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Der Israelit · 1930-03-06 · Heft 10 (6.3.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 10 (6.3.1930)
Date
1930-03-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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6. März 1930 Der Israelit Nr. 10 Seite 3 Das Wesen der Thora. Zugleich eine Kritik meiner Kritiker. Von Dr. C. C. in A. Wenn es noch Scheiterhaufen gäbe, ich lebte nicht mehr. Herr Th. S ch a y e r („Israelit" Nr. 5) hätte mich als Großinquisitor mnd Bewahrer des einzig echten Ringes der Tradition verbrannt. Dabei bedient er sich für sein Verdikt eines Kunstgriffes, den weiland die seligett Großinquisitoren auch benutzt haben: Die Richtung gefällt ihm nicht; da er aber sachliche Gegenbeweise vorzutragen nicht in der Lage ist, wird der Verfasser dem Volke als Brunnenvergifter hingestellt. So etwas, meint Herr Schayer, begreift die Menge sofort; im Handumdrehen ist der schönste Pogrom im Gange; das Opfer ist zur Strecke gebracht. Schätzt Her Schayer die Leser des „Israelit" wirklich so gering ein, daß er glaubt, sie gegen die Verlebendigung der Thora dadurch einnehmen zu können, daß er die Ansichten des Verfassers als mit den „Fundamental-Wahrheiten und uralten Vorstellungen unserer Religion" widersprechend verdächtigt. Beweise, bitte, Herr Schayer! Oder glauben Sie, daß es Beweise seien, wenn Sie aus der Ähnlichkeit einiger weniger Ausdrücke, die an Worte aus der Goldbergfchen Religionsphilosophie erinnern, den kühnen Schluß ziehen: also ist die Philosophie von Dr. C. C. mit derjenigen Oskar Goldbergs identisch? Da die Philosophie Goldbergs an den Grundwahrheiten des Judentums rüttele, so seien damit auch die Ansichten von Dr. C. C. als thorafeindlich charakterisiert. Der grundlegende Unterschied zwischen Goldberg und mit besteht darin, daß Goldberg Gott, Welt, -jüdisches Volk, Thora und deren Beziehungen Zueinander in ein wissenschaftliches System einordnen will, während ich gerade umgekehrt die Möglichkeit wissenschaftlichen Begreifens, den gesetzlichen Charakter nicht nur von Gott, sondern auch von Welt, Volk, Thora entschieden bestreite. Dies ist aber auch der Grund, weshalb meine Ansichten den Herren Kritikern so unbequem sind. Wir alle, auch die Thoratreuen, sind, im Laufe unserer zweitausendjährigen Wanderung durch die europäische Kultur so sehr mir ihren Grundelementen infiziert, daß wir das Gefühl dafür verloren haben, daß jüdische und europäische Kulturauffassung absolut verschieden von einander sind. Wir sind dermaßen mit dem rationalen, rechnenden, wissenschaftlichen, organisatorischen, technischen, gesetzmäßigen Wesen der europäisch-amerikanischen Kultur verwachsen, wir sind so weitgehend „ g e s e tz e s t r e u " geworden, daß uns das Gegenteil als unmöglich, als Leug- -nung der Kultur überhaupt, der Religion, Gottes, des Judentums erscheint. Unser Wesen ist eben nicht mehr jüdisch, es ist europäisch geworden. Darum bedarf es keiner Argumente, um ein Verdikt über gegenteilige Anschauungen zu fällen; ssi müssen fälsch sein; das Gefühl verlangt es; genau so, wie unser Gefühl sich dagegen sträubt, daß 2X2 etwa 5 ergeben könnte. Aus demselben Grunde machen die Verfechter der Lehre von^rr •pTDj’mm vpn der Verbindung der Thora, mit moderner Kultur den Fehler, daß sie gar nicht erst untersuchen, ob denn überhaupt eine Verbindung beider möglich ist, ob nicht etwa beide sich einander ausschließen. Ihr Gefühl setzt die Möglichkeit der Verbindung als selbstverständlich voraus. Sie bedarf ebensowenig eines Beweises wie etwa, die Behauptung, daß 2X4 — 4 fei. Sie machen ferner den Fehler — ebenfalls, als ob dies selbstverständlich wäre —, daß sie weltliche Bildung mit dem Kulturinhalt des europäisch-amerikanischen Kulturkreises identifizieren. Sie merken gar nicht, daß sie damit im Fahrwasser europäischer Einbildung schrammen, welche die europäisch-amerikanische Kultur für die höchste aller Kulturen hält, die die Menschheit bis heute hervorgebracht habe; sie merken nicht, daß sie damit — ohne daß sie es