Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-04-10 · Heft 15-16 (10.4.1930) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 15-16 (10.4.1930)
Date
1930-04-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450615--76852-2534451
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Nr. 15 Der Israelit 10. April 1930 Aegypten zog." Israel ist ein Gesamtheitskomplex, der sich nicht bloß an bestimmte Zeiten hält, der vielmehr durch alle Zeiten geht. Das weit Zurückliegende berührt sich im Judentum mit dem Nahen, und das Nahe greift in direkter Verbindung auf das Entfernte zurück. Das Geheimnis der viel bestaunten Kraft und Zähigkeit des Judentums bestand feit jeher darin, das Alte mit aller Jntenfivität des Neuen zu empfinden und das Neue schon im Alten vorgelebt zu wissen. •jnna.-r ,121 DnpnV n-win „Neu an jedem Morgen, groß ist deine Treue" (Tr. 3, 23). Wie ein Wahlspruch voller Macht und Zauber zog dieses Wort des Propheten Jeremia Israel stets voran. Es erhielt unserer Religion die Frische des täglich Neuen. Unser Judentum hat sich auf diese Art als ein Gut aus blankem Golde erwiesen, das niemals rostet. Aber auch als ein solches, das niemals rastet. Niemals monoton, abgebraucht und schal erschien unseren Ahnen ihr Glaube. Durch die rastlose Verlebendigung wußten sie ihm immer neue, kraftsprühende, anregende und bewegende Seiten abzugewinnen. Judentum war ihnen ein schier unerschöpfliches Reservoir der Erneuerung und Verjüngung. Und warum? Nicht weil sie es etwa nach täglichem Bedarf einer Umformung unterzogen, es Zuschnitten und zustutzten, je nach Wunsch des Moments und der Stunde, sondern umgekehrt, weil sie sich täglich und stündlich davon formen und gestalten ließen, es nicht als veraltet und überlebt beiseite stellten, ihm nicht bloß eine kalte, nichtssagende Achtung bewiesen, sondern weil sie es mehr als achteten,, es liebten, es lebten. Hier ist der Knotenpunkt der Frage und ihrer Antwort, wie macht man es, das Judentum unserer .Tage zum Erlebnis zu formen, zur stets sprudelnden, stets gebenden Quelle immer neuer Erhebung? Man lebt es! Alles Theoretisieren und Ratenspielen in der Frage kann hier nicht/ helfen. In der bloßen Idee ist das Judentum nicht zu sichern und nicht zu erhalten. Die Zeit hat der Ideen genug oder besser gesagt, ihrer viel zu viel. Man geht über die eine wie schließlich über alle hinweg. Aber über das Leben kann man nicht hinwegschreiten. „Lebt das Judentum!" ruft darum das Peßachfest. Man stelle sich vor, man würde etwa einen Sederabenid nur in der Idee abhalten, ohne Mazzo und Moraur, ohne Genuß und Gebrauch der anderen vorgeschriebenen Symbole, etwa bloß an der Tafel sitzen und vom Peßach reden, sich also in aller Gemütlichkeit eine alte Geschichte erzählen und eine schöne Idee aus früherer Zeit besprechen, was würde man damit dem Judentum geben? Eine blasse Unterhaltungsstunde, die sich verflüchtigt wie tausend andere. Erst das Leben des Peßach in seinen Forderungen und Wirklichkeiten macht aus dem Seder ein Stück jüdischer Geschichte der Gegenwart, das dem Judentume Boden und Basis gibt. So geht es aber nicht nur mit Peßach und Seder, so verhält es sich mit allem, was Judenfrage und Judentumssein betrifft. Lebt das Judentum! Macht es aktiv und gegenwärtig! Laßt gelten das Grundwort: „Neu an jedem Morgen, groß ist deine Treue." Es geht in unseren Tagen > das Wort „neu" in einem anderen Sinne um; es ist zum Schlagwort einer höchst originellen aber umstürzlerischen Geistesbewegung in der Welt geworden. „Der neue Mensch" heißt dieses Wort. Man will sich mit dem alten Menschen,, wie ihn Gott in seinem Ebenbilde erschaffen, nicht mehr begnügen. Ein neuer Typ des Wesens Mensch soll fortab in Erscheinung treten, ein Typ, den sich geistig-seelisch der Mensch selbst in seinem Ebenbilde schafft. Moral und Sitte, Ethik und Aesthetik, Erziehung und Wissenschaft sollen nicht etwa nur eine Umstellung, sondern eine völlig neue Einstellung erfahren. Man will — so heißt das Wort — psychoanalytisch vorgehen, d. h. die Seelengrundlage des Menschen anders als bisher zergliedern und verstehen, will insbesondere Religion und Ethik zu einer Illusion, die überwunden! werden muß, stempeln und demgemäß