Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-02-27 · Heft 9 (27.2.1930) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 9 (27.2.1930)
Date
1930-02-27
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450609--76744-2534337
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Nr. 2 Der Israelit 27. Februar 1930 ganzes Jahr lang der Ernährungssorgen enthoben wurde. - - So wie der ProphetElijohu den Sohn eben dieser Frau, vom Tode erweckte und der Mutter ihr Kind mit den Worten: 133 m 'io „Siehe, Dem Sohn lebt" zurückbrachte, wollen wir auch, so Sie uns Ihre geldliche Unterstützung nicht versagen, damit wir weiter für Tauroh und Iiroh sorgen können, der Welt zeigen, daß 112 m 'K7 unser Sohn, der Verein, lebt, er lebt, leistet und wirkt Großes. In der Debatte wurde zunächst eine Erhöhung des Mitgliedsbeitrags auf jährlich Mk. 16.— beschlossen. Herr Jonas Haas-Borken und Herr Hermann Goldschmidt-Hagen hatten schriftlich mitgeteilt, daß sie ihren Jahresbeitrag auf Mk. 50.— erhöhen. Es wird um Nacheiferung dieser Vorbilder gebeten. Sodann wird auf Antrag des Herrn Louis Marcus, Rees beschlossen, daß Hauseigentümer eine Selbstbesteuerung freiwillig vornehmen müßten dergestalt, daß sie für jedes von ihnen bewohnte Zimmer monatlich Mk. 0.50 an den Verein abführen. Der Antragsteller geht mit gutem Beispiel voran. Herr Dr. Wolf bittet, jedes Mitglied möge wenigstens e i n> neues Mitglied für den Verein gewinnen. Damit wäre dem Verein ideell und materiell mehr gedient, als mit Erschließung anderer Einnahmen, die in der heutigen Zeit doch schwer zu erzielen sind. Auch hier muß es die Masse bringen. Nach Erledigung des geschäftlichen Teiles und nach der Neuwahl der Herren Moses Heymann, Ahrweiler, Max Rosenfelder, Köln und Leo Königshöfer, Köln in den Vorstand, richtete Herr Rabbiner Dr. Wolf folgende Ansprache an die Versammlung: Meine Damen und Herren! Es ist mir ein Bedürfnis zu den Begrüßungsworten unseres verehrten Herrn Vorsitzenden auch meinerseits ein herzliches Willkommen all denen zuzurufen, die aus nah und fern heute unserem Rufe Folge leisteten. Mit besonderer Freude erfüllt es mich, daß die ehrw. Herren Rabbiner so zahlreich hier erschienen sind, mit denen mich die tägliche Tätigkeit am Ort und in der Provinz verbindet. Ganz besonders begrüße ich den geehrten Herrn Festredner des Tages, der als Enkel des tvx 0’73va *>73 wie mein Schwiegervater in festlicher Stunde einst den riesengroßen Neubegründer des profan gebildeten Judentums nannte, als Enkel Samson Raphael Hirschs heute Zeuge eines schwachen Strebens ist, bis in die entferntesten Flecken des Rheinlands die Saatkörner Hirschs auszustreuen. Wenn allerdings ein lieber Gast heute in unserer Mitte fehlt, mein hochgeschätzter engerer Kollege Herr Rabbiner Dr. Weyl aus Düsseldorf, bedaure ich das sehr. Er bat mich, ihn zu entschuldigen. Nach dem schweren Kummer, den er nach sorgenvollen Jahren in seinem Hause hatte, mußte er zur seelischen und körperlichen Kräftigung eine Familienreise antreten. Möge >er neu gestärkt zu seinen Kindern und zu seiner: Tätigkeit zurückkehren. Es freut mich, daß auch viele Herren Lehrer, der unserem Verband angeschlossenen Gemeinden, zur Mitarbeit an unseren jüdischen Zielen sich eingefunden haben, um für ihr schweres Wirken aus dieser Weiheftunde sich Kraft und neuen Mut zu schöpfen. Ich danke den Herren Vorstehern unserer Gemeinden, daß sie hierher geeilt sind, um zu sehen, daß das Judentum noch lebt und einen 5)<mä) mitzunehmen, den sie,hier verspüren, um ihn daheim ihren Gemeinden Tnitzuteilen. Ganz besonders aber wird unsere Schaffenskraft gestärkt und neu belebt durch den Beweis reger Anteilnahme der Familien unserer Gemeinden, die schon längst die Tagungen unseres Vereins als Herzschlag werten, der den ganzen Körper der rheinischen Gemeinden durchpulst, damit er so lange leben