Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1930)
- Date
- 1930-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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- Minsk 4× ep/1000754
- Riga 1× ep/1000826
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27. Februar 1930 Der Israelit Nr. 9. Seite 3 gekommen, in denen die Judenheil des Auslands aufgerufen werde, das russische Judentum vor dem Untergang zu retten. Rabbi P e w s n e r insbesondere wird zur Last gelegt, daß er eine Verbindung mit dem im Auslande weilenden Lubawitscher Rebben unterhalten . und von ihm Instruktionen' über Errichtung von Chedarim und Jeschiwoth erhalten hätte. Einige der verhafteten Dajänim und Rabbinen hätten in diesen Jeschiwoth gelehrt. Ein Rewyorker Rabbiner hätte im August'1929 in Minsk mit den verhafteten Rabbinern konferiert und von diesen antisowjetische Informationen für Europa und Amerika erhalten. In Leningrad erhielt der greise Rabbi Katzenelnbogen, den man wegen seines hohen Alters (er ist 84 Jahre alt und hat in einer rabbinischen Tätigkeit in Rußland von bald 60 Jahren drei Zaren überlebt) nicht verhaften konnte, den Befehl, die Stadt zu verlassen. Er hat bereits seine Verbannung angetreten. Aus anderen Gegenden Rußlands kommen erschütternde Nachrichten über Verhaftungen von im jüdischen Leben stehenden Männern und Erhebung von Anklagen, an deren Ausgang Sibirien oder Todesstrafe steht. Die Taktik ist durchsichtig: Man schafft eine unerträgliche Lage. Wer aber seine Not hinausschreit, hat das Vaterland verraten und macht sich strafbar.' Die Tatsache allein, daßdie Rabbiner mit dem Auslande über ihre Lage sprechen, wäre nicht strafbar, wäre sogar rnii sich lobenswert. Beweis: Vor einem Jahre erging eine von 31 Rabbinern Weißrußlands Unterzeichnete Erklärung ans Ausland, daß eigentliche Religionsverfolgun- .gen in Rußland nicht stattfänden, und die Sowjetpresse war mit dieser Erklärung Höchstlichst zufrieden. Eine Aussprache mit dem Auslande im Geiste des Metropoliten Sergius im Sinne einer Verteidigung der Sowjets und einer Belobigung ihrer weisen und gerechten Waltung, wäre den Sowjets sehr willkommen. Aber im Auslande klagen, das ist eine konterrevolutionäre Aktion. Es muh gar nicht erst eine Anklage sein, em Wort der Klage genügt schon, um als Staatsverräter ins Gefängnis, nach.Sibirien oder an die Wand zu kommen. Die Welt wird sich durch diese erste Beantwortung ihres Protestes nicht schrckeen lassen. Die jüdische Welt schon,ganz und gar nicht. „Seitdem ich zu Pharao gekommen bin, um in Deinem Namen zu sprechen, hat er die Lage dieses Volkes noch übler gestaltet", klagt Moses. Und die Erlösung blühte dennoch heran! . . . mittagsschiur mit unserem Lehrer zu sprechen. Da fand er Worte liebe- und verständnisvollsten Eingehens auch Wir geben im folgenden Einzelheiten aus den TtUmfev Anklageakten, wie sie von unterrichteter Seite dem „Warschauer Togblatt" übermittelt wurden, wieder. Die Anklageschrift gibt ein klares Bild der Lage. Sie beginnt mit folgenden Worten: „Die Geheimpolizei hat in Minsk eine illegale „neppmännisch"-rabbinischfkonterrevolutionäre Organisation entdeckt, die in Verbindung mit den ausländischen Bourgeois steht. Es steht fest, daß das Bes-Hamidrasch ein Nest illegaler Umtriebe ist. Wenn sich in einem Bes-Hamidrasch ein H e k t o g r a p h befindet, so bedarf es keiner weiteren Beweise für den politischen anti-sowjetischen Charakter des Hauses. Es ist bewiesen, daß neben den Spekulanten usw. die jüdischen Kultusbeamten die gefährlichsten Feinde der Sowjet-Republik sind. „Es ist erwiesen, daß die Minsker Kehila nicht allein ein gegenrevolutionäres Unternehmen, sondern auch die sicherste Jnsormatorin der ausländischen Organisationen ist." Es werden darauf die Namen der Verhafteten und ihre „Verbrechen" genannt: 