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Der Israelit · 1930-04-10 · Heft 15-16 (10.4.1930) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 15-16 (10.4.1930)
Date
1930-04-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Seite 5 WWW 10. April 1930 Der Israelit JOD-BAD TÖLZ Kurpensiopi HELLMANN bietet bei mäßigen Preisen das Beste an Unterkunft u.Verpflegung ♦ ErSffnung.il. 4r Gemeinde Berlins und demgemäß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden viel gewonnen. Kein. Wunder, d^ß der Dr. Freund, von 1930 im Sinne der Volkspartei ohne Rücksicht auf veligionsgesetzliche Bedenken. . erzwingen möchte, was er 1920, als er noch selbständig /dachte, verpönt und im Sinne der Reichsverfassung als unzulässig erachtet hat. Was Herrn Kareski anbetrifft, so wollen wir trotz seines volksparteilichen Standpunktes nicht glauben, daß er auch dann den Halberstädter Verband der „Manipulationen" verdächtigt Hätte, wenn er über alle Vorgänge von der Geschäftsführung sorgfältiger und wahrheitsgemäß unterrichtet worden wäre. III. Wenn man, wie das der Vertreter der Konservativen Fraktion getan hat, abwägen zu sollen glaubt, welcher der beiden Landesverbände „Größeres" geleistet hat, so ist das ohne Einblick in die internen Arbeiten jedes Landesverbandes gar nicht zu beurteilen. Sollte aber bei dem Urteil, der Berliner Landesverband habe Größeres -geleistet, etwa, wie es den Anschein hat, gedacht worden sein an die Beschaffung der Staatsmittel, so ist dazu zweierlei zu bemerken. 1. Anträge zur Bewilligung von Staatsmitteln waren an Regierung und Parlament von Helden Verbänden bei Beginn der Aktion gestellt worden. 2. Auch die persönlichen Bemühungen insbesondere bei den Fraktionen des Landtages sind solange von beiden Verbänden unternommen worden, bis der Vertreter des Verlinier Landesverbandes den Vertreter des Halberstädter Landesverbandes ersucht hat, davon A bst and zu n eh m e n , weil der Dualismus schaden könnte. Er hatte aber nicht die natürlichere Folgerung aus der berechtigten Befürchtung gezogen, sich zu einer gemeinschaftlichen Arbeit zu verständigen. Um dem Ganzen nicht zu schaden, hat der Vertreter des Halberstädter Verbandes damals sich gefügt. Dafür erhält der Halberstädter Verband öffentlich die Quittung, er habe weniger geleistet, und zweitens — in einem andern Zusammenhänge —, er gefährde den Zufluß von Staatsmitteln überhaupt. IV Was aber die Meinungsverschiedenheit hin- ' sichtlich des für die Staatsmittel anzuwendeinden Verteilungsschlüssels anbetrifft, so ist es nicht etwa M neues Petitum, wenn der Halberstädter Verband auf die Ungerechtigkeit aufmerksam Macht,,die in der Sonderbarkeit des geltenden Verteilungsprinzips offenkundig gelegen ist. Es handess sich um Staatsgelder, die zur Erleichterung des Religionsunterrichts an leistungsschwache Gemeinden ausgeschüttet werden! Wenn die große leistungsfähige jüdische Gemeinde Berlin und die and-ern Grohgemchnden eine Rechnung aufmachen auf Grund ihrer eigenen Seelenzahl, und dadurch die wirklich leistungsschwachen Gemeinden mit ihrer spärlichen Seelenzahl in Nachteil setzen, so dürfte dafür bei keinem Etatposten des Staates ein Analogon zu finden sein. Wenn das Kompromiß zwischen den beiden Verbänden vor etwa 8 Jahren geschlossen wurde, nach dem grundsätzlich von der Seelenzah! ausgegangen wurde, so geschah es schon damals gegen den vor der Regierung sowohl wie vor dem Berliner Verbände betonten Widers p r u ch des Halberstädter Verbandes. Die derzeitige Nichtverwirklichpng eines Anspruchs - auf sachgemäße Verteilung darf aber den Halberstädter Verband nicht hindern, immer wieder auf die im Verfahren liegende Ungerechtigkeit im Interesse der von ihm vertretenen leistungsschwachen