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Der Israelit · 1930-03-13 · Heft 11 (13.3.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 11 (13.3.1930)
Date
1930-03-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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13. März 1930 Der Israelit Nr. II Seite 3 ren — das deutsche Bürgerrecht n a ch g e s u ch L und erhalten haben, wert bessere Deutsche sind, als der heute yoch mit ö st e r r e i ch i f ch e m Passe in München wohnende undwirkende nationalsozialistische Volkstribun!, der für „teutsche Art und teutsches Wesen zur höheren Ehre Wotans, kämpft!" So ist es denn doch wahr! Die von der Jüdischen Telegraphen-Agentur vor einiger Zeit gemeldete, Auflösung der „Jewsekzija" (jüdische Sektionen der kommunistischen Partei) durch das Zentralkomitee der kommunistischen Partei Rußlands wird NUN offiziell bestätigt. Die in Minsk er- -cheinende jiddische kommunistische Tageszeitung „Oktiabr", die diese offizielle Mitteilung bringt/ schließt hieran die Bemerkung, daß die Auflösung der Jewsekzija eine Maßnahme sei, die mit der allgemeinen Reorganisation der Parteimaschine ne in Zusammenhang stehe. Die Nachricht wird von der jüdischen Welt wie eine frohe Purimbotschaft ausgenommen werden. Der „Oktiabr" bemerkt weiter: „Mit der Abschaffung der Jewsekzija wird sich die Lage der Juden im Sowjetreich sowohl in legaler als auch in wirtschaftlicher Beziehung zweifelt o e verbessern, weil nun anstelle der Jewsekzija die kommunistische Partei selbst an den Angelegenheiten des jüdischen Lebens direkt interessiert fei und so auch die direkte Verantwortung für die Arbeit zum Wohls der jüdischen Bevölkerung tragen wird." Diese Meinung und Hoffnung brachten wir bei Wiedergabe der ersten Meldung zum Ausdruck. Wir finden sie bestärkt in der Mitteilung, daß Stalin, der zur Zeit erste und oberste Sachwalter Lenins, sich sehr abfällig gegen die zwangsweise Durchführung der Kollektivierung ausgesprochen und mit einem scharfen Erlaß den übereifrigen Subalternen Halt geboten hat. Ob der gleiche Stalin, dem nunmehr auch die jüdischen Angelegenheiten unterliegen werden, mit gleicher Energie und gleichem Verständnis den fanatischen 'Usbereifer derer, die „gegen Gott und die Seelen" kämpfen, in die Schranken zu weisen wissen wird? Hoffen wir's. Auch eine Srikik. Von Direktor Dr. Markus Elias in Franlsurt a. M. In der Februarnummer des misrachistischen Zionsblattes nimmt Rabbi Binjamin Bezug auf einen von mir im August in diesem Blatte erlich zu jenen Menschen, die wirklich interessante Ansichten haben. Auch das war schließlich nicht der schlechteste Gedanke, dreißig Millionen Francs zur Errichtung von Wissenschaftlichen Laboratorien an der Paris er Universität zu spenden. Wahrlich nicht der schlechteste Gedanke. Und er ist Jude! Und noch dazu was für ein selbstbewußter Jude! Und er ist stolz darauf, daß er Jude ist. Eines Tages, ich wargerade sehr schlecht gelaunt, begann ich vor ihm auf die Juden zu schimpfen. Da erhob sich der alte Herr, schlug mit der Faust auf meinen Tisch, auf meinen Ministerpräsidentent r s ch, Herr Sekretär, und brüllte mir förmlich ins Gesicht: „Schweigen Sie, Herr Clemenceäu, das Judentum Und Israel sind das größte Volk auf dem Erdenrund!" Und er begann mir einen Vortrag zu halten über die Makkabäer. Wissen Sie, Herr Sekretär, ich liebe die Makkabäer nicht. Aber das gefällt mir unendlich gut, wenn jemand sich nicht dessen schämt, was er ist, und vor allem sich nicht dessen schämt, daß er Jude ist. Denn ein Mensch kann nur so etwas fein, daß' er es vollständig ist. Die übrigen Juden find leider nicht alle so geartet wie der alte Rothschild." S c kr etär : „Herr- Präsident, was für ein großartiges neues Auto haben Sie? Was haben Sie mit Ihrem alten Citroenwagen gemacht?" E l e m e n c e a u: „Ich sage es Ihnen.sofort. Ich fuhr zum Aütokönig C i t r o e n. Ich übergab ihm meinen, alten Wagen und-sägte, daß ich ihn gegen einen neüen umtäuschen möchte. Citroen sah mich an und nnWortete: ,;Geht in Ordnung, Herr Präsident, aber von einem Manne, wie Sie, der.Frankreich gerettet Hai, kann ich .quch nicht einen Sou annehmen." Ich schaue ihn verstasidnislos an, denn es .gibt