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Der Israelit · 1930-02-27 · Heft 9 (27.2.1930) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 9 (27.2.1930)
Date
1930-02-27
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 8. Nr. 2 Der Israelit 27. Gebrü'ar 1938 vom Sinai stieg, daß sich die Anschrift der Tafeln anzutreffen. War es doch die Zeit, wo die geinfolge der Sünde des Volkes und seines Abfalls reiften Früchte des Reform-Jahrhunderts sich in plötzlich verflüchtigt hatte. Die Buchstaben waren'ganz Deutschland und auch im Rheinland zeigten. aus den Tafeln verschwunden und nichts von den Gravierungen Gottes war an ihnen mehr zu erkennen, da erfaßte er die,Tafeln und zerschmetterte sie. Damit ist aber im Grunde eines noch nicht geklärt, warum muhte Mosche deshalb die Tafeln gleich zerbrechen? Hätte er nicht in heiliger Scheu und Pietät lieber hingehen können, die Tafeln, in denen doch einst Gottes Inschrift wohnte, in Aufbewahrung zu nehmen und für spätere Zeiten als Erinnerungszeichen« zu behalten? Allein gerade das ist es, was Mosche nicht wollte und was die von Gott anerkannte Größe seiner Tat ausmachte, daß er nämlich die inschriftsbaren Tafeln lieber zerbrochen als in Aufbewahrung nahm, weil er damit einen großen, machtvollen Gedanken zum Ausdruck brachte, nämlich folgenden: Ein leeres Pietäts- und Erinnerungsjudentum kann nie und nimmer das lebendig pulsierende Wirklichkeitsjudentum ersetzen. Die Gesetzestafeln ohne Inhalt stellen ein Sinnbild jenes Israel dar, das sich auf das „es war einmal" beruft, das Jetzt und Gegenwärtige aber außer Acht läßt. Einmal war Geist und Heiligkeit in ihm, aber jetzt ist alles aus ihm entflohen. Früher trug es noch die Inschrift und den Stempel Gottes in sich ausgeprägt, heute ist es nur noch kalter, leerer Stein, gut genug noch etwa für Museumszwecke und antiquierte Spielereien. „Ich aber," mochte Mosche sich gesagt haben, „will kein Museumsjudentum Israel überbringen. Bester gar keines, als eines das keines ist. Entweder die Tafeln mit Schrift und Inhalt oder gar keine Tafeln!" Und von sich schleuderte er das des Geistes bar gewordene Gestein und zerbrach es vor dem Volke. Ist es ein Wunder, daß Gott ihm diese grundlegende Tat, die ein Entwederoder von weittragendster Bedeutung für Israels Fortbestand wurde, so hoch, ja, als Höchstes anrechnete? Will das aber sagen, daß es Mosche an Sinn und Verständnis der Pietät fehlte und daß wir Juden auf die vom Hauch der Weihe berührten Erinnerungsdinge und Zeichen der Heiligkeit weniger liebevoll zu achten haben? Keinesfalls! Haben doch selbst die Scherben der zerbrochenen Tafeln schließlich die liebevollste Behandlung gefunden und wurden in der heiligen Lade neben den zweiten Gesetzestafeln aufbewahrt. Aber eben neben den zweiten Gesetzestafeln, eben erst nachdem diese, abermals von Gottes Hand beschriebenen Bundeszeugnisse dem Volke überbracht worden waren. Lebendigkeits? geist und Wirklichkeit des Gesetzes müssen erst in Israels Mitte heimisch sein, dann heiligt das heilige Judentumsleben auch das sonst Unbelebte, das als Mittel in seinem Dienst steht. ' . Wo wird mehr auf Achtung vor den Vehikeln der Heiligkeit gesehen, als im lebenswarmen Wirkkichkeitsjudentum? Konnten doch. unsere Großen in diesem Smne, wie die Gemoro in Kesubaus 112 erzählt^ sich z. V. hinwerfen und die Steine und den 'Staub von Erez Jisroe! küssen. Die Vertriebenen aus Spanien i. I. 1492 nahmen die Mazewaus ihrer Toten und Bausteine aus den . Wänden ihrer Gotteshäuser in schwärmerischer Heiligkeitsliebe mit sich, von anderem Aehnlichen mehr in Geschichte und Lehren Israels zu schweigen. Rein, es soll uns an Erinnerungssinn, an geschichtlichem Verständnis für das „Einst" nicht fehlen, aber das „Jetzt" muß dabei Mitschwingen. Nicht das Tote macht das Lebendige, das Lebendige macht das' Tote heilig. Als der