Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 15-16 (10.4.1930)
- Date
- 1930-04-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 15 Der Israelit 10. April 1930 sehen, wie auch in der Freizeit sich Gruppenbilden, um sich für den Schiur vorzubereiten oder nachzulernen-. nun Raphael Jeanette Ettlingerscher Kinderheim, Hofheim a. T. Den Höhepunkt alles Erlebens bildet aber in allen Klassen der Freitag-Abend. Obwohl nichts zu helfen war, hatten doch alle bis kurz vor Schabbos zu tun: Blumen zu kaufen, den Tisch zu schmücken und das Obst zu beschaffen, um die Stimmung zum Gipfel des Möglichen zu erheben. Bei den UntertertianeriNnen gab es am ersten Freitag noch eine besonders schöne und große Ueberraschung: während sie Scholaum alechem sangen, trat der Klassenlehrer, den sie in Frankfurt glaubten, ins Zimmer. Dieser Augenblick wird, so versichern viele, ihnen ewig unvergeßlich bleiben. Ueber den Serniraus, die sie sangen, und über den Erklärungen zur Sidra kamen sie in eine Stimmung innerer Aufregung und heiterster Freude, die mit ihnen spät in die Schlafsäle wanderte, so daß sie sich noch im Bett einander gestanden, daß es viel schöner war, als sie es sich geträumt hatten. — Bei denjungen Untersekundanern, die selber Minjan machend ihre Chasonimtalen-te zeigen konnten, war die Stimmung eine noch gehobenere. An den beiden Freitag-Abenden fühlten wir uns unter den Melodien, die, bald innig und getragen, bald leidenschaftlich und vulkanisch aus 2o Kehlen erschollen, allen jüdischen Brüdern auf dem weiten Erdenrund zugehörig. Und uns alle in besonderer Nähe Gottes, vor dem jeder seine Erkenntnisse und seine Bekenntnisse in dem gemeinsamen Gesang niederlegte. Ein besonderes Kapitel bildete das Schlafen. Für die mit der Aufsicht betrauten Onkel und Tanten ein zwar nicht ungewohntes, aber doch unerquickliches Kapitel, für Schülerinnen eine unerschöpfliche Quelle feiner Erinnerungen. In jenen vor dem Einschlafen liegenden Stunden wurden die besten Witze gerissen», die schönsten Dinge erzählt, die lecker-' sten Bissen gegessen. Morgens freilich gab es dann oft einen Kampf mit der Bettdecke und manches harte Wort. Und wenn dann alles auf den Beinen war, nach der Tefilloh und dem Schiur und dem Frühstück draußen unter den Bäumen angetreten wurde, undwenn nach einem scharfen Marsch und nach angeregter Unterhaltung alle sich im Walde zusammen legten, um über tiefere Fragen sich zu besinnen, da waren alle Torheiten wieder vergessen- undalle fühlten sich zusammengehörig wie -eine Mauer, bereit, zusammenzustehen. Alles in allem; so manche Mängel haben sich in den» 6 Wochen Hofheimer Aufenthalts gezeigt. Manches bedarf noch besserer Organisation und besserer Vorbereitung. Aber so viel ist sicher. Ohne - viel Theorien hat sich da in den letzten Monaten ganz nahe bei uns aus einem in uns liegenden Bedürfnis heraus ein Idyll herausgebildet, von dem nur die Schüler der Samson Raphael Hirsch-Schule einen richtigen Begriff bekommen haben und das nicht wieder aufgegeben werden darf. Vor allem aber gebührt besonderer Dank dem Kuratorium des Jeannette Raphael ^ttlinger- Heims, welches uns ermöglicht hat, für einen spottbilligen Preis Schüler, die sonst vielleicht das ganze Jahr hindurch keinen Landaufenthalt genießen, mitten in der Schulzeit klassenweise in das stille Nest im Taunus hinauszuschicken. Der geliebte Steinbruch. Die Petzach-Hagadah für Christen. Von Louis Lamm in Berlin. Diese etwas eigenartige Aeberschrift wird Befremden erregen, denn welches Interesse können Nichtjuden an unserer Hagadah haben? And dennoch hat es so etwas gegeben. Johannes Pfefferkorn, ein aus Tachau in Böhmen gebürtiger Metzger, der sich in Köln taufen ließ, war einer der bösartigsten Verfolger des Judentums aller Zeilen. Ms allgemein bekannt dürfen wohl seine Bemühungen, die gesamte jüdische Literatur der Konfiskation