Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1930)
- Date
- 1930-02-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450609--76742-2534335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Nr. 2 Der Israelit 27. Februar 1930 einsrabbinats unterstellte, die außerordentlich stark in Anspruch genommen wird und sich segensreich auswirkt. Das Restaurant ist nicht nur auf die Teilnahme von Studenten beschränkt, es kann selbstverständlich jeder dort speisen. Daß die Mensa, die eine Bedürfnisfrage ersten Ranges darstellt und nun einen langjährigen Mangel beseitigt, überhaupt gegründet werden konnte, ist der aufopfernden Hingebung des Herrn Salomon Simon in Bonn zu verdanken, der sich unschätzbares Verdienst dadurch erworben hat. Ihm für seine treue und erfolgreiche Mitarbeit von dieser Stelle aus zu danken, ist mir eine angenehme Pflicht. Zu der bereits in Neuenahr unter Aufsicht stehenden Villa Regina Gottschalk trat im Berichtsjahr auch das Hotel Bismarck. Nach wie vor ist die Mazzoth-Bäckerei Marcus dem Vereins-Rabbinat unterstellt, ebenso auch einige Nahrungsmittelfabriken. In unermüdlicher Schaffensfreude und Op ferbereitschaft stellte sich unser Vereinsrabbiner den angeschlossenen Gemeinden zur Verfügung; annähernd 175 Reisen wurden von ihm im Berichtsjahr ausgeführt, fast alle Sonntage wurden von ihm benutzt. Schulen wurden inspiziert. Schauchtim geprüft, Mikwoaus besichtigt. An vielen Plätzen wurden Vorträge gehalten. Die Lehr-Veranstaltungen und Vorträge erfreuten sich stets guten Besuches. Diese stille, aber wirksame Tätigkeit ist für den Verein außerordentlich bedeutsam. Lau bechajil wlau bekauach kr im beruchi. Nicht durch lauten Kampf, nicht durch Macht, sondern durch meinen Geist siegt Israel! Je schlimmer sich die wirtschaftlichen Nöte bei den einzelnen auswirken, um so notwendiger und wertvoller ist es, in ihm die stärkende Kraft des Gottvsrtrauens lebendig zu erhalten. Denn: Eiz Chajim Hi lamachasikim boh! Denn ein Baum des Lebens ist die Lehre für die, die an ihr festhalten. Wenn im Rheinland und insbesondere in den kleineren Gemeinden das traditionell-jüdische Bewußtsein noch lebendig und stark ist, wofür unsere heutige Tagung ein beredtes Zeugnis ablegt, wenn ihnen der Gedanke an Scbemiros Schabvos noch nicht verloren gegangen ist, so darf unser Verein und insbesondere unser Vereinsrabbiner das Verdienst hierfür mit in Anspruch nehmen. Immer und immer wieder läßt er in den Vordergrund seiner Vorträge den Hinweis auf die Wichtigkeit der Sabbatruhe als den Angel- und Mittelpunkt unseres religiösen Fühlens und Denkens treten, zeigt, wie unser großer Meister Samson Raphael Hirsch es so wunderbar ausdrückt: „Wie unter allen den Gütern, mit welchem das Judentum seine Bekenner beglückt, keines so heilig, keines so reich an Segen und Beseligung ist, als das Gut der ältesten Institution der Erde, als das Gut des Sabbats, des jüdischen Sabbats. Nehmt dem Juden seinen Sabbat und ihr habt ihn der reichsten unschätzbaren Perle beraubt. Und was ihr ihm dafür bietet, nichts gibt ihm Ersatz. Nehmt dem Juden seinen Sabbat und Ihr habt ihn freund- und freudeleer gemacht, denn der Sabbat ist des Juden Perle, denn der Sabbat ist des Juden Freund". So ist der Verein bemüht, das lebendige Quellwasser der Thora zu reichen, eine seelische Labe, ein nie versagendes Mittel zur Festigung und Beglückung der jüdischen Neschomoh, ein Bollwerk gegen Abfall und Götzendienst. Und in diesem Zusammenhang muß ich, wie in jedem Jahre, auch jetzt wieder auf das überaus schwere und lebenswichtige Problem der Unterbringung kaufmännischer Angestellten und Handwerker in sabbatfreie Stellen hinweifen. Die Befürchtungen, die wir in unserem letzten Bericht aussprachen, haben sich beinahe zur Katastrophe entwickelt. Der Berschmelzungsprozeß in den« Großbetrieben, gleichgültig, ob es sich um Waren- oder Geldwirtschaft handelt, hat weiter