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Der Israelit · 1930-03-13 · Heft 11 (13.3.1930) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 11 (13.3.1930)
Date
1930-03-13
Page
– (sequence 19)
Language
German
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WWW 13. März 1930 Der Israelit Nr. 11 Seite sich darauf aufbauen können. Diese Vorstellungen fehlen meistens noch beim Verlassen des Lyzeums mit Obersekundareife. Es liegt daher wohl in dem Interesse vieler Eltern von jungen Mädchen, die die Schule Ostern verlassen, ihren Töchtern ein. wirtschaftliches Frauenlehrjahr am besten auf dem Lande zu ermöglichen. Es dient zur allgemeinen weiteren Entwicklung, zur körperlichen Kräftigung, seelischen Auffrischung und geistigen Anregung, zur Klärung der Berufsziele und zur besten Vorbereitung des Berufes der jüdischen Hausfrau. Hannah Bodenheimer. am Hofe gelangte. Als Alphons einst von einem Rundgange durch die Residenzstadt, der ihn auch in den von den Juden bewohnten Stadtteil geführt hatte, zurückgekehrt war und von der ehrenvollen Ovation erzählte, die ihm heute wiederum von den Juden bereitet wurde, erhob sich Markus, der sich in der Umgebung des Königs befand und dieses Lob der Juden mitangehört hatte, und erklärte demselben, daß die Juden nicht im Entferntesten daran denken, ihm mit ihren heiligen Thorarollen zu huldigen; der ganze Aufzug sei eitel Schein und es seien nichts mehr als aufgeputzte Gehäuse von Thorarollen, die man ihm vor Augen stelle. Alphons wurde über dieses Trugspiel, das die Juden mit ihm getrieben haben sollen, sehr ausgebracht und beschloß, wenn Markus Anklage sich als richtig Herausstellen sollte, an denselben blutige Rache zu nehmen. Schon des anderen Tages wollte er, ohne es die Juden früher wissen zu lassen, in ihrem Quartier Der Saragossa-Purim in Jerusalem. In Jerusalem lebten etwa zwanzig jüdische Familien, die einer in ihrer Mitte bestehenden Ueberlieferung nach von ehemaligen jüdischen Einwohnern der Stadt Saragossa herstammen, welche im Jahre 1492 nach der Vertreibung der Juden aus Spanien in der heiligen Stadt sich angesiedelt haben. Daß in diesem kleinen Kreise von Nachkommen derselben das Bewußtsein ihrer gleichen Herkunft Jahrhunderte . hindurch sich erhalten hat und auch heutzutage noch einigermaßen gepflegt wird, hat seinen Grund in einem alten religiösen Brauche, der in der jüdischen Gemeinde in Saragossa erngeführt und mit einer geschichtlichen Erinnerung verknüpft war, die sich aus ein Ereignis bezog, welches für dieselbe ein besonderes Interesse hatte, nämlich in der Feier des im 15. Jahrhunderts entstandenen Saragossa-Purim. Die Einsetzung lokaler Gedenktage, die durch freudige oder traurige Begebenheiten veranlaßt wurden, war bekanntlich in früheren Zeiten nichts Seltenes, nur sind dieselben, da sie zumeist nur in einer einzelnen Gemeinde oder Provinz begangen wurden, nicht immer so allgemein bekannt geworden. Zunz hat in seinem Werke „Die Ritus des synagogalen Gottesdienstes" einen fast vollständigen Kalender lokaler Fast- und Festtage entworfen, zu welchen z. B. fünf bloß auf die jüdische Gemeinde in Frankfurt a. M. entfallen. Auch in Saragossa wurde alljährlich eine solche örtliche Feier gehalten, die sich auf zwei Tage verteilte, von denen der erste der mit Fasten verbundenen Bußübung gewidmet war, währenddem der folgende als ein Freudentag begangen wurde. Es ist dies schon aus dem einen Grunde, daß aus den Ländern der pyrenäischen Halbinsel sonst kein zweites Beispiel der Einsetzung einer lokalen Freuden- oder Trauerfeier bekannt ist, besonders zu beachten, der „Saragossa-Purim", welcher von den in Jerusalem wohnenden Nachkommen der aus der Hauptstadt Aragoniens stammenden spanischen Exulanten noch heutzutage in herkömmlicher