und Vernichtung zuzuführen, angenommen werden. Weniger bekannt ist seine Denunzation des Peßach- und Seder-Rituals, die er 1509 in Köln deutsch und lateinisch veröffentlichte. Diese hatte zur Folge, daß der Menonite Thomas Murner von seinem Orden den Auftrag erhielt, neben vielen anderen hebräischen Werken auch die Hagadah ins Lateinische zu übersetzen. Das Buch erschien 1512 in Frankfurt a. M. unter dem Titel: nvsn npn Ritus et celebratio phase Judeorum Die Tafelrunde in Hofheim. cum orationibus eorum benedictionibus mense at ad littera interptatis cum omni observatione uti sollt! sut suum pasco extra terram, pmissionis sine esu agni pascalis celebrare per egregium doctorem Thomam Murner et hebreo in latinum traducta eloquium. Es enthält sieben Holzschnitte und ist von allergrößter I Seltenheit. Dem Bibliographen Moritz Steinschneider ist niemals ein Exemplar zu Gesicht gekommen, wenngleich er das Buch öfters (int Eatalog Bodleiana sowie im l Nachwort zur Landshuth'schen Hagadah rvwma *ro») zitiert. Das charakteristische Titelblatt sei an dieser Stelle reproduziert. Ritus et celebratio pbale tu veop,cum orsrionldus cotf/ z benedictionibus meufe ad litten» intcrptatia/cum omi obferuarlone vri folirt lue fuS pifca ertra terrä jpnufliouis fine efu agni pafcar lö celebzare iPer ejjregiu oortorem. Zbomä murner ff bebzeo in latinü traducta eloquium Eine weitere Ausgabe der Hagadah, die nicht für Juden bestimmt war, hebräisch, latainisch und deutsch veranstaltete 1644 der Königsberger Professor I. St. Rittangel, wahrscheinlich auch ein getaufter Jude. Er widmete das Büchlein dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Der Titel lautet: LiberRituumPaschalium Mit was für Zeremonien und Gebräuchen die Juden das Osterlamm gegessen haben. Einmal schreibt er: „Ist zu erbarmen, daß unsere Christen in Fressen und Sausen an ihren Festen es den Juden so s ehr nachthun", woraus man seine Wahrheitsliebe und seine Tendenz erkennen kann. Rittangel bringt auch einige musikalische Noten (zu «in unb ..n«a iV ’:>/) doch sind diese anders, als die jetzt üblichen Melodien. Der Taucher. Von Levy Grumvald. Bram Sn-oek war ein tüchtiger Kerl, der vor etwa vierzig Jahrenin einem Dörfchen der Jnf-el Duinhuizen unter heftigem Protest den ersten Duft von Seegras, Muscheln und Salzhering zu schnuppern begonnen hatte. Er und seine Frau waren auf Duinhuizen sehr angesehen. Durch ihren jahrelangen Umgang mit den Inselbewohnern waren, sie mit der Bevölkerung eins geworden, hatten sich ihrem Dialekt und ihren Gewohnheiten angepaßt. Sie waren die einzigen Juden, die dort wohnten — aber sie waren doch Juden. Sie vermißten sehr eine Synagoge — nur zu Rausch Haschonoh und Jaum Kippur fuhr Bram mit fernem Fischerkahn in die Stadt. Wie ging ihm das Herz auf, wenn er da in Schul vor der ganzen Gemeinde die Haftara Jona vortrug... Aber er konnte nicht" immer in der Stadt bleiben. Auf Duinhuizen hatte er fern Brot — wenigstens wenn der Fang gut ausfiel; dennwenn wochenlang Sturmwetter gewesen war, dann war Schmalhans Küchenmeister. Doch Bram undfeine Frau waren zu stolz, um-es sich merken zu lassen. „Es steht trübe aus," sagte Bram an einem stürmischen Märztag zu seiner Betje, „das wird wieder ein magerer Peßach! Ich hatte gedacht, dieses Jahr wirdes besonders gut . . . Aber alle Schuten liegen im Hafen, es ist gar nicht dran zu denken, daß sie ausfahven könnten, und wenn ich keine Fische zu verkaufen habe, wird -es wieder fo'n ärmlicher Peßach wie letztes Jahr." „Na, ärmlicher als letztes Jahr kann's schon nicht mehr werden," fiel Betje ihrem Mann in die Rede," — „da hatten wir Fische im Ueberfluß und wurden, doch bettelarm, kriegten einen Patsch, von dem wir uns heut noch nicht erholt haben ..." „Kann ich denn was dafür, daß dieser Haman von einem besoffenen amerikanischen Kapitän mich um 200 Reichstaler begaunert hat?