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Der Israelit · 1930-03-06 · Heft 10 (6.3.1930) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 10 (6.3.1930)
Date
1930-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 10 Frankfurt a. Nl., den «m kill Genfralorgan Ifir dis orthodoxe Ju W fff Dearündet non 5>r Pohmmrn in Main» Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli IMS: Deutschland 1.30 Marl monatlich: Ausland: Merteljahrpreise (entsprechend dem deutsche» Inlandspreis zuzüglich Kosten des Etreifband-Ber» sandes) Deutsch-Österreich: Schilling 0^-; Amerika IDollar: England 4 sh.; ab 1. Juli Frankreich 88 Fr.; Belgien ab 1.7.27. BelgaS; Holland 8 fl.;Italien ab 1.1.88.18Lire; Jugoslawien 66 Dn».; Litauen 7.60 Sit; Rumänien ab 1. 7. 87. 160 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 5 Fr. Tschecho-Slowaket 86 Kronen; Ungarn Pengö 5 ab l.Juli 1937; Dänemark 8.60 Krön.; Norwegen8.80 Krön.; Schwede» 8.60 «ro». Einzelnummer vierzig Toldpfeunige. laufende» Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19808. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 79006. — Warschau Nr. 190767. — Postscheckamt Zürich Nr. Vffl 7261 — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 84809 — Böhmische ttu —. ,—„ . Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle aus Wonnements oder, aus Inseraten sich ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Fraulfurt a enamt Budwoest Nr. 18484. — Postscheckkonto »a — ü-un nbank in Prag ■ ca Marmarosch Blank & Co. t» Die Kalenderreform und ihre Gefahren. III. Die Situation der jüdischen B e Völker u n g in christlichen Staaten au f Lkonomischem und sozialem Gebie: i »ni f olge des wände r n d e n S a b b a t s u n d d e s konstantenS o n n t a g. s. Da durch Einführung des Blanko-Tages jedes Jahr der Sabbat auf einen anderen Wochentag des neuen Weltkalenders fallen muß, während der staatliche Ruhetag immer an einem „Sonntag" gefeiert wird, obgleich er sechsmal in den sieben Jahren faktisch auf einen anderen Tag der wirklichen. Schöpfungswoche fällt, muß sich die Position der jüdischen handeltreibenden und industriellen Bevölkerung, die den Sabbat als Ruhetag absolut feiert, vom sozial-ökonomischen Standpunkt aus betrachtet, mehr und mehr verschlechtern. * Wohl wird von einem Teil der Kleinhändler und Lädner, namentlich in Fabrikzentren, gerade darin, daß der Samstag sechsmal in sieben Jahren nicht mit dem Sabbat zusammeUfgllen wird, ein Vorteil erblickt, weil der Samstag der Zahltag ist für Arbeiter mit. Wochenlohn. Abör demgegenüber>wird der jüdische Industrielle — um von Fabriwdsitzern nicht zu reden-bei der geplanten KakeNderreform entschieden in Nachteil geraten" irr allen den Ländern Europas, wo schon seit Jahrzehnten der Samstag in der. Industrie .mit nicht mehr als höchstens 60 Proz. Arbeitswert eines sonstigen Arbeitstages eingesetzt wurde. Statt dessen wird der sabbatfeiernde jüdische Industrielle mit einem Ausfall von einem lOO^wertigen Arbeitstag zu rechnen haben, um dafür höchstens 60 Proz. Gegenwert buchen zu können: Noch weit ungünstiger wird es sich stellen, wenn die fünftägige Arbeitswoche eingeführr wird, eine Wahrscheinlichkeit, deren Verwirklichung immer näher zu rücken scheint. Daßes in dem Falle dann Vorkommen kann, daß in den meisten Ländern Europas durch den Charfreitag und Ostern um die Pesachzeit jede geschäftliche Tätigkeit für die jüdisch-religiöse Be-, völkerung acht Tage lang ununterbrochen,, ust-. mögtilA.wird, sei nebenbei bemerkt. ' Aber die Arbeitseinstellung eines vollen. Tages mitten in der Arbeitswoche wird im allgemeinen auch für Ladengeschäfte, die nicht gerade auf die Zahltage der Arbeiter angewiesen sind, für Großhändler, Handelsreisende und viele sonstige Kategorien der Geschäfts- und Angestelltenwelt einen nicht zu berechnenden Nachteil verursachen. Nur nebensächlich sei darauf hingewiesen, daß man