Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 15-16 (10.4.1930)
- Date
- 1930-04-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 15 Der Israelit 10. April 1930 SfcNKIATQ Die großartigste Neuerung seit Erfindung des Gasherdes! Braten u. Grillen im eigenen Saft, ohne Begießen, ohneVorkenntnisse, im neuen SENKING - - Gasherd Mod. 1930 Rituelle ui.d Sabbat-Vorschriften werden gern berücksichtigt > E. HAGE & Co. Am Eschenheimer Tor 3 Wenn ein Messer meinen Finger verletzt, dann sage ich nicht etwa: „Mein Finger hat sich geschnitten," sondern: „Ich habe mich geschnitten"; höchstens füge ich zur näheren Ortsbestimmung, an welcher Stelle meines Körpers i ch mich geschnitten habe, hinzu: „i'n den Finger". Mein Finger betrachtet sich also nicht als selbständiges Subjekt, das durch die Verletzung Schmerz erleidet. I ch leide Schmerz, nicht mein Finger. Der Schmerz ist nicht der Schmerz des Fingers, sondern der Schmerz desjenigen Organismus, dem der Finger als ein Teil, als ein Glied angehört. Wenn es wahr ist, wie wir in dem vorhergehenden Aufsatz „Zurück in die Natur" (Israelit Nr. 13) gezeigt haben, daß der einzelne Mensch seinerseits wieder ein Glied in dem ihm übergeordneten Organismus „usolt ist, so ist demnach Leid und Freude eines jeden Menschen nicht fein individuelles Leid, feine individuelle Freude, sondern Leid und Freude seines Volkes. Wenn« einem Juden Leid oder Freude begegnet, so ist es das jüdische Volk, das da leidet oder sich freut. Jedes Erlebnis eines einzelnen Juden ist das Erlebnis des gesamten jüdischen Volkes. Wenn wir heute dies nicht mehr empfinden, so deshalb, weil das jüdische Volk eben kein voll-lebendiger Organismus mehr ist, weil wir unsere Lebendigkeit zum großen Teil eingebüßt fyaberx Würde das jüdische Volk wieder ein wirklich lebendiger Organismus werden, so würden alle Juden nur den völkischen Organismus als ihr Ich erleben und empfinden. Ebenso wie im lebendigen jüdischen Volksorganismus das Erlebnis des einzelnen Juden das Erlebnis des Volkes ist, so ist das Erlebnis des jüdischen Volkes zugleich auch das Erlebnis eines jeden Juden. Was im ganzen Organismus vorgeht, befindet sich auch in jedem seiner Teile Erlebt das jüdische Volk den Auszug aus Aegypten, so erlebt ihn auch jeder einzelne Jude, erlebt ihn auch dann, wenn er zufällig räumlich beim Auszug persönlich nicht zugegen sein sollte. Jedes Erlebris, etwa ein Schmerz, geht durch alle Glieder, auch durch diejenigen, die vom Herd des Schmerzes weit entfernt sind. Ist die Ursache des Schmerzes verschwunden, so wird der Schmerz Erinnerung. Erinnerung wessen? Des schmerzenden Gliedes? Nein, des gesamten Organismus. Auch in der Erinnerung wird der Schmerz so erlebt wie beim ersten Mal, nämlich als Schmerz des ganzen Organismus; und als Schmerz des ganzen Organismus wird der Schmerz von jedem Glieds des Organismus empfunden. Obwohl die Zellen sämtlich gewech-. selt und sich erneuert haben können, ist der Organismus selbst derselbe geblieben. Der Organismus ist unabhängig vom Wechsel seiner Zellen; er ist das die Zeit und den Wechsel überdauernde Leben«; der Organismus als solcher ist stets der Erinnernde, das sich erinnernde Subjekt; durch seine Zellen geht dann das Erlebnis der Erinnerung hindurch, auch wenn die Zellen längst nicht mehr dieselben sind wie beim ersten Ereignis, an das sich der Organismus erinnert. Nicht anders ist es mit der Erinnerung eines völkischen Organismus. Auch hier erinnert sich das Volk an frühere Ereignisse unabhängig von dem Wechsel seiner Zellen, seiner Volksglieder. Auch hier geht das Erlebnis der Erinnerung durch die jeweils zur Zeit der Erinnerung gerade vorhandenen Volksglieder. Wäre also das jüdische Volk heute noch ein voll-lebendiger Organismus, so würde die