Gemeinden hinzuweiisen und die Abstellung zu versuchen. Von einem unwürdigen Ton in den vonseiten des Halberstadter Verbandes an den Berliner Verband gerichteten Zuschriften kann nur derjenige sprechen, der von der Annahme ausgeht, ersterer habe den letzteren nicht als koordiniert, sondern als Vorgesetzten zu respektieren. v Das Parlament des Berliner Landesverbandes unterscheidet sich in einem bemerkenswerten Punkte von den Parlamenten der Staatein« und des Reiches. Wird in diesen Parlamenten eine außenstehende Gruppe angegriffen, dann wird bald in dieser, bald in jener Fraktion jemand in der Lage und gewillt sein, für die angegriffene einzutreten, die selbst nicht in der Lage ist, sich zu verteidigen. Nur die Kritik an dem gemeinsamen ausländischen Feind bildet eine Ausnahme. Wird aber im Parlament des Berliner Landesverbandes der Halberstädter Verband angegriffen, dann kann es Vorkommen, daß nicht nur niemand im Saal die Unterlagen zum Schutze des Abwesenden besitzt, sondern daß jeder als Partei von Befangenheit beherrscht wird. Diese Befangenheit allem löst das Rätsel, wieso demselben Manne, dessen interne Berichte und Maßnahmenvon den Fraktionen auf den Einschlag von Diplomatenkünsten geprüft zu werden pflegen, die gegen den unerwünschten Konkurrenzverband geschleuderten Anwürfe unbesehen geglaubt werden. Freilich wäre es wohl bei solcher Sachlage vielleicht die Aufgabe des Verhandlungsleiters, daran zu erinnern, daß die Unmöglichkeit für den Angegriffenen bestehe, sofort sich zu äußern und darum Zurückhaltung in dem Erheben von Vorwürfen und in der Anerkennung derselben am Platze sei. Nicht ganz ohne Interesse für den Außenstehenden ist es geblieben, wenn vom Geschäftsführer die von niemandem im Saale unmittelbar nachprüfbare Behauptung aufgestellt wurde, die Behörden feien der täglichen Quere'keien des andern Verbandes überdrüssig, während ein Fraktionsvertreter nach dem Zeitungsbericht gesagt hat: „Der „Halberstädter Verband" arbeitet ohne Zweifel an entscheidenden Stellen ge- ~ schickter als unsere Perbandsleitung, und die Regierung tut alles, um nicht in den Verdacht des mangelnden Schutzes von Minoritäten zu kommen." 3cfi zakle Ikaea 2 Millionen S» wenn Sie das §voße~£os gewinnen! über 40% aller Lose gewinnen. Schon ein mittlerer Treffer bedeutet: Umwälzung Ihrer Existenz Hoefi Kfaflen-fofe frei. Laekngkaufen Staat!. Lotterie-Einnehmer Zeit 26 (Nähe Amtsgericht) Fernsprecher 27732 Erinnerung an den Auszug aus Aegypten. Von Dr. L. C. in A. „Erinnerst Du Dich des Auszuges aus Aegypten?" „Merkwürdige Frage! Wie kann ich mich dessen erinnern? Ich habe ja damals noch nicht gelebt?" „Die Thora schreibt aber doch das Erinnern vor!" „Damit meint natürlich die Thora nicht Erinnerung, sondern Gedenken'. Gedenke des Auszuges aus Aegypten! Ich soll mir den Auszug aus Aegypten in Gedanken! vorstellen; ich soll vor meinem geistigen Auge mir ein Bild von ihm zu machen versuchen." So etwa könnte die Unterhaltung lauten, die man mit einem modernen thoratreuen Juden über die Bedeutung des omxa im'L'b ‘■dt führen würde. Möge jeder sich einmal ehrlich prüfen, ob er nicht in ähnlicher Weise die einleitenden Fragen beantwortet hätte. Selbstverständlich hätte er! Daß dem aber so ist, enthüllt in greller Beleuchtung, wie unhaltbar die Lage der Thora in der Gegenwart ist, wie dem echten Gesicht der Thora um der Angleichung an die moderne Kultur willen unversehens eine unjüdifche europäische Maske vorgebunden worden ist. Man sieht nur noch die Maske und hält die Maske für das wahre Gesicht. Die gewaltsame Umdeutung des “dt aus „Erinnerung" in „Vorstellung" — uns allen als Umdeutung schon unbewußt geworden — ist nur ein Tröpfchen aus dem Meer der Verfälschungen, die sich die Thora dem Prinzip mm pj$ "pT vr zuliebe gefallen lassen muß. Wir hoffen, s. G. w., künftig davon noch einiges ans Tageslicht ziehen zu können.