Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1930)
- Date
- 1930-03-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 11 Der Israelit 13. März 1930' II kt ,»<?t ersten Ranges, so daß er den Ehrentitel führt „Rabbiner der Gemeinden Wien, Nikolsburg, Elsenstadt, Worms und Landesrabbiner in Ungarn." Der sagenhaft umkleidete Baron Diego Lopez d'Aguilar, den M. Lehmann in einer reizenden Erzählung verherrlicht hat, die eine Neuausgabe dringend verdient, flößte sogar der bereits zitierten Maria Theresia Respekt ein und war ein trefflicher Fürsprecher in Judennot. Auch das Wohltun und die Liebe zur Thora blühten oft. Ohne eigentliche Gemeinde werden zu dürfen, begründen sie im 18. Jahrhundert eine „Chewra Kadischa" und führen ihre Kinder dem Thoraftudium zu. Schon im letzten Lebensjahrzehnt von Josef H., der 1790 starb, ging die von ihm gestreute Saat der Ungleichung an die Umwelt unheimlich auf. Man „emanzipierte" sich, äffte fremde Sitten und Gewohnheiten nach, war streng darauf bedacht, seine Sonderart zu verwaschen. Tanzsaal, Theater, Speisewirtschaften wurden von Juden vielfach besucht, nach Ansicht der nicht davon entzückten Behörden heimgesucht. Heiligste Anliegen der Chewra Kadifcha: ihr Wirken bei Toten, ihr gemeinsames Lernen, ihr Fasten am Jaum Kippur koton, konnten mit Geld abgelöst werden. Man gerierte sich auch wissenschaftlich „aufgeklärt", betrachtete alles vom materialistischen Standpunkte der sinnlichen Wahrnehmbarkeit aus und streifte allmählich ernste Tugenden des Judentums, sogar vielfach seinen Glauben ab, nicht aus irgendwie zwingender Not, sondern aus Hang zum Lebensgenuß und um als „aufgeklärt" zu gelten. Der erste Täufling war damals ein Mitbegründer der „Chewra Kadfcha", Abraham Wetzlar, ein anderer Josef Michael Edler von Arnst e i n. Sie erhielten Sukkurs durch Zuzug vom Ausland. Allerdings erfaßte diese Manier keineswegs alle Kreise. Dem „aufgeklärten Despoten", wie manche Kaiser Josef n. nennen, folgte 1792 ein völlig unaufgeklärter Despot, KaiserFranz. Wer sich je mit der Geschichte seiner Zeit befaßt hat, weiß, was für ein finsterer Rechthaber und Dunkelmann dieser jede geistige Regung' systematisch unterdrückende Tyrann war. G r i llp a r z e r hat den Zustand, des damaligen Oesterreich einmal in die klassischen Verse gefaßt: „Ich weiß ein Land, das lag so unbeweglich — Kaum regt es seine Glieder wie ein Wurm — In Ringen schob sichs nach der Nahrung täglich — Die Zeit war nur ein Glockenschlag vom Turm." Daß die Juden auch feinen Despotismus spürten, ist selbstverständlich. Ein „Judenamt" mit der anfänglichen Aufschrift „Für Juden, Sesselträger und Fiaker" wurde eingerichtet. Die „Toleranz" der Aufenthaltsbewilligung eines Juden wurde vom Nachweis eines Vermögens von fl. 10.000, später fl. 60.000 und der Erlangung sonstiger Privilegien abhängig gemacht. Sie war nur persönlich, nicht auch für die Hinterbliebenen gültig, 1807 verlangte man bei der Verheiratung sogar den Nachweis, „wo allenfalls nach seinem Tode seine Wftzve oder Kinder ein Unterkommen zu finden hätten." Es würde zu weit führen, wollte man die Streifzüge des Verfassers alle verfolgen. Das Buch beansprucht historische Geltung und das Interesse der Juden aller Richtungen. —e—. Wolfratshausen. „Doch ist die Führung des jüdischen Haushalts der Beruf unserer Töchter von je die unentbehrlichste Kraft jüdischen Lebens gewesen." Dieser Satz fiel mir aus, als ich in einem Buche über jüdische Gebräuche blätterte und brachte mich zum Nachdenken. Es konnte sich in der Tat jüdffche Religion nur dort erhalten, -zfp. - Wirtschaftliche Frauenschule-Wolfratshausen. „3m Schulzimmer." x , Fot.: Helene Bieberkraut—München. wo jüdische Frauen selbst im Aufgabenkreis ihrer Wirtschaft standen und diese selbst ausfüllten. Die peinliche Ausübung verschiedener religiöser Pflichten im Haushalt wurde wohl von vielen Frauen oft auch als schwierig empfunden. Für das Judentum war die Bindung der Frau an das Haus von unschätzbarem Wert. So wurde der Hauptsinn des Frauenlebens nur auf das Wohl und das Glück der Familie gerichtet. Es ist