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Der Israelit · 1930-03-20 · Heft 12 (20.3.1930) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 12 (20.3.1930)
Date
1930-03-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die heutige Problemlage der Erziehungswissenschaft unterscheidet sich insofern von der gestrigen, daß sie den Unterschied zwischen Laien und Fachmännernfast vollständig verwischt hat. Die Fragen der Erziehung -in ihren theoretischen und praktischen Voraussetzungen, Schlußfolgerungen und Folgen greisengewiß auf alle Gebiete des Lebens über und zwingen Mediziner und Politiker, Eltern und Lehrer zur Stellungnahme. Da die Aushebung dieses Unterschiedes ganz jüdischen Grundsätzen entspricht, könnten wir uns darüber freuen. Was aber bedauerlich ist, das ist, daß diese vielen Kreise, die einander schneiden und kreuzen, mit erziehungssremden Interessen an die Jugenderziehung Herangehen und von erziehungsfremden Motiven sich oft leiten lassen.' Wird dadurch schon die Lage unübersichtlich, so wirdsie es noch mehr dadurch, daß wir heute mehr als je eine zielbewuhte, auf Zeit, Mittel und Kraft genau eingestellte jüdische Erziehung brauchen. Wir stehen im ernstesten Kampf um unsere Existenz im Westen wie im Osten, in Erez Jisroel wie in den Golusländern, denn das Golus ist Hier wie dort.*) Ich brauche nur an die antisemitische Welle in Deutschland, an die ernste Lage in Palästina und Rußland, an den wirtschaftlichen Niedergang des Bürgertums und den der Religion feindlichen Amerikanismus, an die sozialen Gegensätze unter den Erwachsenen und die inneren undäußeren Nöte unserer Jugend zu erinnern, um erkennen zu lassen, welch gewaltige Aufgaben heute der Erziehung gewiesen sind. Gewiß können sie nicht nur durch die Erziehung gelöst werden, aber soviel ist sicher, die Zentralprobleme heutiger Pädagogik sind.Lebensfragen des Judentums und die Lebensfragen der heutigen Judenheit sind letzten Endes Fragen der Erziehung. 1. Neben der Befähigung, sich recht und schlecht durchs Leben zu schlagen, ist doch wohl ein Höheres gemeint, wenn man von der Kulturauf- *) Wenn N. Goldmann kürzlich in München sagte, daß in Palästina, sowie jetzt schon erwiesen sei, das Judentum hundertprozentig in der Realität seines Lebens wurzle, daß dort das Gute und das Böse, was der Jude tue, jüdisch sei, so ist hinter diese Uebertreibung ein großes Fragezeichen zu setzen. gäbe der Schule spricht. Offenbar erhebt die- Schule damit den Anspruch, dem jungen Geschlecht die Kultur einer jeden Zeit zu übermitteln, die Form, in welcher sich der menschliche Geist zu betätigen suchte, ihm anzueignen. Was aus der Weltanschauung eines jeden Geschlechtes an Wahrheitsstreben, Lebenswillen, Schönheitssehnen und Rechtssinn verwirklicht worden und in Wissenschaft und Schule, -in Kunst und Lite-, ratur, in Technik und Handel, in Gesellschaft und Staat feste Form gewonnenhat, das soll dem nächsten Geschlecht überliefert werden, um darauf weiterzubauen. Wie aber, wenn diese Wissenschaft und Literatur, wenn Staat und Kunst, wenn Gesellschaft und Schule brüchig sind, wenn eine sogenannte Ueberkultur die Entwicklung des Seelischen und Geistigen mehr hemmt als fördert? Die Frage wird dann, wie seinerzeit durch die Aufklärung undspäter im Weltkrieg aufgeworfen, wie weit die Kultur der Generationen und Völker der Vergangenheit bei der Erziehung und Bildung der Gegenwart und Zukunft, die Kultur der Masse auf die Erziehung der Einzelnen einschränkend und zurückgreifend und vorgreisend maßgebend sein darf. Diese/ Frage nach der Maßgeblichkeit der Kultur, die