Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1930)
- Date
- 1930-02-20
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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20. Februar 1930 Der Israelit Blätter Nr. 4 Seite 3 gann, weil auch unsere Jugend Hin und hergeworfen wurde in den korruptierenden .Erscheinungen der Zeit und dem alles überwuchernden jüdischen Nationalismus, weil auch unsere Jugend wandelte auf einem schmalen Pfade zwischen zwei Abgründen, zwischen Assimilation und Nationalismus, darum entstand bei einigen Wenigen, die sich den klaren Blick bewahrt haben für das Soll gegenüber dem Sein, anlehnend cm das, was die Führer bereits geschaffen, der Gedanke, daß Jugend der Jugend helfen solle, daß übelalle Länderverschiedenheiten hinweg, der Gedanke des Tmtroh-nizchis-Seins wieder Fuß fassen müsse. So entstand zunächst der westeuropäische Jugendverband, aus dem sich später die jetzige Jugendzentrale entwickelte. Wir brauchen hier nicht einen Abriß geben, der Entwicklung und der Arbeiten, wir brauchen nicht auf die Fehler, die gemacht worden sind, Hinweisen, wir brauchen auch nicht einmal sagen, daß wir es sicherlich für einen verkehrten Weg halten, wenn diese organisierte Jugend der Agudas Jisroel über ihren Arbeitsrahmen hinausgeht und vor dem Forum der agudiftifchen Weltorganisationvon der sie ja ein Teilchen ist, und durch die sie ja nur sein kann, Forderungen und Wünsche erhebt, die jenseits ihrer Tätigkeitsgebiete liegen sollen, weil sie nur Selbstbesinnung, jüdische Selbstbesinnung treiben soll, all das hieße, den anläßlich der Kenessio Gedaulo stattgefundenen Weltjugendtag, der mehr unerfreuliche als erfreuliche Erscheinungen mit sich brachte, kritisieren. Die Berechtigung der Hanholoh Horoschis Aulomis schel Zeiri Agudas Jisroel haben alle Instanzen der Agudo anerkannt, ihre Berechtigung liegt in; ihrer oben gekennzeichneten Aufgabe. Und wie steht es mit ihrer Bedeutung? Wir „vielgeschmähten" deutschen Agudisten glauben, daß sie noch nicht ihre Bedeutung erwiesen hat, und wir könnten diese Auffassung mit. vielem Material belegen, aber wozu das, wozu Menschen und Agudisten so edlen Formates wie die Züricher Zentrale sie hat, kritisieren, wo sie so Selbstloses und Großes wollen, wozu die anderen Mitarbeiter der anderen Länder durch Kritik ln ihrer Arbeit hemmen, die sich ja doch eines Tages noch ein wenig wird wenden müssen? Wir wollen vielmehr auf Grund des jüngst uns zugegangenen Programmes die Frage untersuchen, ob sie zur Bedeutung gelangen kann. Und diese Frage bejahen wir, bejahen wir, weil wir annehmen, daß vor allem die Zentrale sehr bald zur Selbstbesinnung kommen wird und alle großen, phantastischen Forderungen beiseite lassen wird und mehr in die Tiefe als in die Breite gehen wird bei der Durchführung ihres Programms. Wir setzen als gegeben voraus, daß die Zentrale alle Jugendoxganifationen immer dazu anhalten wird, die einzelnen Fonds der Agudas Jisroel bei den verschiedenen Aktionen nach Kräften zu fördern, wie sie es auch ausdrücklich in ihrem Programm verspricht. Zur Frage der organisatorischen Maßnahmen möchten wir uns hier nicht äußern, weil erstens darin unsere Meinung zu stark von der der Zentrale abweicht und zweitens weil sie, programmatisch gesprochen, nicht von ausschlaggebender Bedeutung ist. Es bleibt also die Programmerklärung zur Chinuchfrage, und da kann die Bedeutung erwachsen. Die geplante Aktion zur Förderung des Limmud, die nicht so sehr eine Finanzaktion