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Der Israelit · 1930-03-20 · Heft 12 (20.3.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 12 (20.3.1930)
Date
1930-03-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 12 Der Israelit 20. März 1930 Einbruch 'nichtjüdischer Kultur widerstandsloser gegenüberstanden. Da zeigte sich immer, daß nicht die Kultur, sondern das Milieu die Hauptgefahr bildete, daß aber eben dieses Milieu zu schaffen nicht in unserer Hand lag. Kultur ist Gift und süße Labung, sie kann ebensogut in der Jüdischkeit festigen wie sie erschüttern. Aber das Risiko muß mitgenommen werden und ist immer mitgenommen worden, gerade weil unsere Väter der Ueberzeugung lebten, daß in der Tauroh alles liege. Wie sollten sie die Wahrheit des m ^sm na -]sn „Grabe darin, grabe darin, denn alles ist in ihr" sich zu Bewußtsein bringen, wenn sie nicht eine Ahnung von dem hätte, was alles in dem rra n’Via lag? Wahr ist, daß wir heute dem Taurohstudium ein gut Teil der Zeit, die früher für es reserviert war, entziehen müssen. Das liegt aber nicht an der Kultur, sondern an dem Milieu, und an den durch es bedingten wirtschaftlichen Verhältnissen. Da aber Jissochor nicht ohne Sewulun, r.-nn nicht ohne nap existieren kann, so gehört sie zur Lebenserhaltung, nicht nur zum Broterwerb, sondern auch zur geistigen Daseinsbehauptung, und als solche zum Lernen, sowie das Studium nichtjüdischer Kultur förderlich ist für das Verständnis unserer heiligen Schriften, wenn wir nur darauf bedacht sind, daß jene Arbeit und dieses Studium stets an der Tauroh auch ihre Grenzen und in ihr und durch sie Weihe und Sinn finde. Um die Absteckung dieser Grenzen nur kann es vernünftigerweise eine Meinungsverschiedenheit geben. Ob unsere Schulen der Tauroh nicht einen zu engen Raum gewähre n, ob sie alles tun, um f i e als den Schwerpunkt u n d Richtpunkt alles Wissens zu Bewußtsein zu bringen, ob in a l l e m u n d j e d e m d e r jüdische Charakter der jüdischen Schule gewahrt wird, das ist die berechtigte Frage, die aber gerade nur d u r ch d i e jüdische Schule, durch die Verwirklichung des tauroh-imderech-erez-Prinzips gelöst werden kann. Endlich ist zu sprechen von denen, die da meinen, eine Teilung vornehmen zu können, die geistige und seelische Energie auf Tauroh verwenden zu können, die Energie aber der körperlichen Kräfte unter bewußter Ausschaltung des Geistes und der Seele als gottabgewandt und „unjüdisch" dem Broterwerb und bürgerlichen Beruf widmen zu müssen. Gegenüber dieser rein mechanischen und des Menschen unwürdigen Auffassung von Berufsarbeit stellen wir das Wesen sinnerfüllter, jüdischer Arbeit. Einerlei, ob Hand- oder Kopfarbeit, soll unsere Berufsarbeit uns selbst .zum Ausgangspunkt haben, aus unserem ganzen Ich entspringen, den ganzen Menschen in Anspruch nehmen, auf ein persönliches Werk zustreben, bis es ganz Botschaft Gottes: bis es ganz unsere Botschaft: bis es ganz Dienst an Gott mmy wird. Nur so steht m unserem täglichen Schassen awaudo und melocho unter dem Gesichtspunkt eigener Werte und jüdisches Ziele; nur so erfüllen wir den wunderbaren Satz: n'Vpi tnyn v'»' nw „sechs Tage sollst du Awaudo tun und all d e i n Werk verrichten." Der Beruf muß uns im doppelten Sinne des allgemeinen Dienstes an der Gemeinschaft und des besonderen Berufes in der speziellen Arbeit würdig und teuer sein: pmr Darum gehört umnus und emuno zusammen. Denn mit der ehrlichen Berufsarbeit erreicht der Jude die Pforte der Menschen- und Jisroelbildung, mit der Frage nach ihr wird er dereinst von seinem himmlischen Vater empfangen: niiana nnn nKxr?a „hast du ehrliche Arbeit getan?", mit ihr gelangt sein Judentum zur Objektivierung, gereichen seine Handlungen zur Ehre Gottes, gereicht all sein Tun zum Segen der Menschen, im Sinne seiner jüdischen Bestimmung, seines abrahamitischen