nicht nur von extremen Parteigruppen, sondern auch von verschiedenen Kulturreformern aufgeworfen wurde, erhält bei uns noch ihren besonderen Sinn durch die Frage, ob die nichtjüdische Kultur uns Juden überhaupt etwas zu geben habe, ob sie nicht zum Abfall verleite, vom Lernen ablenke und die Sittlichkeit untergrabe. Das Problem, das in diesem Blatt seinerzeit unter dem Titel „Gesetzestreues Judentum und Weltkultur" aufgeworfen wurde, ist verschiedentlich zum Gegenstand der Besprechung gemacht worden. So manche stellten sich auf den Standpunkt, daß eine Bejahung der Kultur eine Verneinung des Jüdischen bedeute. Die einen zeigen in der Kunst und in der Wissenschaft diejenigen Elemente auf, die sich mit jüdischen Ueberlieferungen nicht vereinbaren lassen und verzweifeln an der Gewinnung einer Synthese, die ihnen neben der liebgewordenen Beschäftigung mit jenen Kulturgebieten ein positives Verhältnis zum historischen Judentum ermögliche. Da heißt -es: abrücken-, nicht von der Kultur, sondern von jenen Gebieten. 'Denn die Kultur ist uns nicht etwas Absolutes, was wir in all ihren Erscheinungen in sich beschlossen annehmen und werten. Das wird nicht nur von uns Juden, sondern auch von weltanschaulich ganz anders gerichteten Kulturpolitikern ausdrücklich abgelehnt. In seinen Lebensformen warnt Spranger geradezu von einer solchen Ueberschätzung: „Die Kultur eines Volkes bedeutet keineswegs nur die Verwirklichung echter Werte, es sind auch Scheinwerte in ihr enthalten, seien es Wertirrtümer, die auf theoretischfalschen Urteilen beruhen, oder subjektive Werte, die aus momentanen, oft zusammenhanglosen Wertungen hervorgehen, oder überhaupt ungelöste Wertkonflikte". Nur überindividuelle Wertmaßstäbe können nach ihm für die Unterscheidung zwischen dem, was zum Untergänge reif und dem, was an die Zukunft weiterzugeben ist, in Betracht kommen. Machen wir diese Einschränkung, treten wir der Kultur kritisch mit den Maßstäben unseres Gottes, mit den Forderungen, die E r an unsere Vervollkommnung stellt, gegenüber, dann muh eine Synthese möglich sein .Ohne hier — das gehört in gesonderte Aufsätze — im einzelnen verfolgen zu wollen, wie weit gewisse Grundlinienmoderner Kunst und Wissenschaft von uns bejaht werden können, glaube ich doch sagen zu können, daß nach Sprangerscher Einschränkung die Kultur uns nicht zum Allfall verleiten kann, nicht in ihrer wissenschaftlichen, nicht in ihrer künstlerischen und nicht in ihrer gesellschaftlichen Erscheinungsform. Es muß aber auch der Standpunkt der anderen gewürdigt werden, welche in der Art Forsts oder des in diesen Blättern häusig zu Wort gekommenen Dr. C. C. unter dem liebenswerten leidenschaftlichen Willen, alles Unjüdische, mag es noch so notwendig erscheinen, abzuwehren, entschieden zu weit gehen. Alle chassidische Terminologie darf uns nicht an der historischen Feststellung vorübergehen lassen, daß auch die jüdische Kulturauch die, welche von „hundertprozentigen" Juden als solche angesprochen wird, viele, viele Elemente nichtjüdischer Kultur in sich birgt. Es ist ein Unding, zu glauben, daß wir jemals historisch gewordene Weltkultur, wie sie sich im Laufe von tausenden von Jahren herausgebildet hat, so ignorieren könnten, daß wir uns nicht einmal mehr mit ihr auseinanderzusetzen brauchen. Es wird immer bis zu einem gewissen Grade möglich gewesen sein, sich abzuschließen, wo das Milieu, in dem die Juden lebten, besonders tief im Jüdischen eingebettet war. Aber eg lag immer im Wesen des Golus, daß solche Zeiten und Gegenden dem

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