Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1930)
- Date
- 1930-02-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Crzie^ung und E*et) zum LP - G, Organ -es Sundes gesetzestreuer jüdischer Kehrer Deut>chlands. Wesensgemeinschaft. Satzungsänderungen einer Gemeinschaft lassen auf eine Wandlung im Charakter der Gemeinschaft schließen. Sie fordern daher zur näheren Betrachtung auf: Was war sie? Was ist sie? Was soll in Zukunft werden? Was ist — mit einem Wort — der Sinn der veränderten Satzung? So haben auch wir zu fragen, wenn wir die Wandlung betrachten, die unser Bund erfahren hat. Was war der Charakter unseres Bundes? Was hat sich an ihm geändert? Was ergibt sich daraus für die Zukunft? Man pflegt die Lehrerverbände als Berufsgemeinschaften zu betrachten. Gewiß nicht mit Unrecht. Die Interessen der Lehrer, Menschen gleichen Berufs, werden von ihnen vertreten. Aber man wird ihnen mit dieser Gruppierung unter die Berufsgemeinschaft nicht gerecht. Sie sind mehr. Sie erschöpfen ihre Tätigkeit nicht in der Vertretung ihrer eigenen Interessen. Sie nehmen auch die Interessen ihrer Lebensaufgabe wahr. Sie wollen ihre Aufgabe schützen und fördern. Und diese Aufgabe stellt einen ideellen Wert dar. Sie stehen somit als Wächter ideeller Werte da; und darum können sie beanspruchen, als Wertgemeinschaft betrachtet zu werden. Sie sind Berufs- und Wertgemeinschaft. Gilt diese zwiefache Charakterisierung schon für die allgemeinen Lehrerverbände, so insbesondere für die jüdischen. Die Tatsache ihres gesonderten Zusammenschlusses weist auf ein neues Moment hin, das sie von den andern unterscheidet. Sie haben einerseits besondere Interessen zu schützen, die durch besondere Verhältnisse geschaffen sind, sie haben aber auch besondere Werte zu schützen und zu fördern, die nur im jüdischen Kreise existieren. Welches sind nun die Werte, welche die jüdische Lehrerschaft zu fördern hat? Diese Frage ist zugleich eine allgemein-jüdische Frage. Denn diese Erziehungswerte werden ja yon den Anschauungen der Erwachsenen bestimmt. In den objektiven Geist der Gesellschaft soll der Jugendliche eingeführt werden. Die verschiedenen und gegensätzlichen Formen des objektiven Geistes werden daher auch in der Festsetzung der Erziehungswerte ihren konkreten Niederschlag finden. Man kann daher von vornherein damit rechnen, daß heutzutage in Deutschland assimilatorische, national-jüdische und orthodoxe Tendenzen dabei Mitwirken, das Ziel der jüdischen Erziehung festzusetzep. Ist da eine Wertgemeinschaft in der Berufsgemeinschaft möglich? Können assimilatorisch eingestellte Lehrer, nationaljüdische und orthodoxe fn einer Gemeinschaft Zusammenwirken? Diese Frage hat unser Bund stets verneint. Er hat sie in so starkem Maße verneint, daß er niemand in seinen Reihen haben wollte, der sich zu einer Gemeinschaft mit andersgesinnten Lehrern zusammengeschlossen hatte. Das ist nun anders geworden^ Und das hat seinen historischen Grund. Innerhalb der jüdischen Lehrerschaft ist ebenso wie im gesamten jüdischen Geistesleben die Kampfestendenz der Neologie schwächer geworden. Sie fordert nicht mehr so laut, als allein berechtigte jüdische Anschauung angesehen zu werden. Sie ist stiller geworden. Festlegung der Lehrer auf den Standpunkt der Bibelkritik ist seit Gründung unseres Bundes nicht mehr verlangt worden. Man gibt die Parole der Neutralität nicht nur aus, sondern man versichert ernsthaft, daß sie gewahrt werden soll. Das heißt also: In Fragen der jüdischen Erziehung, des Unterrichts, der Lehrerausbildung gibt es keine Majorisierung. Hier darf jeder auf Grund seiner jüdischen Anschauung in Freiheit handeln. Da denken nun viele, warum sollen wir unserer Berufsgemeinschaft noch fernbleiben? Sie ist infolge der Neutralität keine jüdische Wertgemeinschaft mehr und so können wir bei dem größeren Verband Mitarbeiten. Dieser Anschauung gegenüber konnte der Bund sich nicht verschließen. Der 8 5 konnte nicht mehr angewandt werden, wenn die ehemalige jüdische Wertgemeinschaft von vielen seiner Mitglieder nur als Berufsgemeinschaft betrachtet wird. Sie sehen in unserem' Bund ja nach wie vor ihre jüdische Wertgemeinschaft. Und so