Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1930)
- Date
- 1930-03-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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20. März 1930 Der Israelit Nr. 12. Seite 7 Ken Die Verhaftung der Leningrads Rabbiner. Moskau, 9. März. Dem JTA-Vertreter wird aus zuverlässiger Quelle in eningrad mitgeteilt, daß die von ausländischen Zeitungebrachte Mitteilung, daß der greise Oberrabbiner on Leningrad) Rabbi Kützenellenbogen, verhaftet worden ist, mit den Tatsachen nicht übereinstimmt. Rabbi Katzenellenbogen, der ungefähr 90 Jäher alt ist, hat, wie die ITA. bereits mitgeteilt hat, nur die Weisung erhalten, Leningrad zu verlassen. Dem JTA-Vertreter gegenüber wurde aber bestätigt, daß die beiden anderen Rabbiner Leningrads, Rabbi Lazarsohn und Rabbi Pasnoborovski, verhaftet wurden und sich wegen der Beschuldigung, illegale Verbindungen mit jüdischen Organisationen im Auslande, insbesondere mit dem Lubawitscher Rebbe. Rabbi Schneursohn, unterhalten zu haben, zu verantworten haben werden. Sämtliche Mitglieder des Vorstandes der jüdischen Gemeinde in Leningrad, die An; fang Oktober 1929 unter der Beschuldigung verhaftet wurden, daß sie die Sowjetgesetze dadurch übertreten haben, daß sie Gelder zur Renovierung der Großen Synagoge gesammelt haben, befindensichnochheute in Haft. Bekanntlich wurden die Gelder zur Renovierung der Synagoge darum gesammelt, weil dem Vorstande im Falls der Nichtrenovierung der Schließung der Synagoge angedroht worden war. Inzwischen ist die Leningrader Große Synagoge beschlagnahmt und in eine kommunistische Institution umgewandelt worden. sind: 38 830 jüdische Einwanderer kamen aus Polen, i 15 796 aus Rußland, 5 555 aus Rumänien, 2 217 aus den Vereinigten Staaten von Amerika, 1095 aus Oesterreich, 974 aus Großbritannien und den Dominions, 276 'aus Ungarn. England. Dr. Pinchas kohn beim polnischen Gesandten. L o n d o n, 14. März. Rabbiner Dr. Kohn wurde vorige Woche vom polnischen Gesandten in London, Grafen Skirmunt, zusammen mit Rabbiner Tobias Horovitz und Mr. Harry Goodman empfangen. Verschiedene Fragen, welche den Jnteressenkreis der Orthodoxie berühern, wurden mit dem Gesandten erörtert, der seine Freude ausdrückte über die herzlichen Beziehungen, die zwischen der orthodoxjüdischen Bevölkerung Polens und dem polnischen Staate von jeher beständen. Im besonderen drückte er seine Befriedigung aus über die erfolgreiche Weiterentwicklung der Bajs Jakow-Bewegung. die, wie er sagte, von der polnischen Regierung lebhaft begünstigt wird. Henderson zu der Verfolgung der jüdischen Religion in Rußland. London, 12. März. Das Unterhausmitglied A. M. Samuel, Finanzminister im früheren konservativen Kabinett und Oberhaupt einer der ältesten jüdischen Familien Englands, richtete an den Außenminister Henderson eine Anfrage wegen Verfolgung der jüdischen Religion in Rußland. Als er mit den Worten begann: „Ich appelliere im Namen des Glaubens, dem ich angehöre," wurde er von Parlamentariern der Arbeiterpartei, die nicht wünschen, daß die Frage einer Intervention in Rußland wegen der Glaubensverfolgung erhoben wird, in tumultuöser Weise unterbrochen. Henderson beantwortete Samuels Frage mit den Worten: Es ist für uns sehr günstig, wenn jemand im Namen eines in unserem Lande vertretenen Glaubensbekenntnisses einen Appell macht, aber es ist sehr schwer festzustellen, was die Regierung tun kann, um den Glauben zu schützeü, dem das ehrenwerte Mitglied angehört. In Rußland ist der antireligiöse Druck seit vielen Jahren ein Merkmal der Sowjetpolitik. Ich sympathisiere durchaus mit der Sache der religiösen Freiheit, aber ich kann den Glauben nicht teilen, daß irgend eine Handlung der Regierung im Rahmen ihrer Befugnisse geeignet sein würde, das Ziel der religiösen Freiheit zu fördern. Me Woche. Berlin. Zu den neuesten Friedhofsschändungen in Bayern bemerkt das „Berliner Tageblatt": Es wird bald kaum noch eine Stadt in Bayern geben, die nicht Schändungen