Erinnerung an den Auszug aus Aegnpten eine echte Erinnerung sein. Jeder einzelne Jude würde den Auszug als ein Ereignis erleben, an dem er selbst, sein Ich, sein völkisches Ich aktiv beteiligt gewesen ist. Nichts von mattem Gedenken, nichts von unwirklicher Vorstellung des Auszuges: er steigt in uns auf als das eindruckvollste, folgenreichste, ungeheuerste Erleben unfers völkischen Organismus. Er wird in der Erinnerung Gegenwart; er verbindet durch die Erinnerung die Vergangenheit mit der Gegenwart zu einer Einheit, wenn . . ., wenn . . ., ja, wenn das jüdische Volk auch heute noch ein voll-lebendiger Organismus wäre. Daß wir es nicht mehr sind, wird am besten durch die Tatsache illustriert, daß wir genötigt sind, das “ist 2'->2v nrr'2'*? in eine Vorstellung vom Auszuge aus Aegypten umzudeuten. Anders können wir heute mit dem “idt nicht mehr fertig werden. Wie können wir das jüdische Volk wieder zu einem voll-lebendigen Organismus machen? Schon in mehreren früheren Aufsätzen habe ich ausgeführt, daß wir dies dadurch vermögen, daß wir die Thora nicht allein als individuelle Pflicht eines jeden einzelnen Juden auffassen und er füllen, auch nicht allein als Gesetz der jüdischen Gesamtheit, sondern als lebendige B e w e g u n g des jüdischen V o l k s o r g a n i s m u s. Wir einzelnen Juden sind weiter nichts als die wechselnden Zellen dieses Organismus durch die die Thorabewegung des Volksorganis mus hindurchgeht. Wir einzelnen Juden haben weiter nichts zu tun, als unser Ohr hinhorchen zu lassen auf den leisen Rhythmus, den das Schwingen des Volksorganismus in der Thora bewegung erklingen läßt. Wir haben weiter nichts zu tun, als mitzuschwingen und mitzuklingen in diesem Rhythmus, in dieser Harmonie der Natur und des Kosmos. An uns ist es, das cpise nx'L^ idt wieder zu einer echten Erinnerung zu gestalten. Wagst Du jetzt noch zu antworten, Du könntest Dich des Auszuges an Aegypten nicht erinnern, weil Du nicht dabei gewesen seiest? Schämst Du Dich nicht? Wßm %fit'fywH'ty muß festoehalten werden. 12 Karten von RM 4.50 an SAMSON & CO., ZEIL, 102 neben M. Schneider Korrespondenzen « ßaebriebten. Deutsches Reich. Führende Persönlichkeiten sprechen im Hilfsverein der deutschen Inden. Berlin, 8. April Katharina von Kardorff und Dr. James Simon haben für Montag, den 7. April, abends, in den großen Festsaal bei Kroll zu einem Vortragsabend eingeladen. Der Einladung waren Hunderte führende Persönlichkeiten der Berliner Gesellschaft, Vertreter der Politik, der Wirtschaft und der Wissenschaft gefolgt. Herr Generalkonsul Eugen Landau begrüßte die Erschienenen und führte aus: Der Hilfsverein der deutschen Juden hat in den dreißig Jahren seines Bestehens für die Erlangung der Menschenrechte in den Ländern, wo diese den Juden versagt waren, gewirkt und bei Katastrophen wie Pogromen, Hungersnot, Erdbeben u. a. — Not- 'tandsaktionen durchgeführt. Der Hilfsoerein leitet die Emigrantenhilfe in Deutschland, betreut Waisen und Studierende, und unterstützt Elementar- und Fachschulen, Kindergärten, Mädchenheime und höhere Bildungsanstalten. Für die Durchführung des großen Hilfs- und Kulturwerks sind über 50 Millionen Goldmark verwendet worden. Der Hilfsverein ist die überparteiliche, neutrale deutsch-jüdische Organisation für soziale und kulturelle Arbeit. Er erwartet von allne seinen Mitgliedern und Freunden Beitragsleistungen, die der Größe und Bedeutung seines humanitären Werkes Rechnung tragen. Es sprachen sodann Frau Katharina v. Kardorff, Dr. Breitscheid, Reichsminister a. D. P. R e i n h o l d und Staatssekretär Dr. Hans S ch ä f f e r. Sitzung der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin. Berlin, 2. April. Der Vorsitzende, Geheimrat Dr. Stern, eröffnete die Sitzung vom 1. April mit Gedenkworten