Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1930)
- Date
- 1930-03-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 10 Der Israelit läßt sich noch kein Zeitpunkt angeben, wenn der Bericht fertig vorliegen wird. Er befürwortete eine Nachtragsbewilligung von 140.000 Pfund für den Mittel-Oft-Dienst, und zwar 16.000 Pfund für den Irak und 124.000 Pfund für Palästina und Transjordanien. Im Zusammenhang mit den jüngsten Unruhen in Palästina wurde der Etat um folgende Beträge überschritten: für die Admiralität Lst. 1000, für das Kriegsministerium Lst. 35.000, für das Luftfahrtministerium Lst. 63.000, zusammen also um Lst. 99.000. Die Frage, ob diese Kostenüberschreitung von der Palästina-Regierung gedeckt werden soll, wird zu einem späteren Zeitpunkt erörtert werden. Eine Summe von 15.000 Pfund sei an das Luftfahrtministerium im Zusammenhang mit den außerordentlich hohen Ausgaben in Transjordanien zu leisten, da die transjordanische Regierung gegenwärtig diese Kosten nicht tragen kann. Eine weitere Summe von 10.000 Pfund ist als Hilfsbewilligung für die transjordanische Grenzmacht im Zusammenhang mit den Unruhen in Palästina erforderlich. Colonel Howard Bu r y stellte den Antrag, die Bewilligung um 100 Pfund zu kürzen. „Ich erhebe einen starken Einwand dagegen," sagte er, „daß eine hohe Summe ausgegeben wird, um eine fremde Raffe in ein fremdes Land zu bringen. Mit diesen Ausgaben ist ja noch nicht alles getan; im kommenden Jahre werderr noch größere Summen angefordert werden. Hat der Herr Unterstaatssekretär die Rückwirkungen auf die Palästina benachbarten Länder in Betracht gezogen? Heute sind diese Länder noch unsere Alliierten, aber wenn die jetzige Politik in Palästina fortgesetzt werde, so werden sie uns als Feinde gegenüberstehen." Marcus (Arbeiterpartei) protestierte gegen die Rede Howard Burys, die er „ungeheuerlich" nennt. James 'de Rothschild sagte: „Im Namen einer Gesellschaft, die 15 000 Juden nach Palästina gebracht und viel Boden in dem Lande kultiviert hat, danke ich der britischen Regierung für ihre schnellen Entschlüsse bei der Unterdrückung dieser Unruhen. Hätte .die Regierung nicht Truppen nach Palästina gesandt, es würden viel mehr Menschenleben verloren gegangen sein. Die Bevölkerung Palästinas und die Bevölkerung Großbritanniens find der Regierung für diese Aktion dankbar." Der frühere Staatssekretär für die Kolonien, Amery. führte aus: „Wenn Sie noch so verschiedener Meinung bezüglich der Balfour-Deklaration sein würden, so müßten Sie doch alle zugeben, daß keine britische Regierung es zulassen könne, daß ihre vorgefaßte Politik durch Pöbelgewält umgestoßen werde oder daß eine in einem Lande gemäß einem internationalen Mandat angesie' delte Bevölkerung durch einen anderen Bevölkerungsteil verfolgt werde." Dr. Shiels führte zum Abschluß der Debatte aus: „Wir müssen fortfahren, den Schutz aller Bewohner eines Landes zu sichern, in welchem wir die Verantwortung für Recht und Ordnung tragen. Was wir hinsichtlich Palästina wünschen, sei das Wirken von Kräften, die eine Bewilligung dieser Art in der Zukunft überflüssig machen würden." Das Unterhaus stimmte der Nachtragsbewilligung zu. Amerika. Rabbi Simon Glazer und die AUnsker Rabbiner. Newyork, 28. Febr. Bekanntlich hat das Hauptorgan der russischen Regierung, „Jsvestija", erklärt, die Verhaftung der Minsker Rabbiner sei nicht wegen religiöser Uebungen erfolgt, sondern wegen Konspiration