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Der Israelit · 1930-03-06 · Heft 10 (6.3.1930) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 10 (6.3.1930)
Date
1930-03-06
Page
– (sequence 15)
Language
German
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ct>e Warf lileraris ^'LD-Cc. Oie Stellung Franz Rosenzweigs znr Offenbarung. Von Oberrabbiner Dr. Josef Carlebach in Altona. Unsere Weisen haben zwei Aussprüche getan, die scheinbar miteinander unverträglich sind. Auf der einen Seite sagen sie: „Sobald jemand nur . das Götzentum leugnet, es ist so, als ob er schon die ganze Thora anerkannt hätte", und auf der anderen Seite: „Wer auch nur ein Gebot der Thora leugnet, ja, wer nur sagt: alles von der Thora will ich annehmen außer dieser Gesero Schowo, dieser und jener Deutung, von dem heißt es bereits: er hat das Wort Gottes verachtet, er hat die ganze Thora geleugnet." Diesen Widerspruch hat der fel. Pines aus Jerusalem einmal so gelöst: Es kommt immer darauf an, von welchem Standpunkt man a u s g e h t. Kofar heißt: das abstreiten, woran man einmal als Wahrheit geglaubt. Wer groß geworden ist in Gedankengängen des fremden Kults und nun beginnt, diesen fremden Dienst abzuwerfen und abzuleugnen, der hat bereits im Kern die ganze Thora zugegeben. Lebte dagegen jemand in der vollen Gläubigkeit, in der jüdischen Lehre und nun wirft sich seine Zweifelsucht auch nur auf eine einzige Satzung oder Deutung, so ist sein Glaube innerlich erschüttert, und er läuft Gefahr, aus diesem abschüssigen Wege bis ins Uferlose weiter getrieben zu werden. Dieser Gesichtspunkt must immer gegenwärtig gehalten werden, wenn man Persönlichkeiten beurteilen will, die aus der Ferne kommend, den Weg zum vollen und entschiedenen Judentum erwählt haben. Das gilt besonders bei den geistig komplizierten Naturen, die tief zu den Quellen aller Wissenschaften hinabgestiegen sind, bewußt in sich die Einflüsse aller Auffassungen ausgenommen und ohne jeden Vorbehalt allen Strömungen und Richtungen Vertrauen entgegengebracht haben, die erst am Ende dieser geistigen Odyssee das Heimatland des Judentums vor sich haben auftauchen sehen und den Kompaß zur Steuer in die alte Heimat einstellen. Daß solche Maghellans der Gedankenwelt nicht eine ruhige sichere Bahn bis zum Zielpunkt vorfinden werden, daß ihr Rückweg über Klippen und Untiefen und Hemmnisse und Umwege führt, geistig wie seelisch, das ist klar und gewiß. So will auch jede Beurteilung der Verdienste Franz Rosenzweigs verstanden sein. Die Bahn eines Kometen ist nicht die Bahn eines Planeten. Wer von seiner Zentralsonne von Urbeginn an seine Bestimmung erhalten hat, ist nicht dem zu vergleichen, der aus der Unendlichkeit kommt und nun erst in den Wirkungsbereich des Zentralgestirns gelangt. Es ist wiederholt ausgesprochen worden, daß Rosenzweig keiner Richtung sich ganz angeschlossen, daß er einsam bis zuletzt seinen Weg gegangen, einsam, ja, in entschiedener Gegensätzlichkeit selbst .zu dem Genossen seiner Bibelübersetzung. Natürlich ist sein Offenbarungsbegriff, zu dem er sich im Gegensatz zu aller Philosophie der deutschen Universitäten, im Gegensatz zur ganzen Geisteslage der Gegenwart durchgerungen hat, nicht ohne weiterees identisch mit dem der Tradition. Er glaubte an Offenbarung, aber noch nicht ohne weiteres an d i e Offenbarung. Für ihn war allerdings die jüdische Offenbarung seine Offenbarung. Aber er glaubte, daß jedem Volk Gott seine ihm gemäße Offenbarung gegeben, daß vom Stern der Erlösung das Judentum das Feuer, das Christentum die Strahlen, den Weg als ihren Teil erhalten haben. Aber man muß dabei immer bedenken, daß Rosenzweig Philo so p h sei wollte, daß in seinem ganzen Werk das Wort Religion nicht vorkommt, daß er die Gesamtheit aller religiösen Erscheinungen im Weltenbilde sich und andern deuten und verständlich machen wollte. Er war ferner der Meinung, daß „wir aus unserem Glauben an die Heiligkeit, also die Sonderstellung der Thora und an ihren Offenbarungscharakter keine Schlüsse über ihren literarischen Entstehungsprozeß und über den philologischen Wert des auf uns gekommenen Textes ziehen können." (Der Morgen: IV. Jahrg., 4. Heft, S. 401.) Dieser gläubige Unglaube oder ungläubige Glaube, den Rosenzweig bewußt für sich in Anspruch nahm, beruhte unserer Meinung nach auf dem „Glauben", daß Vibelkritik und Bibelwissenschaft christlicher Theologie Glauben verdienen. Und da es nicht zweierlei Wahrheit geben kann, fo muß sich eben die Wissenschaft mit der Religion vertragen. So bildete sich die Meinung, die Offenbarung könne allmählich erfolgt sein, stufenweise, jede neue Offenbarung ein erneutes Zeugnis für. die stets lebendige, immer erneute Liebe Gottes. Die Summe aller Geschichte gewordenen Offenbarung ist dann d i e Offenbarung. Es ist hier nicht der Ort, den AVahrheitskern oder den grundsätzlichen Irrtum dieser Auffassung zu untersuchen.