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Der Israelit · 1930-03-06 · Heft 10 (6.3.1930) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 10 (6.3.1930)
Date
1930-03-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 10 Der Israelit 6. März 1930 Rabbi Jonathans. Im Hause Rapps genoß Jonathan, als er sich in Frankfurt aushielt, liebevolle Gastlichkeit. Bei diesem Aufenthalte soll, wie man sagte, der erste zersetzende Keim in das Freundschaftsverhältnis zwischen Eibenschütz und Rabbi Jakob Josua eingedrungen sein. Moses Rapp war auch glühender Verehrer der Eibenschützchen Werke. Er sah darum mit innerem Unbehagen die Stellungnahme seines Oberrabbiners gegen Altona, aber er blieb still und vornehm, wie es seine aliererbte Art war. Bemühungen, den vielverehrten Mann als Kampfesgenosse gegen den Oberrabbiner zu gewinnen, scheiterten am Charakter dieses alten Frankfurters. Er kannte die Geistesgröße des Verfassers des „Pne Jehaufchua", und beugte sich ihr in xiiebe und Verehrung. Indes tonnte es Rabbi Moses Rapp nicht verhindern, daß auch sein Name im Kampfe genannt und mißbraucht wurde. Es gab sogar welche, die glaubten, Rabbi Rapp gegen Rabbi Jakob Josua schützen zu müssen . . . Wo solches Unterfangen Rabbi Moses Rapp zu Ohren kam, wies er es in seiner milden, aber bestimmten Art zurück. Menschen, die in seiner Gegenwart den Streitfall besprachen, ging er aus dem Wege, wie einer Gefahrstelle, etwa einem Gerüste vor einem Neubau, wo man, wie Talmud sagt, „einem sein Sündenregister auftut". Im Widerstreite der großen Männer litt seine Seele still und allein. So schwer wurde zuletzt Rabbi Jakob Josua von seinen Gegnern zugesetzt, so offen und herausfordernd wurden feiüe Worte mißachtet, feine Verordnungen übersehen und weite Schichten der Gemeinde gegen ihn aufgestachelt, daß er an einem schönen Sabbatmorgen von der Kanzel herab seiner tieferstaunten Gemeinde mitteilte, es sei seine letzte Frankfurter Predigt; daß er nunmehr dahin gehen wolle, wo Wahrheit und Frieden nebeneinander ihren Platz hätten. Vielleicht nach dem heiligen Lande . . . Am Sonntag packte er seine Sachen und begab sich mit Weib und Kind zunächst nach Mainz und von dort rheinaufwärts nach Worms. Neben Rabbi Moses Kann und vielen seiner Getreuen war auch Rabbi Moses Rapp im Geleite zu sehen. Er wünschte Rabbi Jakob Josua unter Tränen eine baldige glückliche W i e d e r k e h r i n F r i e d e n . . . Der Kampf ging weiter, von Zwischenträgern sorglich gehütet und geschürt. Den Sturmbeins ging in dieser rabbinerlosen Zeit die Arbeit nicht aus. (Fortsetzung folgt.) Tlafkaly Harkwig Wessely. Von Rabbiner Ed. Duckecz in Altona. (Schluß.) Rabbi David Tewle sah in dem Sendschreiben Wesselys, welches in herrlichen hebräischen Versen den Glaubensgenossen aufs Dringendste anriet, der Kultur der Neuzeit sich nicht zuverschließen, dem jüdischen Kind zuerst die allgemeine Schulbildung und dann erst Religion und Talmudunterricht zu geben, einen folgenschweren Irrtum und trat Wessely mit aller Entschiedenheit entgegen, predigte öffentlich gegen das Sendschreiben und wollte es öffentlich verbrennen lassen. Er hielt es als seine Pflicht, auf die von Wessely heraufbeschworene Gefahr mit allem Nachdruck aufmerksam zu machen. Wesely hatte sich außerdem im Ausdruck vergriffen, indem er das Zitat anwandte: wn naitt.nVsj njn m pnv van Va: »Ein Talmudist, der nicht Kenntnisse (allgemeine Bildung) besitzt, ist häßlicher als ein . . ." All dies hatte die Verbitterung gegen ihn hervorgerufen. Dr. Levin in Pinne hat in seiner „Geschichte der Juden in Lissa", Seite 195—200 ausführlich über den Protest David