Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1930)
- Date
- 1930-03-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450611--76777-2534372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
13. März 1930 Der Israelit Nr. 11 Seite 5 den, wo der Verdacht des Götzendienstes ganz fernliegt.. Dem Grundgedanken des Schächtschmttes, der Forderung gegenüber, daß der Mensch nur durch s-emen Geist, nicht durch irgendwelche Gewalt, Herr des Tieres werden müsse, — ist selbst dann Einbuße getan, wenn nur der Anschein erweckt wurde, als habe man das Tier oder sein Blut irgendwelcher Elementargewalt „opfern" wollen. Ja, das Thoragebot der „Blutverdeckung" von Wild und Geflügel nach dem Schächten erhält jetzt einen deutlicheren Sinn. Gerade die beweglicheren Lebewesen, — Wild und Geflügel, — die der Mensch erst örtlich in seinen Bereich zwingen, an denen er zuerst Künste erproben muß, die ihn wohl durch verfeinerten Jagdinstinkt, nicht durch freiere Willenstätigkeit vom Tier unterscheiden, — gerade diese Lebewesen mit Einschluß des zahmen, dennoch beweglichen Hausgeflügels erwecken einen so starken Anschein der M ach t her r s ch a f t über die Tiere, daß diesen Anschein auch der Schächtschmtt nicht beseitigt, wenn, ihm nicht die „Blutverdeckung" Unmittelbar folgt. Aller schemmenschlichen Freude am dampfenden Blute des Erlegten ist damit von vornherein das Urteil gesprochen. Vergießest du Blut von „Eingefangenem", — d. i. Wild und jedweder Vogel, — bedecke es mit Erde, die' Saat sprießen lassen kann. Hast du keine Erde und keine Asche, die ihr Kraft gibt, so zerreibe dein Goldstück, verbrenne deinen Rock, um Staub zu erhalten, — aber laß nicht unverdeckt das Blut des „Eingefangenen". (Daß die Thora keine Vogelarten in der Weise als „zahm" heraushebt, wie es mit den Haustieren -nana im Gegensätze, zu 'Ti geschehen, — mag auf nicht-symbolische, einfach kulturhistorische Weise seine Erklärung' finden: Die Haustierarten waren stets und überall die 'gleichen, die Hausvogelarten aber wechselten sehr oft. Zur Zeit der Thora scheint zu ihnen nur Taube und Turteltaube gehört zu haben; zur Zeit der Mischna ist auch vom Haushuhn und der Gans die Rede. Erst in nachtalmudifcher Zeit Ist auch von der Ente die Rede, und im Hohenlied e erscheint die Taube als vbvn Vogel der Felswildnis.) * 8. Die Schechita erscheint somit zwar als Gebot der M e n s ch l i ch k e i 4 Aber Menschlichkeit hat hier nicht den allgemeinen Sinn der „Milde", sondern bedeutet: vollendetes Menschentum, Tätigkeit des bewußt e n f r eien Wullens, Fernbleiben al l es G e w ält>f a m en u n d-J.nst i aktiv e n. - 9. So hat Samson Raphael Hirsch in seiner gewohnten genialen Vorahnung eine Verteidigung d^s Schächtens geschrieben, die der, landläufigen Methode himmelweit überlegen ist. Letztere reichte aus, solange, die Schächtgegner nur Grausamkeit uns vorwarfen. Seit sie aber Trieblosigkeit uhd ' Hernunfth'errschaft uns zum Vorwurf machen, gibt es keine Abwehr mehr als die, ätt uns deutlich die sittlich befreiende Wirkung bei Gesetzessymbolik zu verwirklichen, nämlich dem jüdischen Leben bis zum letzten Anschein alles zu nehmen^ was nach entmenschender Wirkung der vom Gesetze gebotenen Trieblosigkeit aussieht. Darum sollen gerade Männer des Wissens die heilige Arbeit, des Schächtens zur' Ihrigen machen. Denn der Schachtschnitt ist Sinnbild u n d V e r w i r k l i ch u n g