*) Rosenzweig hat an genanntem Orte für seine Auffassung ein Beispiel gegeben: „Hätte die Kritik auch recht und wären Genesis 1 und 2 wirklich von verschiedenen Verfassern (worüber ich nicht entscheiden möchte, nachdem mir ein Mann wie B. Jakob gesagt hat, er glaube es nicht), so wäre auch dann, was uns von der Schöpfung zu wißen nottut, nicht aus einem der beiden Kapitel allein zu lernen, sondern erst aus ihrem Zusammenstehen und Zusammenklingen. Und gerade aus dem Zusammenklingen ihrer anscheinenden Widersprüche, von denen die kritische Scheidung ausgeht: also der „kosmologischen", zum Menschen führenden Schöpfung des ersten und der „anthropologischen" vom Menschen anhebenden Schöpfung des zweiten Kapitels. Erst dieses sauf maasseh bmachaschowo tchillo ist die Lehre." Ich möchte an dieses Beispiel anknüpfen und sagen: *) Siehe hierzu den Leitaufsatz: „Franz Rosenzweig und die Orthodoxie" in Nr. 34, Jahrgang 1928 vom 23. August. Red. selbstverständlich hat Rosenzweig Recht, daß nur beide Berichte zusammen ein volles Bild von maasseh bereschis geben. Er gibt zu, daß die sogenannten Widersprüche und Gegensätzlichkeiten beider Kapitel die größten philosophischen Geheimnisse von Schöpfung und Offenbarung, von Elokim und Haschem, von Welt und Mensch für uns enthalten. Die gläubige Judenheit sagt: diese Widersprüche sind eben beabsichtigt, von Mosche Rabbenu als Uebermittler des göttlichen Offenbarungsworts zu diesem Zweck hin gestellt, daß wir aus diesenVerschiedenheiten die Geheimnisse der Schöpfung erfassen. Die Bibelkritik will 2 Verfasser annehmen. WeilB. Jakobnicht dran glauben will, will Rosenzweig sich nicht für die Annahme der Bibelwissenfchaft entscheiden! Hätte B. Jakob anders gesagt, nun, so hätte sich Rosenzweig für 2 Verfasser entschieden. Warum? Offenbar, weil er nicht glauben kann, daß die „Wissenschaft" eine irrige These aufgestellt habe! Aber das zeigt doch grade der Unglaube B. Jakobs, daß die Wissenschaft trotz eines weitgehenden confensus der Gelehrten dennoch „unglaubwürdige" Lehren und Sätze geben mag. — Uns ist durch die Forschungen Davids Hoffmanns und anderer, ferner ganz abgesehen davon durch unsere Gesamtvertrautheit mit der Bibel von vornherein es absolut erwiesen, daß die Ungleichheiten von Kapitel 1 und 2 nur beabsichtigte Variationen, nicht die zufälligen Halbheiten zweier Verfasser oder getrennter Teiloffenbarungen sein können. Hätte Rosenzweig einen B. Jakob gehabt, der ihm bei all diesen Irrungen und Wirrungen der Bibelkritik sein: „ich glaube nicht," oder: „ich weiß, daß nicht", hätte sagen können, so würde er also in all diesen Streitfragen keinen Augenblick gegenüber der Ueberlieferung geschwankt haben. Nun hat er einen solchen nicht gefunden und mußte infolgedessen zu dem Schluß kommen: nur für u n s sind die Widersprüche von Kapitel 1 und 2 beabsichtigt und Quelle der Lehre. Mit andern Worten: er hat im letzten Endergebnis die Auffassung der Tradition als für sich gültig entschieden. Es ist auch bei Besprechung der Bibelübersetzung Rosenzweigs klar zum Ausdruck gekommen, daß wir nicht seinen Abweichungen vom massoretischen Text zustimmen können. Wir haben diese Abweichungen nicht nur als nicht der Tradition gemäß gekennzeichnet und bedauert, sondern als sachliche Jrrtümer, daß ganz einfach die Bedeutsamkeit des massoretischen Textes an den betreffenden Stellen verkannt worden ist. Rosenzweig hat sich an derselben Stelle verantwortet und darauf hingewiesen, daß diese Abweichungen zum Teil eine Frontstellung gegen die Bibelkritik bedeuten sollten. Und hierin liegt eine gewisse Tragik aller Modernen. Die wissenschaftliche Behandlung der Bibel durch die Theologen, das ist der Punkt, der sie alle verwirrt und in Widersprüche verwickelt. Sie erkennen zwar zuweilen mit Schrecken, wieviel Willkür und Voreingenommenheit bei ihr im t. mm

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