anläßlich der 100. Wiederkehr des Geburtstages von Hermann Makower, langjährigem Vorsitzenden der Repräsentantenoersammlung. Hauptgegenstand -der Sitzung ist die Spezialberatung des Etats. Die einzelnen Titel werden in der Ausschußfassung, also im wesentlichen gemäß der Vorlage angenommen. Grundsätzliche Erörterungen knüpfen sich zunächst an die Frage der Religionsschulen und Jugendgottesdienste. Hier erklärt der Dezernent Robert Hirschfeld wesentliche Reformen für notwendig. Ministerialrat Goslar fordert weitestgehende Autonomie der Jugend, I a u l u s (lib.) Ausgestaltung der Sabbatvorabendfeiern und planmäßige Schulung von Jugendrabbinern, Dr. L ö b (Volksp.) Nutzbarmachung - der Bialikschen Oneg Schabbath-Jdee. Rabbiner Dr. Weiße (Mittelp.) hält die Gegenwart nicht für geeignet als Grundlage neuer religiöser Institutionen, wünscht aber in Anknüpfung an Bestehendes Heranziehung junger Menschen zur Mitgestaltung der 'allgemeinen synagogalen Sabbathvorabendfeiern. Dr. Klee (Volksp.) fetzt sich in diesem Zusammenhänge dafür ein, daß die Religionslehrer nach bestimmter Dienstzeit jeweils für etwa ein halbes Jahr beurlaubt werden zu beru,ncher Fortbildung und allgemeinen Studienzwecken und kündigt baldige substantiierte Vorschläge an. Ueber den Wohlfahrtsetat referiert Goslar. Er setzt sich für produktive Hilfe durch Schaffung eigener Arbeitsgelegenheiten, Stützung von Existenzen vor ihrem Zusammenbruch und vor allem. schleunige sachgemäße Prüfung und Bearbeitung jedes Falles ein. Er fordert Errichtung eines Obdachlosenheims, das jeder Stellungsuchende ohne sich zu kompromittieren als Wohnung angeben kann, Ausgestaltung und Vereinheitlichung der Schwesternausbildung, tatkräftige Inangriffnahme des Jugendhausplanes und Einordnung eines großen Stabes von Ehrenbeamten in die Arbeit, zu der jeder verpflichtet sei, der selbst vor Not bewahrt ist. Der Gemeindevorsitzende K a r e s k i sagt schon für die nächsten Wochen eine Vorlage über das Obdachlosenhem zu. Dr. Fleischer (lib.) fordert sofortige Beseitigung des Interims im Jugendpflegeamt, eine wirksame Beschwerdeinstanz im Wohlfahrtsamt, geistig-sittliche Lehrlings fürsorge, Ausbildung der Schwestern auch dahin, daß sie im Lande ihre Funktion als jüdische Kulturträger erfüllen können, und warnt vor wahlloser Hilfeleistung in der neuen Poliklinik unter Schädigung der Interessen von Krankenkassen und Aerzten. Der Antrag auf Streichung des Dispositionsfonds des. Gemeindevorsitzenden wird fast einstimmig abgelehnt. Darauf wird der Etat in erster und zweiter Lesung einstimmig angenommen. Zu den einzelnen Kapiteln finden zahlreiche Anträge Annahme. Die Jüdische Volkspartei-Fraktion hat zu Beginn der Sitzung einen dringlichen Antrag eingebracht, nach dem unter entsprechender Aenderung des Statuts das Wahlalter vom 21. auf das 20. Lebensjahr herabgesetzt wird in Angleichung an den gestrigen Bechluß der Landesversammlung betr. Wahlalter für die Wahlen zum Verbandstage. Der Antrag wird sofort beraten und in erster und zweiter Lesung einstimmig angenommen. Er bedarf noch der Billigung des Gemeindevorstandes, die nach den Erklärungen seines Vorsitzenden auf dem Verbandstage gesichert erscheint, sowie der Bestätigung durch die Staatsaufsichtsbehörde. In der nichtöffentlichen Sitzung hat sich die Verammlung mit einem Vertrage der Gemeinde mit dem D. I. G. B. zu befassen, nach dem sie, unter Wahrung der Rechte des etwa zu gründenden Reichsverbandes die Anstalten des D. I. G. B. übernimmt. Frick will die Bibel aus dem Schulunlerrichk verbannen. Berlin, 3. April. Die vom Abg. Straffer herausgegebene Zeitung Der Nationale Sozialist" teilt einige Neuerungen mit, die der thüringische Innen- und Volksbildungsminister Frick im Gesetzgebungsausschuß des Thüringer Land-