Erbteils: nsia jvpn^- Wochenrundschau. Die Juden und der Wellsriede. Die Weltfriedenbotschaft, die wir Juden seit den Propheten im Herzen tragen und in geweihter Stunde in Synagogengebeten zum schönsten Ausdruck bringen, findet ln einer Zeit, die, aufgerüttelt von einem vierjährigen Völkermorden mit all dem daraus folgenden Massenelend, von starker Friedenssehnsucht erfaßt ist, ihren Nie- BiOXUlTBA Oie sferkschäumende Sauerstoff-Zahnpaste wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnpasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 60 Pf. BIOX-MUNDWASSER Flasche 1.— und 2.— Mk. Gegen lockere Zähne. Prob e-Flasche gratis. Max Elb A. Q., Dresden derfchlag in einer jüdischen Frredensorganisatwn. Der I ü d i s ch e F r i e d e n s b u n d umfaßt von Berlin aus, wo er seinen Hauptsitz hat, eine große Reihe von Ortsgruppen im ganzen Reiche. Der Jüdische Friedensbund ist, wie die Initiatoren der Idee wiederholt beteuern, auf religiösem Boden gedacht und arbeitet im Anschluß an die gleichgerichteten Organisationen der christlichen Bekenntnisse. Es haben sich ihm jüdische Gemeinden wie auch Vereiinigungen korporativ angeschlossen. Er hat zur Zeit feste Stützpunkte außer in Berlin auch in L e i pzig, Köln, Frankfurt a. M. und Hamb u r g. Dort gehört zu den Begründern der Ortsgruppe u. a. auch Herr Oberrabbiner Dr. C a r - l e b a ch. Der um die Organisation sehr verdiente Vorsitzende des Arbeitsausschusses, Dr. Alfred N o f s l g, weist in seinen Reden, die er überall zur Popularisierung der Friedensidee und Befestigung ihres Organisationsrahmens hält, auf die segensvollen Nebenwirkungen des Jüdischen Friedensbundes hin. Zu ihnen gehört in erster Reihe die Fördreung des l nt^e r k o n f esstonal e n Friedens durch die freundschaftliche Zusammenarbeit auf einem Gebiete, das allen Religionen heilig ist. Der Dienst, den das Judentum hier an der Menschheit leistet, ist ein Teil seiner Aufgaben, die seine Mission unter den Völkern ausmachen. Wir glauben, unter diesen Voraussetzungen auch in gesetzestreuen Kreisen die jüdische Friedensbewegung unterstützen zu müssen. Ist es so wie ein Weiser Israels sagt, daß die Wurzel und Urzelle des Weltfriedens in des Menschen eigener Brust sitzt, dann kann aus dieser Bewegung nur Gutes erwartet werden in einer Zeit, deren haßverzerrtes Gesicht zuweilen an die geistigen und moralischen Nöte des deutschen Mittelalters erinnert. Die A b w e h r v e r e i n >e rufen zu einer Einheitsfront nachaußen auf, und wir können, zumal diese Einheitsfront wirklich nur nach außen gerichtet ist, diesem Rufe nicht widerstehen, wenn anders wir nicht gegen die Pflicht der Selbsterhaltung verstoßen wollen. Der Jüdische Friedensbund kann eine Abwehrstelle im höheren Sinne werden, in dem Sinne, daß er reinigend und entgiftend auf die Atmosphäre einwirkt; daß er den geistigen und geistlichen Führern der anderen Konfessionen, mit denen er naturgemäß zusammen arbeiten muß, die klare Erkenntnis beibringt, daß ein wahrer Friede unter den Völkern sich nur von unten herauf, vom Frieden innerhalb des Volkes und zwifchendenMenscheninnerhalb d e s S t a a t e s, dessen Bürger sie sind, aufbauen kann. Und die geistigen Führer und geistlichen Wer für Gott ist. zu mir! Von Saly Geis in Tel-Awiw. Schwer hämmert's im Kopf: Woher kommt Hilfe? Ist denn die große Judenheit allüberall in der Welt heute wie unter zermalmende Mühlsteine geraten? Die Adern spannen sich, die Augen schließen sich in der Anstrengung des Denkens, — und plötzlich erscheint wie mit Flammenlettern der Satz: „Moscheh sah das Volk, und es war verwildert, denn Aharon hatte es verwildern lassen zum Gespött bei seinen Wiedersachern". Aharon, der Redegewaltige, Aharon, der Hohepriester, kannte seine heilige Berufung und war von dem reinsten Willen beseelt, — doch er glaubte den scheinbaren Zwang