des höchsten Gedankens, dessen Gott uns durch die Thora fähig gemacht: Erhebe frei bewußt die Schöpfungswelt zu dir und dich zu Gott. — Daher lautet die ewige Forderung an üns: Lasset die Gesetze Gottes nicht bloße Symbole sein. Uebet sie und wachset in ihnen aus bloßer Menschlichkeit zu edelstem Menschentum. An die Welt aber ergeht der Schrei des Schächtgebotes: Wollet ihr den Gewalten des Gewaltgötzentums entgehen, —. trifft euch: der Uebermut von Siegervölkern, — dann tötet nicht'den letzten Rest der Herrschaft des Geistes. Raubet nicht denen, die es ausüben, das Gebot, selbst dem Tier nicht als Gewaltherr, sondern als höheres, edleres Wesen zu begegnen. Störet nicht, verbietet nicht, machet nicht durch Schikane unmöglich, nicht durch Betäubungsvorschriften wertlos den Schächtschnitt. Raubet dem Diesseits nicht die Erhebung zu Gott! Korrespondenzen « nacbricim«. Deutsches Reich. Reifeprüfung am Realgymnasium der Adah 3i$roel Berlin, 9. März. Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Judenheit hat an einem jüdischen Gymnasium die staatliche Reifeprüfung stattgefunden. Die Prüfung erfolgte in dem im Jahre 1919 gegründeten Realgymnasium der Adaß Jisroel zu Berlin. Sämtliche Abiturienten bestanden das Examen. Der als Vertreter des Prooinzial- Schulkollegiums anwesende Oberschulrat drückte in seiner Schlußansprache seine besondere Zufriedenheit aus. Er ermahnte die Abiturienten, in einer Zeit der Technik und Maschinen nach der Lehre ihrer Schule die Seele nicht zu vergessen und im Berufe durch stetes Eintreten für Ueberbrückung der Gegensätze dem Staate zu dienen. Die erste Reifeprüfung für die Schülerinnen des Oberlyzeums der Adaß Jisroel findet im nächsten Jahre statt. Aussprache über Maßnahmen zur Bekämpfung der Erwerbslosigkeit. Berlin, 5. März. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde hat einen Kreis führender Persönlichkeiten aus dem Wirtschaftsleben zu einer Aussprache über Maßnahmen zur Bekämpfung der Erwerbslosigkeit unter den Juden nach dem Brüdervereinshaus in der Kurfürstenstraße eingeladen. Der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Direktor K a - r e s k i, eröffnete die Versammlung. In der Aussprache bespricht Abgeordneter Professor Georg Bernhard die jüdische Notlage infolge des wirtschaftlichen Boykotts gegen die Juden und sagt: Die Abwehr kann nicht allein Sache der jüdischen Gemeinden sein, die keine Kampforganifation sein soll, die Gemeinde müßte sich tri diesem Arbeit mit anderen Organisationen teilen. Aber eines kann die. Gemeinde tun: Die Arbeitgeber aufklären über die Qualität der jüdischen Arbeitnehmer und über die ungerechte Zurücksetzung, die sie erfahren. Herr Direktor Wilhelm.Kleemann vertrat den gemeindepolitkschen Standpunkt. Die Jüdische Gemeinde empfindet die Zunahme der Erwerbslosigkeit zu allererst. Einerseits sinken die Steuereingänge, andererseits steigen die Bedürfnisse für das Wohlfahrtswesen an, das in diesem Jahre dreieinhalb Millionen, also 30 Proz. des Etats, erfordert. Die Gemeinde übt ihre Wohlfahrt nach modernen sozialpolitischen Grundsätzen. Den gefährdeten selbständigen Existenzen werden durch die Kreditkassen Darlehen gewährt. Die Erfahrungen sind günstig, gegen 90 Proz. der Darlehen werden zurückgezahlt. Die Gemeinde unterhält ferner einen von den Berliner Logen übernommenen Arbeitsnachweis, der über 5000 Arbeitsuchenden im Jahre (1929 waren