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Der Israelit · 1930-02-27 · Heft 9 (27.2.1930) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 9 (27.2.1930)
Date
1930-02-27
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. Nr. 2 Der Israelit 27. Februar 1930 fophifchen Begriff. Zu einer Idee, zu einem Begriff kann man nicht beten. Ideen und Begriffe können bloß gedacht werden. Gott aber will nicht bloß gedacht, sondern erlebt und gelebt werden. Nicht über den Wolken schwebt Gott. „Schiwisi haschem lenegdi tomid", Gott steht in« der Ebene uns gegenüber, Gott wendet sich uns zu, auf daß wir vor seinem prüfenden Auge unser Leben vollenden. Und vermöchten wir alle, uns selber zu betrachten, als ob die göttliche Herrlichkeit uns gegenüber stände, dann könnten wir alle auch beten. Der moderne Mensch kann nicht beten, weil er die Unmittelbarkeit, des jüdischen Gottesbegrifses, des Begriffes von Gott, der sich dem Menschen zuwendet, verloren hat. Was hat er gegen diesen Verlust eingetauscht? Losgelöst von der persönlichen Verbindung mit Gott, ist er in die innigste Verbindung eingegangen mit der Welt. Sein Blick ist statt nach innen ganz nach außen gerichtet. Politik und Wirtschaft, Technik und Sport absorbieren das gesamte Interesse des heutigen Menschen. Und so unlösbar ist er mit der Außenwelt verbunden, so re st los hat er sich an die Außenwelt und an ihre Schlagwörter verkauft, daß er, um nur ja nicht aus dieser Verbindung aufgeschreckt und aufgestört zu werden, fast alle Brücken zu. seiner Innenwelt abgebrochen hat. Er hat die Einsamkeit seiner Seele verloren. Er sucht den Lärm des Schlagwortes und er flieht die Stille des Gedankens. Ja, er flieht vor sich selbst, er nimmt vor sich selber Reißaus, er läuft vor sich selber davon — warum? — weil er mit seiner „neschomoh" nicht allein sein möchte, weil er die Anklagen seiner verschütteten „neschomoh" fürchtet, weil er die bitteren Vorwürfe seiner aus ihrer Einsamkeit herausgerissenen Seele scheut. Und weil dem so ist, weil der Lärm de^Schlagwortes. seine jüdische Seele aus ihrer stillen Einsamkeit aufgescheucht und aufgeschreckt hat, darum kann er nicht beten, denn „ponoh el tefillas hoaror", noch immer hat sich Gott nur dem Gebete des Vereinsamten zugewandt, denn wer beten will, der muß sein Herz aufwärts richten können zu Gott, man stellt sich zum betennur hin, wenn man in geweihter Stimmung sich befindet — wie könnte aber der Mensch sein Herz aufwärts richten zu Gott, wenn er ängstlich vor sich selber flieht, wenn tx schauernd zusammenschrickt auf den leisesten Anruf, der.ihn zur Selbstbesinnung mahnt — und woher soll ihm die geweihte Stimmung zu Gebete kommen, wenn er die Sorgen um die Grundlagen des menschlichen Lebens und Wesens tief unter die Schranke der bewußten Seele verbirgt? Der einsame Mensch ist das Geschöpf des einsamen Gottes. Als Gott den Menschen in seinem Ebenbilde erschuf, da hat er ihm einen Hauch seines Wesens, einen Hauch seiner Einmaligkeit und Einsamkeit mitgegeben. Und wie der einsame Mensch eine Schöpfung des einsamen Gottes ist, so ist auch Israel, das einsame Volk, aus der Schöpferhand des einsamen Gottes hervorgegangen. „Siehe da, ein Volk, einsam wohnt es auf der Welt, unter den« Völkern wird es nicht gerechnet." Alle anderen Völker sind entstanden, Israel ward erschaffen. Alle anderen Völker entstehen und vergehen nach den ewigen Gesetzen der Natur und Geschichte. Israel aber entstand und besteht nach dem ewigen Willen des einsam schaffenden Gottes. Und weil es Wahrheit ist, daß noch immer Gott nur dem Gebete des Vereinsamten sich zugewandt hat und nicht verachtet hat der Einsamen Gebet, darum: „Tikosew saus ledaur acharaun weam niwro jehallel joh", möge dies ausgezeichnet werden für das späteste Geschlecht: Nur ein geschaffen e s Volk kann beten, nur ein geschaffenes Volk verkündet Gottes Lob! — Als das vom einsamen Gott geschaffene einsame Volk, als Gottes Volk, sind