Verein zur Wahrung der religiösen Interessen Rheinlands seine segensreiche Tätigkeit begann, fand er Gemeinden und. Verhältnisse vor, die Mit den Tafeln des Gesetzes nach dem Sündenfall Israels verglichen werdenftynnten. Die Gottesinschrift war aus ihnen gewichen. Man hatte nicht umsonst Generationen hindurch das „Alte" bekämpft und an seine Stelle das „Neue" aufgepflanzt. Kein Reach-Hatauro mehr, dafür aber ein kaltes, blutleeres Museumsjudentum, das den gesetzestreuen Standpunkt zum Gerümpel der Vergangenheit warf. Die wenigen Getreuen standen in Punkto.der notwendigen Institutionen, die zu einer jüdischen Gemeinde gehören, wie vor einem Friedhof, wo es nur Steine, tote Steine gibt. Hier, wo überall einst heiliger Boden war, lag alles und das meiste in stiller Totenruhe da. Inzwischen hatten sich anderswo in Deutschland herzhafte und geistvolle Pioniere gefunden, die wohl schwach an Zahl, über stark an Mut und Eifer, um im Bilde der Bibel zu sprechen, an Stelle der zerbrochenen alten Luchaus andere, abermals von Gott beschriebene holten. Leben war wieder hier und dort erwacht, und ein Hauch davon übertrug sich auch aufs Rheinland, wo die Steine aus den alten Mauern des „Einst" und das Holz aus den Ruinen der großen Vergangenheit nach Erlösung riefen. Zu den Faktoren dieser Wiedererweckung echten Judentums im Rheinland gehört mit in die vorderste Reihe auch der Verein für die religiösen Interessen Rheinlands.' Mit berechtigtem Stolze. und begründeter Freude darf er auf seine Wirksamkeit in diesem Sinne zurückblicken. Die Summeseiner Leistungen liegt zuerst im Negativen, rnniVn n» law" daß er in das hohle, lebensbare, eisigkalte und steinharte/ Museumsjudentum eine empfindliche Bresche geschlagen. Aber sie liegt ebenso auch im Positiven, daß er aus dem toten Stein und Holz des Unwiffens und der Gleichgültigkeit neues jüdisches Leben hervorgezaubert und noch immer hervorzaubert. Noch ist seine Aufgabe nicht zu Ende, aber er braucht Mittel, und Helfer. Wer sich das ■w« Gottes verdienen will in der Arbeit gegen ein antiquiertes und für ein lebenswahres Judentum, der mag sich in den Dienst dieses Vereins stellen. Die Gegenwart und Zukunft, der gesetzestreuen Sache wird es. ihm lohnen und Gottes Segen wird ihm nicht fehlen. Der Vorsitzende dankte dem verdienten Förderer und Freund des Vereins für feine herzlichen und beifällig üufgenommenerr Worte. Mittlerweile war der Abend längst hereingebrochen und mit dem Maariwgebete fand die erhebende Tagung ihren würdigen- Abschluß.. Verwendet die Ablösungs-Telegramme des für die jüdischen Interessen Rheinlands. Sie waren einst gotterfüllte jüdische Khilaüskedauschaus gewesen, aber die Aufstaus-, die Zeichen dafür, es. noch.jetzt, '-zrst sein,-' wMn.') ihnen entflohen. Kein Merkmal eines lebeMWWrchen Judentums oder kaum eines war «ielW'niehr^bend auch die Hündchen vor'dem'SchäbbösNcht Sorgen einer jüdischen Mutter. In allen Kesten, die sich mit den Problemen der heutigen Jugend, beschäftigen, wird mit besonderem Eifer die sexuelle Not der Jvaend behandelt. In voller Erkenntnis meiner Rückständigkeit im Verständnis der jugendlichen Seele versuchte ich bei intelligenteren jüdischen Frauen Rat zu erhallen. Ich habe ja auch die schöne Agsgabe, jüdische Menschen, zu erziehen und Mächte mit' dem Bewußtsein der Gründlichkeit, die unserer^ Generation ziemt, diese Pflicht erfüllen. — Wie hatten unsere Ellern es doch so leicht, sie lebten ihr Leben als indische Männer und Frauen klär vor unseren. Augen und der Nachahmungstrieb'‘ des Kindes leitete uns in. der Kindheit, ihnen zu folgen. Wir waren stolz auch benschen und oren m können: die kleinen Jungen benubten eine Kordel als Tefillin, einen Lavven als Talitb: die Mädchen breiteten am Freitag aus und waren stolz, mit der Mutter .den Schabbostifch zu decken. Dem Heranwachsenden Kinde wurde dann der Sinn