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Der Israelit · 1930-02-27 · Heft 9 (27.2.1930) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 9 (27.2.1930)
Date
1930-02-27
Page
– (sequence 19)
Language
German
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27. Februar 1930 Der Israelit Nr. 2. Seite 7 geleiten lassen! Auch die glühendste Gefühlserhebung zu Gott, sie muß ausgehen von Tauroh umizwaus, von einer planmäßig angelegten Technik der Willenserziehung, wie sie in der, jüdischen Gesetzeswissenschaft und in der jüdischen Gesetzesverwirklichung im Leben vorliegt, und so lange sie das nicht tut, ist sie nichts anderes als ein gewaltsamer Durchbruch zu Gott, der — „wenofal mimenu row" — d i e Men ge der Durchbrechenden mit sicherem Untergang bedroht!' Jedoch abgesehen davon: Wix will man denn mit dem Schlagwort vom jüdischen Mythos die dringenden und drängenden jüdischen Probleme unserer Tage lösen? Das Problem der jüdischen Erziehung? Das jüdische Bevölkerungsproblem? Und vor allem: Das Problem aller Probleme, von dem vorhin mit solch ergreifenden Worten unser verehrter Herr Rabbiner Dr. Wolf gesprochen hat: Das Problem der jüdischen Ehe und Familie? — Brauche.ich Ihnen mit statistischen Zahlen zu kommend Was ist denn die Ursache, daß gerade in unseren Tagen die jüdische Eheschließung zu einem geradezu grauenerregenden Problem geworden ist? Warum ist heute in jüdischen Kreisen die Eheschließung viel seltener als in christlichen Kreisen? Warum werden bei uns die Ehen in einem viel späteren Alter geschlossen als in nichtjüdischen Kreisen? Warum gehört die jüdische Frühehe zu den seltenen Ausnahmen? Worauf ist die ungeheure Zunahme der Mischehen Zurückzuführen? — Mit mystischen Gefühlswallungen wird man diese Probleme eben so wenig wie mit oberflächlichen Schlagwörtern lösen können. Gewiß spielen bei diesen traurigen Erscheinungen auch wirtschaftliche Schwierigkeiten mit, vor allem die ungeheuren Schwierigkeiten, mit denen jüdische junge Leute so oft zu kämpfen haben, wenn sie bei jüdischen Firmen Anstellung suchen. Dochdiese wirtschaftlichen Schwierigkeiten, sie sind es nicht allein, welche die jüdische Eheschließung zu einem schweren Problem gestalten. Die Hauptursache, warum heute in weiten jüdischen Kreisen die Ehe als ein untragbares Joch empfunden wird, dürfte in einem Psalmenverse angedeutet sein, den schon unsere Weisen auf die Eheschließung bezogen habeN' „Mauzi assirim bakauschoraus ach faurarim schochnu zechicho", „Gebundene führt er in Fesseln hinaus, jedoch Ungehorsame weilenauf dürrer Felsenhöhe." — Ich glaube diesen Vers folgendermaßen verstehen zu dürfen: Es heißt in den Klageliedern „tauw lagewer ki jiffo aul binurow", gut ists für den Menschen, wenn er ein Joch trägt in seiner Jugend. Unter diesem Joch sind nach der Erklärung unserer Weisen zu verstehen: „aul thauroh aul mlochoh aul ischoh", das Joch der Thora, das Joch der Arbeit, das Joch der Ehe. Diese drei Joche gehören zusammen: Nur wer das Joch der Tauroh und Melochoh nicht scheut, wird auch das Joch der Ehe nicht scheuen. Dieses ist auch der Sinn unseres Psalmenverses: „Mauzi assirim bakauschoraus ", nur „Gebundene", nur solche Menschen, die sich den Bindungen der Tauroh und Melochoh unterweren, werden auchdie „ Kaus choraus ", di e FesselnderEheaufsichnehmen, „ach saurarim schochnu zechichoh", jedoch Ungehorsame, die auch sonst im Leben jede Bindung ablehnen, sie werden es vorziehen, auf der einsamen- und ach so dürren Felsenhöhe eines öden, ehelosen Lebens zu verharren. Gar mancherlei Mittel zur Lösung des jüdischen Eheproblems werden heute vorgeschlagen: Wieder-ins-Leben-rufen der Ausstattungsvereine für arme jüdische Bräute, Förderung der Eheanbahnung durch Begründung gemeinnütziger jüdischer Ehevermittlungsstellen, Unterstützung der jüdischen Jugendvereine, Sie einen zwanglosen