sein soll, als vielmehr eine „seelische", beweist, daß die Zentrale den richtigen Weg geht, wenn Jugend zu Jugend schreit, wenn das pochende Gewissen des jungen Menschen zum Anderen spricht, „auch Du bist noch ein Am-Hoorez, auch Du schädigst noch das Ansehen Deines Volkes, auch Du bist in Deiner jüdischen Unwissenhett ein Teil jenes schleichenden Giftes, das den jüdischen Volkskörper durchzieht, Du bist dem Zeitgeist oder dem Nationalismus verfallen," wenn die Jugend als gesammelte Macht diesen Ruf hinausträgt, so wird er, so muß er wirken, so wird er sich eingraben und Wurzel schlagen, dann wird die Zentrale ihre Bedeutung erwiesen haben, dann wird sie gezeigt haben, daß sie dem Tauroh-nizchis-Jdeal wieder zu seinem Recht verhelfen will, daß nur Tauroh lernen, den agudiftifchen Menschen schaffen kann. Und wenn auch die Chinuchsrage naturgemäß im Westen und Osten so völlig anders gelagert ist, dieser Ruf wird die Brücke zwischen beiden schaffen. Und durch noch etwas anderes, so möchten wir wünschen, wird die Bedeutung erwiesen werden müssen, wenn wir wiederum davon absehen, daß zum jüdischen Erziehungsproblem, auch die politisch-agudistische Erziehung gehört, in dem Sinne einer jüdischen Politik, wie es das überragende Rosenheimsche Referat auf dem Bundestag darlegte, nämlich, durch die Verinnerlichung des jüdischen jungen Menschen. Und zwei Wege führen dorthin, die wir hier nur andeuten können, das Wecken des Tiferes-Empfindens und Stärkung des sozialen Gefühls, im weitesten jüdischen Sinne des Wortes, nicht gemeint als Schlagwort unserer Zeit. Und wenn vorher die Reinheit des jüdischen jungen Menschen wieder da ist, wenn das Problem der Sexualität nicht mehr mit modernen Mitteln einer Psychotherapie behandelt werden braucht, sondern die Jugend sehenden Auges die Gefahren meidet und sie überwindet, sie überwindet aus eigner Kraft und eignem Wollen, und auch dazu führen Wege, die uns die Zentrale weisen wird, dann glauben wir, daß sie ihre Bedeutung auch erwiesen haben wird, weil sie eine agudistische Jugend bereit gestellt haben wird, auf die die Führer der Weltaguda mit Beruhigung als die zukünftigen Träger dieses hehren jüdischen Ideals blicken können. Wir fassen zusammen: Die Berechtigung liegt in dem Ausweisen des Tauroh-nizchis-Jdeals, ihrer Bedeutung, die sich allerdings erst noch erweisen muß, in ihrem Programm der Limmudförderung, dem Wecken des Tiferesempfindens und dem sozialen Gefühl und der Schaffung des reinen jüdischen Menschen. Alles andere sind nur Teilaufgaben, die sich einordnen' müssen und auch einordnen lassen in dieses Arbeitsgebiet. Die politische Reife wird ebenso kommen wie die organisatorische Gebundenheit. Nichts übereiltes aber darf geschehen, langsam und stetig wird diese Entwicklung sein, und sie mutz es sein, weil heute noch die Verschiedenheiten in den einzelnen Ländern sehr groß sind, aber hoffen wir zum Vesten des Klall-Jisroel, daß die Besten aller Länder sich an diesen Arbeiten beteiligen und die Zentrale in ihren Anerkennung heischenden, unermüdlichen Arbeiten unterstützen. Liquidation oder Meffiasspureu. Von N. Elijahu Botschko in Montceur. Große Ereignisse spillm sich in unserem Zeitalter ab. Was wir in den letzten 10—25 Jahren erlebten, das ist in Jahrhunderten nicht passiert. Länder sind verschwunden und Länder sind entstanden. Neue ungeahnte und noch nie dagewesene Lebensformen, wie Bolschewismus und Faschismus wurden zum Segen oder Fluche der Menschheit geschaffen, und auch wir