Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1930)
- Date
- 1930-03-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Markyrergefchichte. Von «$. Schachnomitz. (Fortsetzung). xvi. Nicht gerade zur gelegenen Zeit kam Abraham, Sohn Abrahams, nach Frankfurt, um den F r reden zu suchen. Dieser wohnte nicht in den.Ghettomauern der alten Mainstadt. Innere und äußere Gegensätze teilten die Gemeinde scharf in zwei Lager. Um Juda, Sohn des Mendel Kulp, einen angesehenen vielmögenden Mann mit klarem Auge für die Nöte der Zeit, sammelte sich eine große Schar der wirtschaftlich und geistig minder Bemittelten, dazu die drängende Jugend, die nach einem freiheitlichen Zug in der Gemeindeverwaltung schrieen, Festlegung klarer Statuten wünschten^ die das Recht auch des kleinen Mannes in der Gemeinde sicherten, seine Lasten erleichterten. Die Kastenmeister sollten Rechenschaft ablegen, die Befugnisse von Vorstand und Rabbinat eingeschränkt werden. Ein neuer Wahlmodus sollte das Privileg bestimmter Stände auf Ehrenämter in der Gemeinde aufheben. Alles, was sich als neuzeitlich in der Gasse gab, oder irgend Grund zur Anzufriedenheit hatte, sammelte sich um dieses Programm. In Gemeinde und Vorstand walteten aber die Bruder Bär und Moses, Söhne von Lob Kann, nach Recht und Billigkeit im alten Geiste und hielten auch zäh an der ihrer Meinung nach bestens bewährten alten Ordnung fest. Moses K a n n, Führer und Rabbi zugleich, war Schwiegersohn des weitberühmten Samson Wertheim in Wien, und wie dieser hochangesehen bei den Behörden. In der Klaus, der früheren Wirkungsstätte Rabbi Schmuel Schottens, hatte er den großen Kreis seiner Jünger und Hörer. Im Rabbinate wie in der Gemeindestube wog fein Wort ungemein viel. Wie M o - s e s Kann mit dem Worte der Lehre und Weisheit, so machte sich dessen Bruder Bär Kann, der die großen Stiftungen seines Vaters verwaltete und sie aus Eigenem reichlich mehrte, mit der L i eb es tat viele Herzen verpflichtet und untertan. ,ir V Die Namen K ann und Kul.p wurde^. zu Losungen, zu Streitparolen in der Gemeinde,, zu Schiboleth, an denen sich die Geister!nach rechts gnd links schieden. . Alles, was zur bestehenden Ordnung in der Gemeinde hielt, gehörte zu den „Kannen". Wer neue Ideen zur Schau trug und sonst seinen Verdruß mit den „altverrosteten Kannen" hatte, war ein „ K u l p i a n e r ". Es fehlte natürlich neben ehrlichen Streitern nicht an den üblichen Schlachtenbummlern und . „Leichenfledderern", die, ohne inneres Interesse für die eine oder andere Seite, rein aus Lust und Freude am Streite, diesen schürten,- den Zündstoff von den einen zu den anderen trugen und ihn so weise verteilten, daß die Flamme nicht versickerte. Alte, in Freundschaft verbundene, Familien entzweiten sich. In Bethäusern fand oft heftiger Wortwechsel einen Abschluß mit schallenden Ohrfeigen. Für Männer von der Art eines Baruch Sturmbein waren glückliche Zeiten herangekommen. Baruch Sturmbein wurde vielleicht so genannt, weil er das linke Bein immer wie im Sturm weit ausholte, während das rechte langsam und wie unwillig sich nachschleppte. Im übrigen war Baruch Sturmbein eine der Figuren, die im Ghetto, gleich welchen Landes und welcher Zeit, nie fehlen durften und wahrscheinlich auch für spätere Zeiten jeder jüdischen Gemeinde erhalten bleiben. Groß und spindeldürr, mit struppigem Backen- und Kinnbarte, in stark vernachlässigter Gewandung, so war er überall zu