1. Benjamin Sakowiszki. Er ist ein Magid (Volksredner) mit einem klugen Gemorokopf. Im Jahre 1919 war er zum Tode verurteilt. Es gelang ihm aber, zu flüchten und später unbehelligt zurückzukommen. In den letzten Jahren betreibt er das Predigen in den Synagogen und Lehrhäusern als Hauptbeschäftigung. In einer Propagandarede für Chedarim sagte er u. a.: „Juden, habt Erbarmen! Bricht ein Brand aus, so pflegte man zuerst die Kinder zu retten, kommt ein Schiff ins Sinken, so bringt man zuerst die hilflosen Kindlein auf die Rettungsboote. Er brennt bei uns, alles, sinkt! Rettet in dieser Stunde der Gefahr das Kind in das Boot, in Cheder und in Schule!" 2. Meisis. Er stand an der Spitze eines illegalen Jeschiwokomitees. 3. K a b a k o w, ein „Neppmann". Er unterstützte Lehrhäufer. 4. Krengel. Er war früher Juwelier und hatte als solcher aus Gold und Silber, das er hätte abliefern müssen, Geräte angefertigt. Er unterstützte Chedarim und Lehrhäuser. 5. David S ch a ch o r (Schwarz), früherer Großkaufmann. Er organisierte einen Jünglingsverein „Tifereth Bachurim" und förderte Jeschiwaus. 6. David Salomon, Vorsitzender des genannten Jünglingsoereins. Er schloß neulich eine Rede mit der zionistischen Losung: „Und es komme für Zion der Erlöser!" 7. Ascher Kirstein, ein Rabbiner, der Valutageschäfte machte. Er organisierte den Gemlius Chasodim- Verein, mit dem Zwecke, „Neppleute" vor dem Untergänge zu retten. Unter den Weißpolen gründete er die Agudas Jisroel und betätigte sich als grimmiger Feind der Arbeiter. 8. G a b r i l o w, früher Gemeindepräses und die rechte Hand von Rabbiner Gluskin. Unter den Polen hat er mit einem zum Tode verurteilten Revolutionär das Sündenbekenntnis gesagt. Er gründete mit die Agudas Jisroel. Tin fen/hifen. EINE VORZÜGLICHE GAffffE G AA* H O L Z FR AN K I II 8 T'A n>9IOB:K49 9. Jwanowski, Fabrikant. Man fand bei ihm Briefe von ausländischen Organisationen, die er über Rußland informierte. 10. Braude, früher Bankier und Millionär. Er arbeitete gegen den Bolschewismus, der ihn angeblich an den Bettelstab gebracht hat. 11. Rabbi P e w s n e r, ein Heiliger, der Instruktionen von Rabbi Schneierfohn.in Riga erhielt, wie am besten Chedarim und Jeschiwaus zu gründen seien. Ueberhaupt scheint dieser Rabbi Schneierfohn, der im engsten Kontakt mit der Minsker Kehila steht, die leitende Hand bei den Umtrieben gegen die Sowjets zu sein. 12. R a b b i n o w i tz, ein Magid. In einer Predigt erzählte er folgendes Gleichnis: „Ein Bauer hatte ein kleines, liebes, frommes Pferdchen, das recht und schlecht, langsam und sicher sein Wägelchen zog. Da gelüstet es den dummen Bauer, für sein gutes Pferdchen einen Zigeunergaul einzutauschen, der frißt und Nichts arbeitet. Bekommt er die Peitsche, stellt er sich auf die Hinterbeine und wirft Wagen samt Bauer um. Da hatte er die Bescherung." Mit solchen Gleichnissen will er das alte Regime gegen das neue ausspielen. Er fährt mit seinen Predigten im Lande herum und sammelt Gelder für die Lehrhäuser. 13. G o r d o n > Führer des genannten „Tifereth Bachurim". In seinen Reden vergleicht er die Lage der Juden mit der in Aegypten und zur Zeit der spanischen Inquisition. Er fordert die Jugend auf, sich mit Märtyrerkrast dem Feuer entgegenzustellen. 