Juden erlebten etwas Großes und Ueberraschendes. England verkündete, uns in Erez Jisroel eine jüdische Heimstätte zu schaffen. Das jüdische Herz jauchzt vor. Freude. Eine 2000jährige Hoffnung beginnt sich zu verwirklichen. Wir, verschmähte, verstoßene, entwürdigte und überall verhaßte Juden, wir erlangen wieder unsere einstige Ehre und Würde. Wir werden als ebenbürtiges Volk und gkeichberechtigte Menschen betrachtet. Unser Problem beschäftigt die ganze zivilisierte Welt samt dem Völkerbunde und sie 'zeigt sich geneigt, die an uns im Verlaufe von 2000 Jahren begangenen Sünden zu bereuen, ist bestrebt, ihre Fehler wieder gut zu machen. Ein Gefühl der Erleichterung und Aufatmung bemächtigte sich der jüdischen Massen. Erez Jisroel wurde in den Mittelpunkt aller unserer Interessen gestellt. Die Augen von ganz Jisroel waren dorthin gerichtet. Fieberhaft wurde in sämtlichen Kreisen und Schichten für seinen Aufbau gearbeitet. Aus aller Herren Länder strömten die Juden jubelnd und von ungeheurem Enthusiasmus erfüllt nach Erez Jisroel. Es wurde dort gepflanzt, gebaut, Wüsten kultiviert, Oeden fruchtbar gemacht, Sümpfe ausgetrocknet, alles mit einer solchen Freude und Vegeisterung wie im eigenen Hause. Wie ein schrecklicher Vulkanausbruch kamen daher die blutigen Tage vom August 1929. Sie erschütterten die ganze Welt. Fünf Monate trennen uns von der gewaltigen Katastrophe in Palästina, die 130 blühende, jüdische Leben zurstörte, welche 30 Witwen und 60—70 Waisen hinterließen, auch machte sie noch außerdem 220 Menschen zu Krüppeln. Große, berühmte Thorastätten sind vernichtet, große Leuchttürme erloschen. Cs hat den Anschein, als sollte eine große jüdische Hoffnung mit einem Male begraben werden. Und noch ist das Schwert nicht in seine Scheide gekehrt. Vor den Augen der Untersuchungskommission wrrd Raub und Mord fortgesetzt, werden Ueberfälle verübt, sogar aus Persönlichkeiten wie Generalstaatsanwalt Bentwich und den berühmten Arzt Dr. Tycho, der Tausenden Arabern während seiner 20jährigen Tätigkeit das Augenlicht gerettet hat. Trotz Verordnungen und Befehlen will die Ruhe nicht wieder einkehren. Der Großmufti El-Hussein, der vermutliche Spiiitus-rector des Aufstandes, wird schon dafür sorgen, daß Palästina wirklich jüdisch werde, — voll von Leichen jüdischer Märtyrer. Hat er doch schon bereits erreicht, daß Weizmann an Harry Sacher telegraphierte, er solle vor der Untersuchungskommission nicht die jüdischen Wünsche nach einer jüdischen Heimstätte in ihrer vollen Bedeutung vertreten (lt. Presseberichten). Er. hat ferner bewirkt, daß der Rektor der Jerusalemer Universität, Prof. Magnes, vor dem Araber kniet, als ob wir die Mörder, sie die Ermordeten wären und uni reden Preis einen Gnadenfrieden wünscht, mag es sogar die Balfourdeklaration, die Klagemauer inbegriffen, kosten, und selbst, wenn vom jüdischen Palästina nicht niehr als die Rektoratskanzel auf dem Skopusberg als Andenken zurückbleibt. Der abenteuerliche, vielleicht mit Moskau in Verbindung stehende Großmufti, der wahrscheinlich England schlagen wollte und die Juden zu dessen Prügelknaben wählte, wird, solange er noch von der englischen Behörde toleriert und mit Glacehandschuhen angefaßt wird, und nicht etwa als Verbrecher und Hauptschuldiger, sondern als Zeuge in seinen Gemächern einvernommen wird, schon dafür sorgen, daß die Ruhe in Palästina nicht einkehrt. Lord Balsour, Lloyd George und General Smuts wenden sich an die englische Regierung und an das engliche Volk und machen