sehen; er hatte seine Hand in allen Anliegen der Gemeinde und der Familien. Keine Verlobung und kein Begräbnis, keine Sijumfeier und keine Gemeindeversammlung ohne Boruch Sturmbeirr Oft schien es, als würde er, kraft eines geheimen Doppelwesens, zur gleichen Zeit da und dort anwesend sein. Kam ein Fremder in die Gasse, war Baruch Sturmbein der erste, der ihm ein breites „Schalem Alechem" bot und in fünf Minuten genau wußte, woher er kam, wohin er ging und welche Geschäfte ihn hierher führten. Er sprach jeden als „lieben Freund" an, und noch überzeugender sprach er von hochgestellten Personen als seinen „ b e st e n F r e u n d e n". „Sehr richtig, genau dasselbe sagte mein Intimus, der Hofjude Dawid Oppenheim." Oder: „Richtig, das sagte mir schon in Wien mein Duzfreund Samson Wertheim!" „Was, Ihr habt keine Lizenz? Da geht doch zu meinem Freunde, dem Stadtkämmerer, und beruft Euch nur auf mich, auf Baruch Sturmbein! ..." Keiner nahm ihn ernst, keiner. glaubte und traute ihm was, aber fast jeder bediente sich schon irgendwie seiner, und wäre es nur, um über Jemand oder etwas was zu erfahren . . . Keiner wußte, wovon Baruch Sturmbein lebte. Er war nicht verheiratet und von ganz unbestimmbarem Alter. Er machte viel in Heiratsvermittlungen, aber keiner konnte mit Bestimmtheit angeben, ob und wo er schon einmal zwei Menschen im Eheglück zusammengebracht hatte. Er fehlte bei keiner Messe und auf keinem Jahrmärkte, und es wußte keiner, welche Ware er kaufte oder verkaufte. Er versäumte keinen Gottesdienst und keine Lernstunde, und keiner konnte sagen, wie er betete, ob er überhaupt unpunktierten Text lesen konnte. Er mußte dabei sein, der Menschen, der Neuigkeiten wegen ... Er sprach Jeden und Jede an und redete stets mit einem Pathos, als stände er auf einer Kanzel. Machte man über ihn einen Witz, verstand er nichts und lachte, als beträfe es nicht ihn. Schüttelte man ihn kurz und kalt ab, verstand er erst recht nicht und fragte, wann er wiederkommen könne. ..... Als der Streit zwischen den Familien und Parteien hochging, schoß auch der Weizen Baruch Sturmbems in die Höhe., Er hatte Hochkonjunktur. Er.ging zu den einen m#'zuden..an«. deren. „Gott zum Gruß, Rabbi Mosche!.: Schon gehört, was sie im Hause Juda Kulps beschlossen haben? Sind sie losgezogen gegen die Kanns, gegen den Oberrabbiner! Was wollen die überhaupt? Statuten! Was ist das für ein neues Wort? Wollen sie Nachum Meier, den Schuster oder Bär Wachtel, den Nachtwächter, in den Vorstand fetzen? Eine böse Zeit, sage ich Euch, die Jungdachse wollen was sein! Die Frechheit steigt. Moschiach wird kommen! Hat schon immer mein liebster Freund, Rabbi Jakob Josua gesagt!" „Gut, daß ich Euch sehe, Reb Juda! Meint Ihr, was sie dort in der Klaus nach dem Vortrag Rabbi Mosche Kanns sagten! Wollen durch den Oberrabbiner all die Männer, die für das Recht der Armen einstehen, in den Bann tun lassen. Will gleich zu meinem Freunde, Rabbi Mosche Rapp, gehen und hören, was er dazu sagt." Keiner nahm solches Gerede schwer,, aber auf beiden Seiten wußte man von Zeit zu Zeit die Dienste Sturmbeins und ähnlicher Mittelsmänner zu schätzen, wenn es galt, über die Dinge im Gegenlager orientiert zu fein. Mit der Berufung Rabbi Jakob Josua;j. vr 10 1t 1930 $ a l t s auf den Frankfurter Oberrabbinersitz trat der Kampf der Familien in eine neue, entscheidende Phase ein. Mit der Wahl dieses Großen unter den Größten, der damals scholl