14. Mosche Chajim L e w-i n, von Beruf Magid. Gründete eine Jeschiwo auf Prepreko und hält dort flammende Reden. Weiter wird in der Anklageschrift hervorgehober.: r Man fand in einer Klaus einen Brief an ausländische Organisationen vor, in dem es heißt: „Rettet die jüdische Bevölkerung!" Sechs Männer der Kehila haben den Brief unterzeichnet. Sie sind alle verhaftet. Von den vier jüdischen Küchen in Minsk, die die Jeschiwobachurim mit Speis und Trank versorgen und die unter Aufsicht von Mosche R e s n i k (verhaftet) stehen, gehen Fäden nach Berlin, London, Paris, Riga, Warschau und Rewyork. Im August 1929 weilte der amerikanische Rabbiner Gläser in Minsk und hielt mit den Rabbinern Iwanski, Braude, G e r st e i n, Goldberg, Scheikowiszki, Gluskin, G a b r i l o w u. a. Konferenzen ab (alle verhaftet.) Es ist erwiesen, daß die Berichte, die Rabfür die kleinsten Dinge unseres Lebens nnd mit der Freudigkeit der n^v-Stimmung wußte er alles Dunkle aus der Seele seiner Schüler zu bannen. . Welches Glück war es doch, bei diesem klaren Denker und warmherzigen Pädagogen zu lernen, n» ov'i i>n-2 n-mnn. „Er stellte die Menorah auf im Zelt der Gegenwart". Ist auch Erziehung schon an sich ein heiliges Werk, er machte eine erleuchtende Erscheinung daraus, ein Licht, das sich mitteilte den Herzen seiner Schüler und ihnen den Weg zum Guten wies, das aus dem Schulzimmer ein snp» gestaltete. Eine Kraft, die sich dem wirkenden und wirklichen Leben liebevoll zuwandte, befähigte unseren Meister, uns in!»?,-, raj zu stellen, dem praktischen Leben verbundenen Zöglingen einen Hauch von seinem Geist und seiner Güte zu verleihen als Schutz für ein mitleidloses und hartes Leben. So hat Rabbiner Dr. Bondi aufleuchten lassen die Seelen seiner Schüler 'n ’asV rvnan Vjn, und vor Gott ließ er diese Lichter aufflammen". Fritz Hirsch, Ladenburg. (Der deutsche Lchulchan Aruch in Buchausgabe.) Von dem Schulchan Aruch mit punktiertem Texte und deutscher Uebersetzung von Dr. S. Bamberger sind nun die ersten 12 Lieferungen in einem stattlichen Band mit Vorwort als Erster Teil erschienen. Der Band umfaßt die Gebete, die „Lebensführung", die „Speisegesetze", das „Berufsleben", im ganzen 67 Kapitel und 384 Seiten. Diese 12 Lieferungen, deren jede Mk. 1.50 kostete, sind jetzt in einem gebunden (elegant Ganzleinen) für Mk. 20.— zu erhalten. Der Band eignet sich auch bestens für Geschenkzwecke. Zu beziehen beim Verlage A. I. Hofmann, Frankfurt a. M., Allerheiligenstraße 87. (Ahron Marcus' Todestag.) Am 1. Adar ist die iahrzeit des im Jahre 1916 in Frankfurt verstorbenen großen jüdischen Gelehrten Ahron Marcus. In einer Zeit, da von Berufenen und Unberufenen, von' Romantikern und Wissenschaftlern so viel über Chassidismusgeschrieben und gesprochen wird, darf aus Anlaß der Jahrzeit an Marcus' Buch „Der Chassidismus" erinnert werden, der uns die Bewegung in ihrer Geschichte, Entwicklung und all ihren Schattierungen und Spielarten in einer Anschaulichkeit zeigt, wie es nur ein Mann von dem universellen Wissen und dem in Liebe zum Judentum der Thora glühenden Herzen eines Ahron Marcus zeigen kann. Das Werk ist bei allen jüdischen Buchhandlungen zu beziehen. (Konzertierende Kantoren.) Vom Ausschuß des allgemeinen Deutschen Hantoren-Verbandes wird uns geschrieben: Daß sich Kantoren als Konze'rtsänger betätigen und hierbei auch gottesdienstliche Gesänge vortragen, ist eine Erscheinung, die zwar von manchen unserer Berufsgenossen verurteilt wird, gegen die aber unsererseits keine Einwendung erhoben werden kann. Man darf darin, wenn die Ausführung in wirklich künstlerischer Weise erfolgt, immerhin ein Mittel erblicken, die jüdisch-religiöse Musik auch weiteren, dem jüdischen Gottesdienst fernstehenden Kreisen zugänglich zu machen. Daß aber konzertierende Kantoren hierbei marktschreierische Reklame treiben, ihre Veranstaltunaen durch Plakate ankündigen lassen, auf denen ihr Bildnis in vollem Amtskleide „prangt", widerspricht u. E. künstlerischer Feinfühligkeit, vor allem aber dem Gedanken, der sich im jüdischen Vorbeter, dem „Scheliach zibbur" verkörpert, und somit dem Ernst und der Würde unseres Standes. Wir, die Standes- und Berufsoertretung jüdischer Kantoren in Deutschland, können uns mit solchem Vorgehen nicht einverstanden erklären. (Wir meinen: Läßt man im Prinzip den Kantor als Konzertsänger gelten, so darf man sich über die Aus-