keinen Hehl daraus, daß sie mit tiefer Besorgnis auf die Ereignisse in Palästina zurückblicken. tote bekennen, daß gewisse Ursachen, die noch im Dunkeln ruhen, die Durchführung der gestellten Aufgaben verhindern, und appellieren an ihre Regierung und an ihr Volk, die Lage ernstlich zu prüfen und den Mängeln des gegenwärtigen Systems abzuhelfen. Wie die erste Balfourdeklaration im Oktober 3917 die Judenheit überraschte, so überrascht uns auch heute die zweite Balfoursche Deklaration. Die erste war voll der Hoffnungen und Verheißungen, die zweite ist erfüllt mit Sorge, Resignation, Verzweiflung und Enttäuschung, und Balfour hat es nun leider selbst erlebt, wie seine gut gemeinte Deklaration beinahe in Papierfetzen verwandelt worden ist. Alte, groste Ehrenmänner stehen erschrocken und verwirrt da und vermögen nicht ihre gestellten Wechsel einzulösen. Sie sehen die Katastrophe herannahen und machen noch eine letzte Anstrengung, das Gewissen der Regierungspartei, der es beschieden ist, die Suppe, die ihre Vorgänger ihnen einbrockten, ausmföffsln, aufzurütteln. Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit zur Abhilfe? Fehler, die sich in zwölf Jahren eingewurzelt haben, lassen sich, selbst beim besten Willen, nicht von einem Monat auf den andern beseitigen. Der gesamte Orient ist entflammt,' eine Feuersbrunst, die den Himmel rötet, hat sich über ganz Plaüstina ausgebreitet. Was soll geschehen? ^Was kann geschehen? Wo seid ihr großen Staatsmänner früher gewesen? Warum hat euer weises Auge die herannahsnde Gefabr nicht früher bemerkt und ihr vorgebeugt? Es ist ja noch kein Jahr her, daß Balsour aus der Regierung ausschied. Warunr hat er nicht früher seine mächtige Stimme erhoben und selbst die Maßnahmen getroffen, die er heute von der Labour-Partei fordert? Wir zweifeln kaum an der herrlichen und reinen Gesinnung dieser drei Männer, aber allein unser Schicksal ist es, daß das Feuer nicht zur rechten Zeit erkannt wurde; unser Schicksal ist es. daß England heute in eine andere Misere — das indische Problem — verwickelt ist, und uns daher sein Interesse kaum zuwenden kann, und unser Schicksal ist es' wiederum, daß wir rmpiw x-rnb k»*i »nns» von hohem Felsen in die Tiefe des Abgrundes geschleudert werden. Wer weih, was uns noch bevorsteht? Neue Enttäuschungen, neue Schrecken. i"n? Oder sind es die letzteu Prüfungen, Heuen Gott das schwer leidende Volk ausgesetzt hat? Sind es harte Schicksalsschläge oder Spuren des Messias? Stehen wir vor der Liquidation langjähriger, erfolgreicher, intensiver Arbeit, oder ist es die finstere Stunde der Dämmerung, die Spur des ausgehenden Morgenrotes, die Epoche des ins ora n -ray». Für alle Fälle wollen wir für alles gerüstet sein und unsere große Hoffnung auch jetzt nicht aufgeben, vielleicht Hat auch ^für uns, wie letztens für andero Völker, die große Stunde der Besteiunq und Erlösung geschlagen. Vielleicht? - Auch Weizmann, der große Optimist, ließ in seiner letzten politischen Rede in Jena, anläßlich des Delegiertentages der deutschen Zionisten, deutlich durchblicke», daß die gegenwärtige Lage sehr verzweifelt sei. Er sagte nämlich: „Würde ich Ihnen Wirklichkeiten schildern, so würden Sie selbst sagen, daß man ein großer Held sein muß, um weiter zu gehen und weiter durchzuhalten." _ Weizmann suchte alsdann Zuflucht iir dem alten jüdischen Hoffnungsglauben und durch diesen bestärkt, schloß er seine Rede: „Wir sind ein ewiges Volk und wir werden auch diese schwere Prüfung überstehen."