. Das Strahlenbündel seiner Laterne fällt grell auf acht weih gemalte Buchstaben: Albatros. Regungslos bleibt der jüdische Taucher | stehen; mechanisch buchstabiert er nochmals das Wort: A—I—b—a—t—r—o—s. 2st das Zufall — kann das Zufall sein? Dieses Schiff, dieses Wrack kennt er. Auf diesem Schiffe kommandierte voriges Jahr der Haman von einem Kapitän, der ihn aus Judenfeindschaft bestohlen hat — und jetzt liegt das Schiff auf dem Grunde des Meeres ... Der Taucher geht wie benommen weiter. Hier ist er wieder auf dem Schiff seines Feindes — seines Feindes, der voriges Jahr gesagt hat, wenn er nicht gleich von Bord gehe, würde er ihn ins Meer werfen, damit er sich dort fein Geld hole . . . Jetzt war er auf dem Meeresgrund, und da, in der „Albatros", mußte sein Feind sein«. „Es ist Zufall," murmelte er — aber ein Entsetzen packte ihn, als er nun in die Kombüse kam und derselbe Koch, der ihn voriges Jahr so niederträchtig verhöhnt hatte, ihm nun wieder entgegengrinste — mit einem ekelhaft verzerrten, durch das Wasser aufgequollenen Gesicht ... „Ein Gottesurteil," flüsterte er. Voll Abscheu wandte er sich ab. Es war jetzt keine Zeit zum Philosophieren. Er war hier, um seine Pflicht zu tun. Der Bürgermeister mußte die Schiffspapiere haben. Und langsam kämpfte er sich bis zum Kartenhaus durch. Mit Mühe öfftete er die Tür. Dann aber wich er mit einem Schrei des Entsetzens zurück. Infolge der Saugkraft des Wassers kam ein Leichnam auf ihn zu — und das Gesicht, in das er starrte, war ihm nur allzu bekannt. Es war der Kapitän der „Albatros"! Aber seltsam: als Bram seinen toten Feind anblickte, sah er, daß über dessen Antlitz ein ruhig-friedlicher Ausdruck lag . . . Gerade über der Decke des Kartenhäuschens bewegte sich der Leichnam des Kapitäns aufrecht im strömenden Wasser. Mit einer Hand hielt er krampfhaft einen großen runden Blechkasten umklammert. „Da werden die Schiffspapiere drin sein, die sie haben müssen," dachte Bram, und trotz seiner Erschütterung nahm er dem Toten den Kasten aus der Hand. Es war merkwürdig: Bram empfand keinen Haß, keinen Triumph, als er da auf dem Meeresgründe seinem Feind gegenüberstand. „Ejn odom boorez ascher lau jecheto“, murmelte er nur . . Nachdem er noch einen mitleidigen Blick auf den Leichnam geworfen, wollte er weitergehen. Doch was war das? Mit Schrecken wurde er gewahr, daß er sich nicht mehr bewegen konnte, daß etwas ihn mit rauhem Griff von hinten festhielt. Es war, als sei er selbst an das Deck des Schiffes mit feiner schweigenden, toten Bemannung festgenagelt ... Er riß und ruckte, aber es war ihm unmöglich, sich aus der geheimnisvollen Umklammerung zu befreien . . . Und plötzlich begann es in seinem Kopf so wunderlich zu sausen — sein Atem wurde schwer, er konnte keine Luft mehr holen - „Es ist der Tod," *) Saumtau.