der Umstände klug und politisch beachten zu sollen, während nur die impulsive schnelle Tat, selbst unter Einsetzung des Lebens, geboten war. Moscheh, der Mann der bedächtigen Zunge und Lippe, kennt nur Taten, er zerschmettert die Gottestaseln, wirst das von dem Volke verehrte goldene Kalb ins Feuer, zerreibt es zu Staub, streut den Goldstaub ins Wasser und läßt das Volk das Wasser und auf diese Weise sein goldenes Kalb trinken. Erst jetzt stellt er Aharon kurz zur Rede, um gleich darauf wieder Tat an Tat zu fügen. Er sammelt die Gott Treuen überträgt ihnen das sühnende Gericht, den Mut fordernd, in gleicher Weise gegen eigene Familienangehöre und Freunde wie gegen die anderen Sünder das Schwert zu kehren. Nur, wenn der engere Kreis ohne Rücksicht gesäubert wird, ist die Rettung des Ganzen möglich! Kann diese Episode der Thvra ihre Nutzanwendung in der Bedrängnis der Gegenwart finden? .Sicherlich ist auch die heutige orthodoxe Judenheit nicht arm an Männern, die das Gotteswort der Thora kennen und seine Ausbreitung in immer weiteren Kreisen Israels ehrlich erstreben. Heute steht jeder orthodoxe Jude, vor allen natürlich der Rabbiner, vor der Entscheidung, wie Aharon oder wie Moscheh die jüdischen Probleme seiner Zeit zu erfassen. Auch heute hängt die Gestaltung des jüdischen Geschickes nicht von oratorischer Begabung, auch nicht von lebenskluger und diplomatischer Handhabung ab. Auch heute gibt es nur eine Politik, die eben nichts von Politik weiß: „Wer für Gott ist, zu mir." Erst dafür sorgen, daß im engeren Familienkreise, dann, daß in der lokalen Orthodoxie, in Wahrheit Gott und nicht einem goldenen Kalbe, d. h. dem Reichtum, dem materiellen Erfolge, der Karriere, dem Tande äußeren Glanzes und Schimmers, gehuldigt werde! Das Kalb ist das dem Menschen dienende Tier. Aber wie viele Menschen, selbst innerhalb unserer Orthodoxie, tanzen um ein Kalb, wenn es nur golden ist! Soll die Judenheit gerettet werden, will jeder in un-, serer Orthodoxie sein kleines, unwichtiges Leben zu dem großen von ewiger Bedeutung eines Moscheh gestalten, dann: „Wer für Gott ist, zu mir!" Nur mit der unbeugsamen, Gott dienenden Wahrheit wird der Weg zur Rettung beschriften! kleines Feuilleton. Heilige Ruinen. .Es war im Sommer 1929, als ich auf einer kleinen Ferienwanderung durch das südliche Württemberg und Hohenzollern, von Nordstetten kommend, das bereits hohenzollerische Dorf Dettensee passierte — oder vielmehr passieren wollte. Denn das erste Gebäude rechts an der Landstraße zeigte im Stil so unverkennbar das Bild einer Synagoge und zwar, dem äußeren nach zu urteilen, das einer unbenutzten und verlassenen, daß ich beschloß, etwas zu verweilen, um mich über das Nähere zu vergewissern. Ich erfuhr, daß eine jüdische Gemeinde nicht mehr existiere und daß ein älteres unverheiratetes Geschwisterpaar die beiden einzigen noch am Orte lebenden Juden seien. Herr und Fräulein Hirsch empfingen mich freundlich, war ich doch nach langer Zeit wieder der erste Jude, der ihr Haus betrat. Der leidende alte Herr geht kaum mehr aus und so ist er von der lebendigen Berührung mit der jüdischen Welt abgeschlossen. Man denke sich: Kein Sabbatgottesdienst, kein Feiertag, kein Freudentag und kein Trauertag und dazu kein jüdischer Glaubensgenosse am Orte, der in der letzten Stunde zugegen sein könnte — den niederschmetternden Eindruck vollkommener Vereinsamung und Verlassenheit, den ich dort gewonnen, habe ich bis heute nicht vergessen. Freilich — die keineswegs nur synagogale altjüdische Frömmigkeit hält einen letzten Zusammenhalt mit dem jüdischen Zibbur aufrecht. Wöchentlich 1—2 mal holt sich Frl. Hirsch aus dem über eine Sttmde entfernten Mühring en Fleisch und auch die Mazzos sind alljährlich gleichzeitig eine Art Gruß der jüdischen Außenwelt. Mit

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