es 5900) Arbeitsplätze zumeist. Die Gemeinde wendet ihre Fürsorge der Heranwachsenden Generation zu, indem sie eine Berufsberatungsstelle eingerichtet hat und im Sinne der Berussumschichtung wirkt. Der Redner richtete an die Anwesenden die Bitte, diese Seite der Gemeinde - Wirksamkeit zu unterstützen. In der weiteren Aussprache kamen zum —.orte Syndikus Dr. Arthur Schweriner vom Zentral-Verein, der. über die Arbeit des Zentral-Vereins für Schutz der jüdischen Arbeitnehmer berichtete, Redakteur Moses Wald mann, der das Bestehen einer wirtschaftlichen Äudenfrage feststellte und darum eine jüdische Aktion für notwendig erachtete; Direktor Bach, der zugleich auch den Standpunkt der Großloge darlegte: ferner die Herren Georg Tietz, Manes, Dr. Gaspari, Simon, Neuberger, Jakobowitz und Alfred Berger. Prof. Georg Bern h a r d zog zuletzt die Schlußfolgerung, daß es notwendig fei, unter Vermeidung jeder Einseitigkeit die ganz unverhättnismäßig stark unter der Erwerbslosigkeit leidendest, well zu Unrecht benachteiligten jüdischen Arbeitnehmer zu ermutigen, indem man das gegen sie herrschende Vorurteil beseitigen und ihnen ihren Platz im Wirtschaftsleben sichern hilft. Eine Kundgebung des Zentral-Vereins in Hamburg. Hamburg, 5. März. Vor einigen Tagen fand in Hamburg eine vom Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einberufene Versammlung statt, in der Herr Gemeinderabbiner Dr. C a r l e b a ch - Leipzig und der stellvertretende Syndikus des Zentral-Vereins, Herr Dr. Hans Reichmann, über das drohende Schächtverbor sprachen. Mehr als 500 Zuhörer, die größtenteils den gesetzestreuen Kreisen Hamburgs angehörten, waren anwesend. Herr Gemeinderabbiner Dr. C a r l e b a ch verlangt gegen die Verdächtigung der Tierquälerei eine jüdische Einheitsfront in dem Bewußtsein, daß unser altes Grundgesetz, das Mitleid mit der Kreatur und Tiersteundfchaft verlangt, wie sie sonst nirgends so stark verlangt wird, eine Tötungsart, die nicht eine Qual des Tieres nach Möglichkeit vermeidet, niemals gestatten würde. Er legt die beiden Gedanken: tierfreundliche Gesinnung und Forderung des Gesetzes seinen weiteren Ausführungen zugrunde, erklärt das Schächten für die humanste Tötungsart, was von Autoritäten wie Geheimrat Engelmann, einem der bekanntesten Physiologen, in einem wissenschaftlichen Gutachten bestätigt wird, in welchem er dartut, daß dies Verfahren allen übrigen vorzuziehen fei, und die Frage aufryirft, ob nicht das Schächten allgemein werde solle. Alle Versuche der Gegner, ein Schächtverbot zu erreichen, seien nicht begründet in der Liebe zu den Tieren, sondern das Schächtgebot sei lediglich eine Zielscheibe antisemitischer Angriffe. Es werde Meder , einmal versucht, einen Eingriff in die uns verbrieften Kulturrechte zu unternehmen und die Gewissensfreiheit der jüdischen Bevölkerung einzuschränken, man wolle unter dem Deckmantel des Tierschutzes die Juden treffen. Darum fühlt vor allem der Zentral-Verein, der für die Gleichberechtigung und Gleichheit der Juden auf allen Gebieten kämpft, die Verpflichtung, seine Kräfte einzusetzen in diesem uns von unseren Gegnern aufgezwungenen Kampfe. . Herr Dr. Hans Reichmann ergänzte die Ausführungen des Herrn Gemeinderabbiners Dr. Carlebach die Markender Tang er mübder Schoko!adenfabriK J. Neu auf genommen HDD /V *1120 Neu aufgenommen Alleinvertrieb durch die Firma ...... 18, Landsbergerflraße 91