Fortschritte gemacht, das Rationalisierungs- System viele neue Opfer gefordert; groß und : schwer sind die Versuchungen und die Gefahrene der Sabbatentwekhung, die an alle um ihre! Existenz ringenden Angestellten herantreten, groß und schwer aber auch die Verantwortung, die diejenigen tragen, die in der Lage wären, zu helfen und es nicht tun. Es gibt auch erfahrungsgemäß manchen! nichtjüdischen Arbeitgeber, der, wenn er ernst darum angegangen wird, bereit ist, sabbathaltenüe junge Leute, insbesondere Lehrlinge einzustellen. Der neugegründete Reichsverband der Schomrei Schabbos-Vermittlung, der in den größeren Plätzen überall vertreten! ist, von denen z. B. die Kölner Stelle mit dem hiesigen jüdischen vereinigten Arbeitsnachweis Hand in Hand arbeitet, hat es zu feinen Ausgaben gemacht, die Interessen der Angestellten zu vertreten, Stellenvermittlung, Berufsberatung und Rechtsberatung zu pflegen und die Möglichkeit der Gründung von Kreditgenossenschaften zu prüfen, neue Berufsarten festzustellen usw. Der Staat hat in Erkenntnis der ungeheuren Notlage der sabbattreuen Angestelltenschaft und in Würdigung der Tatsache, daß seine Hilfe hier versagt, seine Monopolstellung in bezug auf Arbeitsvermittlung ausgegeben und die Neu- oder Wiedrbegründung jüdischer Arbeitsnachweise bewilligt. Sollten wir da weniger Verständnis aufbringen? Alle Bemühungen aber dieser Vereinigungen sind zum Scheitern verurteilt, wenn nicht alle jüdischen Kreise mithelfen. „Kol Hamkajeim Nefefch Achas, B'sisroel K'illo Mazil Es Hoaulom Kulau" — „Wer eine Seele in Jisroel erhält, dem wird dies angerechret als ob er die ganze Welt errettet hätte" und so wende ich mich an Sie alle, meine verehrten Damen und Herren und appelliere an Ihr Gewissen: „Gebt uns Stellen in Euern eigenen Betrieben auf, sucht in jüdischen und nichtjüdischen Freundes- und Bekanntenkreisen Lehrlinge und Angestellte, Handwerker unterzubringen, wo sie Schabbos halten und koscher leben können. Wenn jeder von Ihnen nur 1—2 Stellen nachweist, so ist schon ungeheuer viel geschehen und Sie haben sich ein großes Verdienst erworben. Eine gute Vermittlerin und Verbreiterin von Abhandlungen belehrenden Inhalts und von Mitteilungen allgemein-örtlichen Interesses war unser Organ „Der Volksfreund", das, wie Sie wissen!, auch leider nicht erhalten werden konnte. Es wäre eine gute und wirksame Förderung unserer Vereinsgiele, wenn Mittel vorhanden wären, die Zeitung wieder aufleben und sie regelmäßig wieder erscheinen zu lassen. Wird sich unsere Hoffnung bald erfüllen? In unserm Bibliotheks-Verlag erschienen im Berichtsjahre wiederum einige Bände der von unserm Vereinsrabbiner verfaßten Dijukei-Tauroh, Erklärungen der Wochenabschnitte, die unseren Mitgliedern für ganz geringes Entgelt überlassen wurden. Diese Schriften, die von der Kritik aufs Beste begutachtet und empfohlen wurden, verdienen weiteste Verbreitung. Die „Speise-Gesetze", eine volkstümliche Zusammenstellung aller Vorschriften durch unseren Vereinsrabbiner gingen unseren Mitgliedern umsonst zu, ebenso, soweit aus früheren Jahren noch ein Bestand vorhanden war, eine Broschüre, die aus beredter Feder eine Darstellung von der Persönlichkeit und dem Wirken Samson Raphael Hirschs enthält. Eire große Menge Manuskripte warten noch auf den Augenblick, wo sie dem Druck übergeben werden könnten, wenn die nö- Ligen Geldmittel nicht fehlen würden. Auch in diesem Jahre konnten wir wiederum Glaubensgenossen, die in Anstalten starben und keine Angehörigen mehr besaßen, statt auf den Anstalts-Friedhöfen zu Keiwer Jisroel bringen. — In Düsseldorf verbreitete sich die Tätigkeit des Bezirksrabbinates in befriedigender Weise. Herr Sato Meyer wird Ihnen, da Herr Rabbiner Dr. Weyl leider verhindert ist, an der heutigen Tagung teilzunehmen, hierüber einen kurzen Bericht geben. Auf der letzten Tagung wies ich darauf hin, daß wir uns auch in sozialen Wohlfahrts-Angelegenheiten