Verkehr der jüdischen jungen Leute anbahnen sollen — alles sehr schön und gut, wennder Verkehr nicht gar so zwanglos ist — allein wichtiger als alle diese Sch-lagwört e r, ja, das Wichtigste wäre doch: Rückkehr zur Einfachheit der jüdischen Sitten, Rückkehr zu den Bindungen des „Aul thauroh" und „aul mlochoh", Rückkehr zu Tauroh und Mizwaus, Rückkehr zu jenem Gesetze Moses und Israels, in dessen Namen ja in der Trauungsstunde die jüdische Ehe geschlossen wird: „Hare ath mekudesches — kedas mauscheh wejißroel". Das ist die Zauberformel, die das Problem der jüdischen Ehe auch dort zu lösenvermöchte, wo sich die Problematik erst nach der Eheschließung einzustellen pflegt. Geheiligt sollst du mir sein nach dem Gesetze Moses und Israels. Es kann aber auch heißen: W i e das Gesetz Moses und Israels. Die Heiligkeit der jüdischen Ehe steht und fällt mit der Heiligkeit des jüdischen Gesetzes. Wer die Grundlagen des jüdischen Gesetzes erschüttert, der erschüttert auch die Grundlagen der jüdischen Ehe, der unterwühlt auch die Tragbalken des jüdischen Hauses, der bereitet den Boden vor, in dem die Giftsaaten sittlicher Anarchie gedeihen und dem auch die neuesten Schlägwörter der amerikanischen Kulturindustrie entstammen: „Probeehe, Kameradschaftsehe" — Schlagwörter, d i e auch die Seelen unserer jüdischen Jugend zu vergiften drohen! Darum, Ihr jüdischen Eltern, wenn Ihr Eure Kinder zu einer wahrhaft jüdischen Ehe tauglich machen wollt, dann müßt Ihr sie für eine wahrhaft jüdische Ehe erziehen, dann müßt Ihr sie vor allem vor den modernen Schlagwörtern sittlicher Anarchie bewahren! Dann müßt Ihr rechtzeitig dafür sorgen, daß in den Vorstellungen Eurer Kinder das Idealbild der jüdischen Frau erscheint, wie es so unübertrefflich in jenem Liede vonder efches chajil geschildert wird. Wenn eine jüdische Frau eine treue Wächterin ist der Gänge ihres Hauses, wenn sie zu stolz ist, das Brot der Trägheit, des Müßigganges zu genießen, dann braucht sie sich über keine Minderbewertung ihres Wirkens und Schaffens zu beschweren, dann bedarf sie nicht des Schlag Wortes der Gleichberechtigung, um gleichberechtigt zu sein, dann erheben sich ihre Kinder, um sie zu preisen und ihr Gatte, um sie zu verherrlichen. — Wie aber lautet das Liebeswort der Verherrlichung, das der jüdische Gatte zu seiner Gattin spricht: „rabbaus bonaus o s s u ch o j i l ", gar manche Frauen gibts — ich weiß es — die Siege er* fochten, Triumphe gefeiert haben, die mit dem Liebreiz ihres Aeußern, mit der Anmut ihres Wesens, ja, vielleicht sogar mit der faszinierenden Kraft ihrer Rede und ihres Gesanges sich die Herzen der Menschen im Sturme erobern. Und doch, und doch — wenn es hundertmal Frauen gibt, die schöner sind als du, die geistvoller sind als du: — „weath olis al kulonoh", du überr a g st s i e d o ch a l l e : du, die treue Wächterin der Gänge meines Hauses, du, mit dem sittlichen Ernste deines Lebens und Wirkens, du, mit deinem nie rastenden Fleiße, mit den Schwielen der Arbeit auf deinen Händen, du, mit den Runzeln des Alters auf deinen Zügen — d u bist größer und sieghafter als sie alle'. Denn: „scheker Hachen wehewel hajaufi ischoh jiras haschem hi Tißhallol", Lüge ist Anmut, vergänglich die Schönheit, nur eine gottesfürchtige Frau verdient gerühmt zu werden. — Wie Gottesfurcht der Anfang aller Weisheit ist, w i e alle Schlagwörter der Wissenschaft vor den Schlaglichtern der Gottes- Wahrheit zerfließen, so muß auch der Grundstein des jüdischen Hauses von Gott gelegt fein, wenn die Ehe, zu der Mann und Frau sich zusammenfinden, nicht nur im Himmel geschlossen werden soll, sondern auch vom Himmel getragen und gestützt werden und vom Himmel gesegnet werden soll. Das Schlagwort, das unter allen Schlagwörtern vielleicht das gefährlichste ist, das Schlagwort von der Problematik der Ehe schwindet, die Ehe hört auf, ein Problem zu