Weise begangen wird, gehört aber auch zu den wenigen jährlichen Gedenktagen dieser Art, über deren Entstehung und Veranlassung in ausführlicher Weife Nachricht gegeben wird. Mit der Feier desselben ist nämlich der Vortrag einer Festgeschichte verbunden, in welcher der Hergang der Ereignisse, zu deren Andenken er eingesetzt ist, in klaren Worten und in volkstümlicher Weise dargestellt wird. Die Urkunde, die dieselbe enthält, ist in neuerer Zeit vollständig veröffentlicht worden, nachdem bereits in einer älteren Beschreibung der palästinensischen Grabstätten ein Auszug aus derselben gegeben wurde, der weder den richtigen Sachverhalt angibt, noch die Quelle erkennen läßt, der die Erzählung entnommen ist. Es wird nämlich in der auf Pergament geschriebenen Urkunde, aus der die betreffende Festvorlesung stattfindet, Folgendes berichtet. In der jüdischen Gemeinde in Saragossa, die fünftausend Familien zählte und zwölf große öynagogen hatte, war es vorschriftsmäßige Sitte, daß, wenn der König durch das Judenoiertel kam, ihm an der Spitze einer großen Prozession die zwölf Rabbinen und vierundzwanzig Rabbinatsadjunkten entgegenzogen, jeder eine Thorarolle, die sich in einem Gehäuse befand und mit kostbarem Zierrat behängen war, in der Hand haltend. Einmal kamen die Vertreter der Gemeinde, die es für ungeziemend hielten, daß stets bei solcher Gelegenheit die heiligen Schriftrollen auf die Straße hinausgetragen werden, auf den Gedanken, bei dieser Parade immer nur die mit allen Schmuckgegenständen derselben bekleideten Gehäuse zur Schau zu stellen. Das geschah nun so eine Reihe von Jahren hindurch, ohne daß es irgendwie bemerkt wurde. Da traf es sich aber, daß im Jahre 1428, dem zwölften Regierungsjahre des Königs Alphons V., ein Angehöriger der Gemeinde, dem dies nicht unbekannt war, zum Christentums übertrat und unter dem neu angenommenen Namen Markus zu einer Ehrenstellung zession. der Rabbiner mit den sechsunddreißig Thorarollen in Bewegung, und es wurde in möglichster Eile dem Könige die übliche Ovation dargebracht. Die Juden, die über diese hohe Gunst, die ihnen zuteil wurde, sehr erfreut sein mußten, gerieten aber bald in großen Schrecken, denn, wie der Leser bereits vermuten wird, drückte König Alphons den Wunsch aus, das heilige Buch der Gotteslehre zu sehen. Doch wie groß war ihr Erstaunen, als ein Gehäuse nach dem andern aufgeschlossen wurde und in jedem die zu ihm gehörende Gesetzesrolle sich befand! Nicht nur, daß sie mit erleichtertem Herzen ausatmen ttrnnten, sie wurden von Alphons belobt und in außerordentlicher Weise für ihr Wohloerhalten begünstig, ja, mit einem Erlasse ihrer Steuer auf drei Jahre belohnt, währenddem Markus, dessen Anklage sich als falsch erwiesen, in Ungnade fiel und den an seinen früheren Glaubensgenossen begangenen Verrat mit dem Leben büßen mußte. Zum Andenken an diese auf wunderbare Weise erfolgte Rettung der in der aragonischen Hauptstadt wohnenden Juden und den gleichzeitigen Sturz eines gefährlichen Widersachers wurde nun alljährlich an dem denkwürdigen Tage — den 17. Schebat, — an dem dies sich ereignet, nach vorhergegangenem Fasten ein Purim gefeiert und an demselben die den Hergang dieser erfreulichen Begebenheit beschreibende Saragossa-Megilla vorgelesen, welche Sitte denn auch die Nachkommen der jüdischen Familien, die vor der Vertreibung aus Spanien in Saragossa ihre Heimat hatten, bis auf den heutigen Tag noch beibehalten haben. Purim in Wolofchin. Wirtschaftliche Frauenschule-Wolfratshausen. „Im Hühnerhof". Fol: Helene Bteberkraut—München erscheinen und, wenn sie nun wieder in dem gewohnten Aufzuge vor ihm erscheinen, den Befehl geben, eines der ihm wohlbekannten silbernen Schränkchen öffnen zu lassen. In der diesem Tage vorangehenden Nacht wurde