jüdischer Friedhöfe aufzuweisen hat. Das ist die Frucht der wüsten Hetze einer Presse vom Schlage des „Stürmer" und der „Flamme". — Zum Republikschutzgesetz hatten die Nationalsozialisten einen Zusatzantrag im Reichstag eingebracht, der für „Rassenverrat", d. h. Vermischung mit Angehörigen der jüdischen Blutsgemeinschaft Zuchthaus vorsieht. Der Antrag hatte den verdienten Lacherfolg und wurde abgelehnt. — Henry Torres, der berühmte französische Advokat und Schriftsteller, der Verteidiger des jüdischen Uhrmachers Schwarzbart, der den ukrainischen Hetman Petljura in Paris erschoß und darauf von einem Pariser Geschworenengericht freigesprochen wurde, hat den Berliner Anwalt und Dramatiker Hans I. R e h f i s ch, Mitverfasser des erfolgreichen Dramas „Die Affäre Dreyfus" aufgefordert, gemeinschaftlich mit ihm den Fall Schwarzbart zu dramatisieren. Bukarest. In Jassy kam es am 11. März erneut zu sch weren Ausschreitungen antisemitischer Studenten gegen die jüdischen Universitätshörer. Minister Costachascu erließ eine Mahnung zur Ruhe unter Androhung schwerster Strafen. Prag. An der deutschen Universität wird wieder eine wilde Propaganda gegen die jüdischen Studenten getrieben. Saloniki. In der griechischen Stadt V o l o wurden zwei Juden unter der Beschuldigung des Ritualmordes an einem griechischen Kinde verhaftet. Die antisemitische Hetze dauert noch fort, nachdem sich die Nichtigkeit der Beschuldigung erwiesen hat und die Verhafteten wieder frei gelassen sind. London. In dem soeben für das Lustfahrtwesen veröffentlichten Budgetbericht wird darauf hingewiesen, daß bei evtl. Ausbrüchen von Unruhen in Palästina auf dem Luftwege Truppen in sieben Stunden aus Aegypten nach Palästina gebracht werden können. — Warschau. Im Anatomischen Institut der Warschauer Universität kam es zu schweren Ausschreitungen national-demokratischer Studenten gegen jüdische Studierende: angeblich, weil sich die Juden weigerten, Leichen aus den Spitälern für anatomische Zwecke herzugeben. — Im Verlauf des Monats Februar begaben sich 460 Chaluzim aus Polen nach Palästina. In dem gleichen Monat des Vorjahres waren aus Polen im ganzen 79 Chaluzim in Palästina eingetroffen. Jerusalem. Wie der JTA-Vertreter erfährt, wurde einem Kreise von Freunden Jabotinskys in Palästina seitens einer palästinensischen amtlichen Stelle zu verstehen gegeben, daß eine Rückkehr Jabotinskys nach Palästina den Behörden unerwünscht sei. Grund hierfür ist, wie man glaubt, die von Jabotinsky kurz vor seiner Abreise aus Palästina gehaltene Ansprache, sowie einige von ihm später in der Palästina-Presse veröffentlichte Artikel. Newyork. Alle jüdischen Zeitungen bringen herzliche Nachrufe auf den Expräsidenten Taft, den sie als Freund des Rechtes und der Juden würdigen. — An der V o -- stoner Universität wurde ein Kursus für jiddische Sprache und Literatur feierlich eröffnet. Der Dozent, Dr. A. R o b a ck, sprach über jiddische Folklore und Volksdichtung. Die Herkunftsländer der jüdischen Palästina- Einwanderer. London, 15. März. Auf eine Frage Howard Burys teilte Dr. S h i e l s im Unterhause mit, daß von den 14 922 Einwanderern, unter ihnen 14 683 Juden, die vom 1. September 1920 bis 31. Dezember 1921 nach Palästina kamen, 33 Proz. aus Polen, 14 Proz. aus Rußland, 5 Proz. aus Rumänien, 11 Proz. äüs den kleineren osteuropäischen Staaten, 3% Proz. aus Großbritannien und den Dominions, 10 Proz.