Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1930)
- Date
- 1930-03-13
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 11 Der Israelit 1L. Mörz-, WM» schen Verkleidungen auf den Straßen Herumtreiben, ipielt sich im We>ren alles in der „Schul" ab. Eine Ausnahme macht Gailingen. Gailingen in Baden, in der Nähe des Untersee gelegen, ist ein Städtchen, das noch vor 30 Jahren fast nur von Juden bewohnt war. Damals stellten diese auch den Bürgermeister: doch ist bis heute ihre Anzahl sehr zurückgegangen. Aber sie haben noch ihre Synagoge, ihre Schule, ihren tatkräftigen Rabbiner und was besonders bis auf die Gegenwart nachwirkt, das ist die alte Purimtradition. Die Purimseier der Gailinger Juden, „Die Judenfastnacht zu Gailingen", wie sie in nichtjüdischen Kreisen genannt wurde, ist in der ganzen Bodenseegegend bekannt und berühmt geworden und von weither kommen dazu die Gäste. Nicht nur die Juden der umliegenden Gemeinden, auch die Nichtjuden feiern mit und nehmen teil an den Vergnügungen. Die „Judenfastnacht" trat in dieser allgemeinen Form zum ersten Mal im Jahre 1865 auf, während vorher Purim nur. im engsten Kreise gefeiert wurde und auf den Straßen nur vereinzelt Masken ihre Späffe trieben. Weil aber die Bevölkerung vorwiegend jüdisch war, wurde die „Gailinger Judenfastnacht" vom Bezirksamt immer genehmigt. Sie ist nun zur Volkssitte geworden und schon dadurch erleichtert, daß die Ugmangssprache der Gailinger christlichen Bevölkerung mit jüdischen Wörtern sehr durchsetzt ist. Aus dem Purimfest, das wir sonst nur im eigenen Kreis feiern, ist hier in Gailingen ein Maskeniest geworden, mit einem großen öffentlichen Umzug und dem üblichen „Mummenschanz". Wochen vorher wird das bevorstehende Purimfest zum Tagesgespräch der Gailinger Juden und der gesamten Bevölkerung am Untersee. In den Küchen wird gebacken und geschmort: in der Schule wird wahrscheinlich nichts mehr gelernt außer Purimoerfen und -spielen; Masken werden entworfen und die Phantasie aller ist vollauf beschäftigt mit Plänen. Wie im Flug vergeht die Zeit bis zum Fest. Dann treiben sich die Kinder, allerlei Ulk verübend, den ganzen Tag auf den Straßen herum und in ihren Verkleidungen sind sie kaum zu erkennen. Unter tosendem Beifall der Zuschauer, unter Paoierschlangen und Konfettiregen zieht der Zug durch das Städtchen. Alle Hoffnungen sind in Erfüllung gegangen, die Erwartungen sind weit übertroffen. Abends folgt der Ball, das Feuerwerk und andere Belustigung. Die Gäste zerstreuen sich, das Fest ist vorüber. Aber die Ereignisse bleiben noch lange das Tagesgespräch der Leute und alle Zeitungen berichten -ber die „Judenfastnacht zu Gailingen", die noch heute jedes Jahr am 14. und 15. Adar stattfindet, wenn auch seit dem Krieg der öffentliche Umzug sehr zurückgegangen ist, ebenso wie das öffentliche Maskentreiben der Juden. Sein Schutzengel. Von Bobby Hermann. Diese Geschichte ist wahr. Ich würde Sie Euch sonst nicht erzählen, denn ich weiß, Ähr hört lieber ein Geschehenes aus dem Leben, das Euch das Leben darstellt, wie es ist, als schöne Märchen, an die Euer Verstand Euch gelehrt hat, nicht zu glauben. Und doch werdet Ihr im Leben oft Vorkommnissen ausgesetzt sein, die an Abenteuerlichkeit alle Märchen übertreffen. Also hört zu: An einem Nowembertag des Jahres 1832 wurdendie Lolliken (die Einwohner der kleinen dänischen Insel Lolland) durch einen Bericht in der „Lolliker Amtstitende" höchstlichst erschreckt. Es stand dort zu lesen, daß die berüchtigte Räuberbande unter Anführung des „Köhler-Michel" wiederum ihr Unwesen auf der Insel