Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1930)
- Date
- 1930-02-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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oeite 10 Nr. 6 Der Israelit Zur Frage der jüdischen Lehrerbildung im Hinblick auf die Zukunft unserer Landgemeinden. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink i-n Berlin-Wilmersdorf. (Schluß.) Wer könnte noch daran zweifeln, daß Jünglinge, die auf solche Weise geschult werden, mit all dem aus- Landgemeinde füglich gefordert werden kann? Damit soll aber nicht gesagt sein, daß auch alle nach diesem Berufe gerüstet dastehen, was von einem Kultusbeamten in einer zu greifen irgendwie genötigt wären. Ganz im Gegenteile! Dem Interesse für den künftigen Berus soll der weiteste Spielraum abgesteckt werden. Das geflügelte Wort: Aus einem mna kann man alles machen, hat doch angesichts unserer komplizierten Kultur schon längst an Geltung verloren. Hier aber soll es zu neuen Ehren kommen. Nicht bezweifelt kann werden, daß sich immer eine genügende Zahl solcher Jünger finden werde, die Neigung und Veranlagung gleichmäßig, zum Ergreifen des Berufes eines Kultusbeamten drängt. Besitzen sie auch die erforderliche stimmliche Begabung, — so werden sie sich von vornherein als die von der Natur hierzu Erwählten betrachten dürfen. Im organischm Aufbaue werden Sonderkurse die erforderlichen technischen Fertigkeiten ohne besondere Mühe zu vermitteln verstehen. Hierhin gehören auch die Einrichtung von pädagogischen Kursen, in denen das erforderliche methodische Lehrgeschick auf Grund einer entsprechenden Basis theoretischer Kenntnisse erlangt werden solle. Gerade hier werden die Dinge ganz ohne Schwierigkeit ihren Laus nehmen können. Ist doch der gesamte Unterricht dadurch, daß er von streng methodischen Prinzipien in all seinen Aeutzerungen beherrscht wird, — selbst schon als Vorbild für alle Lehrkunst wie geschaffen. Nur selten nimmt der Kultusdienst in dem oben gekennzeichneten Sinne in einer Landgemeinde die gesamte Zeit und Kraft eines Mannes in Anspruch. Der Natur der Sache nach vollzieht er sich wesentlich an Sonn- und Feiertagen. Sind es nicht ausnahmsweise wissenschaftliche Neigungen, denen er nachgeht, so bildet für ihn die viele freie Zeit die Ursache steter Verlegenheit und eines ebenso großen Unbehagens. Müßte es nicht sehr zur Steigerung des Ansehens eines solchen Kultusbeamten beitragen, widmete er in seiner freien Zeit sich der Gärtnerei, oder betätigte er sich als Uhrmacher oder meinetwegen als Optiker? Die Leistungsfähigkeiten unserer Landgemeinden sind nach der ökonomischen Seite in stetem Rückgänge begriffen. Die Wohlhabenden unter ihren Mitgliedern werden daher nicht selten über Gebühr mit Steuern belastet. Das führt zu großen Aergernifsen, nicht selten gar zur Landflucht. Ml diesen Uebelständen wird damit ganz von selbst der Boden entzogen. Auch fürchte ich nicht, daß die Regierung einer solchen Kategorie von Kultusbeamten die Geltung versagen könnte. Ich glaube vielmehr, .auch an dieser Stelle wird feine Einschätzung eine höhere sein, als die des akademisierten Religionslehrers. Zudem werden man»' die nach dem hier entworfenen Plane ihr Lehrprogramm aufbauen, gar keine Veranlassung haben, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Auf Grund ihrer Leistungen werden sie mit gutem Gewissen den Mut schöpfen dürfen, zu einer Besichtigung und Beurteilung der geleisteten Arbeit die zuständigen Regierungsstellen einzuladen. Dort aber wird man daraus erkennen, daß das Judentum für seine Heranwachsenden Jünglinge noch andere Ideale hat, als den Beruf des Rechtsanwaltes, Bank- oder Fabrikdirektors. Der Schabbos im heutigen Wirtschaftsleben