Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1930)
- Date
- 1930-03-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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20. März 1930 Der Israelit Nr. 12. Seite 3 Herren sind die Berufenen in ihrem Kreise, von Katheder und Kanzel herab, in Wort und in Schrift dahin zu arbeiten, daß der Schutt, den Jahre des wilden Haffes angehäuft. haben, abgetragen und der Grund reingefegt wird für den stolzen Bau des Weltfriedens. Pazifisten führen ihre Anhänger auf die Schlachtfelder des Weltkrieges, damit sie, von Grauen erfaßt, fortan den Frieden, und n u r «noch den Frieden wollen. Führen wir bei der Arbeit im L an de unserer Freunde, und die es werden sollen, auf die jüdischen Friedhöfe, wo die Gräber aufgewühlt und Grabsteine umgeworfen sind, damit sie, von Entsetzen erfaßt, den Frieden, die Erziehung der Jugend zu Anstand und Sitte wünschen und erstreben — als erste Voraussetzung für d e n g r o ß e n W e l t s r i e d e n. Was geht ln Rutzland vor? Was ist von den Nachrichten und Dementis wahr? Auf die Schreckensnachrichten über die Reli gionsverfolgungen in Rußland regnete es Proteste in Europa und Amerika. Auf die Proteste kamen Dementis und „Erklärungen" aus Rußland, aus Reglerungskreifen und aus der jüdischen Gesellschaft, die sich gegen eine Einmischung verwahren. Eine Erklärung stammte von den M i n s k e r Rabbinern, deren Schicksal eine Zeitlang die jüdische Welt stark beunruhigte und nicht zuletzt den Anstoß für die jüdischen Proteste gab. Schon hoffte man, den Dementis einigen Glauben schenken zu dürfen, da kamen uns Privatbriefe -aus Rußland zu Gesicht, deren Inhalt die Lage als geradezu trostlos erscheinen lassen. „Kerne Synagoge, keine Schechita und keine Mikwah, nicht die geringste Aussicht auf Mazzoth!", das ist der Tsnor all dieser von verschiedenen Seiten an verschiedene Adressen gerichteten und auf Umwegen gelangten Briefe. Nunmehr gelangt an uns lein öffentlicher Aufruf, unterzeichnet von Männern, die voll eingeweiht find und deren Namen von Gewicht ist im jüdischen- Leben. „Chofez Chajim" und Rabbi Chajim Os-er G r o d z e n s k i, sämtliche Chassidimrabbis von Namen, die A g u da t Harabbanim in Polen, das gesamte Rabbinatin Warschau und eine große Reihe weiterer hochverdienter Männer in Polen unterzeichnen den Aufruf und bezeugen, daß nach ihren Feststellungen, die keinen Zweifel und keine Abschwächung dulden, sich d r e i Millionen jüdische Menschen in R u ß - land in Wahrheit in .einer Not befinden, wie sie die jüdische Geschichte noch nicht erlebt hat. Alles, was jüdische Zeitungen in letzterer Zeit über Verfolgungen der jüdischen Religion und ihrer Bekenner gebracht haben, wird in vollem Umfange b e st ä ti g t. Auch die widerrufene Meldung von der öfsentl i ch e n V e r b r.e n n u n g h e i l i g e r T horarollen in vielen Städten! Dazu die entsetzliche wirtschaftliche Not. Cs wird in diesem Aufrufe von der Einsetzung eines e tge nen allgemeinen Fasttages abgesehen, hingegen aber das E st Herfa st e n mit Rücksicht aus die Katastrophe zu einem erhöhten Trauertag für Allisrael mit erschwerten Fastenvorschriften und unter Hinzufügung eigener Slichaus und Psalmgebete bestimmt. Rabbiner und Prediger sollen an diesem Tage durch das lebendige Wort die Not der Brüder uns nahe bringen und zu Gebet und Buße, zu Einkehr und eigener Besserung anregen. Für den Westen kommt diese Aufforderung, soweit sie das Estherfasten betrifft, zu spät. Nicht zu spät aber, um auch uns zur erhöhten Teilnahme anzuregen. Möge das mahnende Wort, das sich dem Aufruf anfchließt, auch uns erreichen, unsere Herzen erweichen, daß wir im Unglück der Brüder das eigene erblicken und uns dadurch in den Ländern, trm der religiösen Hebung G. s. D. keine Schranken gesetzt sind, zu einer Vertiefung des religiösen Lebens und zu innerer Läuterung veranlaßt sehen. Der Organisationsgedanke im Judentum und seine Formen, Im Tempel Sal-omons thronte im Marmorfaal das Sanhedrin, das Recht sprach und das Gesetz deutete, Kopf und Herz der Nation zugleich; ohne dessen Beschluß kein Krieg geführt, keine