u. a. bei unveränderlicher Festlegung der Jahrmärkte, die eben auch eine der Ziele der Kalenderresorm darstellt, nicht so wie bis jetzt Rücksicht auf den Sabbat oder den jüdischen Feiertag nehmen könnte. Auf sozialem Gebiete sind vor allen Dingen in Westeuropa die sabbatfeiernden jüdischen Schüler bedroht, die nur in nichtjüdischen Schulen Unterricht empfangen können. Bis heute war es nur höchstens ein halber Schultag, den sie ausfallen lassen mußten, dg der Samstag entweder (wie in England) ganz frei, oder in sonstigen westeuropäischen Ländern des Nachmittags freigegeben wurde, während bei einer Kalenderreform mit Blanko-Tag ein ganzer Tag in Wegfall geraten würde. Die Nachteile, die der wandernde Sabbat in dieser Beziehung, sowie auf manch anderem sozialen Gebiete, namentlich in Westeuropa der sabbatfeiernden jüdischen Bevölkerung zufügen würde, sind kaum zu übersehen.; 'i!Ii1 .. IV. -ir ‘:;I:j s 1' Die m o r a lische Wir ^ünig d es d ernden S ab b ats. w a n - Jm Anschluß an die vorhergehenden Ausführungen leidet es keinen Zweifel, daß die Heilighaltung des Sabbats als Ruhetag noch stärker -erschüttert werden muß, als es heute schon der Fall ist. . Die ganz Starken werden ausharren und lieber ganz verarmen, als an der Heiligkeit des Sabbattages im mindesten zu rütteln. Unsäglich viele aber werden, sei es mit oder ohne Mitwirkung der Rabbinen, auf irgendwelche Weise äußerlich die Form der Sabbatentweihung vermeiden, aber dennoch ihre Interessen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete höher stellen als die Unversehrbarkeit der Sabbatheiligung, wie sie diese bis heute betrachtet und gewahrt haben. Die Zerrüttung der Sabbatheiligung wird naturgemäß dadurch weiter und weiter unter solchen Sabbatfeiernden um sich greifen. . Aber noch viel tiefer werden, die Wunden sein,.-hie. dem Judentum geschlagen werden in den Kreisen der Schwachem die. heute schon nicht mehr den Sabbat durch Enthaltung von Arbeit oder Geschäftsführung heilig halten. Unter diesen großen Massen wird die Schöpfungs-Sabbatidee, insofern sie noch nicht in solchen Kreisen ganz verschwunden war, dann völlig verloren gehen. Diese Massen werden, erst recht wenn die fünftägige Arbeitswoche eingeführt werden wird, schon aus praktischen Gründen an dem Samstag festhalten, an dem sie sich noch als mit dem jüdischen Ruhetag durch irgend etwas befassen werden. Es ist somit gar nicht undenkbar, daß eine neue Sekte der „Sabbatisten" im Judentum dadurch in die Erscheinung treten würde. Was namentlich im Kampfe für die Kalenderreform mit Blanko-Tag in dieser Beziehung — wissenschaftlich in absurdester Weise — z. Bbehauptet wird, nämlich,' daß es eigentlich gar nicht. feststeht, welcher Tag der siebente Tag der Woche ist, wird von Tausenden und Zehntausenden auch in jüdischen Kreisen als ein willkommener Vorwand betrachtet werden, um mit der Schöpfungs- Sabbatidee völlig zu brechen, statt daß sie — in welch verkümmerter Form auch — unter Beibehaltung des unverrückbaren siebenten Tages der Woche, noch lebendig gehalten wird. Wochenrundschau. Der gute russische wagen . . „Die Kirche hat einen guten Magen. Har ganze Länder aufgefressen, und doch nie sich übergessen," spottet Mephisto. Was für einen Magen muß erst der neue russische Staat haben, wenn man aus seinem Berichte über die Tätigkeit der Sowjets für 1929 entnimmt, daß er insgesamt bis jetzt 70 000 Kirchen. Synazogen und Moscheen verschlungen, d. h. geschlossen, in Arbeiterklubs oder Kinos umgewandelt hat. Ob es ihm so gut bekommt! Es scheint nicht, denn in den ersten Monaten des neuen Jahres schlägt er wie in konvulsivischen Krämpfen wild um sich; mit Schließungen von Gotteshäusern, Verhaftungen von Geistlichen, Edikten und Verurteilungen, daß Europa sich bald ernstlich nach einem Beruhigungsmtttel — öden einer Zwangsjacke — für den Tollgewordenen umsieht.

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