als Erziehungsproblem. Von Rabbiner Dr. L. Breslauer in Fürth i. B. Diese Ausführungen geben in Kurzem den Inhalt eines vor etwa Jahresfrist gehaltenen öffentlichen Vortrages wieder. Inzwischen sind «manche der berührten Anregungen bereits hoffnungsvoll begonnen worden. Wiederholt besonders aus dem westlichen Ausland bekundetes Interesse an den damaligen Darlegungen mögen ihre Veröffentlichung rechtfertigen, als Beitrag zur jüdischen Erziehungskehre. Das Problem der Schabbos-Hut ist vor allem ein wirtschaftliches. Dennoch wäre es verfehlt, 'anzunehmen, daß zu seiner Lösung nur diejenigen berufen find, welche beruflich im Wirtschaftsleben stehen. Gewiß, ohne praktische Erfahrung -und ganz besonders ohne materielle Anstrengung ist natürlich an keinen Erfolg zu denken, prrorr n»p j’s-min Trotzdem ist es leicht einzusehen, daß -letzten Endes der Kampf um den Schabbos kein Kampf des Geldes, sondern des Willens, des Herzens ist, fodaß es sich hier tatsächlich vornehmlich um ein Erziehungsproblem handelt. mp r>K"<-rVin tk cwrr Mögen nämlich die Wlrtfchaftsoerhältnifse noch so schwierig sein, so gilt doch ein für allemal, daß sie keinesfalls den Sabbos stürzen dürfen. Also wird das Problem dies sein: Sich im Innersten zur Schabbostreue zu bekennen, selbst unter den schwierigsten materiellen Umständen. Ob es auch immer möglich sein wird, dijrr Einstellung treu zu bleiben und allen Versuchungen zu widerstehen? Nun, das ist eine Frage, die, von vornherein gestellt, mehr Nicht- Wollen als Nicht-Können verrät. Denn sonst pflegt man doch auch nicht den Wert innerer Festigung und Erziehung z. B. in Dingen der Moral damit zu bestreiten, daß man auf die unvermeidlichen und gewiß nicht harmlosen Gefahren späterer Ve.snchungen hmweist. Wohl aber ist zu bedenken, daß durchaus bei vielen Schabbosentweihern nicht der Druck der wirtschaftlichen Rat, sondern die Schwäche des seelischen Haltes die verhängnisvolle Entscheidung herbeige,ührt hat. Doch seelische Energie ist ganz und gar Frucht der Erziehung, nicht zuletzt der Selbsterziehung. Nun ist es nicht nur Ausgabe der Erziehung, die Seele zum Widerstand gegen Versuchung zu rüsten. Sie mutz auch zu positivem Handeln am Sinne eines 'chabbostreuen Berufslebens führen. Sie muß lehren, daß auch bei der Suche nach Mitteln und Auswegen aus den Konflikten zwischen Schabboshut und Berufssorgen das rein wirtschaftliche Denken sich stets an den fundamentalen jüdischen Normen zu orientieren hat. Auch dieses Sichbesch änken, di se Anerkennung des Eottesgefetzes als Regulativ für wirtschaftliche Maßnahmen ist schließlich nur eine Frage der Erziehung. Der Schabbos als Wirtschaftsproblem ist im Prinzip nichts Neues, sondern schon von vornherein durch das Werkverbot bedingt. Aber ebenso ursprünglich ist die Erkenntnis, daß nur eine entsprechende seelische Einstellung dieses Poblem meistern kann, -»»vi'iiar! Für die erzi.'hliche Seite der Schabboshutfrage treten neben der grundsätzlichen Anerkennung von rnwe nun nay als göttlichem Gebot — drei Ziele hervor: 1. Solida'i'.ät, soziales Gewissen, ivmjr im besten Sinn» des Wortes. 2. Wahrhaft jüdische Gesellschaftsmoral, Revision des üblichen oiao-Begriffes. 3. jinva. Nur ein erziehlicher Fortschritt in der Richtung dieser drei Ziele kann etwa Maßnahmen, wie die folgenden zumeist schon oft versuchten, allen inneren und äußeren Widerständen zum Trotz mit Gottes Hülfe endlich erfolgreich machen. 