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Der Israelit · 1930-03-13 · Heft 11 (13.3.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 11 (13.3.1930)
Date
1930-03-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 11 Der Israelit 13. März 1930 unser jüdisches Volk erhalten, ■pal» 118 V222V» Der Adar steigert nur die Freude, sie, die Freude am Leben und am Schaffen, ist n i e ganz aus dem jüdischen Herzen! geschwunden, sie muß nur angeregt- und vermehrt werden. Möge es die A d ü r a k t i o n der Palästina-Zentrale getan haben! Mordechai begegnet, da er, in Sack gehüllt und Asche auf dem Haupte, die Todesnot eines ganzen Volkes im Herzen, sich auf die Straße begibt, drei jüdischen Kindern, die, aus der Schule kommend, ihm Bibelsätze neuer Kraft und Hoffnung wie leuchtende Blitze in die Nacht werfen. Mordechai wußte: die Rettung war damit aus reinem Kindesneide verkündet, die Erlösung mußte kommen! . . . In der Not, wie sie in diesem katastrophalen Umfange die jüdische Gemeinschaft auf dem Erdenrund noch nicht erlebt hat, schreien Kinder zu uns, Kinder aus dem Heiligen Lande; sie rufen uns heilige Verse zu, die. sie gelernt haben, von denen sie noch mehr und mehr lernen möchten. Und es schreien zu uns tausend andere Kinder, aus unjüdischen, nichtjüdischen und antijüdischen Schulen, aus Schulen der Taufe: Helfet uns, rettet uns für die Zukunft, rettet die Zukunft für uns! Die Adar-Aktion vermittelt all diese Schreie, Rufe und Wünsche, all diese geistige Not, die nach Hilfe jammert. Und wir sollten die Ohren und die Herzen verschließen? „Wer bis zum 15. Adar seine Schekelgabe noch nicht abgeliefert hat," so lehrt die Mischna, „hole es noch in den letzten A d a r t a g e n bis zum Nisiananfang nach." Tuen wir das. Die Freude, die der Adar nicht erst gebracht, sondern nur gesteigert hat, steige weiter und steigere sich zu. Taten der Liebe, zu Taten der Hilfe, streue Zukunftssaaten für Israels Kinder in Israels Land! ll)ochenrundschcru. Masaryk, ein Staatspräsident und Führer im Reiche des Geistes. Wenn ein Volk in seinem Geiste und Wesen von seinen Besten an der Spitze repräsentiert wird, dann können Land und Volk in der Tschechoslowakei zufrieden sein mit der Einschätzung, die ihnen ihr Staatsoberhaupt, Professor Dr. Thomas Masaryk, der nunmehr Achtzigjährige, in der Kulturwelt sichert. Schon in jungen Jahren suchte Masaryk auf Schule und Hochschule in Wien und Leipzig Anschluß an Juden, um Kenntnis des Judentums und Verständnis für jüdische Geistesart zu erlangen. Seit 1882 der Akademischen Laufbahn angehörend und seit 1891 als Abgeordneter auch im politischen Leben stehend, benutzt er sein Wissen, seinen Einfluß und seine Autorität als Wissenschaftler und Parlamentarier, dem Rechte überall, wo es bedroht ist, zum Siege zu verhelfen und die akademische Jugend zur Geistigkeit und Toleranz zu erziehen, was in Prag, dem Herde des Nationalitätenhaders, nicht immer leicht ist. Unvergessen bleibt Masaryk sein Auftreten in der Affäre des „ R i 4 u a l m o r d e s " von P o l n a, der späteren „Hilsnerafsäre" im Jahre 1909. Masaryk nimmt mit aller Energie den Kampf gegen den auch in der tschechischen Intelligenz wütenden Aberglauben auf und wird nicht nur gesellschaftlich und politisch boykottiert, sondern auch am Leben bedroht. Seine Vorlesungen werden gesprengt, die Fenster seiner Wohnung eingeworfen. Im Jahre 1913 trat Masaryk in einer Manifestationsversammlung in der Produktenbörse gegen! die Ritualmord b e s ch u l d i g u n g von Kiew auf (Veilisprozeß). Er stellte fest, daß die Pogrome im zaristischen Rußland seit 1905 37 000 Menschenleben gefordert hatten. Seine Rede schloß mit den Worten: „Im ganzen Antisemitismus und Aberglauben gibt es