bleibe, bis bessere Aerzte, als wir es sind, bessere Mittel finden und anwenden, um die erstarrten Gebeine zu neuem Leben zu wecken. Meine Damen und Herren! Wie im Wirtschaftsleben von heute die Gründerzeit von einem ruhigen, ja meist unfrohen Dahinfließen des Alltags abgelöst wurde, so ist auch der Arbeit unseres Vereins die Zeit nicht günstig, Neuschöpfungen Leben gewinnen zu lassen. Aber auch diese Zeit muß genutzt werden. Sie ist auszufüllen mit dauernder Ermutigung für das Leben, mit Mahnung und Unterstützung, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren, eine Zukunft, die uns vorbereitet findet in Geist und Gemüt, im Haus und im Kampfe gegen die Außenwelt. In keiner Lebenslage fehlen uns die Beispiele aus der Geschichte. An die Quelle unseres Volkswerdens führt uns der gestrige Wochenabschnitt. Vater und Sohn liegen sich in den Armen nach langer, zwanzigjähriger Trennung, angefüllt mit Kummer und Sorge, mit Erniedrigung und Demütigung. Auf die erste Nachricht, die sie voneinander erhielten, rufen sie beide Worte, die ünnachahmbar in ihrer Kürze, unerreicht in ihrer Tiefe bleiben. Menschliche Worte, die süßesten Laute, die die menschliche Zunge zu formen vermag, weil sie dem tiefsten Innern des menschlichen Herzens entquillen *22 — '38 Vater und Sohn! m '38 TW,2 ruft Joseph l, 45, 3 c|dt’ 7iv '7 l, 45, 26 ruft Jakob aus und, dankerfüllt und froh bewegt, darf Israel bald hinzufügen 'n '22 701' I, 45, 28. Es ist zu viel; in hervorragender Weise lebt Joseph —als mein Sohn. Die Brüder glaubten, den Vater mit der Nachricht zu erfreuen, Joseph lebt noch. Jakov über hätte Joseph noch einmal verloren, rri7 '37 wenngleich er als höchster Würdenträger im angesehensten Staat der Zeit in Ehren stand, wenn er nicht an den ihm gesandten Wagen und an allem, was die Brüder von ihm erzählten, erkannt hätte, daß Joseph sich noch als sein. Israels, Sohn führte. Rührend und vorbildlich zugleich, wie der Herrscher des mächtigen Aegyptens, nur den einzigen Gedanken hat 'n 77 v und den trauernden greisen Vater die Mitteilung roch nicht erfreut 'n «i&v. 7iv bis er sich endlich überzeugt bat, tt '33 nöT daß Joseph noch den Adel der Familie im Busen trägt und in dieser Gesinnung lebt. Er hätte lieber seine Trauer um den vermeintlich verlorenen Sohn mit ins Grab genommen, als einen Sohn in die Arme zu schließen, 'ier über dem Glanz der Erde die Lehre des Vaterhauses vergessen und verworfen hätte I S. 733). 37 bxiV' 7’iwi Jarnel sprach: es ist zu viel. Das ist das einzige Wort, mit dem er dankbar die Gegenwart begrüßt und sich ihrer freut, ohne sich durch Grübeln und Wühlen in der Vergangenheit den Freudenskelch der Gegenwart zu vergällen und zu vergiften, (a. a. O. 734.) > Von diesem Augenblick an leitet sich eine Geschichte /ein-, auf die wir, rückblickend, niemals resigniert zu sprechen berechtigt sind: Der Weg unseres Volkes fei vor Gott verborgen und der Allnchter nähstie keme Kenntnis von unserem Geschick (Jes. 40, 27). Im Geoenteil! Im Hinblick auf das unvermerkt steobofte Vordringen der sozialen Idee, deren Grundsätze in der Tauroh verankert sind, erkennen mir 7'»** 23m 37 1'rr7'b nmir lPs. 31, 20) das Ausmaß der Güte, das bewahrt blieb, denen, die Ihn fürchten. Mit diesem klaren Bewußtsein von der Notwendigkeit der Verbundenheit zwischen Vater und Sohn 1^931 1YW3 ziebt der berufene Gottesstreiter Israel mit den Seinen auf dem Wege zum ägvvtischen Golus nach Ber Schema und opfert selbst, seinem richtigen Empfinden des Zusammenhanges zwischen Vergangenheit und Zukunft Ausdruck verleihend, dem Gotte seines Vaters Isaak. Dort fällte er — wie unsere Weisen sinnig meinen — lM'dr. Rabb. 7'w»'-n 94, 4) die Cedern, die sein Großvater Abraham einst dort gepflanzt sl, 21, 33)v3V 7>*-n w>". ' Aus diesen Cedern wurde nach Jahrhunderten der P3'77 n'7-1 gelchmbt.. der Riegel, der innerlich die