*) Heute bleiben wir, weil esnvs ist, hübsch beim onxa nwb “DT “DT bedeutet nach allgemeiner Ansicht „sich erinnern", „etwas Erlebtes, etwas Wahrgenommenes, erneut am geistigen Auge vorüber ziehen lassen." Erinnern kann man sich also nur an Ereignisse, die man früher einmal selbst wahrgenommen, selbst erlebt hat. Dagegen ist „Vorstellung" etwas ganz anderes. Ich kann mir aus Beschreibungen und Bildern die ägyptischen Pyramiden vorstellen, obgleich ich sie noch niemals gesehen, noch niemals erlebt habe. Ich muß dazu meine Phantasie zu Hilfe nehmen. Dafür, daß dieses Phantasiebild' ein getreues Abbild der Wirklichkeit ist, kann ich nicht einstehen. Phantasie und Wrklichkeit sind einander, fast immer unglech. Damit haben wir die Gegensätze: Der Inhalt der Erinnerung ist Wirtlichkeit, der Inhalt der Vorstellung ist Phantasie; Erinnerung ist Erlebnis, Vorstellung ist Gedankenkombination; Erinnerung verbindet Vergangenheit und Gegenwart zu einem einzigen Zeitstrom, macht Vergangenes zum Gegenwärtigen, gestaltet alles Geschehen zu einer Einheit; Vorstellung läßt Vergangenes vergangen sein, stellt die. Vergangenheit ins Museum; man sieht sie sich hier und da mal wieder an, kalt, ohne das köstliche Gefühl, das Erlebte noch einmal wieder zu genießen. Erinnerst Du Dich heutzutage noch des Auszuges aus Aegypten? Nein! Der Auszug ist Dir längst zur kalten Vorstellung, zum Kabinettstück aus dem Museum jüdischer Altertumsgeschichte geworden. Du bist gar nicht mehr imstande, Dich als einen der aus Aegypten Ziehenden anzu-- schauen. Weil Du diese Fähigkeit im modernen Europa verloren hast, setzest Du unter Deine Unjüdifchkeit das Siegel und schwächst die Erinnerung in ein Gedenken, in eine Vorstellung ab. Dies bist Du Dir und Europa schuldig. Denn auch in Europa ist Geschichte keine Einheit mehr; auch in Europa zerfällt die Geschichte in Perioden, die, je weiter sie in die Vergangenheit zurückreichen, desto gleichgültiger, desto museumsmuffiger werden. Da Europa die Fähigkeit nicht besitzt, ein Ereignis, das vor mehr als 3000 Jahren sich abspielte, so anzuschauen, als ob es gerade heute geschieht, haben« wir Juden selbstverständlich diese Eigenschaft ebenfalls verloren. Wie könnte es auch anders, fein? Wir sind ja doch Weggenossen geworden auf dem pK “pT auf dem Wege des Landes, in dem wir wohnen! Wenn wir uns nun an den Sedertisch setzen, so wollen wir diesen falschen Sinn«, den man dem px in unterschiebt, ausmerzen; wir wollen an diesem Abend unserer Assimilation entsagen und wenigstens für einige Stunden Juden, Volljuden sein. Wir wollen uns des Auszuges aus Aegypten erinnern; wir wollen ihn als eigenes Erlebnis zur Gegenwart machen; wir wollen ihn in unser trauliches Stübchen hineinholen; wir wollen rufen, fröhlich hinausschreien: Wir, wir selbst sind aus Aegypten gezogen! Wir selbst sind aus Aegypten gezogen? Aber wir sind doch gar nicht dabei gewesen? Und wir sind b o ch dabei gewesen«. Bei anderen Gelegenheiten werde ich darlegen, weshalb der Begriff „Vorstellung", einer der Grundbegriffe europäisch - amerikanischer Kultur, der Zentralidee der Thauro, der Idee des „Lebens" widersvricht und wie der Begriff der „Vorstellung" sich überall in die Kultur des Judentums eingeschlichen und hier die Thauro euroväisch umgefälschl hat, z. B. in die ,'üdische Symbolik, in die Lehre von der Einheit, sowohl in die von der göttlichen Einheit, als auch in die der Einheit der Iudenheit und der xüdischen Gemeinden, in das jüdische Beten, in die Methodik des „Lernens" ufw. 1^.

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