Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1930)
- Date
- 1930-03-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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? 1 1 Ullustriert« Beil 3sraelif nqe zum,, i . Die Juden im alten Wien. Von Lndrvig Dato, Phaidon-Verlag, Wien. Nach dieser hervorragend aufschlußreichen und wertvollen Darstellung, die ein großes, meist bisher unbenutztes Quellenmaterial geschickt, sachkundig und fesselnd verarbeitet, kann man nicht Die Juden im alten Wien. Oberhoffaktor Samuel Oppenheimer (1630—1763). eben behaupten, daß die Habsburger je Freunde der Juden waren. Sie betrachteten sie als ein notwendiges, recht unangenehmes Uebel, konnten aber ihre Intelligenz und Finanzklugheit nicht entbehren und huldigten im Uebrigen in freier Abänderung des Goethe-Wortes vom Franzmann dem schönen Grundsatz: Ein echter Habsburger kann keinen Juden leiden — doch ihre Gelder nimmt er gern. Das taten sie denn auch weidlich und reichlich, ließen sie jeden Fuß Boden in Wien, jedes kleinste Menschenrecht mit schwerem Gelde erkaufen und leisteten damit der Einwanderung unter falscher Flagge vielfach Vorschub. Wie groß ihr anscheinend ursprünglich aus religiöser Verblendung entstandener, dann durch die kaiserliche Tradition geheiligter oder vielmehr verunheiligter Haß war, mag an zwei frappanten Beispielen verdeutlicht werden. Maria Theresia verbarg ihr holdes, in diesem Augenblick jedenfalls von Seelengüte strahlendes Antlitz hinter einer spanischen Wand, sobald sie ausnahmsweise geruhte, einen Juden zu empfangen. Als 1421 die Wiener Juden unter der abgefeimt wahnwitzigen Anklage der Hostienschändung standen, lehnten sie ihre Rettung durch die Taufe ab und warfen ihr irdisches Leben mit freudiger und heroischer Bereitwilligkeit hin. Sie bestiegen den Scheiterhaufen oder töteten sich selbst in der Synagoge. An deren Stelle ist nun heute noch eine Tafel mit der Aufschrift angebracht: „So erhebt sich der Ingrimm wütend durch die ganze Stadt, 1421, und sühnt die furchtbaren Verbrechen der Hebräerhunde. Die Welt ist nun gereinigt durch die Fluten und wird so wieder durch das wütende Feuer die Strafe büßen." Selbst das mit nur mäßigem Recht gerühmte und gefeierte Toleranzpatent Kaiser Josefs n. atmet keineswegs den Geist wirklicher versöhnlicher und weitschauender Duldsamkeit. Er hat sich dasselbe nur mit Rücksicht auf die Nützlichkeit der Juden für den Staat abgepreßt. .Er verwahrt sich deshalb auch schon zu Beginn ausdrücklich gegen eine irrige Deutung. Seine Absicht gehe keineswegs dahin, „die jüdische Nation in den Erblanden mehr auszubreiten wie da, wo sie noch nicht toleriert ist, neu einzuführen,' sondern nur da, wo sie ist, und in dem Maße, wie sie als toleriert besteht, dem.Staate nützlich zu machen." , Der Aufenthalt in Wien' wird immer noch von besonderer Regierungsgenehmigung abhängig gemacht, der Druck hebräischer Bücher soll möglichst eingeschränkt werden, Jmmobilienbesitz bleibt ihnen verwehrt, nur gewisse, auf die An¬ 'Mg* 'gr&T’ Die Buden int alten Wien. Isak Noah Mannheimer (1793-1865). gleichung und Assimilation mit den übrigen Völkern bewußt hinarbeitende Rechte werden erteilt. Wie weit er von wahrer Toleranz entfernt war, erhellt aus Folgendem: Leopold t. hatte bereits eingeführt, daß bei Ablegung eines Eides die Juden, ihre Hand auf die Stelle der „Tauchocho" (Wajikro, K. 26, V. 14) legen mußten. Josef H. Die Juden im alten Wien. Samson Wertheimer. Oberhoffaktor und Landesrabbiner (1658—1724). verschärfte das, in dem er in der Eidesformel diese Flüche auch auf die Kinder des Schwörenden ausdehnen ließ. Trotz dieser Intoleranz nahmen einzelne privilegierte Hofjuden einen hohen und geachteten Rang ein und gedieh auch zuwellen das jüdische Leben. Prinz Eugen von Savoyen, der aus dem Volksmund und unter dem Namen des „edlen Ritter" bekannte kaiserliche Generalissimus, anerkannte aufs Wärmste und Nachdrücklichste die Verdienste von Samuel Oppenheimer (1630—1703), den er den „Retter aus Türkennot" nennt und der in feinem^estament die auch noch für die Gegenwart denkwürdigen Worte prägt: „Im Allgemeinen sollt ihr sehen die Geschäfte zu führen und dem frommen Kaiser und seinen Räten an die Hand zu gehen, ehrlich und redlich, aufrichtig und getreu, so werdet ihr es genießen und werdet schon zurecht kommen." Ober Hoffaktor Samson Werthei-- m e r (1658—1724) leistet dem Staate gleich unschätzbare Dienste und ist außerdem ein Wohltäter, Talmudgelehrter und Talmudförderer