1. An der oiaiv -Treue hängt das Schicksal folgender Forderungen: a) In jedes schaöbostreue Geschäft gehören vor allem schabbostreue Angestellte und Arbeiter, besonders wenn es durch (vorschriftsmäßige) Beteiligung mit Nichtjuden ain Schabbos in Betrieb ist. Das spezielle Erziehungsproblem legt hier in dem gegenseitigen Mißtrauen beider Gruppen und in der beiderseitigen Gleichgil'igkeit für die Sorgen und Nöte der anderen Seite. b) Kaufe beim schabbostreuen Kaufmann (Handwerker, Arbeiter) soriel als möglich — liefere dem schabbostreuen Kunden so billig als möglich! Spez. Erziehungsproblem: Die teils eingebildete, teils aber auch'begründete Gefahr unangemessener^ Ueberteuerung des „koscheren" Artikels sowie die Einkalkulierung des eigenen „teuren jüdischen Lebens" in den Preis. c) Zusammenschluß aller Schabbosverehrer zur gemeinsamen Wahrung der Schabbosinterefsen nach innen und außen;nach außen: durch geeignete Beeinflussung der gesetzlichen wirtschaftlichen Faktoren zugunsten der Schabboshut, nach innen: Schaffung von geme'nuützigen Mittelstands - Darlehenska'fm und Arbeitslosenversicherungskassen für Schabbostreue Spez. Erziehungsvroblem: Die kurzsichtige Sucht nach dem direkten eigenen Vorteil; Unverständnis für den eigenen Nutzen am Gemeinwohl; Unfüg famkeit. d) Freiwillige Kinderarmensteuer für die Darlehens- und Versicherungskafse. Spez. Erziehungsproblem: Mangelndes Verantwortungsgefühl für die gesamte Jugend der schabbostreuen Judenheit und speziell für die kinderreichen wirtschaftlich Stockenden. 2. An der Wiederherstellung eines gesunden naaa- Begriffes in der jüdischen Gesellschaft hängt zu einem großen Teil die Lösung des Problems der Umschichtung: Anbahnung von a) Fabrikarbeit (5-Tage-Wochek), h) Hausarbeit (weibliche Hausangestellte) und c) Landarbeit (Siedlung), eventuell auf dem Wege sorgsam geleiteter Aus Wanderung. Spez. Erziehungsproblem: Widerstände gegen die jüdisch-gesellschaftliche Gleichberech igung des Zu schaffenden schabbostreuen „Proletariats". 3. Nur jinvo, d. h. der Glaube, daß bis zur Grenze des Erlaubten der Mensch sich selber helfen muß, daß aber, an dieser Grenze angelangt, weitere Hilfe irur in Gott zu erhoffen ist, schafft die seelischen Voraussetzungen für erfolgreiches Arbeiten; nämlich: a) die nüchterne und unerschrockene Beurteilung drohender Gefahren, b) die optimistische, durch keinen Mißerfolg erlahmeüde Schwungkraft zur Inangriffnahme jeder nur möglichen und statthaften /Hilfsmaßnahme, c) die Bereitschaft zu Opfern. Spez. Erziehungsproblem: Der Verruf des smva als Pastorale Phrase und der Mangel aniErgeben .heit in Schickungen Gottes. Wenn es nun wahr ist, daß das wirtschaftliche Schab- 20. Februar 1930 bosproblem im Grunde ein solches der Erziehung ist, dann wird man selbstverständlich darnach trachten müssen, mit den entsprechenden Erziehungsmaßnahmen so früh als möglich schon bei der Jugend zu beginnen. Schon das Kind muß lernen: 1. die Hut des Schabbos als göttliches Gebot anzuerkennen und ihn als einen any zu lieben; 2. sich mit der jüdischen Gesamtheit für den Schabbos verbunden zu fühlen; 3.. jeden ehrlichen Menschen über Standesunterschiede hinweg zu achten, und 4. die entscheidende Bedeutung der Grenze des Erlaubten für sein Tun und Lassen zu respektieren. Dazu ist im Allgemeinen nötig, daß das jüdische Kind: 1. durch Erziehung und Unterricht (Haus, Kindergarten, Schule, Kameraden) schon von früh an den Schabbos in seiner ganzen religionsgesetzlichrn Weite und /Tiefe theoretisch und praktisch kennen lerne, damit ihn später auch die subtilen Forderungen der Schabbosverschrifteu nicht befremdlich anmuten; 2. von Jugend an annav my (schulfrei! Freude!) — und an Sonntagswerktag (Arbeit, Schule, Werktagskleidung) gewöhnt werde; 3. zumindest in den obersten Klassen vor der Schulentlassung speziellen Kursen mit den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und psychologischen Bedingungen der Schabboshut im Berufsleben eingehend