nach seinem. Lebenswerke „Pne Jehofchua" genannt wurde, konnten alle zufrieden fein. Aber zu sehr war Rabbi Moses Kann an der Wahl des Oberrabbiners interessiert und innerlich beteiligt, alsdaß dieser nicht in den Ruf gekommen wäre, in die Abhängigkeit der Kanns geraten zu sein. Stand doch der Name Moses Kann an erster Stelle unter, dem Berufungsschreiben an den Rabbi. Schon wußte die Gegenseite von vornherein, daß der neue Oberrabbiner das alte System gutheißen und nach dem „Kannengerassel" tanzen werde. „Alles zum Schaden und Nachteil des kleinen Mannes, der nach wie vor Steuer zahlen und nichts darein zu reden haben wird." Was der Rabbiner auch unternahm, oder unterließ, es wurde in diefm Sinne gedeutet. Unteres Volk, das die ragende Bedeutung des Rabbi nicht zu schätzen wußte und seine strenge Gerechtigkeit als Härte nahm, lehnte sich auf. Die Gelehrten in der Kulp-Partei schwiegen, „der Ehre der Thora zuliebe", ließen aber die Hetzer und Treiber ruhig gewähren. Sie selber hatten nichts gehört, nichts gesehen und nichts getan ... Zunächst wagte sich noch die Widersetzlichkeit nicht so offen an den Tag. Sie brach sich an der vom Vorstand geschützten Autorität des Rabbinats. Da kam der Altonaer Streit, der feine Wellen bis nach Frankfurt trieb. Der alte Frankfurter Gemeindestreit lebte auf und wurde zu einme Streite um die Person des Oberrabbiners, der zu Altona Stellung nehmen mußte. Er tat es höchst ungern, wurde aber von Hamburg, Altona, Amsterdam aus und in Frankfurt selbst immer mächtiger dazu gedrängt'. Zuletzt wurde er sogar als Schiedsrichter angerufen. Er wog und prüfte, urteilte und verurteilte. Aehnlich wie Rabbi Jecheskel in Prag wollte er die Pergamente verdammen, den Mann aber, von dem sie herrühren sollten, in seiner Ehre unangetastet wissen. Rabbi Jonathan sollte seinen Irrtum öffentlich bekennen und die Inschriften widerrufen. Altona nahm aber diese Meinung sehr krumm als schwer persönliche Verletzung Rabbi Jonathans und verwahrte sich scharf gegen die Einmischung. Als sich Rabbi Josua von Rabbi Hellmann in Metz gar dazu bewegen ließ, den Bann g e ge n d ie Amulette, ohne Rabbi Jonathans Namen dabei zu erwähnen, auszusprechen, da brannte, es lichterloh auch in Frankfurt.. So viele Freunde hatte Eibenschütz auf einmal in Frankfurt, wie Rabbi Josua Gegner hatte, und alle waren sie voller Eifer, die Ehre Jonathans zu retten und zu rächen. Die „Kulpianer" hatten Jonathans Sache zu der ihrigen gemacht und sich mit diesem Namen eine feste Burg errichtet, von der aus der Kampf gegen den Mann, in dem sie eine Stütze ihrer Gegner in der Gemeinde sahen, sich leicht und sicher führen ließ. " ' Auch die Besseren und Gelehrten in dieser Partei glaubten jetzt, ohne Scheu und ohne der Thora Ehre zu verletzen, offen gegen den Frankfurter Oberrabbiner Front machen zu dürfen. Galt doch dieser Kampf, wie sie sich sagten, einer guten, heiligen Sache, der Wiederherstellung der Ehre eines zu Unrecht verfolgten Thorafürsten. Widerstand, ungehorsame Unbotsmäßigkeit gegen den Oberrabbiner machten sich bis ins Lehr- und Bethaus, ja, bis in die Besdin-Stube bemerkbar. Rabbi Jakob Josua ging gebückten Hauptes und betrübten Herzens durch die Reihen kalter Gesichter und feindlicher Blicke. Aber von seinem Standpunkte wich er um keinen Schritt. Rabbi l.o ses Rapp, neben Moses Kann der angesehenste Mann in der Gemeinde, der Aelteste der Dajanim, galt als intimer Freund