Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1930)
- Date
- 1930-02-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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27- Februar 1930 Der Israelit Nr. 2. Seite 5 Um aber die Reinheit der Familie zu erhalten, damit unsere Kinder und Enkel dereinst wissen, aus welchen Häusern sie ihre jüdische Lebensgefährtin heimführen dürfen, werden wir wieder zur Matrikubierung der jüdischen Familien zurückkehren müssen. Alle d i e Familien müssen in ein Register, eingetragen werden, die in erlaubter und reiner Ehe leben, nach einem Schema, das unseren Gemeinden demnächst zugehen wird. Rur von der NNSV» rmnv von der Reinheit der Familien können wir die Zukunft unseres Volkes und seine gottgewollte Gestaltung erhoffen. Die jüdische Familie muß wieder das angestaunte Wunder der Welt werden, in der jüdischen Familie muß wieder das viel beneidete Familien glück blühen. Sie darf nicht als Huldigungsgabe dem Götzen des Materialismus sich opfern. Von ihr aus beginne der Idealismus seinen Triumphzug durch die Welt. Von hier aus reife die Erkenntnis, daß sich nur dann der Gottesfürchtige gesegnet fühlen kann, wenn wie die Setzlinge des Olivenbaumes Kinder seinen Tisch umkrönzen. Rur aus Zions einziger Gedankenwelt erblüht das Glück Jerusalems. (Pf. 128, 4—5.) Nunmehr wurde der Höhepunkt der Tagung erreicht, als Herr Distriktsrabbiner Dr. Raphael Breuer-Aschaffenburg das Podium zu seinem wirkungsvollen, rauschenden Beifall erntenden, Vortrag betrat. Wir sind erfreulicherweise in der Lage, ihn wörtlich wiedergeben zu können. Das Thema lautete: Schlaglichter auf Schlagwörter. Hochansehnliche Versammlung! Meine Damen und Herren! Für die freundlichen Worte der Begrüßung, die mir gewidmet wurden, sage ich herzlichen Dank. Es gereicht mir zur hohen Ehre, hier das Wort ergreifen zu dürfen. Die Versammlungen des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands sind öffentliche Kundgebungen jüdischen Glaubens, jüdischen Denkens und Wollens, die auch außerhalb des rheinländischen Judentums beachtet und gewürdigt werden. Wie einst zur Zeit der Wüstenwanderung das Volk durch ein dreifaches Schofar-Signal zum Abbrechen des Lagers und zum Weiterziehen aufgerufen und aufgerüttelt wurde, so wird auch der Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands nicht müde, unter der bewährten Führung seines ehrwürdigen Rabbiners an alle, die es hören wollen, immer wieder den. dreifachen Ruf ergehen zu lassen: Kommet, brechet auf und folget! — Es ist in Wahrheit Gott, der diesen Ruf erschallen läßt. Es ist Gott, der wie ein Hirte seine Herde mustert, der sie ruft, der sie retten möchte „mikol hamkaumaus afcher nofauzu schom bejaum onom. warofel", von überall her, wohin sie sich verirrt haben am Tage des Gewölkes und des Nebels. ,,; Gewölk und Nebel verschleiern unseren Blick. Gewölk uNd Nebel lassen unsern Schritt unsicher und ohne Ziel von Gefahr zu'Gefahr, von, Abgrund zu Abgrund taumeln. Gewölk und Nebel überhauchen unser Denken und Fühlen, unser Wollen und Streben — überhauchen sie mit jenem trüben, finsteren Hauche,.' von dem der Psalmensänger spricht: „ach hewel bne odom kosow bne isch bmeausnajim laalaus hemo mehewel jochad". „Nur wie in Hauch sind die Menschenkinder, Täuschung die Menschensöhne; auf der Wagschale steigen und schnellen sie empor. Hauch sind sie insgesamt." — Einst haben Rabbi Lewi und Row Nachman diesen Psalmenvers zum Ausgangspunkt einer Betrachtung gemacht, in der sie mit bitteren Worten von den Torheiten und Lügen ihrer Zeitgenossen sprachen, von den „hawolim uchsöwim schebne awrohom owinu ausfim boaulom Hase", von den Nichtigkeiten und Täuschungen, welche die Nachkommen unseres Stammvaters Abraham ausüben in dieser Welt. Diese-hawolim uchsöwim, diese Torheiten und ' Lügen, diese Nichtigkeiten und