vertraut gemacht und für die Berufswahl unter dem Gesichtspunkt bestmöglichster Schabboshut beraten werde; 4. in vorsichtiger, wohlgelefteter Weise passende Notfälle des öffentlichen oder privaten Lebens nuterleben und an ihrer Linderung sich beteiligen lerne. Schon die Kinder müssen in die Arbeit des Schabbosschutzes eingeführt werden, r-npn imiv' »aa iivvi dann wird auch in der Praxis des tätigen Berufslebens der Schabbos für die kommenden 'Geschlechter gesichert sein! oavn o« Bericht über die 57. Jahresversammlung der Israel. Lehrerkoufereuz Hessens am 9. Mai 1929 im „Hotel Meier" zu Kassel. Es zeugt von dem guten Geiste, der trotz der allgemeinen Vereinsmüdigkeit in unserer Konferenz, einem der ältesten Lehrervereine überhaupt, steckt, daß nur ein kleiner Bruchteil unserer Mitglieder dem Ruf nach Kassel nicht gefolgt war. So konnte Schaumberg neben einer Reihe von Gästen, die zum Teil als Vertreter von Behörden, Organisationen und Lehrervereinen erschienen waren, eine recht gut besuchte Versammlung begrüßen. Nach Begrüßungsansprachen der Herren Dr. Heß als Vertreter des Vorsteheramtes Kassel, R.-A. Dalberg als Vertreter der Israelitischen Gemeinde Kassel, Lehrer Leinius, der besonders auf unseren gemeinsamen „Weg Zur Jugend" hinwies, als Vertreter des hessischen Volksschullehrer-Vereins und des Bezirkslehrer-Rates,, erhielt Koll. Bacher-Kasfel das Wort zu seinem Vortrage „Der Weg zur Jugend". Der Referent sucht zunächst die Quellen und den bis he: igen Weg der Jugendbewegung aufzuzeigen. Die Jugendbewegung ist eine Parallele zu allen geistigen Kulturbewegungen und durchläuft als solche die Stufen des Aus-, Ein-, Durch- und Umbruchs. Der Lehrer muß die Grundlagen und Ursache der Jugendbewegung kennen kernen, weniger, wie B. meint, durch wissenschaftliche Betrachtung über die Jugendseele, als durch das Studium der durch Jugendliche geschaffenen Literatur. In diesem Zusammenhang hespricht der Redner Gläser „Jahrgang 1902", Lampel „Revolte in einem Erziehungshaus", Ogajew „Das Tagebuch des Schülers Kostge Rjädzew". Mit dieser Vorbereitung soll der Lehrer den Weg zur Jugend suchen. Er muß sich selbst der Jugend erschließen; sonst verschließt sich ihm der handlungsgespannte radikale junge Mensch. Die Reife des Erwachsenen muß diesem Helsen, seinen Radikalismus gegen Ueberlegung einzutauschen. Redner zeigt dies im besonderen bei der jüdischen Jugend. Die Kräfte sind zu wecken, die die Tradition begründen, also unsere Sprache und unser. Land. .„Sachlichkeit", sachliches Eingehen auf die Probleme, welche die Seele des Jugendlichen beschäftigen, führt an die Jugend heran. Das -Einfühlen in das soziale Problem könnte die Bibel aktuell machen. Mm zum Ziele zu gelangen, müsse der Erzieher.selbst ein neues Leben führen; denn „Erziehung ist Auslese der wirkenden Welt durch den Menschen, bedeutet Auslese der Welt, dargelegt im Erzieher." (Buber.) Dem Vortrage -folgte eine eigehende -Aussprache, in der besonders der Auffassung Miderjsprochen wurde, -daß die Palästinabewegung die Tradilian -wieder erwecken könnte, die aber zeigte, daß die Versammlung dankbar die Ausführungen als Anregungen.-für die Arbeit an der Jugend in .der Arbeit -erproben Wird. An die Ausführungen Steinhardts über „Der Lehreroerband und Israelitische Lehrerkonferenz Hessens" .-.schloß sich eine lebhafte Erörterung, die in die Annahme der folgenden Resolution mit 31 gegen 0.2-Stimmen mündete: „Die Israel. Lehrerkonferenz Hessens Hält ihren vor zwei Jahren -vollzogenen Anschluß an wen 1 Verband auf Grund der vom Verbandsvorstand /gegebenen Zusicherungen aufrecht:" Oppenheim-Rhina -etkäütert das durch jeine Schüler geschaffene Heimatbuch und zeigt, wie daSseGe heimatliche