nur wenige Franzosen, die Mt mir trt einem solchen Ton zu sprechen pflegen. Dann sagte ich Hm: „Hören Sie, Citroen, der Einfall schienenen Artikel über „Gesetzestreues Judentum und Weltkultür". Er hat inzwischen Zeit gehabt, den Artik.l gründlich zu lesen undist enttäuscht. Der Titel, meint er, verspreche mehr als der Inhalt halte. Das kommt natürlich darauf an, was man unter diesem Titel erwartet. Die Begründung, die er für seine Enttäuschung angibt, daß der Artikel „nur über Schulunterricht" spreche, stimmt sicher nicht, wie jeder, der ihn noch ungefähr in Erinnerung hat, wissen wird, und wie Rabbi Binjamm selber gegen seinen Willen in der sehr ausführlichen und verständnisvollen Wiedergabe beweist. Trotzdem glaube ich ihm gerne, daß der Artikel ihn enttäuscht hat. Sachlich kann er nämlich nichts dagegen einwenden. Er stimmt vielmehr, meinen Ansichten im allgemeinen zu. Formell auch nichts. „Der Artikel ist sehr schön geschrieben, in Abschnitte gegliedert, logisch aufgebam und — da hat er ihn gefunden, den Gegenstand der Kritik: „er ist mit seelischer Ruhe oorgetragen." Wie -er das wissen kann? Das ist ein Geheimnis. Aber nur für mich. Für ihn ist cs klar. Wie kann es anders sein, wenn einer schön schreibt, logisch gliedert und — was die Hauptsache ist — „zur gesetzestreuen Judenheit Deutschlands gehört?" Da muß man „nach der Pfeife von andern - tanzen, muß sich Tag und Rächt (!) den Wünschen und Lebensformen, der Sprache und Tracht, der Namensgebung und den Theaterbesuchen, den Bräuchen und Verführungen anderer anpassen, im Lachen und Weinen, in allem und jedem". Das ist sehr schlimm. Aber über den Verfasser und seine Gesinnungsgenossen wundert er sich „nicht übermäßig" (warum überhaupt?). Sie > haben sich mit dem Gedanken des Galuth abgefunden und machen alle Anstrengungen, um sich doxt einzurichten. Und wenn ihre Töchter arm sind, lasten sie sie, da sie nicht heiraten können, zweifellos in Geschäften arbeiten, die an Sabbaten und Feiertagen nicht geschlossen sind. Und trotz alledem finden sie sich auch mit dieser Tatsache ab, man findet sich überhaupt mit allem ab, und man prahlt noch: „Wohl uns, wle^gut ist unser Teil und wie lieblich ist unser Los!" Was sollten sie tun? Ganz einfach: Warum gehen sie nicht nach Palästina? Er hält zwar selbst eine große Uebersiedelung nach Palästina augenblicklich für unmöglich, wenigstens bis eine Kleinigkeit erledigt ist: „bevor wir zu einer Uebereinkunft mit den Arabern gekommen sind". Aber er glaubt, „daß bestimmte Teile des jüdischen Volkes, wie z. B. die deutsche Orthodoxie, schon, heute nach Zion übersiedeln können, da bei ihr alle notwendigen Vorbedingungen gegeben sind". ist nicht schlecht. Ich nehme das Geschenk, hingegen nehmen-Sie diese zehntausend Francs und widmen Sie sie in meinem Namen Ihren Arbeitern." Sekretär: „Und hierauf erhielten Sie diesen herrlichen neuen Wagen. Ich höre übrigens, daß Citroen Ihren alten Wagen nicht verkaufen will." Clemenceäu: „Auch ich habe davon gehört. Angeblich will er den Wagen einem Museum schenken. Ein seltsamer Mensch, dieser Citroen. Jude. Aber er ist ein sehr guter Jude. Denn Sie müssen wissen, lieber Freund, es gibt auch sehr gute Juden." Sekretär: „Natürlich, nicht alle haben an der Kreuzigung teilgenommen." Clemenceäu: „Die Kreuzigung? An ihr hat alles teilgenommen, lieber Freund, nicht nur die Juden. Sie wird sogar heute noch fortgesetzt . . ." Georges Mandel, von dem hier die Rede ist, ist jener jüdische Abgeordnete, der zu den intimsten Freunden und Anhängern Clemenceaus gehörte und Gegenstand der heftigsten Angriffe und dankbares Objekt der Karikaturisten war. Clemenceäu: „Da fällt mir ein, daß Mandel heute früh b'ei mir zu Besuch war. Er setzte sich in meinen Fauteuil und. sprach ununterbrochen eine halbe Stunde lang. Ganze Sturzuäche der Worte quollen aus seinen Lippen, aber, ehrlich gestanden, viel Sinn hätten diese Worte nicht. Mandel stammt von den Propheten, er predigt gerne." - Sekretär: „Er hat letzthin gegen die Regierung gestimmt. Oder stimmte »er für die Regierung?" Clemenceäu: „Rein, gegen die Regierung. Mandel ist ein mutiger Mensch, der sich nichts daraus macht, wenn er auch allein bleibt. Ich rechne es ihm