Tewles geschrieben und nachgewiesen, daß Tewle nicht irgend ein Winkelrabbiner, wie Grätz schreibt, war, sondern ein hervorragender Gelehrter, der in Wahrung der Interessen des überlieferten Judentums feine warnende Stimme erhob. In seiner Predigt sagte er u. a.: „Wessely drängt mit seinem Rate vor sich. Einen Ausgleich zwischen profanem und talmudischem Wissen hat es vor Wessely auch gegeben." David Tewle, Lissa und Ezechiel Landau konnten selbstverständlich die Ansicht Mendelssohns betreffs des Sendschreibens Wesselys in seinen gesammelten Schriften Seite 603 nicht teilen, wo Mendelssohn schreibt: „In Anschauung der Lehrmeinung sind wir steil Wo die Mei- ' nungen der Rabbiner geteilt sind, kann jeder Jude, der | ungelehrte sowohl als der gelehrte, diesem oder jenem j beistimmen." Wohlweislich sagen die Rabbiner: v"n D’pV* na> Wessely schrieb dann zur Beruhigung und Verteidigung noch drei Sendschreiben, die dann die erregst Stimmung milderten; nebenbei bot Mendelssohn in seiner 'wahren'Freundschaft für' seinen treuen Mitarbeiter - seinen. Einfluß in Berlin auf, um den Berliner Rabbiner Hirsche! L e v i n u. a. von weiteren Schritten gegen Wessely zurückzuhalten. Später-wurden, alle anderen Werke Wesstelhs"auch von der orthodoxen Richtung anerkannt und teilweise auch, als Moral und Belehrungsbücher zum Studium empfohlen. — Er persönlich fand die' vollste. Würdigung und Wertschätzung der orthodoxen Richtung. Denn wenn auch die Sendschreiben, die Wessely vielleicht garnicht freiwillig, sondern in finanzieller Abhängigkeit von seinen Berliner Brotherren und Machthabern schrieb (wie David Tewle und andere zwischen den Zeilen andeuten), abgelehnt wurden alle anderen. Werke Wesselys fanden auch in streng religiösen Kreisen ihre berechtigte Verbreitung. Es ist kein ehrendes Zeugnis für Friedländer, was er als Vorwort zu Mendelssohns Brief vom 17. April 1782 (Seite 593) in „Moses Mendelssohns gesammelten Schriften" schreibt: „Der einliegende, mit hebräischen Lettern von Mendelssohn an mich gerichtete Brief war bestimmt, den darin genannten Personen vorgelegt zu werden, um den alten Wessely gegen die Verfolgung des Ober- Landesrabbiners zu schützen, welcher besonders von den Rabbinern in Elogau und Lissa aufgereizt, willens war, dem Wessely das Drucken zu verbieten. Er hatte stillschweigend sich das Zensoramt angemaßt; jedoch wollte er auch die Aeltesten darin mischen und so mit mehr Autorität gegen Wesseln agieren. Der Brief tat seine Wirkung; und namentlich traten Mendelssohn selbst, der alte Jtzig, sein ältester Sohn, der alte Wolf Joel van Halle, Aron Mecker und ich als Verfechter auf, und brachten die sämtlichen Rabbiner, > nicht.durch Gründe, sondern durch Furcht, zum Schweigen." Als nach Wesselys Tode die hinterlassenen handschriftlichen Werke 1838 gedruckt werden sollten, schreiben der Hamburger Chacham B e r n a y s und der Altonaer R. Jacob E t t l i n g e-r die wärmsten Empfehlungen dem Werke. B e r n a y s schreibt: „Wer ist noch unter dem Ueberrest Israels, der aus den Tiefen der Thora geschöpft und uns geistige Schätze gehoben, wir der berühmte Dichter und Sänger „unser Lehrer" N. H. Wessely. Gestützt auf dem Stabe der Gottesfurcht und mit lauterer Gesinnung hat er seine Werke verfaßt und unsere Augen erleuchtet in der Thora." In den letzten Jahren seines Lebens, nachdem die Firma Josef Beitel in Berlin aufgelöst war, gründeten seine Freunde einen Verein zur religiösen Belehrung, wo er regelmäßig Vorträge hielt und ein sorgenfreies Auskommen hatte. 