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Der Israelit · 1930-03-06 · Heft 10 (6.3.1930) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 10 (6.3.1930)
Date
1930-03-06
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 2 Nr. 10 Spiele ist» und doch will es ihnen nicht in den Kopf, daß die ganze Behandlung der jüdischen Bibel grundsätzlich krank ist, daß bewußt oder unbewußt der Antisemitismus die Pythia ist, die den Theologen ihre Orakelsprüche eingibt, daß ferner diese gesamte Auffassung aus Unkenntnis des jüdischen Schrifttums rabbinischer Literatur folgt. „Am-Haarazuth" ist die Seele der Bibelkritik, und es gibt nur ein Gewürz, talmudisch zu sprechen, gegen den bösen Trieb der Bibelkritik, der wie jeder böse Trieb von Gott geschaffen ist, und zwar das —Lernen. Selbstverftänolich, so überragend Rosenzweig als Denker ist, so glauben wir doch seinem Andenken keinen Abbruch zu tun, wenn wir sagen: ein Lamdon war er nicht. Und er selbst hat das Wort sich zu eigen gemacht, man müsse alles Wißbare des Judentums kennen, ehe man sagen kann, ob ein Gedanke jüdisch ist oder nicht. Will man sich überzeugen, wie in allen ehrlichen jüdischen Denkern das Problem der Entwicklung, das eigentliche Problem der Bibelkritik, nicht zur Ruhe kam, daß sie bald vom verführerischen Reiz der Universitätsforschung übermannt, bald von der „übergeschichtlichen" Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Bibel geradezu frappiert waren, dann lese man die Einleitung Rosenzwei g s zu den kleineren philosophischen Schriften Hermann C o h e n s,wo er tief ergriffen von dessen Vorlesungen erzählt, in denen vulkanisch Cohens jüdische Einstellung hervorbrach. Er spricht vom Monotheismus, „um den wir uns erschlagen lassen alle Tage": „es ist das Mysterium der' Weltgeschichte. Darum können uns die Anderen nicht verstehen, nein niemals." Oder wenn er von der jüdischen Nächstenliebe spricht: „Hier hört jeder evolutionistische Langmut auf, das soll sich nicht entwickelt haben. Apriori nennen es die Philosophen." Unser evolutionistischer Langmut (welche prachtvolle Wendung!) ist schon länger zu Ende. Unser Glaube an die Einmaligkeit und Sonderstellung der Offenbarung, das ist unser jüdisches Apriori, das hat in der Stunde der Geburt uns der Engel gelehrt, und wenn wir auch vieles vergessen haben, das jüdische- Apriori konnten wir nicht vergessen. Auch Cohen, auch Rosenzweig, die evolutionistisch „Langmütigen", die es zwar vergessen zu haben glaubten, konnten es nicht ganz vergessen, und plötzlich hörte ihre evolutionistische Langmut auf und sie, die Philosophen, bekannten sich zum jüdischen Apriori. So ist trotz der erörterten sachlichen Jrrtümer kein Wort des Ruhms über Rosenzweigs Persönlichkeit zu groß, kein Ausdruck der Bewunderung für feine Leistung stark genug. Das gilt aus mehreren Gründen: 1. Keine Aeußerung, keine Ansicht von ihm ist deshalb gesprochen, weil er uw die Gunst der Menge buhlte, den Phrasen des Tages genügen wollte. Nein, ein erschütternder, Heiliger Ernst spricht aus jedem seiner Worte, um der Wahrheit willen alles hinzugeben. 2. Mit rücksichtsloser Energie hat er dem Juden es als Aufgabe hingestellt, die jüdische Wahrheit zu suchen, das, was unser Eigen, uns zur Bewahrheitung gegeben ist, und nicht, in Ueberspringung unserer religiös-nationalen Besonderheit, nach der Welt die Hand auszustrecken. 3. Er selbst hat deshalb die jüdische Lehre als Ganzheit ergriffen, hat tagaus, tagein gelernt mit einer Ehrfurcht, mit einem Glauben an die Weisheit der Weisen, an die Geltungskraft rabbinischer Anordnungen und Aussprüche, an die Herrlichkeit Unseres Gebetbuches und unserer frommen Sänger, die jedem zum Vorbild dienen können. 