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Der Israelit · 1930-03-06 · Heft 10 (6.3.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 10 (6.3.1930)
Date
1930-03-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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w* Seite 2 Nr. 10 Das muß man schon den Sowjets lassen: Sie behandeln mi-t größter Unparteilichkeit und gleichem Haß alle und alles, was rechts von der kommunistischen Weltanschauung unddem blinden Lenin-Kult steht. Wie in früheren, aus blutigen Revolutionen hervorgeblühten jungen Staaten vor dem Rechte, so stehen jetzt dort vor dem Unrechte alle Bürger, so sie sich nicht zur knallroten Fahne mit dem Unglücksstern drauf bekennen, gleich. Man verfolgt mit gleichem Eifer Zionismus und Aguda, schließt mit gleicher Unerbittlichkeit Cheder und nationale Schule, beschlagnahmt mit einem Edikt Chassidimklaus und Chorschul. Mit einem Erlaß vom 1. Januar 1930 wurde die 'L'Sv (Gesellschaft zur Förderung der Bildung unter den Juden) definitiv g e - schlossen. Wir wollen ihr keine Trane nachweinen. Sie hatte vor 70 Jahren die von Berlin über die Ostgrenze eindringende Kultur ausgenommen und ihre letzten Reste, nachdem die Haskala nationale Bahnen eingeschlagen hatte, im Sinne der Assimilation liebevoll gehütet. Einerlei: Man bekämpft in ihr jüdische Kultur und trifft sie mit der gleichen vernichtenden Waffe, die gegen uns, gegen Thora, Sabbat und Chederschule gerichtet ist. Und die Bilanz? Eine U n te r b i l a n z , die durch die neuen wilden Attacken gewiß nicht ausgeglichen wird. Der Abgott Lenin konnte im russischen Volk den alten Gott nicht ersetzen. Im Berichte wird geklagt, daß die Religion nicht einmal aus den Kasernen der Roten Armee ganz ausgeschaltet werden konnte. Soldaten wünschten statt der bolschewistischen Vorträge Vorlesungen aus der Bibel. Soldaten hätten geduldet, daß in ihren Familien religiöse Zeremonien vorgenommen werden. Eine Rundfrage unter den Arbeitern im radikalsten Stadtteile Moskaus über ihre Stellung zur Religion wurde nur von 43 Prozent im antireligiösen Sinne beantwortet. 32 Prozent blieb die Antwort schuldig — weil man mit Angabe! von Namen und Wohnort nicht die Wut der Machthaber auf sich ziehen wollte. 25 Prozent bekannte sich aber positiv zur Religion. Eine Antwort lautet: „Viele Kommunisten haben sich der Partei der Gottlosen angeschlossen, beten aber im stillen weiter und lassen ihre Kinder taufen oder beschneiden." Ein anderer Arbeiter schreibt: „Ohne Religion werden wir zu Tieren herabgedrückt." „Nicht der Kommunismus hat es gesagt, Gott hat gelehrt: „Liebet euch!" Nach alldem darf man in den letzten Verfolgungen die sichersten Symptome für den inneren Der Israelit Zusammenbruch des russischen Feldzuges gegen Gott und die Seelen sehen. Ein verlorener Krieg, dessen Ausläufer sich schmerzlich spürbar machen, aber früher oder später gänzlich abklingen müssen. Unsere Brüder in Rußland— die jetzt zu den Drangsalierungen obendrein noch Erklärungen abgeben müssen, daß in Rußland gegen Religion und Kultus nichts geschehen sei — werden in diesem Bewußtsein neuen Mut zum tapferen Ausharren gewinnen. Der Ofljudenverband in Deutschland. In Deutschland existiert ein Verb and o stjüdischer Organis at i o n e n , dessen Exekutive (Sitz in Berlin) alljährlich eine Reichskonferenz einberuft. Dieses Jahr hielt er seine Hauptversammlung, wie schon kurz berichtet, in Magdeburg ab und faßte einige Beschlüsse, die der Beachtung wert sind. Eine Resolution lautet: „Die Ostjuden haben die Verpflichtung, an allen Arbeiten im jüdischen Gemeindeleben teilzunehmen, ihren Einfluß auf die Ausgestaltung des jüdischen Lebens in Deutschland auszuüben. Zu diesem Zwecke müssen die ostjüdischen Organisationen in sämtlichen jüdischen Körperschaften, insbesondere aber in den jüdischen Gemeinden, entsprechend ihrer Stärke vertreten sein, Im Wahlkampf sind diejenigen Parteien zu unterstützen, die auf dem Boden der vollen, uneingeschränkten Gleichberechtigung der ausländischen Juden innerhalb der jüdischen Gemeinde