keinen anderen Kern als die Reaktion, die daraus Vorteile Zieht." Der Dank der Juden blieb nicht aus. Ueber seine Propaganda in Amerika für die Gründung der Tschechoslowakischen Republik schreibt Masaryk: „Wie überall, so haben mich auch in Amerika die Juden unterstützt. Und gerade in Amerika hat sich mir die Hilsneriade, wenn ich so sagen darft „ausgezahlt". Schon im Jahre 1907 hatten mir in Newyork die Juden einen machtvollen Empfang veranstaltet, damals lernte ich persönlich viele ihrer Vertreter kennen, sowohl der orthodoxen als auch der zionistischen Richtung. In Amerika haben die Juden wie in Europa einen großen Einfluß in der Journalistik; es war für uns sehr vorteilhaft, daß wir diese Macht nicht gegen uns hatten. Auch die, welche mit meiner Politik nicht übereinstimmen, benahmen sich zurückhaltend und unparteiisch.", Im Frühjahr 1927 besuchte Präsident Masaryk auf seiner Orientreise auch Palästina, wo er bekanntlich auch mit Rabbi Chajim Sonne nfeld eine Aussprache hatte. „Der Antisemitismus," sagt er wiederholt, „ist nach meiner Meinung eine Wunde auf unserem, und nur auf unserem Körper, er schädigt und demoralisiere uns und macht uns roh; materiell schädigt er die Juden nicht, höchstens moralisch, und da nur insoweit, als sie ihn negätiv durch Schlauheit zu überwinden suchen, anstatt positiv, sittlich und religiös." Die jüdische Orthodoxie in; der Tschechoslowakei dankt Masaryk die volle Bestätigung all ihrer von der ungarischen Zeit herstammenden autonomen Rechte. Einer der wahren maiK’i’on ist Masaryk in einer Zeit, in der Haß und Bosheit walten, treuer Hüter ewiger Friedensgüter. Er möge sie noch weiter in ungeschwächter Kraft hüten. Die „Oftjudeninvaflon" in Deutschland. Mit Phantasiezahlen über Einbürgerung von Ostjuden warten von Zeit zu Zeit die Rechtsparteien auf. Sie werden geglaubt, wie alle künstlichen Vergrößerungen, auf die eine Politik der Engherzigkeit nicht verzichten kann. Wieder hat sich die nationalsozialistische Partei in einer „klenen Anfrage" im "Landtage darüber beschwert, daß seit Jahren in Preußen eingewanderte Ostjuden bevorzugt und berücksichtigt würden bei ihren Naturalisierungsgesuchen, während die gleichen preußischen Regierungsstellen den Einbürgerungsgesuchen von Sudeten-Deutschen, Deutfch-Oesterreichern', Wolga-Deutschen und anderen Menschen deutschen Stammes überwiegend ablehnend gegenüberstehen; österreichische Juden gelangten sogar, wenn sie Sozialdemokraten seien, im Reiche wie in Preußen in hohe Regierungsstellen. Die Antwort des preußischen Innenministers besteht in Zahlen und Daten, die die Herren Nationalsozialisten eher befriedigen dürfte als uns. Ost ausländer nicht deutscher Herkunft werden, entsprechend dem Beschlüsse des preußischen Landtages vom 6. April 1927, in der Regel -erft nach einem mindestens zehnjährigen Aufenthalt im Reichsgebiet eingebürgert, während von d e u t s ch st ä mm i g e n Ausländern eine solche Aufenthaltsdauer nicht gefördert wird. Seit 1919 sind in Preußen 107.599 Ausländer eingebürgert worden, und zwar 96.864 Deutschstämmige und nur 7654 Ostausländer nicht deutscher Herkunft. Ob nicht die 7654 „Ostausländer" und die zu ihnen zählenden O st j u d e n, die — in 11 Iah- Die drei Gefahren. Allbekannt ist die Midraschstelle, wonach M o r d e - chai, mit des Volkes Not im Herzen, auf der Straße drei Schulknaben begegnete, die ihm auf die Frage, was sie heute gelernt hatten. Bibelverse zuriesen. Der ein sprach aus Mischls:; sierai asrs ins» sivi Vs •man ’a o'srn Der andere aus Jesaja: aip>°> sin iai naa -wim nsy ist» ■'s iwy ’a Der dritte ebenfalls aus Jesajas: äyi sin »as. napr -,jn •oVasi Viaos ’asi sz?s ’asi •»iws; ’as Viaos ’as na’t? Zu Deutsch: 1. Fürchte nicht die Gefahr, die plötzlich über dich kommt und vor dem Unheil, das von den Frevlern droht. 