4. Das Letzte aber und Entscheidende ist, daß er sich zum jüdischen Gesetz, zum jüdischen Leben, zur jüdischen Tat bekannt hat und diese erfüllt und bewährt hat. Er hat nichts dort Halt machen wollen, wo das Judentum anfängt — unbequem zu werden. Das war das Größte an ihm. Der Israelit Man kann auch ohne Weiteres sagen, daß es nur ein winzig kleiner Schritt ist,xder gedanklich Rosenzweig von der Auffassung der Überlieferung trennt; jener Schritt von dem Glauben an den durchaus einheitlichen Geist des Fünfbuches — für ihn so einheitlich, daß Rosenzweig ja förmlich Gsero schowo's erfunden hat — bis zur überlieferten Emuno an die Tatsache, daß Mosche Rabbenu jedes Wort der Thora aus Gottes Mund vernahm. Daß Rosenzweig diesen kleinen Schritt' nicht tun konnte, ist, wie gesagt, psychologisch durchaus verständlich und entschuldbar. . Rosenzweigs Schriften find keine autoritativen Quellen des Judentums, aber sie. sind für alle Zeiten ein großes, vielleicht das größte Dokument für die unerschöpfliche Tiefe und Werbekraft des Judentums, daß, wenn jemand selbst am Ende des Himmels stände, von dort ihn Gott an der Hand nimmt, so er sich nur an der Hand nehmen läßt, und ihn b i s zum Throne Seiner Herrlichkeit zurückführt. Es sind heilige Dokumente einer aufrichtigen Teschuwa. Das Wesen der Juden und des Judentums. Von S. Ostersetzer in Duisburg. Der Aufsatz „Anders und nicht Anderst" von S. Forst im „Jeschurun XVI, 3/4, drückt mir die Feder in die Hand zu folgenden Ausführungen: Man begegnet oft bei nichtjüdischen oder bei nicht jüdisch orientierten Schriftstellern einer erstaunlichen.Unkenntnis in jüdischen Dingen. Man wundert sich schon gar nicht mehr darüber, wenn das von ihenen definierte „jüdische Wesen" eine Karrikatur, bloß eine Fratze von dem wahren Wesen der Juden und des Judentums zeigt. Datz aber das „jüdische Wesen" aus der Werkstatt eines jüdischen Gesetzestreuen, und sogar eines extrem orthodox sich gebärdenden jüdischen Schriftstellers so verbeult und verkrüppelt hervorgehen konnte, wie es der obengenannte Aufsatz zeigt, ist immer noch eine Kuriosität.. Cs werden da die kühnsten und unmöglichsten Behauptungen ausgestellt und diese mit einer Fülle von Beweisen überflutet, datz es wirklich sehr schwer ist, auf den ersten Blick die Unhaltbarkeit und die Sinnlosigkeit der Behauptungen zu merken. Ich will daher hier direkt auf seine Ausführungen und auf die einzelnen Beweise eingehen und dem Leser die weitere Beurteilung jener Ausführungen selbst überlassen. Der Verfasser macht zunächst die nicht mehr neue Feststellung, datz die Juden in ihrer „Wesenhaftigkeit" anders sind als alle anderen Völker. Bei der näheren Bestimmung der jüdischen „Wesenhaftigkeit" kommt es zu dem ebenfalls nicht mehr ganz neuen Resultat, datz die „Aktivierung des Gottesbedürfnijfes des jüdischen Volkes" dem jüdischen Wesen ganz entspricht; datz die Erfüllung der Thauro, das Religiöse schlechthin seine Aufgabe ist und deshalb bei ihm in erster Linie steht. „Alle Handlungen und Triebe des Menschen, sofern sie nicht an Gottes geoffenbarte, ewige, absolute Wahrheit gebunden sind, sind schlecht . . . Wertvoll ist alles, was von der ewig-absoluten Einheit, also von Gott zur Kenntnis genommen, dem der Stempel des Ewigkeitswertes aufgedrückt wurde." Er kommt dabei zu dem ganz richtigen Schluß, datz selbst, „alle Moral, Philosophie, Kunst, Ethik usw. wertlos; relativ und unewig ist, insofern sie nicht von Gottes Ausstrahlung der Thora zur Kenntnis ge-, nommen, ihre Art der Einbeziehung ins «Absolute, von Gott geofsenbart ist."