mit ausländischen Stellen: so hätten die Minsker Rabbiner und Gemeindeführec „eine illegale rabbinische Versammlung" unter Teilnahme des amerikanischen Rabbiners Simon Glazer abgehalten, wobei die Rabbiner dem Gaste Informationen über den Status der Religion in Sowjetrußland und die Lage der Juden gaben und ihm erzählten, das jüdische Volk gehe unter und die Religoin sterbe aus. Rabbi Simon Glazer, Präsident des Zentralrates der orthodoxen Rabbiner Amerikas, bestreitet in einer durch die Jüdische Telegraphen-Agentur verbreiteten Erklärung, eine Konferenz mit den Minsker Rabbinern abgehalten und von ihnen Informationen entgegengenommen zu haben. Das Auskunftsbüro der Sowjetunion in Washington, der Sowjetbotschafter in Berlin und das Russische Auswärtige Amt, erklärt Rabbi Glazer, waren über den Zweck meines Besuches genau informiert: ich wollte das jüdische Leben unter dem Sowjetregime studieren. Unter diesen Bedingungen wurde mir ein Paß ausgefolgt. Bei meiner Ankunft in Rußland war. ich sofort in der Lage, die Gesetzesvorschriften vom April 4929 betreffend religiöse Körperschaften in der Hotel- Vorhalle, wo sie öffentlich auslagen, käuflich zu erwerben; ich erhielt so in der Nacht nach meiner Ankunft alle Informationen, die ich brauchte. Die Gesetze waren vom Präsidenten der Sowjetrepublik Weißrußland, Tscherkakow, bestätigt. Ich nahm an keiner Rabbiner- Versammlung teil, weil für mich nicht die Notwendigkeit vorlag, weitere Informationen zu sammeln. Auf meiner Rückreise nach Amerika traf ich mich mit dem stellvertretenden amerikanischen Botschafter in Frankreich, und dieser riet mir, die gesammelten Tatsachen, wie sie sind, auf alle Fälle zu publizieren; das tat ich auch. Rußland. \ Appelle und Dementis. Moskau, 27. Febr. Um Mitternacht vom 26. und 27. Februar übergab das Auswärtige Amt der Sowjetunion den Vertretern der Presse einen von Oberrabbiner G l u s k i n und fün' weiteren verhaftet gewesenen und nun freigelassenen Minsker Rabbinern Unterzeichneten Appell an die Judenheit der ganzen Welt, in welchem diese ihrer Empörung wegen des im Auslande im Zusammenhang mit den Rabbiner-Verhaftungen eingeleiteten Feldzug gegen die Sowjets zum Ausdruck bringen und bitten, diese „ungerechten Angriffe" nicht zu unterstützen. Die Sowjetregierung, heißt es in dem Appell, bekämpfe mit allem Nachdruck den Antisemitismus. Wohl bestehe in Rußland eine antireligiöse Propaganda, gegen die sich die Rabbiner wenden, aber die Sowjetregierung als solche habe den Juden gleiche bürgerliche Rechte und Freiheit der Religionsübung gewährt. Es wird festgestellt, daß seit Bestehen des Sowjetregimes kein einziger Rabbiner hingerichtet worden fei. (Also hingerichtet nicht. D. Red.). Palästina. Verurteilung des Attentäters auf Ventwich. Jerusalem, 27. Febr. Der junge Polizeibote Abdul Ghani, der vor einigen Monaten das Attentat auf den Chef des Justizdepartements der palästinensischen Regierung, Norman Bentwich, verübt hat, wobei Bentwich nicht unerheblich verletzt wurde, wurde wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Gegensatz zu den auschließlich aus Engländern zusammengesetzten Gerichten, die über Aufruhrfälle in Palästina urteilen, war dieses Gericht aus. dem Engländer Tute, dem Juden Valero und dem Araber Budeiri zusammengesetzt. Butzgottesdienste in den patästinensifchen Synagogen. Jerusalem, 2. März. Am 27.. Februar, anläßlich des „Jom Kippur-Katan" (Vorabend des