2. Fasset Rat, er wird vereitelt, redet das Wort, es wird nicht bestehen, denn mit uns ist Gott. 3. Und bis ins Alter bin ich es, und bis zum Greisentum werde ich es tragen. Ich schuf es, ich trage, ich nehme die Last auf mich und errette. Sind mit diesen drei Bibelsätzen, die wie Lichtstrahlen in Mordechais Not drangen, vielleicht die drei Gefahren, die Judentum und Judenheit aller Zeiten, auch das Judentum der Gegenwart umdräuen, angedeutet? 1. Die Gasse. Da kommen sie, gleich Amalek, vom Hinterhalte, um die Schwachen und Müden zu überfallen, um in finsterer Nachtstunde jüdische Gotteshäuser zu beschmutzen und den Schlaf der Toten auf den jüdischen Friedhöfen zu stören. Aus Kindesmund — wohl uns, wenn wir bibellernende Jugend haben — ertönt uns aber der Trost: osns ans» st>ji Vs „Fürchtet nicht die Gefahr, die überraschend und plötzlich kommt, das Unheil, das von den Gottlosen droht." 2. In den Parlamenten. Da sitzen sie, beraten Gesetze und schmieden Pläne gegen Juden und das jüdische Gesetz. Nichts steht in diesen Bestimmungen von Juden und jüdischer Religion, aber sie treffen doch den Juden im tiefsten seiner Seele, treffen den Sabbat, treffen das häusliche Ritualgesetz. Das Kind aber aus dem jüdischen Buche ruft: isim ins? ix? „Eure Ratschläge und Pläne, sie sind vereitelt, das Wort, es wird nicht bestehen." Wo sich Humanität hinter Humanität versteckt,, wird sie als solche entlarvt werden — „Denn mit uns ist Gott." 3. Die dritte Gefahr kommt von innen her, und sie ist die schlimmste. Man sucht, eine Breche in das einheitliche Gottesgesetz zu legen. Man spielt ein „ewiges Sittengesetz" im Judentum gegen ein „Ritualgesetz" aus, das angeblich überholt sei und seine Gültigkeit verloren hätte. Wer kann es abschätzen, wie groß der Anteil diese 5 Abfalles an jenen Gesetzen ist, die sich heute direkt und indirekt gegen uns wenden? Haben wir aber Jugend, die aus den ewigen Büchern der Lehre uns Trost kündet, dann ruft sie in unse.re Not: iai sin ’as napr as i „Gott altert nicht, und seine Thora auch n i ch t. Es ist der gleiche Gott, der immer war, ist und sein wird, der uns trägt und errettet." Halten wir das Gesetz und das Gesetz hält uns! Kein Ämalek und kein Hamon werden daran etwas zu ändern vermögen! IBüij] Kleines Feuilleton. Clemenceau über Juden. Folgende Aufzeichnung entnimmt die Züricher J:P.Z. dem jüngst erschienenen Buch des langjährigen Prinatsekrotärs von George Clemenceau, Jean Märtet: „M. Clemenceau peint par lui-meme" (Clemenceau im Selbstporträt). Der Sekretär des „Tigers" entwirft in diesem Buch in Form von Dialogen, die täglich zwischen ihm und Clemenceau vorgekommen sind, ein bezeichnendes Bild des Menschen Clemenceau, der auch in der Judensrage feine derbe Tigerart. nicht verleugnet. Clemenceau: „Was gibts Neues, Herr Sekretär?" Sekretär: „Haben Herr Präsident nicht gelesen, daß ein großer Bankier Selbstmord begangen hat? L ö w e n st e i n." Clemenceau: „Löwenstein? Na, ja. Er war Jude." Sekretär: „Er war Bankier". Clemenceau: „Eine etwas zu lärmhafte Todesart, aus dem Flugzeug ins Meer zu springen . Apropos — Juden, fällt mir ein: Gestern war der alte Edmond de Rot h.s ch i l d bei mir. Der arme Alte hält sich noch ganz gut auf den Beinen. Nun, lieber Freund, diesen Edmond de Rothschild halte ich für den besten Juden unter allen Juden der Welt. Er saß hier neben mir und sprach äußerst vernünftig über die verschiedensten Dinge. Was von einem Bankier. überrascht. Er sprach auch Dinge und brachte Anschauungen zum Ausdruck, die den Edelsinn des Herzens verraten. Dieser alte Edmond de Rothschild gehört näm-

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