der Mizwaus erklärt, und fo wurde der geifttge Besitz der Eltern ihm zuteil.. Es kamen dann die Jahre der Gärung, in denen der aufbegehrende Sinn der Äugend gegen die geistige Autorität auftrotzte. Wohl denen, die in dem Vorbild der Eltern trotzdem ihr Ideal sahen und sich bescheiden unterordneten, oder treue Führer durch die geistigen Röte dieser Lebenszeit fanden. Doch es waren geistige Röte, die die jüdische Jugend bedrückten; das Wort von der sexuellen Rot zu prägen, blieb der heutigen Zeit Vorbehalten. Die menschliche Natur in ihren Trieben war doch die gleiche wie jeher; woher also diese Aenderung? Doch keine von den klugen modernen Frauen weiß mir diese Frage zu beantworten. Nun möchte ich eine ganz einfältige Frage stellen. Sind diese, sexuellen Probleme nicht etwas künstlich Aufgebauschtes, wenigstens für die Kreise, die mich am meisten angehen, die im Sinne des traditionellen Judentums herangebildete Jugend? Unser ganzes Leben steht vollständig unter dem Diktat der Tauroh, von früh bis spät, in jeder Tätigkeit, in jeder Erholung ist sie unser Führer. Also kann doch in dieser ungemein wichtigen Sache kein Problem für uns vorhanden fein. Es wird heute mit schamloser Dreistigkeit über die intimsten Angelegenheiten des Körpers gesprochen; in schreienden Buchstaben werden auf den Straßen unter dem Deckmantel der Belehrung Dinge erwähnt, die früher anständige Frauen Nicht ‘ ausgesprochen häbeN^,- Das Heiligtum der Menschwerdung wird bM schmutzt durch leichtfertiges Plaudern; gewalt-u fam werden unserejungen Kinder aüfgeklärt über Geheimnisse, die ihnen noch ganz fern« liegen. Bon allen Seilen raubt man ihnen'die kindliche Reinheit. Muß das fein? Müssen sie das verstehen lernen, was ihrer Jugend noch nicht ansteht? Ist das . ein Schutz fürs Leben? Ich meine, auch in« diesen Schwierigkeiten ist die Tauroh unser bester Führer. Sprecht vor Euren Kindern keine Unwahrheit. In der Tauroh. werden alle natürlichen Vorgänge erwähnt, ohne Verschleierung, die die Neugierde reizt. Die Kinder, die von Jugend auf an diese Lektüre gewöhnt sind, die belehrt sind, alle Worte der Lehre als heilig aufzusasfen, auch wenn sie nach nicht ihnen verständlich sind, wissen im Augenblick der Reise, daß man ihnen nichts vorenthalten hat. Alles Körperliche wird geheiligt durch das Gesetz. Aber das Heiligtum unseres Körpers entweihen wir durch Geschwätz darüber. Die Stunde kommt, in der der gewissenhafte Vater und Erzieher dem ihm anvertrauten jungen Menschen die Aufklärung zu geben hat, in dem die Mutter die Tochter die Frauenpflichten. lehrt, aber unter vier Augen, .um die Schamhaftigkeit nicht zu - verletzen?' Düs jüdische Znius ist eingar kosth'ares -und; empfindliches Dinß, es verträgt keine, unzarte 'Berührung.: Und j unsere Jugend verkennt ihre Aufgabe, wenn sie sich in.Arbeitsgemeinschaften mit diesen Problemen befaßt, die für jüdische Jugend keine Probleme sind. Unsere Mädchen müssen nicht in Sittenfilme gehen, um die „sozialen Röte der Gegenwart" verstehen zu.lernen. Ihr habt wichtigere und heiligere Aufgaben'. Erhaltet Euch unserem Znkuthgefühl, das. nicht nur in äußeren Symbolen besteht, sondern in < der Reinhell der Empfindung und des Gedankens, damit jedes unsaubere Wort in Eurer .Gegenwart zurückschreckt. Kommen Heranwachsende Knaben« und Mädchen, zu ihren Führern in den Jugendvereinen mit der Bitte um Aufklärung, so weiset sie fteundlich an ihre Eltern und Leh rer; denn Ihr seid, selbst, noch nicht reif genug. Und auch die Schule mag vorsichtig bedenkenob sie nicht in Rechte des Elternhauses eindringt. Jedenfalls niemals eine Aufklärung vor Mer Klaffe; die häusliche Umgebung mag für ein Mnd fördernwas für das andere Gift ist. Unsere Erziehungsaufgabe ist in wenigen Worten.klar ausgedrückt: ,>Ein heilig' Volk, ein Reich von Priestern".

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