Rosch-Chodefch), wurden in allen Synagogen Palästinas im Zusammenhang milder Verfolgung der Religion und der Rabbiner in Rußland Bußgebete gesprochen. In die Gebete wurde ein vom Oberrabbinat empfohlener Passus eingefügt, der sich direkt auf die russische Judenheit bezog. Personalien. Elberfeld, 3. März. Die gesetzestreuen Kreise Elberfelds, zu denen sowohl Oft-als auch Westjuden gehören, haben sich vor etwa einem Jahre zu einer „Jüdisch konservativen Vereinigung" zusammengeschlossen. .Der Zweck der Vereinigung war der, für die orthodoxen Interessen in stärkerem Matze als bisher Sorge zu tragen. Als erstes Ergebnis dieser gemeinsamen Arbeit ist es gelungen, eine Persönlichkeit herzuberufen, die im gesetzestreuen Kreis wirken soll und der auch die Leitung der Talmud-Thora übertragen wurde. Die Wahl fiel aus Herrn Rabbiner Moses Findling, der seine Ausbildung auf der BreuerschenJeschiwa erhalten hatte. ' Am letzten Sonntag, den 2. März, .fand, seine Einführung statt. Im Aufträge der Vereinigung und im Namen der Synagoge Adatz Jeschurun begrüßte der Vorsitzende, Herr Mar Frank, den Rabbiner -und diezahlreich erschienenen Mitglieder. Er wünschte dem Herrn Rabbiner ein recht langes und segensreiches Wirken. Namens der Talmud-Thora sprach dessen Vorsitzender, Herr Woltschonok, die Hoffnung aus, dätz es dem Herrn Rabbiner vergönnt sein möge, die Jugend bei der Thora festzuhalten. ’ „ _ 6.. Mätz; 193BS / Sodann ergriff Herr Rabbiner Findling: das Wort,, um zunächst Gott für. schne bisherige schützende Hand zu danken. Dank gebühre auch den Aussührenden, des. göttlichen Willens, seinen lieben Eltern, und seinen hochverehrten Lehrern, Rabb.. Dr. S. Breuer V"3i und n^nan^ Herrn Rabb. Dr. - Jpses Breuer ’ An Hand des rv>xm Gesetzes führte er dann in-markanter und pgckender Art und Weise die großen erzieherischen Ausgaben aus, die das jüdische Volksleben zu erfüllen habe.. Als Gleichberechtigte! stehen sich hier alle gegenüber. Ganz besonders gilt dies, für eine Gemeinde, in der Ost- und Westjuden vertreten sind,, da ein wirklicher rovv ’äv die positiven Werte dieser beiden Kreise besitzen mutz. Er hoffe, daß das o at seiner großen Ahnen und seiner großen Lehrer ihm bei der hiesigen Arbeit behilflich sein wird. Mit dem. Mariwgebete wurde die eindrucksvolle Feier beendet.. Möge es Herrn Rabbiner Findling vergönnt sein, recht viele Erfolge zu zeitigem Hamburg, 2. März. Am 5,. Adar feiert der unseren Lesern wohlbekannte Herr Rabb. Dr. Moses Lew in , ^Hamburg, seinen 60. Geburtstag. Mit 26 Jahren vom „Hildesheimer-Seminar" nach Wreschen in Posen als Raw berufen, war er dort 24 Jahre tätig, gleichzeitig an der dortigen Realschule 'und dem Resormprogymnasium als Oberlehrer für Latein, Griechisch und Mathematik. Während des Krieges war er Seelsorger an dem in der Nähe der russischen Grenze (bei Stralkowo) sich befindenden Gefangenenlager; in welchem ca. 250 jüdische Gefangene waren. Trotz größter Schwierigkeiten gelang es ihm hier, bei den Behörden zu erwirken, daß die Verpflegung dieser Glaubensgenossen zu nvv streng °ie>3 durchgeführt wurde. . . . Obwohl nach der Revolution laut Versailler Vertrag seine Heimat an Polen abgetreten wurde, harrte er als einer der wenigen auch unter polnischem Regime weiter auf seinem Posten aus; von Liebe zu seinem deutschen Vaterlande getrieben. Nicht nur als Rabbiner, sondern auch als Schulmann allgemein bekannt, geachtet und verehrt. erhielt er von. der