wir berufen und befähigt, den Namen Gottes auf Erden zu verkünden. So lange wir uns alle als ein geschaffenes Volk empfunden haben, konnten wir alle noch beten. Seitdem soviele unter uns diese Empfindung verloren haben, seitdem sie nicht nur als Einzelpersonen, sondern auch als Gemeinschaft, als Volk, als Nation die Einsamkeit ihrer Seele verloren haben, seitdem überkam sie das Schweigen der Scham, in dem das Wort des Gebetes erstarb. Was ist nun dagegen zu machen? Sollen wir uns — um ein anderes Schlagwort unserer Tage zu gebrauchen — dadurch zu „ Volljuden " entwickeln, daß wir die Brücken abbrechen, die uns Mendelssohn zum Deutschtum eröffnet hat? — Hüten wir uns davor, ungerecht und lieblos/ gegen die Großen unseres Volkes zu sein! Es ist gewiß nichts anderes als ein Schlagwort, wenn mar- Moses Mendelssohn mit Moses Maimonides und Mansche rabbenu auf eine Stufe stellt. Denn diese gerade Linie, die man von dem antiken Moses über den. mittelalterlichen Mofes zu dem Moses der Neuzeit zu führen pflegt, sie kann vor dem Tribunal der geschichtlichen Wahrheit keineswegs bestehen. Man erweist Moses Mendelssohn keine Ehre damit, ja, man versündigt sich an seinem Andenken, wenn man all das, was nach ihm kam, all das Traurige und Beschämende jener großen Abfallsbewegung vom Judentum, die noch zu seinen Lebzeiten einsetzte und mittelbar auf das verhängnisvolle Wirken seiner entarteten Kinder und Jünger zurückzuführen ist — man erweist Moses Mendelssohn keinen Dienst damit, ja, man frevelt und versündigt sich an seinem Andenken, wenn man den großen Trümmerhaufen des deutschen Judentums vor hundert Jahren auf das Konto seiner Persönlichkeit setzt und nicht so viel Liebe und Gerechtigkeit aufzubringen vermag, um die Verehrung, die Moses Mendelssohn als Persönlichkeit verdient, v o nder geschichtlichen Tragi k s e i n e s Lebenswerkes zu trennen. Allein dieser Moses Mendelssohn, er war schließlich doch — nehmt alles nur in allem ,— jener große Weise, von dem Koheleth spricht, der „jaudea pescher dowor", der zum erstenmal in der Neuzeit einen Ausgleich des Wortes mit dem Leben, eine Synthese zwischen jüdischer und deutscher Kultur in seinem eigenen Wesen zu vollziehen verstand. Und er ist trotz dieses „pescher dowor" Volljude genug geblieben, um in seinem Kampfe für die politische Gleichberechtigung der Juden der nichtjüdischen Welt die ewig denkwürdigen Worte zuzurufen: Falls ihr glaubet, uns die Gleichberechtigung nur unter der Bedingung geben zu können, daß wir auf unsere Gesetze Verzicht leisten, an die wir für die Ewigkeit gebunden sind und von denen auch der Stifter eurer Religion kein Tüpfelchen zu opfern sich berechtigt erklärt hat; wenn ihr glaubet, uns als Deutsche nur dann aufnehmen zu können, wenn wir aufhören, Juden zu sein: Dann erklären wir euch mit Bedauern, daß wir auf die Emanzipation verzichten müssen. Wir sind nicht in der Lage, hierin irgend ein Zugeständnis zu machen, bis es dem Allerhöchsten gefallen wird, das Gesetz der Thora eben so laut und öffentlich abzuschaffen, wie er es geoffenbart hat! Sehen Sie: Schon um dieses einen Wortes willen verdient das Andenken Moses Mendelssohns, für alle Zeiten gesegnet zu werden. Denn er hat mit diesem Worte auch für seine eigenen jüdischen Volksgenossen eine Mahnung ausgesprochen, die auch in unserem Koheleth-Verse angedeutet ist: „Am", ich kann euch nur innig raten, „pi melech schmaur", das Gebot des Königs beachte, heilig sei dir ein Königswort, heilig die Pflicht, das Wohl des Staates zu fördern, doch wisset und merket euch wohl: „ wealdiwras schwuas elauk im", höher aber steht die Heiligkeit der om Sinai beschworenen Treue! Laßt euch um Gottes Willen durch das bevorstehende Glück der politischen Gleichberechtigung in eurem Väterglauben nicht durch Schlagwörter irrend und wankend machen! „al tibohel miponow telech", geht nicht übereilt von eurem Gotte fort, hütet euch vor dem Wahne, daß man als deutscher