1875 starb in Berlin seine Frau. Im Jahre 1804 kam er nach Hamburg, wo seine Tochter den Arzt Dr^ Meyer heiratete. Da hier seine Söhne als Lehrer und Schriftsteller wohnten, bewogen diese ihren Vater, bei ihnen zu wohnen und blieb er bis zu seinem Tode in Hamburg.-. Er starb am Donnerstag, den 28. Februar, hebr. den 29. Adar I, und wurde am Sonntag, den 3. März, zu Grabe gebracht (1805). Auf dem Grabstein steht unrichtig als Sterbetag, der erste Tag des Monats Adar II. Hiermit fallen alle Fragen und Kombinationen Prof. Dr. Simvnsens in Kovenhagen in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft der Juden" vom Jahre 1905, Seite 205—208, betreffs des Todestages Wesseln weg. Zum Beweis, daß er am 29. Adar l starb, zitierte ich hier einen Auszug aus dem Protokoll der Portugiesengemeinde Hamburg, den mir Herr L. Cassuto freundlichst abschrieb: „Am 29. Adar I. 5565 erschienen in der „Versammlungsstube" (Junta) der Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde die Söhne des sel. Naphtaly Herz Wessely, nämlich Selomoh und Jedidna und baten, ihren Vater auf dem portugiesischen Friedhof zu bestatten, da dessen Ahnen alle dort ihre letzte Ruhe gefunden hätten. In der am folgenden Tage stattfindenden „Junta de Jechidim" (Mitgliederversammlung) wurde beschlossen, angeichts der großen Verdienste und der Gelehrsamkeit des 'eligen Verstorbenen, demselben einen Platz aus dem vortugiesischen Friedhof einzuräumen, und wurden dem Verwalter von Guemilut Hassadim dementsprechende Anweisungen gegeben, und es gab sich die gewöhnliche Zahl der benötigten Mitglieder von Guemilut Hassadim in das Sterbehaus und verrichteten den letzten Dienst. Am folgenden Tage wurde der Verstorbene mit allen Ehren in einem Grabe auf dem portugiesischen Friedhof bestattet, an welchem der Kaiserliche Notar Abr. Meldola einen Nachruf hielt." Ueber die eigenartige Inschrift des Grabsteines auf die Wittkower. Seite 303 aufmerksam macht, daß sie den Akrostikon „Jizchok" tragt, dürfte vielleicht anzunehmen sein, daß dieser Name ihm während seiner Krankheit aegeben wurde. — Wesselys Biographie schrieb David Friedrichsfeld 1609 im Auszug in v'svn» S. 231 und Meifel „Leben und Wirken Wesselys", Breslau 1641. (Der Kaftan.) Unter dem Namen „Der Kaftan" hat sich in Berlin W., Lutherstraße 31, ein Haus für leichte jüdische Kunst aufgetan, das großen Zuspruch findet. Die Leitung liegt in den Händen des in Frankfurt bekannten jüdischen Sängers M. Sakaschansky. Weitere künstlerische Leiter sind die Herren O. Ebels bacher (früher am Frankfurter Schauspielhaus) und E. Pnöckl., Sakaschansky singt Stücke von Scholem Alechem, Perez usw. und kleine Theaterstücke aus dem jüdischen Leben finden rauschenden Beifall und in der Presse gute Kritik. Es ist anzuerkennen, daß diese leichte Muse sich fernhält von allem Grotesken, und mit den bekannten „Bretteln", in denen „jüdische Witze" gerissen werden, nach dem Rezepte: „Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie", nichts gemein hat. Das Unternehmen will bei einem östlichen Publikum alte Erinnerungen wecken und dem Westen das tiefe Innenleben des jüdischen Ostghettos näher bringen. Rinderecke. Getrocknete Tränen. Von Heinrich EinftSdter. An einem Sonntag vormittag nimmt der Vater seinen kleinen Knaben mit zur Synagoge. Es ist Frühling, und der Betsaal ist von hellem Licht erfüllt. Zu dieser Zeit wird kein Gottesdienst abgehalten, und Vater und Sohn befinden sich daher allein in dem geheiligten Raume. Auch sie sind heute nicht gekommen, um zu beten. Der Vater ist Kultusvorsteher und bekümmert sich als solcher um alle Angelegenheiten der kleinen Gemeinde. Heute möchte ec die geschäftsfreien Stunden dazu verwenden, den Synagogenschrank zu ordnen. Dieser steht