sicher für unsere jahrtausendalte Geschichte von wesentlichster Bedeutung, daß der Kern unserer Gemeinschaft, das Familienleben, gesund blieb. In den letzten Jahrzehnten hat sich hier manches verschoben und geändert. Neue Interessen der immer schneller lebenden Welt kamen auch in das jüdische Haus und führten beinahe zur Geringschätzung alter, bisher ein Leben glücklich ausfüllender Tätigkeiten. Wir beobachten nun die bekannte Unsicherheit, die immer vorhanden ist, wenn Menschen in eine ganz neue Lebensatmosphäre hineingestellt werden. Sie finden sich nicht zurecht, finden den Mittelweg nicht mehr und gelangen^jmmer in die mit Gefahr verbundene Uebertrerbung. Das HauH wurde vernachlässigt, damit an¬ KM Wirtschaftliche FrauenschuleWolfratshause«. „Schülerinnen in der Küche." Fot.: Helene Bteberkraut—München. dere Interessen zu ihrem Rechte kamen. Die Folgen blieben nicht aus. Die Famllie wurde immer mehr auseinandergerissen, und die Töchter bekamen selbstverständlich mit dem Verschwinden der Kenntnisse auf diesem Gebiet immer weniger' Freude an den häuslichen Pflichten. Dieser Vorgang spielte sich ja in unserer christlichen Umgebung in viel größerem Maßstabe, in den großen Städten auch ab. Auch hier wird die Zerrissenheit des Familienlebens als gefährlich erkannt, sie ist aber immerhin nicht so unheilvoll wie bei uns. Bekanntlich bekommt die Großstadt immer noch den größten und den besten Teil ihrer Menschen vom Lande, und so gesundet sie wieder durch ihre ländliche Umgebung. Für uns Juden trifft dieses in dem Maße wohl kaum zu und daher ist die Einstellung jüdischer Frauen für Interessen, die wesentlich außerhalb des Hauses und der Familie liegen, viel unheilvollen. Man erkannte, daß die Volksgesundung durch Ertüchtigung der Frauen zu beeinflussen sei. Um die Frauen für die Dinge zu interessieren, wie man sie im eigensten-und im sozialen Interesse für sie für notwendig erachtete, schuf man neue Schulen. Führender Gedanke bei diesen Schulgründungen war, die jungen Mädchen zu tüchtigen Hausfrauen heranzubilden. Wenn jede Frau das wäre, wäre das ganze Elend bedeutend geringer. Andererseits wollte man aber auch die brachliegenden Frauenkräfte, die in vielen Familien und für die Allgemeinheit vollständig nutzlos waren, sammeln und sie der großen Gemeinschaft wieder nutzbar machen. Wurde doch aus irriger Lebensauffassung so manches Leben mit schönen Künsten und rein Geistigem ausgefüllt, ohne daß es je für die Umwelt beachtenswerte Leistungen. brachte. Allen diesen wollte man die Freude an der Arbeit wieder eröffnen und ihnen ein gediegenes handwerkliches Können neben wissenschaftlicher Begründung verschaffen. .Die Zeiten haben sich heute'so entwickelt, daß dieses Können Gott fei Dank für jedes junge Mädchen wieder eine unerläßliche Notwendigkeit geworden ist. Das ist auch in der jüdischen Gemeinschaft zum Ausdruck gekommen durch chie Gründung verschiedener Schulen, auf denen wir unsere jungen Mädchen je nach ihrer Vorbildung wirtschaftlich weiter ausbilden können. Die Unsicherheit der materiellen Existenz zwingt die Mädchen heute wieder dazu, sich nur auf eigenes Können und eigene Tüchtigkeit zu verlassen, und bringt die Eltern dazu, ihren Töchtern mehr denn je das für das Leben mitzugeben, wozu sie allein imstande sind, das sind Erziehung und Ausbildung. Die wirtschaftliche Ausbildung ist ein Gebiet, das für die allermeisten Mädchen von Bedeutung ist, da sie die hier erworbenen Kenntnisse in ihrer eigenen Familie gebrauchen können. Diese Kenntnisse sind ja heute um so notwendiger, je enger und unsicherer die materiellen Lebensverhältnisie werden. Abgesehen von dem Beruf der Hausfrau, bringt die wirtschaftliche Ausbildung viele junge Mädchen in andere sich darauf aufbauende Berufswege. Neigung und Eignung dazu kann aber erst in einem grundlegenden Ausbildungsjahr festgestellt werden. Die Ausbildung in dem Frauenlehrjahr einer wirtschaftlichen Frauenschule auf dem Lande ist so vielseitig, daß sie einem jungen Mädchen eine Vorstellung von den verschiedensten praktischen und wissenschaftlichen Berufen' gibt, die