macht der Bund keinen Unterschied zwischen denen, die auch drüben sind und seinen ausschließlichen Mitgliedern. Trotzdem gibt es eine Gruppe in unserem Bund, die sich noch immer nicht vom kollektivistischen Geiste führen läßt. Was hält sie zurück? Offenbar die Neutralität. Sie kann sich nicht einer jüdischen Gemeinschaft anschließen, die in jüdischen Fragen neutral denkt. Warum nicht? Das hängt, wie uns scheint, mit dem tiefen. Wesenszug der jüdischen Volksgemeinschaft zusammen. Wir sprachen von Berufs- und Wertgemeinschaft. Es gibt aber eine noch tiefer greifende Gemeinschaft. Das ist die Wefensgemeinschaft. Und wir haben zu fragen: Wie ist die Wesensgemeinschaft des jüdischen Lehrerstandes beschaffen? Unter welcher Voraussetzung stellt ein jüdischer Lehrerbund eine Wesensgemeinschaft dar? Wir erwähnten schon oben, daß die Erziehungsziele durch den objektiven Geist der Gesellschaft bestimmt werden. Die Werte, welche die jüdischen'Lehrer fördern wollen und als Gemeinschaft vertreten, orientieren sich an dem Geist der jüdischen Gesamtheit. Dieser ist aber tief gespalten. Die jüdische Gesamtheit ist keine Wefensgemeinschaft mehr. Soll aber eine Wesensgemeinschaft im Unterricht erzeugt und in der Welt vertreten werden, so muß diese Wesensgemeinschaft denselben Grundzug - tragen, den man als Grundzug der jüdischen Gesamtheit betrachtet. Wir werden somit zu der allgemeinen Frage gedrängt: Welches ist der historisch gegebene Grundzug der jüdischen Gesamtheit? Nach den Worten der Weisen liegt dieser Wesenszug in dem $röw:n nwjtt -Bekenntnis. hat nicht gleich ^rrvvw'und dvtx nach dem Inhalt des Gesetzes gefragt, bevor es sich zur Uebernahme entschied, sondern es hat sich bedingungslos der göttlichen Autorität unterworfen. Das war der Ausfluß der ungeteilten Liebe zu Gott. Es war der Ausdruck der ungeteilten! Bereitschaft, Gottes Diener und Bote zu sein. Der so von allen Völkern unterschiedene Geist ist seit der Bundesschließung am Sinai der Wesenszug des jüdischen Volkes. Er hat es zu der Höhe des 1122 erhoben, hat es den stets bereiten Engeln gleich gemacht, (rrs naw) Dieser Geist hat aus der Familiengemeinschaft der Nachkommen Jakobs erst die Volksgemeinschaft gestaltet. Durch ihn wurde die natürliche Gemeinschaft zur Wesensgemeinschaft. Wo daher jüdische Menschen sich zur Pflege jüdischer Interessen zusammenfinden, ist zu fragen: Ist diese Gemeinschaft nur eine natürliche Gemeinschaft oder eine Wesensgemeinschaft? Stellt sie das vmi nicht unbedingt vor das sraim so hat-sie ihre Beziehung zur Wesensart der Sinai-Gemeinde gelöst, stellt sie das nwyj dagegen voran, so ist sie die Trägerin der Wesensart des jüdischen Volkes. In solchen Wesensgemeinschaften allein fühlt sich die gottesfürchtige jüdische Seele heimisch. In solchen Gemeinschaften kann sie sich ungehemmt entfalten und jüdisches Leben aus dem Geist der Emunoh heraus entwickeln und heben. In neutralen Gemeinschaften hingegen, wo es jedem freisteht, das vor das nmi zu setzen und sogar das mzwa nicht immer folgen zu lassen, findet die jüdische Sinai-Seele nicht die ungehemmte Kraft. Sie ist umgeben von dem Geist, der von außen hineingetragen ist und dem Wesen der jüdischen Gemeinschaft widerspricht. Eine solche Gemeinschaft widerstrebt ihrem innersten Wesen. Sie kann nur im Geist der ungeteilten Gottestreue leben. Dieser Wesensgemeinschaft des jüdischen, Volkes sind sich alle unsere Mitglieder bewußt und wollen alle diese Art der Gemeinschaft in unserm Bund aufrecht erhalten und fördern. Mögen sie sich auch in ihrer Stellungnahme zur Neutralität jüdischer Vereine gegenüberstehen, in ihrem Bekenntnis zum -Gedanken sind sie miteinander verschmolzen. - An unserer Bundesidee hat sich daher nichts geändert. Nur die Basis ist breiter geworden. Jeder vom mm" Geist Erfüllte trete darum in unsere Reihen! Er unterstütze uns bei der Lösung der Fragen, die den jüdischen Lehrer und das jüdische Unterrichtswesen betreffen. Er gebe seiner Wesensgemeinschaft mit uns durch den Eintritt in unfern Bund konkreten Ausdruck. Dann wird unsere Gemeinschaft auf größerer Basis aufgebaut, stärker als bisher bei allen einschlägigen Fragen Mitwirken können.