in einer Ecke des Raumes und beherbergt in verschiedenen Fächern die Vorhänge, die Mäntelchen, den Thoraschmuck, allerlei Gebetbücher, Kerzen und — wer weiß, noch welche Dinge sonst. In das unterste Fach legen die Leute gewöhnlich die So nennt man die unbrauchbar gewordenen Gebetbücher, Tefillin und Mesusaus. Du sie sich ziemlich angehäuft haben, will sie der Vater in einer Kiste, die auf dem Synagogenboden steht und neben anderem auch eine unverwendbar gewordene Thorarolle enthält, verwahren. Von hier aus werden die Schemaus von Zeit zu Zeit auf den Friedhof gebracht und dort begraben. Der Knabe übernimmt die Aufgabe, die verschiedenen Gegenstände auf den Synagogenboden zu ' bringen, als ein Ehrenamt. Er benutzt die Gelegenheit, die Inschriften zerissenen Wimpeln und die handschriftlichen Bemerkungen auf den Innenseiten der Deckel alter Bücher zu entziffern, und mit unendlicher Liebe und Geduld beantwortet sein Vater die vielen Fragen, die sich daraus ergeben. Manche interessanten und lehrreichen Aufklärungen werden dem Knaben, dem der Vater der geduldigste Lehrer, der treueste Kamerad und der liebevollste Führer durch seine schöne Kindheit ist. Am meisten zieht heute ein uraltes Machsor für Jaum Kippur die Aufmerksamkeit des Kindes auf sich. Sein starker Holzband ist mit Leder überzogen und durch messingne Schlösser zusammengehalten. Die Uebersetzung und die Anmerkungen im Jargon in jüdisch-deutschem Druck erheitern den Knaben, und immer wieder findet er etwas, was ihm ungewöhnlich und bemerkenswert vorkommt. Außer diesem starken Folioband sind Tesillaus in großer Zahl von verschiedensten Ausgaben vorhanden. Dem Kinde fällt es auf, daß in allen diesen Gebetbüchern die Blätter, die die Gebete für den Versöhnungstag zeigen, am besten erhalten sind, während gerade diese Hauptgebete in dem Machsor viele Flecken und deutliche Spuren des Verbrauchs aufweisen. „Schau", spricht daraus der Vater: „Wer betet wohl am Jaum Kippur aus einem Siddur? Doch meistens nur kleinere Kinder." Männer und Frauen verwenden im allgemeinen an diesem Tage ein Machsor, und an den Stellen, die das Sündenbekenntnis enthalten, erinnern sie sich in Reue und unter lebhaften Selbstvorwürfen des Unrechts und der Fehler, die sie begangen haben. Dabei mag manche Träne auf das Buch fallen. In diesem Machsor kannst du deutlich erkennen, daß die vielen Flecken von Tränen herrühren, und daß zitternde Hände Unebenheiten und Brüche verursacht haben. Solche Gewissensbisse kennt ein Kind noch nicht. Da bleiben die Blätter glatt und unbefleckt und zeigen höchstens die Spuren des Lernens, wenn diese Gebete in der Schule behandelt worden sind." Darauf wendet sich der Mann wieder seiner Beschäftigung zu. Als er nach einiger Zeit abermals zu seinem Kinde hinblickt, da sieht er, wie dieses sehr ernst in das Machsor Schaut und mit ber Hand immer wieder wie glättend über ein Blatt streicht. Da fragt er: „Was denkst du, mein Sohn?" Und dieser antwortet leise: „Im Machsor steht. der gleiche Familienname wie in dieser Tefilla. Vielleicht gehörte es dem Großvater von dem Besitzer der Tefilla. Und ich meine, daß er sehr fromm gewesen ist; denn er hat seine Kinder fromm erzogen. Sonst hätten sie doch nicht auch wieder darauf geachtet, daß ihre Kinder lernen und beten. Warum mußte sich also der gute Großvater so schwere Vorwürfe machen?" Da legte der Vater seine Rechte aus des Kindes Haupt: „Du magst recht haben, mein Sohn. Wenn auch kein Mensch ohne Sünde und Fehl ist, Gott wird gewiß dem verzeihen, der gute Absichten verfolgt und fromme Kinder hintexlassen hat."

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