stehen. Eigene Kurien für ausländische Juden sind als entwürdigend energisch z u r ü ck z u w e i s e n." Ganz unsere Meinung! Wir treten in unserem Blatte feit Jahr und Tag dafür ein, daß das Recht eines Mitgliedes in der jüdischen Kultusgemeinde nicht von der Geburtsurkunde, sondern von seinem Steuerzettel oder seinen sonstigen Qualitäten als Glied der Gemeinschaft bedingt sein muß. Eigene Kurien für ausländische Juden find entwürdigend, — auch, und noch mehr für die deutschen Juden, die sie schaffen; in einer Zeit, wo der deutsche Jude selbst innerhalb der Kommunen genugsam um BiOXULTRA Die sfarkschäumende Sauerstoff-Zahnpaste ■ wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnpasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 60 Pf. BIOX-MUNDWASSER Flasche 1.— und 2.— Ml. Gegen lockere Zähne. Prob e-Flasche gratis. Max Elb A. Q., Dresden 6. März 1930 [fein Recht, das bürgerliche und das religiöse, zu kämpfen hat. Ein anderer Beschluß der Magdeburger .Reichskonferenz gibt aber ein wenig zu denken. Es wird ein Kultur rat in Berlin eingesetzt, dessen Aufgabe es ist, gegen dieAfsimil a t i o n s t e n d e n z e n z u kämpfen. Die Ortsgruppen verlangen von der jüdischen Gemeinde jüdische Schulen und. jüdische Kindergärten. Alles sehr schön. Aber diese gerechten Forderungen werden durch einen Nachsatz illusorisch gemacht, der dem Verbände zur Pflicht macht, seine ArbeitimSinne der jüdisch-nationalen Idee zu führen. Will der Verband der Ostjuden in den Gemeindestuben den ostjüdischen Organisationen Sitz und Einfluß gemäß ihrer Stärke sichern-, so kann er auf unseren Beifall und auf unsere Unterstützung rechnen. Soll. aber diese Vertretung einzig dazu dienen, die Gemeinden i m nationalen Sinne zu beeinflussen, so erinnert doch das stark an die alte Herzl'sche Parole: Eroberung der Kultusgemeinden! Und das scheint uns schon eine Sache zu sein, die mit Ostjuden, deren Rechten und Interessen in Deutschland sehr wenig oder gar' nichts zu tun hat. Mit dieser Parole wird aber auch eine andere, sehr wichtige Satzung der Magdeburger Beschlüsse stark gefährdet. Sie lautet: „Die Reichskonferenz der ostjüdischen Organisatignen in Deutschland verurteilt aufs schärfste jede Bestrebung, die Einheit des Ostjudentums in Deutschland zu zerstöre n." Sie v e r u r t e i l t die Zerstörung der Einheit und z e r st ö r t auf der anderen Seite mit eigener Hand diese Einheit; mit der Parole nämlich, die die nationale Gesinnung als erste selbstverständliche Voraussetzung und als letztes Ziel aller Bestrebungen der Ostjuden in Deutschland annimmt. Es gibt eine große Anzahl von Ostjuden, die, wie beispielsweise in Sachsen, in Westfalen, im Rheinlande, mit rein religiöser Gesinnung blühendes jüdisches Leben aus einem geistigen Trümmerhaufen hervorgezaubert haben, ohne mit national-jüdischen Bestrebungen etwas zu tun zu haben. Eine große Anzahl von Ostjuden in Deutschland hat sich begeistert der Aguda s Jisroel - Weltorganisation angeschlossen. Von all dem scheinen Exekutive und Kulturrat des Ostjüdischen Verbandes in Berlin nichts zu wissen. Sie schaffen die Einheit mit der einen und zerbrechen sie in gleicher Stunde mit der anderen Hand. Etappen der Amalekvernichtung. Von Willy Wolf, Köln. Der fünfzehnte Schwat, Der fünfzehnte Adar, Der fünfzehnte Nissan. Im stillen Werden der Entwicklung beginnt am fünfzehnten Schwat die Verjüngung der Natur. Im hellen Frühlingsglanze erscheint am fünfzehnten Nissan der Tag, an welchem Gott einst Sein Volk erschuf. Die zeitliche Mitte bildet Purim. Der Winter ist vorüber, der Frühling noch nicht gekommen. Das Fest erinnert an eine Rettung, die mit den Vollmondsdaten des Schwat und des Nissan gemeinsame Züge aufweist. Denn sie wurde uns nicht wie unsere Erlösung aus Aegypten durch ein plötzliches Wunder, sondern durch eine Entwicklung der Dinge zuteil und ähnelt somit der Befreiung der Natur aus den Fesseln des Winters, wie sie im Schwat ihren Anfang nimmt. Entwicklung, d. i. Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung, hier wie dort. Im Schwat vollzieht sich eine Entwicklung nach dem Gesetze, welches Gott in die Natur hineingelegt. Der Adar führt uns eine Entwicklung vor Augen, die Gott mit Seiner Vorsehung leitete. Und andererseits: Die Befreiung im Nissan galt einem Menschenkreise und war nichts geringeres als eine Schöpfungstat. So war auch die Rettung im Adar eine Befreiung' von gleichem Range. Wohl kam sie im Wege einer Entwicklung, aber Gott führte die Gänge der Geschichte in schöpferischer Meisterschaft. Auch über den Rahmen der Purimbegebenheit hinaus ist die Verbindung der beiden Momente, welche im Schwat und Nissan so charakteristisch hervortreten, wirksam. Purim war ja nur eine Episode innerhalb eines großen Zeitraumes der Weltgeschichte. Der Zeitraum begann bereits in der Wüste, vor der Offenbarung am Sinai und endigt vielleicht erst mit der Ankunft des Messias. Schon in Refidim kam Amalek. Damals sprach Gott im Hinblick aus den augenblicklichen Sieg die Verheißung aus: „Vernichten,vernichten werde Ich das Andenken Amaleks"(2. B. M. 17,14). Als aber Israel an der Pforte des heiligen Landes stand, erhielt es den Auftrag (5. B. M. 25,19): „ . . . . sollst Du vernichten das Andenken Amaleks." Da stehen die beiden Momente in voller Deutlichkeit vor unserem geistigen Auge. Das Gebot, Amalek mit einem Schlage zu vernichten, ohne geschichtliche Voraussetzung, einmütig, unmittelbar, in der Art einer Schöpfertat, als welche Gott die Ausübung des Gebotes segnen wollte. Indes der erste König fand nicht den Mut zu solcher Tat. Für diesen Fall hatte die Voraussicht Gottes Fürsorge getroffen, indem Er von Anbeginn die Zusicherung gegeben, daß Er „vernichten, vernichten", d. h. daß Er dann in langsamer Entwicklung das Dahinschwinden Amaleks herbeiführen werde. .Ein Beispiel des Erfolges dieser Entwicklung war Purim, die Entwicklung der Purimgeschichte ein Ausschnitt aus der großen Entwicklung, die sich von Sauls Fiasko bis zu den Tagen des Messias erstreckt. „Vernichten, vernichten" — diese Doppelheit des Ausdrucks bezeichnet im jüdischen Sprachgebrauche das „Nach und Nach" der Vernichtung. Wo und wann jeweils im Ablaufe der Geschichte der Geist Amaleks eine Niederlage erleidet, hat diese von Gott geführte Entwicklung eine Etappe auf dem vorausbestimmten Wege erreicht. Hätte Saul den an ihn gerichteten Befehl zur Vernichtung Amaleks ungeschmälert befolgt, so hätte er mit dieser heroischen Tat die ganze Menschheit erleuchtet. Eben erst zum König gesalbt, zu einer Zeit, in welcher vom menschlichen Gesichtspunkte aus sein Thron noch nicht so gefestigt dastand, daß er das Unternehmen hätte wagen können, gegen Amalek zu Felde zu ziehen, hätte er der Welt gezeigt, daß Gottes Kraft in ihm und seinem Volke waltete, die Nation vom Erdboden zu bannen, in welcher die Lust zu kriege ischen Ta'en am stärksten ausgeprägt war. Infolgedessen wäre damit der unselige Gedanke des Krieges in seinem vollkommensten Vertreter niedergekämpft worden und an seiner Stelle hätte der Gedanke des Friedens seinen Einzug in die Herzen der Menschen gehalten. Nun schwindet Amaleks Geist erst nach und nach durch die Entwicklung der Geschichte dank der Waltung Gottes. Solch eine Entwicklung gleicht der Entwicklung in der Natur. Auch in der Natur wirkt Gott. Aber nur Wenige vermögen km Buche der Natur recht zu lesen. Die Natur bietet ja dem betrachtenden Auge nur Gottes Wirkungen dar. Gottes Persönlichkeit selbst ist im Leben und' Weben der Natur nur demjenigen offenbar, der den Blick über die Sinnenwelt aufwärts richtet. So tritt Gott auch im allgemeinen in den Gängen der Geschichte nicht in heller Offenbarung hervor. Wie ein Symbol erscheint in dieser Hinsicht das Fehlen des Gottesnamens in der Wegillath Esther. Die Begebenheiten folgen in dramatischer Geschlossenheit aufeinander und nur der über die Ereignisse sich erhebende Blick erkennt über denselben die unsichtbare, leidende Macht Gottes. Es lag in der Absicht Gottes, Israel Kraft der Thauro über den Zwang des Naturgesetzes hinauszuheben

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