sein, wo der Geist der Tau-' roh das jüdische Haus erfüllt, wo die Gattin und Mutter im Leben und im Tode, wenn sie längst \ nicht mehr da ist, aus den Händen der Ihren den Kranz der Verherrlichung, der Anerkennung, der Bewunderung empfängt: „thnu loh mipri jodeho wihalaluho bafchorim maasseho —". Meine Schlaglichter sind erloschen. Die Schlagwörter aber schleichen weiter im Dunkel fort. Gott schütze uns vor ihnen „midewer boaufel jahalauch", wie vor einer Pest, die im Dunkel schleicht. — Das ist der Wunsch, mit dem ich schließen möchte. Nachdem der gefeierte Redner, eine Zierde jeder großen Kanzel, geschlossen und der sich immer wieder erneuernde Applaus sich gelegt hatte, richtete Herr Oberrabbiner Dr. Altmann- Trier noch folgende herzlichen Worte an die Versammlung: Hochgeehrte Versammlung! Wenn man zu einer Generalversammlung beruft, will man Rechenschaft ablegen. Man will vor den Mitgliedern der Gemeinschaft, der man angehört, eine Bilanz aufstellen, die Summe des Geleisteten übersehen" und aus dem daraus Resultierenden Schlüsse für die Zukunft ziehen. Das ist auch heute bei dieser Jahresversammlung des Vereins zur Wahrung der religiösen Interessen Rheinlands geschehen. Es sind Rechenschaftsberichte über das Bisher und Ausblicke auf das Weiter gegeben worden. Da es sich aber hier nicht um einen industriellen Konzern oder eine geschäftliche A. G., einen Geselligkeits- und Unterhattungsverein oder Aehnliches handelt, sondern um das Geistigste vom Geistigen, um eine Knessio schehi leschem schomajim, um eine Versammlung der Zusammenfassung der höchsten seelischen Interessen, wird es wohl nicht unangebracht sein, hier an eine andere als sonst gewöhnliche Art Bilanz zu erinnern, an eine, die an die eigentliche Grundeinstellung dieses Vereins anklingt, die an das gemahnt, wofür diese Gemeinschaft ihr Lebensinteresse sinsetzt, an die Bilanz nämlich, die die heilige Thora in ihrem Abschluß und Ausklang zieht. In ihren letzten Sätzen stellt die Thora einen resümierenden Ueberblick über die Leistungen Mosche-rabbenus auf und faßt die Summe seiner Taten am Schlüsse in dem Satz zusammen: rwa NVV mvx 'man mian npin.n rn •torro* bi „Und im Hinblick auf die ganze starke Hand und auf all das große Furchtbare, das Molcbe vor den Augen von ganz Israel vollbracht hat." Diese Mosche rabbenu-Bilanz hat auch — wie sich zeigen wird — unserem Verein etwas Geistverwandtes'zu sagen. Sie stellt den höchsten Ausklang derRuhmestaten Mosches dar, und dieser bestand nach Raschi darin, daß es ihm als besonders verdienstvoll angerechnet wird, seinerzeit den Mut gefaßt zu haben, die Gesetzestafeln zu zerbrechen. Wie, muß man da sagen, war das das Größte der verewigungswerten Leistungen eines Mosche? Gewiß, wir wissen aus der Gemoro in Schabbos 87, 1, daß ihm füp. diese Tat der Ausdruck der göttlichen Billigung zuteil wurde. Aber ging denn dieses rmw *]m iw" Gottes so weit, daß es gerade diese Handlung Mosches wert machte, zum Ausklang der Thora erwählt zu werden? Weshalb das? Und weshalb hat überhaupt diese Tat Gottes Zustimmung und Billigung gefunden? Um das zu verstehen, muß erst von der Frage ausgegangen werden, was es eigentlich war, das Mosche bewog, sich zur Zerschmetterung der aus Gottes Hand entgegengenommenen Gesetzestafeln hinreißen zu lassen. An Antworten auf diese wichtige und heikle Frage fehlt es nicht. Die erwähnte Stelle der «Gemoro in Schabbos 87, 1 und in Jewomos 62, 1 sowie der Meharscho daselbst, außerdem der Midrosch deworim rab. 11 und Tanchumo Ekew 11 u. a. m. beschäftigen sich mit diesen Antworten. Hier sei aus der Fülle davon nur eine hervorgehoben, die des Midrasch-Tanchumo, die auch vom daas sekenim mibaale hatausfaus angeführt wird und die folgendermaßen lautet: Mosche sah, als er, die zwei steinernen Tafeln auf seinen Händen

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