beabsichtigen — die jüdische Kultur zu einer Kultur zweiten Ranges degradieren: sie merken nicht, daß sie — ohne es zu wollen — damit das Gefühl nähren und fördern, als ob die jüdische Kultur minderwertig sei, als ob der jüdischen Kultur viele Vildungselemente fehlen, die zur Voll- Bildung eines Menschen erforderlich seien. Wollen sie etwa damit den verloren gegangenen Stolz auf die überragende Bedeutung, auf das Einzigartige, auf die Weltmission der jüdischen Kultur wieder aufrichten? Wollen sie damit das Judentum, die Thora wieder verlebendigen? Zur echten Jüdifchkeit gehört in erster Linie der heiße Glaube an die Sieghaftigkeit der Thora. Meint man wirklich, diesen Glauben zu erneuern oder zu fördern, wenn man erklärt, die Thora bedürfe zur Vervollkommnung des Menschen der Krücken seiner anderen Kultur, wenn man also erklärt, daß die Thora unvollkommen sei, daß sie hinke? Wenn die Behauptung wahr wäre, daß die Erziehung in jüdischer Kultur allein den Menschen anbrauchbar für das moderne praktische Leben mache, selbst dann dürfte man vor der modernen Kultur nicht die Waffen strecken, selbst dann hätte man die Verpflichtung, ganze, ausschließlich jüdische Menschen zu erziehen; oder man muß so ehrlich sein und zugeben, daß um des praktischen Zigarren AQ Wolf Zei 49 Telei. Römer 930 Lebens willen fremde Kulturelemente, also ein gewisser Grad der Assimilation nicht zu vermeiden sei. Aber einerseits die Assimilation ablehnen, andererseits die Assimilation in beschränktem Umfange zulassen ... wie heißt es doch vom Prophteen Elsiahu: „Bis wann wollt Ihr noch nach zwei Richtungen hin Hüpfen?" (l. Kön. 18, 21). Es trifft aber gar nicht zu, daß die Thora, daß die jüdische Kultur unvollkommen ist, daß sie in ausschließlicher Anwendung den Juden fürs moderne praktische Leben untauglich macht. Wenn die thoratreue Erziehung der Gegenwart allein mit jüdischen Kulturelementen den modernen Juden und Menschen nicht zu bilden vermag, so liegt dies nicht an einem Mangel der Thora, sondern an einem Mangel unserer Erziehung. Wie kann es eine jüdische Erziehung geben, wenn wir nicht einmal mehr das Wesen der Thora und der jüdischen Kultur kennen? Wirwiederholen zwar Hunderte Male, daß die Thora gleich Leben sei, wir stellen diesen Gedanken sogar in den Mittelpunkt eines Festes, des Simchas-Thora-Festes, aber die Bedeutung und Tragweite dieses Gedankens ist uns verloren gegangen. Leben steht im Gegensatz zu allen Charaktereigenheiten der europäisch-amerikanischen Kultur. Das Lebendige ist nicht rational, sondern erlebend, nicht rechnend, sondern Einheit und Ganzheit erstrebend, nicht wissenschaftlich, sondern intuitiv, nicht organisatorisch, sondern in natürlichen Organismen sich ausdrückend, nicht technisch, sondern organisch, nicht gesetzmäßig, sondern frei-rhythmisch. So wie die Thora lebendig ist, so ist auch das jüdische Volk lebendig, so ist auch nach jüdischer Auffassung die Welt, der Kosmos, so auch Gott lebendig. Gerade weil er der v«n D’pVK' der lebendige Gott, der Nur-Lebendige ist, steht er über allem Naturgesetz, ist er frei schaffend. Denn das Absolut-Lebendige ist dem Zwang und der Notwendigkeit des Naturgesetzes -nicht unterworfen, herrscht über das tote Gesetz. Den absoluten Tod kann Gott ebensowenig schaffen, wie er das Absolut-Böse schaffen kann. Es gibt eben in der Welt weder Absolut Totes, noch Absolut-Böses. Beide, sind (vgl. auch 5. B. Mos. Kap. 30, 15) miteinander identisch. Ich wüßte aber nicht, daß irgend einem unserer großen jüdischen Religionsphilosophen der Vorwurf gemacht worden ist, ihr Gottesbegriff widerspreche dem jüdischen, wenn sie die Möglichkeit des Absolut-Bösen bezweifel- und ihm so unmittelbar verbunden zu bleiben wie am Tage des Auszugs aus Aegypten. Israel wurde indes der Thauro untreu und verscherzte sich. dadurch den Anspruch auf die ihm von Gott verheißene übernatürliche Wallung. Gott gab es in Seiner unendlichen Gnade nicht preis. Allein — Matz gegen Matz — flüchtete die Wallung Gottes ins Reich der Entwicklung, wie sie dem natürlichen Lause der Dinge