als großes Verdienst an, daß er. sich niemals seine Gedanken von anderen holt. Er schöpft immer aus eigenem. Es ist eine große Frage, ob die Juden ins Paradies hin- „Sie braucht keine Hilfe von außen, und wenn sie' heute beschließen würde: mit unseren Jungen und Alten, mit unseren Reichen und unseren Armen (!) wollen wir ziehen, könnte sie den Beschluß ohne weiteres in die Tat umfetzen". Rach dieser phantasiereichen Einsicht in den bösen Willen und die gute materielle Lage der deutschen Orthodoxie folgt eine ebenso phantasiereiche Schilderung des gesegneten Lebens, das sie angeblich in Erez Jisrael führen könnte. Denn alle Zwiespältigkeit der jüdischen Seele, alle Abhängigkeit des Juden von nichtjüdischen Bedingungen ist nach seiner Ansicht durch die Umwelt im Golus, oder bester gesagt, in den Ländern außerhalb Erez Jisraels, verschuldet und verschwindet, sobald man sein Leben auf dem Boden einer jüdischen Gesellschaft in Erez Jisrael aufbaut. Rur schade, daß diese ganze Voraussetzung ein wirklichkeitsfremder Traum ist. Die assimilierenden Einflüsse der nichtjüdischen Umwelt hier sind gewiß gefährlich. Aber sie sind verschwindend klein gegenüber den abgrundtiefen Gegensätzen zwischen Leugnung und Gläubigkeit oder, um die treffenderen hebräischen Ausdrücke zu gebrauchen, zwischen m’S3 und nnrax, die sich dort innerhalb einer ihres jüdischen Volkstums sich rühmenden Gesellschaft üusbreiten. Daß in Erez Jisrael Theater, Kino, Fußball und sonstiger veräußerlichender Sport in genau demselben Maße blüht wie in der Diaspora, soll nur nebenbei bemerkt werden. Aber lebt etwa die wissenschaftlich drapierte völlige Leugnung aller jüdisch-religiösen Werte im höheren Schulwesen des Landes, inden Lehrhallen der Universität, in der Presse und in der öffentlichen Meinung Palästinas darum weniger als in Berlin und Frankfurt, weil sie in der heiligen Sprache vorgetragen wird? Es ist eine Wahnvorstellung, zu glauben, daß die Gefahren der inneren Entwicklung heutiger Jugend, .die Konflikte zwischei^ Weltkultur und Judentum auf dem Boden- Erez Jisroels leichter zu schlichten und niederzukämpfen sind, als in der Diaspora. Aber Rabbi Binjamin meint ja gar nicht das Problem, das ich behandelt habe, er hat nur davon so lange gesprochen, weil er an den Misrachi eine Frage stellen wollte; ob sie sich endlich entschließen werden, nach Erez Jisrael zu kommen, oder ob sie etwa „gleich den Gesinnungsgenossen von Dr. Elias Vorhaben, sich in der Fremde einzurichten", ob sie „auf dem Wege des Dr. Nathan Birnbaum und der Aulim gehen wollen und ob auch ihnen das Golus schmeckt". Diese Frage kann ich ihm natürlich nicht beantworten. Ich habe zwar in Erez Jisrael geeingelafsen werden. Es würde mich furchtbar ärgern, wenn ich mich im Jenseits anderswo aufhalten müßte als Mandel." Sekretär: „Hoffen wir, Herr Präsident, daß Sie dort drüben einander begegnen werden." Die Adar-Aktiov zur Zeit des Tempelheiligtums. (Nach Maimonides Mischne Thora, Vorschriften über Schekolim, Kap. I, 1, 9.) „Es ist ein Gebot der Thora daß jeder jüdische Mann den halben Schekel alljährlich gebe, sogar der Arme, der sich durch Almosen ernährt, ist dazu verpflichtet. Er möge sich von anderen das Geld ausleihen oder sein Kleid verkaufen und einem halben Schekel geben nach der Thoravorschrift: der Reiche nicht mehr und der Arme nicht weniger. Man gebe es nicht in Raten, heute einen Teil und morgen einem Teil, sondern das Ganze auf einmal." „Am 1. Adar wurde ein Aufruf erlassen, daß ein jeder seinen halben Schekel vorberqite, um ihn dann geben zu können. Am 15. Adar haben die Einkassierer in jeder Provinz ihr^Forderungen erhoben. Wer ihnen gab, vv n dem nahm matt, wer ihnen nicht gab.^den zwang man noch nichts Am 25. Adar begann die Erhebung des Schekels im Tempel. Von da an und weiter zwang man denjenigen, der nicht gegeben hat, bis er gab und wer nicht gab, den pfändete man." Die Thorapflicht des Schekels erstreckt sich nur auf die Zeit des Tempelbestandes, aber Agudas Jisrael ruft nach geheiligter Tradition auch heute auf, in Erneuerung des Geistes jener halben Schekelfpchide für den "Wiederaufbau des alten Heiligtums einzutreten.

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