! Aber während wir konsequenter- und logischerweise erwartet haben, datz man diese Fotmel einfach umdrehen kann und sagen: all diese Dinge sind wertvoll, absolut undewig, insofern sie wohl von Gottes Ausstrahlung der Thora zur Kenntnis genommen, wendet der Verfasser diese Formel nur auf Moral und Ethik an und stellt ohne jede Begründung Philosophie und Kunst so dar, als wenn sie nur im Negativen nie aber im Positiven vorhanden sein können und deshalb keinen Pfatz im Judentum haben und haben können. Warum das Los gerade auf diese beiden Gebiete, die doch auch ein Teil der/ nnxvn und der niiHrn nvan sind (ist man doch verpflichtet, selbst beim Anblick , eines nichtjüdischen Weisen zu sprechen:cniiDa5inaar'»^NVii'ia), ist uns unverständlich; der Verfasser ist uns ja die Begründung schuldig geblieben. Köstlich sind aber seine Beweise dafür aus. der jüdischen Litexatur, aus der jüdischen Geschichte und schließlich aus der jüdischen Psyche. Der Verfasser schreibt wörtlich: „Bezeichnenderweise haben sich die Werke der bedeutendsten jüd. Philosophen ... bis auf den heutigen Tag in der Masse nicht durchsetzen können. Es genügt, auf. keinen geringeren als auf Rambam hinzuweisen, dessen „Moreh" bis auf den heutigen Tag scheue Zurückhaltung und z. T. schärfste Ablehnung yusgelöst hat. Und so ging es allen jüdischen Philosophen dieser Art, „Kusari, Akeda" . . . Die vielen Tausende philosophisch-wissenschaftlicher Schriften, die in den Bibliotheken modern und nie vom Volke zur Kenntnis genommen wurden, seien nur andeutungsweise erwähnt. 6. März 1930 Und diese Aeutzerungen der jüdischen Masse sind untrügliche Beweise dafür, datz ein hinderndes und hemmendes Etwas dem Eindringen logisch-ethisch-ästhetSscher Elemente in den Komplex jüdischer Geistigkeit entgegenstehen" (S. 173/4). Das Mutet beinahe wie ein Witz an. Die philosophischen Schriften unserer Großen und Größten, die vielen .Tausende philosophisch-wissenschaftlichen Schriften von -jüdischen Großen sind kein Beweis, datz Philosophie auch im Judentum, einen Platz Hat, aber weil diese Schriften keine Volksbücher/ der jüdischen Masse geworden find, ist es ein „untrüglicher Beweis dafür", daß diese Schriften der jüdischen Geistigkeit nicht entsprechen. Der Verfasser hätte mit derselben Logik folgern können, datz, da die Schriften Kants, Nietzsches und Schopenhauers bis auf den heutigen Tag in der deutschen Masse sich nicht haben; durchsetzen können, — datz die deutsche Masse viel weniger Kenntnis hat von den Schriften ihrer Philosophen als die jüdischen von denen der ihrigen dürste der Verfasser wohl zugeben — dies ein untrügliches Zeichen dafür ist, daß sie der deutschen Geistigkeit nicht entsprechen. Der Verfasser scheint nicht zu wissen, datz die Ablehnung der Philosophie seitens unserer Großen nicht der jüdischen Philosophie und nicht der Philosophie als solcher galt, sondern der „wertlosen" gottesleugnerischen Philosophie allein. Die jüdische wertvolle Philosophie (wie die z.'B. eines Rambam) ist nur dann auf Ablehnung gestoßen, wenn die unreife Masse sich ihr zuwandte und zu befürchten war, daß sie in den flachen, unreifen Köpfen Schaden stiften könne (der Streit um den „Moreh" beweist das zur Genüge). Wer kann aber zu behaupten wagen, datz die Philosophie eines ira-i, eines eines 'Hn mvr> 'n und eines nippn i>sa sowie die der anderen vielen jüdischen Großen, die doch alle keine rrvrrra 8'ip waren, nicht „von Gottes Ausstrahlung der Thora zur Kenntnis genommen worden sei?" Das Interessanteste ist, datz der „Raw", den der Verfasser als Beweis gegen die Philosophie zitiert, selber ein jüdischer Philosoph großen Formats und der Begründer einen neuen kabbalistischen Philosophie, der sogen, nvv man war. Die Ablehnung der