irgend wie eingreifende Maßnahme getroffen werden konnte. Der Staat gab das äußere Gefüge, der Tempel die Kraftquellen des Geistes, über beiden stand weisend das große Sanhedrin. Die Wiederherstellung des Reiches durch Esra und Nehemia beginnt mit der Einsetzung der Großen Synode, die aus 120 Männern, den Vesten des Volkes, bestehend, die Organisation ist, die den wirtschaftlichen, nationalen und geistigen Wiederaufbau leitet. Die letzten Propheten sind seine ersten Mitglieder; der erste Mischnalehrer sein letztes Mitglied; bis die Synode in das reguläre Sanhedrin übergeht. Als vor 1860 Jahren die Titusfaust unser nationales Leben zerbrach, war damit auch unsere Organisation zerbrochen. In der Goluszersplitterung war eine Sammlung der Kräfte über Länder und Meere hinaus nicht möglich. Und dennoch! Der Organisationsgedanke war nicht erloschen und rang nach neuen Formen, fand sie auch hie und da, angemessen dem Lande und den Umständen, fand sie in Babylon im Patriarchen, der für die Diaspora das war, was der Nasi aus dem Hause Davids für den letzten jüdischen Rest in Palästina bedeutete; fand sie für Jahrhunderte in der Schule der Gaonim. In der kastilischen Zeit der jüdischen Denker und Dichter vom 10. Jahrhundert bis zum Abschluß der maurischen Herrschaft war immer ein jüdischer Fürst da, der die Gemeinschaft repräsentierte und sein Volk im Hose des Sultans vertrat. Das deutsche Mittelalter!-Der dunkelste Punkt der jüdischen, aber auch der Weltgeschichte. Hier mußte schon den Juden aller Sinn für Ordnung, schöne Form und Organisation verloren gehen. Nicht allein durch den hermetischen Abschluß in den engen Ghettomauern, nein, auch in der Welt draußen sah es nicht viel schöner und heller aus. Die Kultur roch nach Raubrittertum und Scheiterhaufen. Erfüllten draußen dumpfes Kirchengeläute und Büßlieder die Luft, so hob sich davon die Ghettokultur nicht nur geistig und ethisch, sondern sogar ästhetisch turmhoch ab. Für Sammlung der Kräfte in 'Organisationen reichte es nicht. Und dennoch stehen wir staunend vor der sammelnden Macht der Thora und des Wortes ihrer Lehrer und Vertreter auch in diesen dunklen Zeiten! Schon Rabbenu Gerfchom, der erste große deutsche Jude, hält im zehnten Jahrhundert in Speyer und Worms oder Mainz Rabbinerkonferenzen ab und man faßt Beschlüsse, die bis auf den heutigen Tag bindend sind für die gesamte abendländische Judenheit. In einer Zeit, da Flugzeug und Rundfunk noch nicht einmal Träume der Menschheit waren, war die Verbindung in der geistig-jüdischen Welt — wir übertreiben nicht — stärker und enger als heute. War in Konstantinopel eine jüdische Schrift erschienen, die neue Wege wies, so kannte man sie schon nach Monaten in Krakau und machte man in Frankfurt Glossen dazu. Unser Schulchan Aruch hat seine Wurzel in Deutschland (Rabbi Jakob Baal Haturim), ist in S a f e d gewachsen (Rabbi Josef Karo) und bringt in Krakau mit den Ergänzungen des Rabbi I s s e r l e s seine letzten Früchte zur Reife. Der Organisationsgedanke setzt sich aber im späten Mittelalter auch mit der Bildung der V i e r l ä n d e r s y n o d e durch, die volle zwei Jahrhunderte, bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, für die ihr angeschlossenen Ostländer bündiges Recht sprach und sich auch im Judentum des Westens Achtung und Gehör verschaffte. Der 1700 aufkommende einem gewissen Stolz und Verantwortungsgefühl sprach Herr Hirsch vom Friedhof, von den toten Zeugen einer vor nicht allzulanger Zeit noch blühenden Gemeinde, deren Bewachung ihm allein noch anvertraut ist, nachdem alle, alle weggegangen sind, teils lebend, teils tot ... . Kein Rabbiner, kein Gemeindeverband ist zuständig . . . Allsahbatlich verrichtet das alte Fräulein pietätvoll in der Fraüensynagoge ihre anspruchslose Andacht und mit Rührung erzähle sie mir, wie sie dabei noch die Melodiken zu vernehmen meint, die in ihrer Jugend, vor Jahrzehnten, das damals noch volle Gotteshaus erfüllten. Und einmal, vor Monaten, da erlebte sie es, daß eine Esragruppe unter Leitung des Lehrers Spier der benachbarten Gemeinde Haiger loch auf ihrer Wanderung Dettensee berührte