-aus Zentralasien und 22% Proz. aus anderen Ländern stammten. Die für die Jahre 1922 bis 1929 verfügbaren Zahlen Lord Balfour gestorben. London, 19. Marz. Kurz vor Schluß der Redaktion meldete der Telegraph das Ableben des 82jährigen Lord Balfour. Lord Balfours Name wird, wie man sich auch zum zionistischen Nationalheim stellt, mit goldenen Lettern in den Annalen der jüdischen Geschichte eingetragen sein. Ein aufrichtiger Freund des jüdischen Volkes, wollte er diesem eine Heimstätte schaffen, und er stand zu seinem Plane und seinem Werke, bei allen Gegenströmungen und allen Wandlungen der Zeit, bis zuletzt. Wir werden ihm als einem der oViyn nw »T»on ein ewiges, ehrendes Andenken bewahren. Türkei. Massenwanderung persischer Juden nach Palästina. Konstantinopel, 10. März. In der letzten Zeit trafen in Konstantinopel, auf dem Wege nach Palästina, etwa. 200 Juden aus Persien in verschiedenen Gruppen ein. Sie haben sich im Stadtviertel Balat niedergelassen und warten hier den Erfolg ihrer Bestrebungen bei der Zionistischen Exekutive in Palästina und bei der Emigrationszentrale Hias-Jca- Emigdirekt ab, an die sie sich mit der Bitte gewandt haben, ihnen zu der Einreise und zur Ansiedlung in Palästina zu verhelfen. Sie erzählen, daß weitere sehr zahlreiche jüdische Familien in Persien sich zur Auswanderung nach Palästina vorbereiten. (ITA.) Schweiz. Jeschiwoh Montreux. Montreux, 15. März. Das Wintersemester, das sich seinem Ende zuneigt, hat der Jeschiwoh in Montreux mehrere Vorträge bekannter ausländischer Persönlichkeiten gebracht. Schon bei der Eröffnung des Semesters hatten wir die Ehre, einen längeren halachischen Vortrag des berühmten Wilnaer Rabbiners Rabbi Chajmi Ojfer Grodzensky zu hören. In derselben Zeit sprach auch Herr Rabbiner Nachumowski aus Schawly (Litauen). Ein Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Bohrer aus Gailingen behandelte ethische Probleme im Judentum. Der Vorsitzende des deutschen Keren Hathauro, Herr Wolf S. Jacobson, referierte über die Stärkung des Taurohgedankens und über andere Jefchiwohprobleme. Ueber die augenblickliche Lage der litauischen Jeschiwaus referierte Herr Redakteur Schereschewski aus Kowno. Vor einigen Wochen hielt Herr Dr. L e o i n g e r aus München einen wohlgelungenen philosophischen Vortrag, in dem er verschiedene Probleme der Tauroh vom Standpunkt der modernen Psychologie aus beleuchtete, während der Leiter der Jeschiwoh selbst allsabbatlich iwn und Mussaroorträge hielt und oft auch allgemeine jüdische Probleme beleuchtete. Als Novum brachte das letzte Semester auch einige Vorträge von Schülern der Jeschiwoh, eine Tatsache, die man als günstiges Zeichen der rapiden Entwicklung und Vielseitigkeit dieser Anstalt begrüßen kann. Als erster hielt cand. phil. Georg G o l i n s k i aus Beuchen eine Chanuka-Rede, in der er besonders die inneren Gegensätze zwischen Judentum und Griechentum als Ursache für die Makkabäerkämpfe skizzierte. Es folgte am m» o'vsvn ein halachischer Vortrag von David Stesansky aus Zürich. Dieser behandelte in einem gut durchdachten und logisch aufgebauten Pilpul das schwierige Problem von i’xn cnDv ivrr aus rnp km- Qaoib Stefansky, der seit dem Bestehen der Jeschiwoh ihr Schüler ist, legte mit seinen wohlgelungenen Ausführungen ein Zeugnis für die Tiefe, Gediegenheit und Gründlichkeit der Montreuxer bekannten Lehrmethode ab. In der letzten Woche referierte Emil A l t m a n n aus Beuchen über „das Amalek- Prinzip in der Geschichte". Da alle diese Vorträge in der Jeschiwoh großen Anklang gefunden haben, hat sich die Jeschiwohleitung bereits mit mehreren in- und ausländischen Persönlichkeiten in Verbindung gesetzt, die im nächsten Semester wissenschaftliche Vorträge, soweit diese mit den Zielen und dem Geist dieser Thorastätte in Einklang stehen, halten sollen. Ebenso werden die in diesem Semester begonnenen hebräischen Sprachkurse auch im nächsten pr mit großer Intensität weiter ausgebaut werden. Einem in weiten Kreisen tiefgefühlten Bedürfnis entsprechend, beabsichtigt die Leitung der Jeschiwoh, im Sommersemester 1930 in Lausanne Talmud-Kurse für Bvn ’Vya einzurichten. Amerika. Ein interessanter Kaschruth-Prozeß in Amerika. Newyork, 10. März. In Cleveland gehen merkwürdige Dinge vor. Schon seit Jahren ging es dort mit der rituellen Fleischversorgung nicht geheuer zu. Endlich wurde vor einigen Jahren ein Kaschrus-Komitee von Seiten der Gemeinde unter Leitung der zuständigen Rabbinen eingesetzt. Ein jüdischer Großschlächter, dem die Neuordnung nicht paßte, erklärte öffentlich in den Zeitungen. ü ■