triebe, deren Waldungen ihnen eine bequeme Zufluchtsstätte abgaben. Der „Köhler-Michel" und feine Bande waren den friedlichen Inselbewohnern in schreckhafter Erinnerung haften geblieben; denn schon vor etlichen Jahren einmal hatten sie ihr schreckliches Kommando ausgeübt, und Morde, Raubüberfälle und Brandstiftungen zeigten den Weg. den sie gegangen und auf welchem sie sich in ihrer ganzen furchtbaren Größe offenbart hatten. Man kann verstehen, in welchem Maße diese unliebsame Nachricht die Bauern, — die teils in einsamen Gehöften wohnten, teils sich in kleinen ärmlichen Ansiedlungen zusammengefunden hatten, — erschreckte. Nicht viel weniger jedoch fürchtete man die Räuber in der Stadt Nakskov, die zur damaligen Zeit auch nicht viel mehr als ein größeres Dorf war. Wie überall sprach man auch im Hause des Handelsmannes und Hausierers Abraham Nestel von dem Geschehnis. Er selbst saß oder vielmehr lag — seit Jahren von einer Lähmung in der linken Seite befallen — auf dem Sofa, während sein einziger Sohn — Hausgenosse, Pfleger, Ernährer der Famttie in einer Person — vom Tisch aus dem Vater die Zeitung vorlas. Abraham Nestel war ein Nachkomme derjenigen Juden, die in den sechziger Jahren nach Dänemark eingewandert waren und durch Fleiß, Gutartigkeit und Frömmigkeit in ihrer Umgebung einen guten Ruf genossen, und von den Einwohnern, den Lollikern, völlig als ihresgleichen betrachtet wurden. Karl, dem Sohn des Abrahams, oblag es nunmehr, jetzt nach der Krankheit des Vaters, die Aufrechterhaltung des kleinen Haushaltes zu bestretten. Er zog, wie sein Vater getan, und wiederum dessen Vater — jeden Morgen mit Tüchern, Kämmen, feinem Wollzeug, Strümpfen, kurz, mehr der nützlichen und dem Bauer will- Wirtschaftliche Frauenschule-Wolfratshausen. »Fröhliche Heimkehr." Fot.: Helene Bieberkraut—München. kommenen Sachen über Land, brachte abends den Ertrag heim, kochte ein einfaches Mahl, sorgte für den Vater und warf sich, todmüde aber zufrieden, nach dem Abendgebet aufs Bett. An diesem Abend, es war an einem Schabbos, sagte er mit Hinweisung auf einen Satz in dem soeben gesagten Gebet: „Kt Malochow Jezaweh Loch" — „Ich habe oft darüber nachgedacht, Vater: was nützt das alles, wenn einem unterwegs etwas zustößt. Ich weiß, daß man auf die Fürsorge Gottes bauen muß, und doch wissen wir, fallen wir zum Beispiel in die Hände des Köhler- Michels und seiner Bande, daß wir verloren sind." „Wen Gott in seine Hut nimmt, ist auch in den Händen der Räuber nicht verloren-" sagte der Alte bedächtig. „Diese Räuber werden kaum aus Gottesfurcht einen Menschen schonen," beharrte der Sohn, und in seinem Trotz zitterte die Angst mit, die ihn bei dem Gedanken an seine tägliche lange, einsame Wanderung überfallen hatte. „Ki Malochow Jeraweh Loch Lischmorcho bechol derochecho," murmelte der Alte, schon halb im Schlafen begriffen. Doch den Sohn hielten Zweifel, schwere Gedanken und Angst die Nacht durch wach. * * Kennt Ihr den Nebel, wenn er Euch plötzlich, weiß und undurchdringlich, in der Großstad: überfällt? Wie eine Wand schiebt er sich vor Euch, dicht wie sie, jedoch zugleich zerfließend und heimtückisch wie ein Schatten. Dich umfließend, läßt er kaltes, frierendes Grauen in. deinem Rückenmark hinaufkriechen: unerbittlich ist er und fängt dich, willst du ihn durchdringen, mit tausend, weißgrauen, stummen Schrecken wieder ein, türmt sich an jeder Sette um dich auf und läßt dich selbst in einer Großstadt das Gefühl tiefster Einsamkeit empfinden. Das ist der Nebel der Großstadt: — aber kennt Ihr den, der Euch auf offener Landstraße oder auf