und in der Synagoge Gottesdienst abhielt. Die kahlen Wände hallten wider von den lange nicht vernommenen Lauten und auf der Frauenempore begleitete das Fräulein diesen letzten Gottesdienst mit bitteren Tränen. In der Synagoge sind sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen, aber nicht durch Menschenhand, wie man im Jahre 1929 in deutschen Landen zu vermuten manchen Anlaß hat, vielmehr lange vor dem Krieg geschah es durch Hagelschlag — aber keine Möglichkeit und kein Bedürfnis zur Wiederherstellung. Der Thoraschrein ohne Bekleidung hält ewige Trauer und in den leeren Ständern haben die Vögel ihre Nester gebaut. Unwillkürlich dachte ich an Jesaias Wort: „Pelikan und Kröte nehmen es in Besitz, Eule und Rabe wohnen darin und er spannt darüber die Meßfchnur der Verödung und das Lot der Verwüstung. Ihre Edlen find nicht da und all ihre Fürsten sind dahin. Und aufschießt in ihren Palästen Gestrüpp, Nesseln und Dornen in ihren und sie wird zur Wohnung der Schakale, ein Gehöft der Strauße ..." Freilich, Jesaia prophezeit es Edom ... P. Etwas über: Sehnsucht nach Erez Israel. Erez Jisroel,. wer kennt das Land? Niemand fast von den Modernen. Und doch sehnen sich ganz moderne Menschen danach. Sehnen sich danach, daß ihre Augen Zion einst sehen mögen. Wieso? Warum? Was ist ihnen dieses Sehnen nach einem Lande, das sie nicht gesehen haben und nicht kennen, und das sie trotzdem — lieben? Ein Land, von dem sie nur wissen, daß nicht mehr Milch und Honig drinnen fließt; ein Land, das steinig und wasserarm ist und dessen Urbarmachung mehr Arbeit erfordert als irgendein anderes. -Sehnen sie sich danach, weil einst Propheten von dort ihren Weckruf ins Land und über Landesgrenzen hinaus sandten? Weil Gottesoffenbarung sich dort sichtbar vollzog? All das würde bei modernen Menschen wahres Sehnen nicht entfachen können, würde für Interesse und romantische Gefühlsduselei allerhöchstens langen. - Ihnen aber, den Menschen der neuen Sachlichkeit, was soll ihnen Sehnsucht nach Erez Jisroel? Ihnen ist dieses Sehnen: Suchen nach Neuem, nach Besserem, nach Schönerem. „Ich sehne mich nach Erez Jisroel!" ist größtenteils nichts anderes als eine positive Umschreibung jenes negativen Ausspruchs von Carl Sternheim: „Ich finde Europa zum K.!" Drum der heftige und scharfe Kampf in Erez Jisroel der Juden jüdischen Glaubens und der Juden europäischen Glaubens. Judentum und Europaismus — voilä. C-u K-y. (Die Juden im allen Zürich.) Die „Jüdische Preßzentrale Zürich" veröffentlicht in ihren jjtummern 584, 585 usw. eine historische Arbeit von Alfred Zweifel über „Die Juden im alten Zürich". An Hand ältester Dokumente über das früheste Vorkommen von in Zürich seßhaften Juden wird darin nachgewiesen, daß bereits der Züricher Richtebrief vom Jahre 1304 Satzungen über die Juden in Zürich aufstellte. Dieses Dokument wird hier erstmals reproduziert. Die früheste Nachricht von Juden in Zürich datiert schon von 1273, in welchem Jahre Walter von Elgg einen ihm vom Kloster St. Gallen infolge Verarmung durch den Krieg mit Rudolf von Habsburg versetzten großen Kelch den Juden in Zürich verpfändete. Sehr interessant ist auch die Reproduktion einer Bescheinigung vom 31. Januar 1329, worin drei Juden von Zürich den Rat und die Gemeinde Zürichs von ihrer Bürgschaft für ein Darlehen des Grafen Johann von Habsburg entledigen. Diese Urkunde weist drei Judensiegel mit hebräischer und lateinischer Inschrift auf, die wohl als die ältesten erhalten gebliebenen Judensiegel angesehen werden können. (Jägerhumanitäk.) Aus Schollbrunn bei Marktheidenfeld wird uns geschrieben: In der nahen Zwieselmühle bemerkte das Dienstmädchen des Mühlenbesitzers A u l b a ch beim Füttern unter einem Haufen Waldstreu ein fremdes Tier. Der herbeigerufens Förster stellte einen guten Keiler fest, dem er dann den Todesschuß gab. Es wurde festgestellt, daß der Keiler bereits weidwund geschossen und der Unterkiefer so stark verletzt war, daß das Tier keine Nahrung mehr aufnehmen konnte. » srnrnm # i JOD-BAD TÖLZ Kurpension HELLNIANN bietet bei mäßigen Preisen das Beste an Unterkunft u. Verpflegung ♦ Eröffnung 1.4.