Täuschungen:; Nicht in jedem Zeitalter sind es die gleichen. Sie , verändern sich mit den Zeiten und den Menschen, wie der Begriff, aulom Hase von den Wankung-en und Schwankungen der irdischen Zeitlichkeit seine besondere, zeitgebundene Prägung empfängt. So verschieden sie aber auch sind, ihnen allen gemeinsam ist die innere Hohlheit und Vergänglichkeit, die es begreiflich macht, warum sie die Wagschale der Wahrheit nicht einmal mit der Schwere eines Sandkorns belasten können: bemausnajim laalaus hemo mehewel jochad, auf der Wagschale steigen und schnellen sie empor, ,Hauch sind sie insgesamt. Gewölk und Nebel verschleiern unseren Blick auf allen Gebieten des Lebens; auch dort, wo nur restlose Klarheit der Anschauung und absolute Wahrhaftigkeit des Denkens und Redens am Platze wäre. Weinen möchte man zuweilen über die Verständnislosigkeit, mit der man so oft Lebensfragen des Judentums mit ein paar S chl a g w ö r t e rn zu lösen sucht, ohne sich bewußt zu werden, daß es hawolim uchsöwim sind, denen man sich gefangen gibt. Schlagwörter sind dre gefährlichste Mißbrauch des Wortes, Schlagwörter sind Wörter, mit deren man die Wahrheit erschlägt. Schlagwörter sind aber nur dann eine Gefahr, wenn man sie unangefochten iw der gefährlichste Mißbrauch des Wortes, Schlagwörtern, wenn man sie mit Schlaglichtern der Wahrheit beleuchtet- Sie lösen sich auf, sie zerfließen in Nichts im Angesichte der Wahrheit des Wortes — des von Gott geschaffenen, von Gott geadelten, von Gott geheiligten Wortes. „Baure niw sefofajim scholaum scholaum lorochauk welakorauw omar haschem urfosiw". „Der da schafft die Frucht der Lippen — Frieden, Frieden dem Fernen und dem Nahen, hat Gott verkündet und damit das Werk der Heilung vollbracht." Diese Worte enthalten wohl das tiefste, was über das Wort und die Sprache der Menschen je gesprochen wurde. Das Wort ist niw sefosajim) eine Frucht der Lippen. Was in den tiefsten Gründen und Abgründen der Seele wurzelt und keimt, das wird nach vollendetem Wachstum auf den Lippen und von den Lippen als Frucht entfaltet und geformt. Und der Schöpfer dieser Frucht ist Gott. Wie Gott der Schöpfer der Frucht des Baumes, der Erde,' des Weinstocks ist, so ist Gott auch der Schöpfer der Frucht der Lippen. Diese Gottesfrucht der Sprache, sie ists, die den Menschen zum Menschen gemacht hat, die ihn zum Bürger einer höheren, intelligiblen, vom Geiste Gottes erfüllten Welt erhoben hat — und wenn das Gatteswort erzählt: Gott hauchte dem Menschen den Hauch des Lebens ein und er ward ein lebendes Wesen, dann übersetzt der Targum mit vielsagender Umschreibung: „wen hawas beodom leruach memalelo", der Mensch ward ein redendes Wesen. Der baure niw , sefosajim wars, der Schöpfer der Frucht der Lippen. aus dessen Hand der. Mensch als lebendes Wesen bervorging. Darum ist nach dem Willen des Schöpfers die Lehensfunktion, in der die ganze Peionderbeit des Menschen .unter de^ Geschöpfen der Erde zum AusdrmA kommen soll, die Sprache, das Wort. Vl- . f. Was aber ist das Ziel und der Zweck der Sprache? Das Ziel und der Zweck der Sprache ist es nicht.Schlagwörter zu schaffen, die uns Menschen in Haß und Zwietracht auseinanderspalten, kn Parteien und Gruppen auseinanderklüften, die den Krieg auf Erden verewigen; die Aufgabe und Mission des Wortes ist scholaum, der Friede, Gott ist ja „melech schehascholaum schelau", der König des Friedens, er hat zum Träger und Garanten des Friedens unter den Menschen die Frucht der Lippen erschaffet. „Leben und Tod liegt auf der Zunge". Wer vermöchte die Zerstörungen und Verwüstungen von Menschenglück und Menschenfrieden zu ermessen, die jahraus jahrein mit vergifteten Wortwaffen anaerichtet werden! Wer vermöchte aber auch die Fülle des Segens zu ermessen, den die von Gott erschaffene Frucht der Lippen verbretten könnte, wenn sie das wäre, wozu sie