die Lebensdirektiven anders als bisher üblich gestalten. Die Erfahrung wird ja lehren, ou es ein Steg des Heils oder ein Irrweg ist, den man hier einschlägt. Wir können darauf vertrauen, daß die Urkraft der Religion sich auch gegen diesen Anprall, wie gegen tausend andere vorher bewähren wird. Es ist undenkbar, daß die Menschheit sich einer Weltanschauung verschreiben könnte, die das Irrationale wegstreicht und den Menschen zu einer animalischen Maschine herabwürdigt. Denn der neue Mensch dieser Art wird am Ende doch nur wieder der alte Mensch sein, aber nicht der alte ohne seine Fehler, sondern der alte ohne seine Vorzüge, ohne den Halt im Hohen und Heiligen, ohne das, was den Menschen erst zum Menschen macht. Wie vom „neuen Menschen" im allgemeinen spricht man auch vom „neuen jüdischen Menschen" im besonderen. Aber „neu" und „jüdisch" in diesem Sinne schließen sich gegenseitig aus. Kann schon der Mensch als solcher nicht in völliger Loslösung vom Alten gedacht werden, der Jude erst recht nicht. Denn Judentum ist entweder das Judentum, und das ist etwas, was Verwurzelung im Alten voraussetzt, oder es ist etwas anderes, aber nicht Judentum. Die Konstruktion eines Weit über 1000 schreibfertige Füllfederhalter zur Auswahl mit 14karat. Goldfeder ah Rmk, 3.— Ceka, Juwel, Os'mia-Supra Parker-Duo'old, Wahl, Waterman Montblanc, Pelikan und andere Marken CARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 Schreibwaren aller Art neuen jüdischen Menschen als Jude ohne Heiligtümer, als Jude ohne jüdische Seele, als Jude ohne Bindungen an Thora und Mizwot, ohne religiösen Halt, ohne Liebe zu Gott und Ehrfurcht vor seinem Worte, mag sehr wohl ein neuer Typ sein, aber kein jüdischer Typ, ein neuer Mensch, aber kein jüdischer Mensch. Wir aber brauchen den jüdischen Menschen, der neu sein soll in einem anderen Sinne, neu in der Art, daß er in beständiger Erneuerung des alten Judentums das Einst im Jetzt zu Ehren bringt, es verjüngt und vergegenwärtigt, es in das pulsierende Leben hineinstellt. Der über die Jahrtausende hinweg mit den Ahnen aus Aegypten zieht, mit den Begnadeten der Offenbarung am ^Sinai steht, das Wort seines Gottes vornimmt, die Wunder seiner Geschichte mit allen Schauern und Wonnen nachempfindet, im Geschehen für Israels Bestand die Wunder sich wiederholen sieht. Diesen neuen jüdischen Menschen brauchen wir, dem das Alte nicht veraltet wird und den das Neue nicht blendet, der das Erhabene und Große unseres Glaubens immer von neuem entdeckt und erlebt, weil er es durch Werk und Tat immer neu belebt. Diesen Tag des neuen jüdischen Menschen kennt das Judentum schon immer und sehnt sich nach ihm. Der Prophet Jesaja läßt Gott von diesem neuen jüdischen Menschen sprechen und ihn in einem erhabenen Bilde mit Himmel und Erde vergleichen. „Wie der Himmel, der neue, und die Erde, die neue, die ich erschaffe, vor mir bestehen, ist der Spruch des Ewigen, so bestehen eure Nachkommen und euer Name" (Jesaja 66, mel, und die Erde, die neue, ist ebenso nichts anderes als der immer sich erneuernde alte Himmel und die Erde, die neue, ist ebenso nichts anderes als die sich immer verjüngende alte Erde. ifkiäJI Die vier Meister. Von Rabbiner Ph. Fischer in Sarospatak (Ungarn). 1251'NVN NIN'2 „Denn siehe, der Winter ist vorüber!" Draußen in Gottes herrlicher Natur regt es sich. Und auch in Israels Geschichte regte es sich einst vor Jahrtausenden zu dieser Zeit, wie das Peßachfest uns erzählt. iV l^n ^Vn psran „£)et Regen ist weg!" Vorüber die Winterszeit mit allen ihren Schauern, “nayipn nt „Dies ist die Sklaverei". Vorüber war's mit dem grausigen Froste der ägyptischen Knechtschafto'isa pna n»3t’ o'onn anna -a „Denn im Flühlingsmonate zogest du aus dem Lande Mizra.im." Holder Lenz zog ein, als Israel das Sllavenhaus in Mizrajim verließ. p»a ima trasin „Die Blumen sind sichtbar geworden am Boden." Und jenes Frühlingserwachen Israels sollte nach göttlichem Ratschlüsse zum Herolde des allgemeinen Völkerfrühlings werden. o’a an una nwsan -r una Jene Freiheitsblüten Israels sollten die erste Botschaft des großen Menschheitsmorgens sein . . Widerspricht aber nicht die Gegenwart mit ihren wenig trostreichen Erscheinungen, vor allem aber