unseren Pflichten nicht entziehen dürfen. In "diesem Zusammenhang bat ich, uns doch alle abgelegten oder im Haushalt oder Geschäft entbehrlichen! Kleidungsstücke, Schuhe, Wäsche usw. zuzusenden, die wir für arme und hilfsbedürftige jüdische Durchwanderer und sonstige Hilfsbedürftige so dringend gebrauchen. Infolge der zentralen Lage Kölns ist hier der größte Knotenpunkt der Durchwanderung von ganz Deutschland. Sie können sich ungefähr einen Begriff von dem Umfang machen, wenn ich Ihnen sage, daß der Hilfsausschuß, von dem diese Durchwandever-Fürsorge geleistet wird, etwa 3000 Familien im letzten Jahre zu betreuen hatte, während weitere annähernd 7000 örtliche Fälle zur Beratung und zur Behandlung standen, ©ie sind in Ihrer Heimat-Gemeinde von dieser Durchwanderung fast gänzlich verschont. Es bedeutet für Sie kein Opfer, wenn Sie von Ihrem Ueberfluß etwas abgeben; für uns und unsere Schutzbefohlenen ist jede Spende sehr wertvoll. Meine Damen und Herren! Wenn ich mit ganz besonderem Nachdruck mich an Sie wandte, um Ihre Unterstützung für den Wiederaufbau des Bibliotheks-Verlags zu bitten, so geschah dies aus der Erkenntnis heraus, daß Wissen Macht und Reichtum bedeutet, Unwissenheit erzeugt Jndifferentismus, Gleichgültigkeit und verleitet zum Abirren vom Wege des Rechtes. Als eine der schönsten Blüten im Kranz seiner Ausgaben hat unser Verein die Verbreitung von Thorawissen, Erweckung des stolzen Bewußtseins über die herrliche Vergangenheit des jüdischen Volkes auf seine "Fahne geschrieben. Wir haben, soweit es unsere Kräfte erlaubten, Lehrer in die nahen und entlegenen Winkel des Rheinlandes gesandt, um insbesondere unsere Jungen für Taurohsseinu Hakdauscho zu begeistern, denn wir alle wissen: Auf den Schultern unserer Jugend ruht unsere Zukunft. Sie für unfern Jdeenkreis zu gewinnen, in ihre Herzen das Sinai- Feuer zu entzünden, auf daß es immer brenne und nimmer verlösche, wenn der rauhe Materialismus des sogen. Zeitgeistes lockt und sie in Versuchung bringt, ist unser Bemühen. „Wie die Wolken- und Feuersäulen der Wüste, so leuchtet ihr — nach den Worten Hirschs — das Gotteswort auf ihrer Lebenswanderung auf dem Wege durchs Golus, ebnet alle Höhen, hebt alle Tiefen und verzehrt alle Dornen und Disteln des Irrtums und des Wahns, die ihren Fuß auf dem Wege zu den herrlichen Zielen hemmend umstricken". Wir wollen unserer Jugend sagen und künden, daß die Mehrheit wohl die Macht, aber nicht immer das Recht besitze, wollen ihr an Hand der Geschichte zeigen,, daß, wie nicht die Masse der Zweige und Aeste, nicht die Masse des Stammes die Zukunft des Baumes gewährleistet, vielmehr einzig und allein der winzige unscheinbare Samenstaub, so auch einzig und allein es die glaubenstreue Minorität im Judentum die starke Kraft gewesen ist, die es vor Verfall und Untergang bewahrt hat. Brauchen wir noch etwa auf das kaum hinter uns liegende Chanukka-Fest hinzuweifen, wo von wenigen Gottbegeisterten der Sieg über viele davon getragen wurde? Brauchen wir sie an das Schicksal Jisroels zu erinnern, das, klein an Zahl, gering geachtet unter den Völkern mit seiner Thora im Arm, sich trotz Not und Elend bis auf den heutigen Tag erhalten und seine Mission erfüllt. Wir wollen, daß sich ihr jüdisches Wissen mit profaner Bildung zur schönsten Einheit vermählt, wollen sie hinuntersteigen lassen in die Tiefen der jüdischen Wissenschaft, auf daß sie mit reichen Schätzen beladen hinaufsteige zu den Höhen der Vollkommenheit, wollen, daß sie das schöne Midraschwort verstehen und bewahrheiten, das uns erzählt, wie Gott zu Jisroel spricht: „Mein Haus. in Deiner Hand — Und Dein Haus in meiner Hand!" 'w>2 — Mein Haus — mwn it — das ist die Thora — iw2 — Dein Haus — VLin iv — das ist die Seele. —?mx vrr ibv iöi?» nn ibw- „Wenn du das meine bewahrst und behütest, dann behüte ich auch das deine!" Wir wollen unsere Kinder erkennen lassen, daß, wie der Mensch