ihr ^Schöpfer bestimmte: Ein Instrument des Friedens, der Heilung und Versöhnung zu sein? Frieden, Frieden dem Fernen und dem Nahen, hat Gott verkündet und damit das Werk der Heilung, vollbracht. Das gilt vom Frieden in den Familien, vom Frieden in den Gemeinden, vom Frieden in der ganzen Welt. Wären wir dxm Weltfrieden nicht schon um ein großes Stück näher, wenn unsere Pazifisten nicht immer nur die militärische Abrüstung erstreben, sondern auch die Abrüstung des Wortes verlangen würden? Wären die Völker und Staaten, die fernen und die nahen, einander nicht schon viel näher gekommen, wenn der Prozeß der Weltbefriedung durch das perschlagene und verlogene Diplomatenwort nicht immer wieder vertagt, hinausgeschoben, verhindert und vernichtet würde? Eine Gottesfrucht der Lippen, ein Instrument des Friedens, der Heilung und Versöhnung ist aber die Sprache und das Wort des Menschen nur dann wenn diese Gottes f r u ch t vom Geiste der Gottes furcht erfüllt ist, wenn der Schöpfer der Frucht der Lippen auch in unseren Herzen lebt, wenn wir uns bei der Schöpfung des Wortes dem Willen und der Führung Gottes unterordnen. Sagt sich aber die Frucht der Lippen von ihrem göttlichen Schöpfer los, stellt sich das Wort gleichsam auf eigene Füße, geht die Sprache der Menschen ihren eigenen Weg — ja, geht sie — wie das bei der modernen Literatur vielfach der Fall ist — die schlüpfrigen Wege jedes unruhigen, friedlosen, neurasthenischen Literatentums, das mit Vorliebe in den unreinen Sümpfen verirrter und vertierter Menschenseelen wühlt —: Dann hört die Sprache auf, ein Instrument des Friedens, der Heilung und Versöhnung zu sein, dann ist es eine Sprache von Zucht- und Gesetzlosen: „Die Gesetzlosen aber gleichen dem aufgewühlten Meere, denn zu ruhen vermag es nicht, und feine Wogen wühlen auf Schlamm und Schmutz. Keinen Frieden gibts, spricht Gott, für die Gesetzlosen!" Schlagwörter sind eine Frucht der Lippen, die sich von ihrem gütlichen Schöpfer losgesagt hat. Schlagwörter sind Wörter, die sich auf eigene Füße gestellt haben, die ihre eigenen Wege gehen und darum das Werk des Friedens, der Heilung und Versöhnung, zu dem Gott das Wort bestimmt hat,-stören und zerstören. Wollte ick alle Schlagwörter hier behandeln, deren Gewölk und Nebel unseren Blick verschleiern, dann müßte und würde ich den zeitlichen Rahmen dieser Tagung sprengen. Lassen Sie mich darum aus der Fülle dieser Schlagwörter nur einige herausgreifen. Man spricht heute so viel von der Notwendigkeit einer Wiedergeburt des Judentums. Di eses Schlagwort von der jüdischen Renaissance dringt immer wieder an unser Ohr. Was ist davon zu halten? Es steht gewiß außer Zweifel, daß in den letzten zweihundert Jahren, seit dem wir unter Mendelssohns Führung eine Synthese zwischen Judentum und Deutschtum vollzogen haben, die Kraft unseres religiösen Fühlens und Erlebens eine schwere Einbuße erlitten hat. Ein deutliches Symptom dieser Einbuße sind die ungeheuren seelischen Hemmungen, die der moderne Mensch zu überwinden hat, wenn er ein gesetzestreues Leben führen soll — ja, wenn er bloß — andächtig beten soll. Es gibt immer noch mehr Juden, die den Sabbat heiligen und einen rituellen Haushalt führen«, als Juden, die andächtig beten können. Andächtig beten setzt wirklichen Glauben an Gott voraus. Es ist aber viel leichter, den Sabbat zu heiligen und rituell zu leben, als wirklich an Gott zu glauben, von Gott innerlich überzeugt zu fein, auf Schritt und Tritt „hishalech lefonow", seinen Willen vor Augen zu haben. Der moderne Mensch kann nicht beten — er kann nicht so beten wie ers selber gern möchte, und er kanns nicht, weil ihm die Unmittelbarkeit des jüdischen Gottesbegriffs entschwunden ist. Er glaubt wohl an Gott, allein dieser Gott ist ih.m zu einem S chl a g w o rt g ew ord en, zu einer abstrakten' Idee, zu.einem philo-