unsere, die jüdische Gegenwartslage mit all ihren beklemmenden und niederdrückenden Symptomen, der hoffnungsvollen Stimmung, welche obiger Midraschausspruch atmet?! Wir alle hofften ja, daß nach den schauerlichen Winterstürmen des blutigen Weltkrieges endlich wieder wahrer Fnedensfrühling in die Mitte der so hartgeprüften Menschheit einziehen wird, und die Blüten und Blumen der friedlichen Kulturarbeit wieder triumphieren und so die der Menschheit vom blutigen Kriege geschlagenen Wunden vernarben werden. pm inna woran Und was erfuhren wir nun? D-izma vs'i cnaa? nivyß iwi „— da hoffte er. daß er Trauben bringen werde, er brachte aber nur Säuerlinge!" Anstatt friedliebender Verständigung unter den siegenden und besiegten Staaten sehen wir noch immer gar häufig krassen" Egoismus, wo nicht geradezu die furchtbaren Rachegeister obsiegen. Vor allem aber sehen wir über das ewige Duldervolk Israel eine neue ägyptische Finsternis Heraufziehen. Ja, wir sehen, wie die Blütenknospen der so schwer erkämpften Freiheits- und Gleichheitsrechte Israels in gar vielen Ländern wortwörtlich p«n in den Staub getreten werden. Mästen wir denn bei einer derartigen Heeresschau nicht im Gegenteil das Freiheitsfest des Peßach als einen wehmütige Gedanken erregenden Kontrast zum dunklen Geqenwartsgemälde empfinden?! Müsten denn nicht im Gegenteil des Peßachs Freiheitsklänge uns als schrille Mißtöne in die OVen gallen?! 'i3i v'ia itwn nab „Warum toben denn die Völker wieder aus?!" — schreit es empor aus unserer gequälten Brust. Doch hören wir einmal die tiefgründige Antwort unserer Weisen im Midrasch: ,''*>« ]n iV« n’cnn nsans m 'ann'i nan1*» m-a ,ps -aVa ,N'V-> y^a„Und es zeigte mir Gott die vier Meister." — Dies sind sie: Elijahn ,der König Moschiach, Malti-Zedek und der für den Krieg gesalbte Priester." Ell'ahn geht dem König Moschiach voran. Elijahn sah: ..und Gott zog vorüber. Und ein großer und starker Wi 'd kam, Berge entwurzelnd und Felsen zerschmetternd vor Gott. Im Sturme war nicht Gott. Und nach dem Sturme ein Beben. Im Erdbeben war nicht Gott. Und nach dem Beben Feuer. Im Feuer war nicht Gott. Nach dem Feuer eine leise flüsternde Stimme . . ." Ja, so ist es. Jene np n»m „leise flüsternde Stimme", jener harmonische Klang aus des einst verschwundenen und wieder zu gewinnenden Edens Gefilden ist das Ziel der Weltgeschichte nö'nn '-»nn! Jenes ehrfurchtsvolle Stillschweigen, da die Menschheit, in stumme Andacht versunken, vor Gott niederfällt und in dieser hingebungsvollen Gotteshuldigung die Brüderlichkeit, Liebe und all die anderen beglückenden Genien des menschlichen Geschlechtes ihre ewig gesicherte Grundlage finden werden.; Doch dürfen die vom Jammer der Gegenwart Erschreckten und Heimgesuchten nie und nimmer .vergessen, daß dem np naai bip, der „leise flüsternden Stimme" aus dem wieder zu gewinnenden Edenvni wswi Vm rvn „ein großer Sturm, Geräusch und Feuer" vo'-angehen müssen: die morschgewordenen Fundamente veralteter gesellschaftlicher Ordnungen, Staats- und Machtoerbältniste erschütternde und umgestaltende Stürme und Erdbeben. Und wenn auch -«i ri-a «h diese Stürme keinesfalls das Ziel der göttlichen Waltungen sind, doch sind auch diese npw 'n ’aaV, doch stehen auch diese als Mittel und Werkzeuge im Dienste der göttlichen Wallung, um das Endziel, jene heilvolle Zeitperiode des np naan bip der „leise flüsternden Stimme", des Edenklanaes der Harmonie im Gesellschafts- und Völkerleben der Menschheit zu fördern. Und dieser Gedanke wird auch in jener Mischna ausgesprochen, wonach nach der Meinung der Schammaiiten am Sederabende das Halle! bis zu jenem Teile gesagt wird, welcher mit den Worten schließt: „Die Mutter freut sich mit den Kindern!" Nach der Meinung der Schule Hillels wird aber das Hallel bis zu den Worten: „und (Gott) macht den Felsen zu Wasserquellen" gesagt. Nachher schließt man mit dem die Erlösung feiernden Segensspruche: D’aan dr ny anaix nrai? nra -•’Bi' Hin p»n ny nVasja cmm a’a ia'yaV v'aßn nsr a'-iyiu bbn rrai -nnav Das ganze Leben' soll ein' in ' allen seinen Ausstrahlungen Gott preisendes Hallellied sein. Und wenn auch VR.vyi min/Stürme uns umbrausen, Feuerflammen uns

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.