entspricht, welchem Israel sein Leben unterstellte. Je mehr sich Israel der Thauro zuwendet, desto mehr vermag Gott sich ihm mit Seiner unmittelbaren Gegenwart zu nähern. Doch auch die Entwicklung in der Geschichte wird von Ihm geleitet und führt schließlich die Wiedervereinigung mit Ihm herbei. Die Befreiung der Natur zu neuem Leben; Die Erlösung der Menschheit vom Genius des Kriegs; Dis Erlösung Israels für die Aufgaben der Thauro, dies find die drei Etappen, durch welche uns alljährlich der fünfzehnte Schwat, der fünfzehnte Adar, der fünfzehnte Nissan im Lichte ihrer Lehre zu Gott emporheben; das sind die Gedanken göttlicher Freiheit, die diese gehobenen Tage in der dreifachen Steigerung: Gott in der Entwicklung der Natur, Gott in der Entwicklung her.Geschichte, Gott in persönlicher Offenbarung verkünden und im Ritus festhalten. Kleines Feuilleton. Frankfurter Raw in Hamburg. In.dieser, Woche weilte der Frankfurter Raw, Herr Rabbiner Joseph I. Horovitz, in Angelegenheiten seiner Gemeinde einige Tage in Hamburg. Den Anlaß benutzten die hiesigen agudistischen Kreise gern, ihrer Verbundenheit mit dem Führer der großen orthodoxen Mustergemeinde Ausdruck zu geben. Der Einladung ins Agudaheim waren, obgleich nur wenige Stunden zur Vorbereitung zur Verfügung standen, außerordentlich viele Agudisten gefolgt, deren Empfindungen Herr Dr. Lipman Schlesinger, der 2. Vorsitzende der deutschen L. O. der Agudas Jisroel, Ausdruck gab, als er den verehrten Gast namens der L. O. und des ehrwürdigen Vorsitzenden, des Hamburger Raws, ein herzliches km ins entbot. Der ‘ Vorsitzende der Ortsgruppe, S. E s ch w e g e, verband mit seinen innigen Willkommensgrüßen herzliche Wünsche für die Amtswirksamkeit des teuren Gastes, indem er der Hoffnung Ausdruck gab, daß es dem Frankfurter Raw gelingen möge, seine Gemeinde in allen ihren Richtungen zu umfassen, und so den Pfad weiter aufsteigender Entwicklung zu führen. Wolf S. Jacobson übermittelt die Grüße der Hamburgischen Jugend, die in dem Frankfurter Raw den Repräsentanten jener hohen Ideen grüßt, die Agudas Jisroel, und allein Agudas Jisroel, darstellt, begrüßte in ihm den Repräsentanten jeder wieder anzustrebenden Geisteshaltung, die nach einem Wort des iviv von in unserem täglichen Gebetswort betont ist: iid Mi . . - vmnb uk*u» 'p*>K *yni Mama yuj "ni n»K mm, daß unsere jüdische, unsere heilige Sonderart darin besteht, daß bei uns, im Gegensatz zu den andern Völkern, n»K nnin Basis und Voraussetzung' für das Forschen in den anderen Wissenschaften und Erkenntnissen ist, die in den Worten dV® "n umschrieben sind. Hamburgs Vergangenheit: uns grüßt der Genius Samson Raphael Hirschs, der hier gewachsen und geworden. Hamburgs Gegenwart: uns steht vor Augen der Rabbinische Rat der deutschen Agudas Jisroel, der hier seinen Sitz hat. Hamburgs Zukunft: das ist diese Jugend, in deren Namen ich Sie grüße. Hierauf nahm der Frankfurter Raw das Wort zu längeren Ausführungen. Der herzliche Empfang, der ihm zuteil geworden, setze ihn nicht in Erstaunen, er befinde sich bei Agudas Jisroel, die den Begriff nmn dahin richtig verstehe, daß er brüderliche Liebe und warme Herzlichkeit einschließe . Er schilderte alsdann den großen Eindruck, den er beim Besuch des alten v"nn n'n in Altona empfangen habe, wo auch Rabbi Jizchok Hamburger, einer der Großen seiner Familie, ruht und gab dann, ausgehend von dem Worte n»sn pan n»K, der Hoffnung Ausdruck, daß Hamburgs Gegenwart, und Zukunft seiner großen Vergangenheit wieder würdig werde. Die große jüdische Gesamtausgabe, die Agudas Jisroel im besonderen zu pflegen hat, deutete der verehrte Redner aus einem Wort des vir» zu »ob nin v-mn in mitreißender Begeisterung. Seine Ausführungen, die in einem ernsten Mahnwort an die Jugend: „Zurück zur;nvr! ausklangen, hinterließen bei allen Anwesenden tiefen, nachhaltigen Eindruck, der noch durch die Schlußworte verstärkt wurde, die Rabbiner Rabbinow in der ihm eigenen innigen gemütstiesen Art als festlichen Ausklang des Abends sprach. KiW;-il i >

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