Staatsbürger, daß man als gebildeter, kultivierter Mensch aufhören müsse, ein frommer Jude zu sein; „al taamaud bedowor ro", suchet euren Standpunkt nicht aus bösem Ding — ihr entflieht eurem Gotte ja doch nicht, „ki toi afcher jachpauz jaaseh", denn alles, was er will, setzt er ja doch durch — es kommt die Zeit, wo ihr euch zurücksehnen werdet nach demselben Judentum, das ihr heute im Begriffe seid, einem politischen Schlagworte zu opfern, das über kurz oder lang sich ja doch als ein trügerisches erweisen wird; als sin lockendes Irrlicht, das euch und eure Kinder in den Abgrund führt! — Also sprach, also mahnte und warnte Moses Mendelssohn. Weil er selber auf den Höhen deutscher Kultur Jude geblieben war, weil er selber auch in seiner Eigenschaft als der „Weltweise von Berlin", wie man ihn nannte, sein Judentum nie verleugnet hat, weil er auch bei feinem freundschaftlichen Verkehr mit den Größten, Weisesten und Mächtigsten seiner Zeit niemals aufhörte, ein frommer, gesetzestreuer Jude zu sein, darum war er des naiven Glaubens, daß auch die, die nach ihm kamen, gleich ihm zur Höhe eines „jaudea pescher dowor" sich emporschwingen werden. Und hat er sich auch darin geirrt, wars auch eine furchtbare Tragödie, die aus seinem Lebenswerke emporwachsen sollte — wir können heute nicht mehr zurück und wir dürfen nicht mehr zurück! Unsere Aufgabe kann heute nur darin bestehen, gut zu machen, was vor hundert Jahren verdorben wurde, indem wir uns zur Höhe jenes „pescher dowor" erheben, das zu allen Zeiten der Inbegriff der höchsten jüdischen Weisheit war! Noch hat das Judentum der Gegenwart diese Höhe nicht erklommen. Doch die ersten Schritte sind gemacht. Wir stehen heute in tiefer Ergriffenheit vor der geschichtlichen Tatsache, daß unsere Gegenwart das seichte Aufklärert u m einer früheren Generation mitsamt ihren Schlagwörtern immer mehr überwindet. Die Zeiten sind vorbei, in denen es zu den Kennzeichen eines gebildeten Menschen zählte, über alles, was an Religion, an Gott, an Mystik, an Offenbarung, an die zehn Gebote auch nur von weitem erinnerte, die Lauge seines gedankenlosen Spottes auszugießen. Die Zeiten sind vorbei, in denen man von der Höhe wissenschaftlicher Kritik alles Mythenhafte in Bibel und Midrasch mit geringschätzigem Lächeln abzulehnen pflegte. Die Zeiten sind vorbei, in denen man die wundervolle Tiefe der Kabboloh und die Mystik des Chassidismus als ein Sammelsurium von Lächerlichkeiten und Unsinnigkeiten zu verspotten Pflegte. Die Zeiten sind vorbei, in denen man den Midrasch mit überheblicher Verständnislosigkeit als spitzfindige und unfruchtbare Kommentarsammlung zu bezeichnen wagte, in denen man die Agada als flache Parabeldichtung abzutun pflegte. Diese Zeiten sind so gründlich vorbei, daß in unseren Tagen der Mythos mit seinem gefühlsmäßigen Erleben der Gottheit, mit seiner Herunterzwingung Gottes zu den Niederungen der Materie mit solch einseitiger Wucht die ganze religiöse Stimmung beherrscht, daß man heute geradezu von einer Gefährdung des überlieferten JudentMMs durch das Schlagwort des Mythos zu reden berechtigt und verpflichtet ist. Im Angesichte dieser über das berechtigte Ziel weit hinausgehenden Entwicklung, im Angesichte dieser Vernichtung des Totaljudentums von „mathan tauroh" zu Gunsten eines Teilausschnittes aus dem Judentum: „wajaumer haschem el mansche" spricht heute noch Gott zu Mansche: „red hohed boom pen jehersu el haschem liraus wenofal mimenu row" — nicht gewaltsam sollen sie durchbrechen zu Gott! Noch haben sie das Gesetz der Thora, diese erhabenste Himmelsgabe, nicht in Händen! Nur auf dem Wege zur Thora gelangen sie auf den Weg zu Gott. Was helfen uns alle Gefühle und Stimmungen, was hilft uns alle Sehnsucht, die Gottheit gefühlsmäßig zu erleben — und wie alle dtöfe Schlagwörter lauten — w e n n w i r u n s n i cht v o m G e s e tz d e r Thora in die Nähe Gottes

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