preußischen Regierung den Auftrag, eine deutsche höhere Schule im fremden Lande ins Leben zu rufen, was ihm nach größten Schwierigkeiten gelang; als Anerkennung dafür wurde er zum Leiter dieser Schule berufen. Dezember 1923 ward er von der polnischen Regierung gezwungen, seine ihm so liebe Heimat zu verlassen, und er folgte einem Ruse an die Talmud - Thora - Realschule nach Hamburg. Zur Gattin erkor er sich eine Tochter des weit bekannten Talmid-Ehochom Mansche Ephephim Zuckermann; der Ehe entsprossen zwei Töchter und ein Sohn, alle drei, ungeachtet ihrer schweren akademischen Berufe, die streng orthodoxe Richtung ihrer Eltern weiter hochhaltend. Wir wünschen dem verehrten Lehrer ein Leben in Glück und Arbeit. Thüngen llfr., 3. März. In körperlicher und geistiger Frische feiert kommenden triis Frau Babette Biers child ihren n e u n z i g st e n Geburtstag. Möge ihr gegönnt sein, in gleicher Frische ihren Lebensabend weiter zu genießen. Nauheim b. Gr.-Gerau, 2. März. Am 3. März feierte in körperlicher und geistiger Frische Frau Moses Marx Ww., Vethchen geb.Lichtenstein ihren 82. Geburtstag. Kippenheim i. B., 2. März. Letzten Schabbos v'vv-vv feierte unser ältestes Gemeinde Mitglied, Herr Jsak Auerbacher, seinen 95. Geburtstag. Aus diesem Anlaß wurden ihm zahlreiche Geschenke und Ehrungen zuteil. Der Jubilar erfreut sich noch eines besonders regen Geistes und auch körperlicher Frische. Er lebt in seinem Elternhaus, wo er von seiner Schwiegertochter liebevoll gepflegt wird. Oedenburg (Ungarn), 3. März. Herr Rabbiner Simon Posen (Sohn des Herrn Rabbittatsassesiors Gerson Posen in Frankfurt ä. M.) wurde zuln Rabbiner der altehrwürdigen Gemeinde in Oedenburg gewählt. Herr' Rab-; biner Simon Posen, ein früherer Hörer der Frankfurts r> Jeschiwa, wirkte zuletzt als Leiter der Jeschiwa in der Gemeinde, die ihn nun an die Spitze desRabbinats stellte. , 'i.x / Berlin, 26. Febr. Am Dienstag vergangener - Woche wurde die Witwe des vor nicht langer Zeit auf.tragische s Weise durch Autounsall aus dem Leben geschiedenen' Dr. Raphael Kirch auf dem Friedhof der Ädüß Jisroel- Eemeinde zu Grabes getragen. An . der Bahre^ sprach Rabbiner Dr. Daniel Fink als Freund des Hauses innige Worte der Trauer über die Heimgegangene, in denen er die Frömmigkeit des Hauses und die Einheit von Mann und Frau hervorhob. Die. Heimgegangene war durch den unerwarteten Tod ihres Gatten, in ihrem Innersten so erschüttert, daß sie seitdem eine vom Tode' Gezeichnete wurde. Sie konnte den Tod ihres Gatten nicht mehr überwinden. Rabb. Dr. Fink beweinte und beklagte das große Unglück des so früh aufgelösten Hauses und der beiden zurückgelassenen Kinder, die in kurzer Zeit Vater und Mutter verloren haben.. Er richtete Worte der Ermahnung an den Sohn der- Verstorbenen, der im Begriff steht, ein neues Heim mit einer Dame aus wirklich jüdischem Frankfurter Hause ., zu' errichten, in den Füßtapfen seiner Eltern, und grotzem Vorfahren zu wandeln und ^ab seiner Genugtuung darüber Ausdrück,. daß die Tochter an der Seite ihres" Gatten, des bisherigen . Präsidenten der Adaß Jisroel-Gemeinde in London, ihr Haus zü'm Mittelpunkt des, geistigen jüdischen ^.Lebens Londons gemacht habe. Dann richtete Rechtsanwalt Dr. Leonhard Kirsch als Sohn ergreifende' Abschiedsworte an die tote Mutter. Zum Schluß sprach der Leipziger Gemeindevorsteher, Elias Kestenbaum, Worte der Trauer über das frühe Ende eines Stücks echten Judentums.