rationalistischen 'vpv schließt bekanntlich keinesfalls die Ablehnung einer jüdischen Philosophie und ä n d e r e r nixan->asv ein. Nicht weniger kühn sind seine Beweise für seine Behauptungen bezüglich der Kunst. Seine Ausführungen gipfeln in dem Satze: „Ihm (dem jüdischen Volke) mangelt die Fähigkeit, Schönheit zu gestalten." Der Verfasser hat aber anscheinend bei der Niederschrift dieses Satzes doch kein ganz ruhiges Gewissen gehabt, denn er geht dann daran, alle Kunstschöpfungen des jüdischen Volkes mit allen ihm zu Gebote stehenden erlaubten Mitteln, mit meistens unlogischen Beweisen einzeln und nacheinander ihres Wesens als Kunst zu entkleiden. Als erstes kommen die prophetischen Bücher daran. Er jagt: „Insbesondere wird auf den angeblich künstlerischen Charakter der Propheten und überhaupt der ganzen Bibel hinzuweisen. Es ist dies ejn großer Irrtum, denn das überlieferte Schrifttum ist nicht Kunst, sondern rixia:! (S. 175.) „Man könnte nun einwenden, datz an eben dieser Form (des geoffenbarten göttlichen Geistes), die ja wegen ihrer Verschiedenartigkeit auf Individualität schließen läßt, unbeschadet der göttlichen Inspiration der Mensch mit künstlerischen Formen Anteil hat. - Dieser bestechende Gedanke wird aber zunichte, wenn wir uns die Tatsache vor Augen halten, datz in unserer lleberlieferung die Worte gedeutet, jede leiseste Nüancierung Grundlage für turmhohe Gebäude der Halacha ist." (S. 176.) Der Verfasser hat aber nur die Kleinigkeit übersehen, datz man keine Halacha aus der Nuancierung eines prophetischen Wortes folgert, datz überhaupt der Grundsatz in gilt psi» x5 rHap mann min ’-m (unter n5ap mai versteht man bekanntlich hier v'ainai v'X'ai)- Er hat aber werter eure neman xuaa vergessen n^iy *mx pjjö (rrs pnimv). “ins pioa b'xain» o-waa 'a pxi o’x’ai nnab aus der klar und deutlich hervorgeht, daß der- 8'ai wohl mit künstlerischer Gestaltung an der F o r m seiner 7,812:1 'Anteil hat, ja, haben- Mutz (S. über dieses "Thema den Aufsatz „Stil und Persönlichkeit" von Dr. I. Earlebach km..„Vom Sinne des Judentums" S. 65). Der' Verfasser verwechselt - also hier min mit Ebenso verwechselt er den Zustand des Propheten, während ihm die göttliche Offenbarung zuteil wird, mit dem Zustand der Wiedergabe seiner Vision. Er sagt nämlich: „Ebenso wie der Prophet sich über die seinem Munde entströmende nxiar keine Rechenschaft geben kann, ein furchtbar dräuendes unbeschreibliches Gefühl ihn ergreift, den wie konvulsivisch sich zückenden Körper packt, dem sich wie wahnsinnig gebärden-. den Menschen Worte sich entringen . . so sind das/Psalmbuch, das Lied der Lieder, das Buch Hiob, alle Bücher der heiligen Schrift übermenschlich nxiai." (S. 175.) Diese Schilderung' stammt aus dem vom Verfasser verpönten „Moreh" (s. ms 'a 'a pbn ). Es kann sich aber jeder überzeugen, datz der irnaan von der Stunde, spricht, in der der 8'ai sein nrriaa empfängt. Der 8'ai ist dabei ganz passiv, seinem Munde entströmen keine Worte. Während er aber das Gehörte und das Geschaute im Aufträge Gottes wiedergibt, ist er ganz normal und gebärdet sich nicht wie wahnsinnig. Schließlich geht noch aus dem vom Verfasser gezogenen Vergleich -— zwischen den v'8'21 'ivv und den Büchern v"nv D^nn avx— hervor, datz er auch noch n«ia: mit enpn nin verwechselt. Auch den pr-ani vnpan Ha widmet der Verfasser em; Wort und sagt: „Man könnte ebensogut pva und die- B>af5»n Ha als Kunstwerke bezeichnen, wo sie doch bis. ins kleinste Detail in ihren.Matzen und Verhältnissen durch! göttliche Willenskundgebung . . . vorbestimmt waren, der Künstler gleichbedeutend dem x'aa war." (S. 175.) Hier

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