einsamen Feldern überfällt? Da: wißt. Ihr, daß er gespenstischer ist als der bleiche. Schrecken, daß die Gefahren, unermeßlich sind,, und die Einsamkett und das- Grauen eisig, und: tötend auf Euch springen und Euch überwältigen. So ein Nebel war es, der sich eines späten Nachmittages im November auf den nördlichen Teil von Lolland senkte. Ein Mensch keucht sich,, mühsam Schritt für Schritt vorwärts dringend,, durch ihn hindurch. Die rechte Hand ist, wie um das schleichende Ungetüm von sich zu halten,, abwehrend vor Augen und Stirn gepreßt, die linke stützt das halbloere Bündel, das er auf dem Rücken trägt. Es war Leo, der, von feinem täglichen Hausierergang zurückkehrend, von Nebel und Dunkelheit überfallen, seinen Weg verloren hatte. Keuchend blieb er stehen. Ein' Vorwärtsgehen war hoffnungslos, an ein Zurückwenden nicht zu denken, da er die Richtung verloren hatte und keine Hand vor den Augen sehen konnte. Er ahnte zudem nicht, wo er sich befand, ob auf einem Feld oder auf der Landstraße, war nur, wie ihm schien, eine . endlose Zeit, in Wirklichkeit jedoch kaum zwei Stunden umher geirrt, ohne anderes zu sehen als die verzweifelnde weihe, fließende, und doch in ihrer Undurchdringlichkeit feste Mauer vor ihm, die, alles mit grauen Tüchern verhüllend, ihr« fest umschloß. Kein Laut, kein Geräusch drang in die Stille. Ermüdet vor Anstrengung und großer Angst, beschloß er, immer weiter zu gehen, um auf diese Weise endlich einmal auf ein Haus oder Licht zu stoßen, um ein Unterkommen zu finden, wo er übernachten konnte. Eine Zeitlang tappte er vorsichtig vorwärts, indem er endlich zu bemerken glaubte, daß der Nebel ein wenig gelichtet war — meinte auch schon, die schwarzen Silhouetten einiger Bäume in der Dunkelheit unterscheiden zu können. Der Weg, den er ging, die ganze Landschaft, war ihm fremd. Sonst war er zu dieser Zeit immer schon im Hause gewesen; er malte sich die Angst und Hilflosigkeit des Vaters in grellen Farben aus, indem feine Hilflosigkeit das Peinliche feiner Lage noch verschlimmerte. Um ihn herum war Dunkelheit und Kälte, in ihm Hunger, Angst und Müdigkeit. (Forts, folgt.) Festspruch zu eines Gotteshauses Weihe. Von Karl Darmstädter. Wie mildes Licht das Haus flutend durchströmt, das wir zur Ehre Gottes neu geweiht, so strömt fortan der Dank, der schuldige, zu allen, die mit Wort und Werk der Hand den alten Bau so herrlich umgestaltet. Doch größer als der Dank der Festesstunde wird jener sein, der Tag um Tag aufblüht. Wenn uns die Stimme ruft, die in uns spricht, die Beter nahen, fern dem Lärm der Welt versinken in die Stille solcher Stätte, wenn wir des Werktags allzu dumpfe Last abwerfen an des Gotteshauses Schwelle, wenn Wort, Gebet und Lehre, Lied und Spruch voll Widerklang durch unsere Seele schwingt, wenn alles ringsum jubelnd Preis Ihm opfert,- dann weiß der Bauherr: nun ist es erfüllt, was Ziel und Losung war des Einst und Heute . . . Doch der von llrbeginn in jedem Stein die Stätte wies, des Weltalls Bauherr selbst, verlangt das Größere. Nicht daß im lichten Raum nur Seine Herrlichkeit gekündet wird, macht sinnvoll, was die Menschenhand hier schuf. — Wenn in des Alltags weiten Raum es dringt, das Gotteswort, wie Dellen in das All, wenn dorthin, wo des Lebens Meer aufrauscht, in graue Gassen Liebestat uns führt, dann schließt sich schön der Ring. Dann ist nicht Gottes geweihtes Haus ein Bau für Feierstunden, dann wogt es hin und her, und von der Menschen Tun erstrahlt das Gotteshaus in goldnem Licht . . . Dann fügen wir des Baues letzten Stein. Dann wird der höchsten Weihe Stunde sein.