nun dem gottesfürchtigen Synagogendiener Ephraim Baruch von einer visionären Gestalt der Auftrag erteilt, sofort in die Synagoge zu eilen, die Thorarollen in die zu ihnen gehörenden silbernen Futterale hineinzulegen, nach Ballführung dieses Werkes sich wieder sofort zur Ruhe zu begeben und von dem Geschehenen Niemandem Mitteilung zu machen. In gleicher Weise wurden auch die Diener der anderen elf Synagogen veranlaßt, dasselbe zu tun. Am anderen Tage wurden nun die Juden wirklich wiederum durch einen Besuch des Königs überrascht, der, von Markus und anderen Würdenträgern begleitet, an der Spitze eines großen Gefolges und umgeben von dreihundert Bewaffneten seinen Weg durch die Iudengasse nahm. Sofort setzte sich auch die Pro- Wer die W o l o s ch i n e r I e s ch iw a in ihrer Blütezeit bis zu den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht gesehen hat, hat kein Jeschiwoleben gesehen. Wer den Woloschiner Purim nicht mit erlebt, hat keinen wahren Purim erlebt. Die Disziplin in der Jeschiwo war eisern. Nur an einem Tage im Jahr, am Purim, , waren alle Bande der Ordnung gelöst. Das heißt, man schuf sich an diesem Tage eine eigene Verfassung. Der vielgefürchtete M a s ch g i a ch war entthront, selbst die Autorität des Rabbi gebrochen. Die Purim-Konstitution hatte ihre alte Tradition. Die einzelnen Landsmannschaften, die Polen, Litauer, Ukrainer, Lettländer usw. wählten sich je einen Gabbe, und diese Delegierten wählten den Purim- Raw. Rabbi Naftali Hirsch, wie Rebb Chajrm hatten an diesem Tag wenig zu sagen. Der Gewählte mußte allerdings ein Jlui sein, die Kunst besitzen, den Rebben genau zu markieren und die verhaßten Aufsichtsbeamten die bittersten Pillen in witzigster Form schlucken zu lassen. Die Zeremonien, unter denen der Purim-Raw erst ins Bad und dann, eingekleidet, auf feinen Sitz geführt wurde, waren festgelegt. Am Purimmorgen hatte der Purim-Raw erst einen ernsten Pilpul vorzutragen, aber - unter genauer Kopierung des Rebben in Ton und Gebärde und Gestikulation. Darauf folgten die geistvollsten Parodien, Dinge zusammentragend, die gar nicht zu einander gehörten, voller ätzender Satire gegen Verwaltung und Aufsicht. Alles, was sich in einem Jahre ereignete, fand in diesen „halachischen Auseinandersetzungen" seinen witzigen und drastischen Ausdruck. Der Tag vergeht in Fidelitas. Es dunkelt. Die Rebbezin kommt und bittet zu Tisch. Es stehen lange, weißgedeckte Tafeln für etwa 600 junge Menschen. Es wird zwischen den Gängen getrunken, und zwar vom Neunzigprozentigen. Die Gesichter heitern sich auf. Die steifen Glieder werden elastisch. . Man erhebt sich und tanzt zwischen den Tischen. Und nun erreicht die Festfreude ihren Höhepunkt. Die Jünger bilden einen Kreis und in der Mitte Münzen Rabbi Naftoli Hirsch und der Purim-Rebbe, der. gefürchtete Jlui, der scharfe Kopf, der stets in latenter Opposition zum Rebben und zur Verwaltung stand. Sie halten sich umarmt und tanzen. Die große Zobelmütze hat der Bachur, der Primus, auf. Und jetzt umarmen sie sich und küssen sich. Die Jünger weinen vor Freude und jauchzen dabei. So ging es Jahr für Jahr, an dem Tage, der die alte Ordnung aufhob und eine neue für 24 Stunden schuf. Purim in Gailingen. Von Georg Gidalewltsch. Die Purimbräuche des Ostens und Westens unterscheiden sich nicht sehr voneinander. Man schickt „Schlachmones", es gibt „Lekach", wunderbare „Ho- . montafchen" und „Krepplach" und es wird bis spat Wirtschaftliche Frauenschule-Wolfratshaufen. in die Nacht hinein getrenderlt. „Beim Waschen." Einmal im Jahr zeigen sich da auch die „gesetz" Sät.: Helene Bteberkraut-Miinchen. ten Alten" ausgelassen. Während aber im Osten zur Zurimzeit noch heute sich die Jungen in phantastt-

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