Wandbretter des Wüstenheilkgtums verband. So gestaltete des ersten Ahnherrn tiefinnerliche Gedankenrichtung das jüdische Heiligtum und blieb >in ununterbrochener Reihenfolge, in Vererbung von Vater auf Sohn, die schützende Wand der jüdischen Volksfamilie. Im Anschluß an dieses Opfer, das Israel auf dem Zuge nach Aegypten darbrachte, stellt der Wochenabschnitt eine Liste der Jakobsfamilie auf,, mit Kindern und Enkeln, die nach Aegypten zogen. Was bedeutet sie in diesem Zusammenhang? Meine Damen und Herren! Um es mit einem Wort zu sagen: Die Familie bildet den Grundstein des Volksgebäudes. Sie blieb der Hort des Judentums im jüdischen Staat. Sie blieb seine sichere Zufluchtsstätte im Golus. Und als Esra das zweite staatliche Zentrum auf heiligem Boden zu begründen ging, da stellte er zunächst die althergebrachte Familienreinheit wieder her. Dieser einzige Quell unseres Volksdaseins droht leider in unseren Tagen zu verstechen. Nicht nur sind Mischehen heute an der Tagesordnung, nicht nur übersteigen sie in erschreckender Anzahl mancherorts die Eheschließungen zwischen jüdischen Söhnen und Töchtern, nicht nur werden Ehen geschlossen, die vor dem jüdischen Gesetz nichts weniger als der Blutschande gleichkommen, sondern in unbegreiflicher Gedankenlosigkeit laden Kreise, von denen man es nicht begreift, fremde Greuel nachahmend, die Todsünde auf sich, ihre Familien und somit Israel zu dezimieren. Wenn früher schwerer Druck auf Israel lastete, dann erwuchs blühendes Leben aus der Schicksalsschwere (H, 1, 12) „Je mehr man Israel bedrückte, um so mehr vermehrte es sich und breitete sich aus 77s' 721 732' p inrr 13z?' -w83- Druck erzeugte Gegendruck. Tyrannengewalt zerschellte an dem heldenstarken Lebenswillen unserer Väter. Der machtvolle Mut zum Leben löste Leben aus. Die äußere Erlösung krönte die innerlich stets Erlösten, innerlich nie Versklavten. Heute sind wir von außen mit Freiheit beschenkt, innerlich in Banden geschlagen. Unserer Ketten spottend, sind wir unfrei, wie nie zuvor. Der V7,7 7X' beherrscht die Welt. Der V77 73!' führt die gescheiten Herren der Erde mit ihrem vermeintlichen Verstehen der Zeichen der Zeit in neckischem, Spiel ins N a r r e n h a u s der S e l b st e n t m a n n u n g. Israel hat schwerere Zeiten durchlebt und über lebt, als die heutigen. Es war nach der Zerstörung des ersten Tempels. Israel zog wieder ins Golus. Dunkel lag vor ihm die Zukunft. Leben oder untergehen? Diese Frage brannte aus seinen Lippen. Da verkündete Jeremias dem ganzen Golus: Bauet Häuser und lasset euch nieder, pflanzet Gärten und aeyießet ihre Frucht. Nehmet Frauen und zeuget Söhne und Töchter. Nehmet, euren Söhnen Frauen und euren Töchtern gebet'Männer. Sie sollen Söhne und Töchter gebären. Vermehret euch dort ivp»» und werdet' n i ch t w e n i g e r., dez i m i e r t e u ch nicht! (ZereM. 29, 5-^6.) In die Sprache der Gegenwart übersetzt, heißt das: Schränkt den Lebensgenuß, aber nicht die Geburtenziffer ein. In diesem Zusammenhang erinnert Jeremias an die staatsbürgerliche Pflicht: 1^721 mit,.verbindendem Waw „Und erstrebt das Wohl' der Stadt, in die ich euch verbannt habe." lJerem. 29, 7.) So wenig wie der Staat den Wohlstand an totem Vermögen des Volkes über den Reichtum an lebendigen, denkenden und schaffenden Kräften zu stellen vermag, eben so wenig darf die Familie den Kindersegen auf die Sollseite der Pdssiva buchen. Ein Erbteil Gottes sind Kinder, eine Veloh- . nung stellt die Leibesfrucht dar. Sie sind die Pfeile in unserem Lebenskampf. Sie bilden die werbenden Kräfte für unser Dasein, die Mittel der Abwehr gegen die Angriffe der Gesellschaft. 07» 1NSV8 *6» 7tvk 7337 '7VX Fortschrittlich denkt und handelt nur der starke Mann, der feinest Köcher der Rüstung für das Leben mit solchen i Pfeilen füllt. (Pst 127, 3—5.);

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.