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Der Israelit · 1930-02-20 · Heft 8 (20.2.1930) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 8 (20.2.1930)
Date
1930-02-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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20. Februar 1930 Der Israelit Nr. 3 Seite 5 6. Sämtliche Veröffentlichungen der Gesellschaft wie z. B. Ueberfetzungen der Hirsch-Schriften ins Jiddische oder Hebräische gehen den Mitgliedern kostenlos zu. Anmeldungen sind zu richten: An das Büro Der „Rabbiner Hirsch-Gesellschaft", Frankfurt a. M., Hanauerlandstraße 15. Das Sehnen nach einem Weltbilde. Von Saly Geis in Tel-Awiw. Der geistig rege Mensch strebt nach einem Weltbilde. Nirgends aber gibt es so viel geistiges Interesse wie bei uns Juden. Wer nun Prüfungen vornimmt und bei dieser Gelegenheit nach dem jüdischen Weltbild der Juden forscht, der wird selbst innerhalb der Grenzen der thoratreuen Judenheit die Beobachtung machen, daß eine Lebenspraxis nach den Weisungen des Judentums häufig mit einer andersartigen geistigen Orientierung vereint ist, und daß infolge dieses Zwiespaltes auch ständig quantitative Verluste entstehen. Dem Sprung aus den Verpflichtungen! der Thora hinaus geht in der Regel ein Vakuum voraus. .Ein solches Vakuum aber zu verhüten, ist darum die wichtigste pädagogische Aufgabe des Religionsunterrichts und der Kanzel. An einigen Beispielen aus der Erfahrung sei gezeigt, was mit dem Ausdruck Vakuum gesagt ist. Ein Chaluz. Ruhiges Temperament, offenes Wesen, gute Schulbildung, Sohn orthodoxer Familie in Deutschland, früher lange als Esräer Anhänger der Agudas Jisroel, dann plötzlich unreligiös und heute Mitglied einer linksradikalen landwirtschaftlichen Kewuzah. Welche Erklärung gibt es für eine solche vollständige Umstellung der bisherigen Lebensführung? Es muß doch irgendwo in der Seele des jungen Mannes eine Leere, ein Vakuum vorhanden gewesen sein, das nun seine Befriedigung gefunden hat? Sein Wissen vom Judentum hat ihm Einzelheiten gegeben, sich nicht aber aus klarer, systematischer Zusammenfassung großer Linien zu einem Ideale verdichtet, aus dem ein Weltbild hervortreten konnte. In der geistigen Zeitströmung der Menschheit herrschen aber zahlreiche zu Weltanschauungen hinstrebende Systeme, und eines von ihnen zog ihn an. Das zweite Beispiel. Der junge Mann, Schüler der orthodoxen Tachkemoni-Realschule in Tel-Awiw, steht vor dem Abiturium. Er hat sicherlich mehr als 2000 Stunden Talmud-Unterricht empfangen, da dieser in der Tachkemoni- Schule durchschnittlich zehn Stunden die Woche beträgt. Trotzdem, sucht er noch nach einem Weltbilde, und so hat er u. a. bereits eingehend Spinoza gelesen. Als Student, wird er sich auf die. philosophischen Vorlesungen stüxzen, und sierver- Den auf ihn wirken, ohne daß er von der Warte eiper - von ihm systematisch s erfaßten jüdischen Welt- und Lebensavschauung eine Kontrolle ausübt. . So gut er Thora und Talmud kennt, fehlt ihm doch ein einheitliches, geschlossenes Gesamtbild. , Einem unkritisch veranlagten, nicht fragenden Menschen fällt es leicht, die Lebensführung! feines. Elternhauses: fortzufetzen.. Lwer auch er kann durch irgend welche Hemmungen oder durch äußere Eindrücke auf andere Bahnen geführt werden. Da diese Gefahr gegeben ist, kommt es auf die. Methodik einer Belehrung an, die die Gefahren kennt, zu Fragen anregt und für sie die Beantwortung weiß. ÄntWort braucht aber auch der, der Gegensätzlichkeiten zwischen dem Judentum und den sogenannten. fortgeschrittenen Anschauungen der Gegenwart zu sehen glaubt und fich den letzteren, zuwendet. . Bei Der Jugend muß begonnen werden. Die Pädagogik Der ThvM kennt vier Typen: zwei Deksstg rege,, einen mit oberflächlichem Interesse und einen -interesselos...Von den geistig regen Thpep schließt sich der eine willig der Kette seiner Ahnen an und ist gleich ihnen freudig bereit. Die Pflichten des Judentums auf sich zu nehmen, während: die andere, da er der Pflichten ledig sein möchte, , von vornherein zum Nichtverstehen, V \\V\ren huirbef ./* Alte Uhren aSchmodc werden lllnqstsusäik oder umgearbelhafe,. zum Widerspruch, zur Widersetzlichkeit bereit ist. Beide Typen muß der Erzieher pädagogisch zu nehmen wissen. Wer aber in seinem Verhältnis zum Judentum unbeschrieben und lau ist, den gilt es heranzuziehen. Aber selbst der vollständig Indifferente soll nicht sich selbst überlassen bleiben. Dieser gleichsam horizontalen Gliederung im Raume entspricht eine vertikale Gliederung in der Zeit. In der Jugend gibt es je nach dem Alter drei Stufen der Aufnahmefähigkeit. Zuerst kann nur rein mechanisch das Geschichtliche der biblischen Zeiten gelehrt werden. In der nächsten Periode soll das Kind sich selber mit den geschichtlichen Ereignissen verbinden. Auf die Jahrgänge der Jüngsten bezieht sich der Satz: „So tat Gott mir bei meinem Auszuge aus Aegypten". Bezüglich der schon Aelteren aber heißt es bereits: „Mit starker Macht hat Gott uns aus der Sklaverei Aegyptens geführt." Das Verbundensein mit dem Schicksal der Vorfahren ist aber die Voraussetzung, um die dritte Stufe zu betreten und an die Zeugnisse, Satzungen und Rechte des Judentums lernend heranzugehen. Soll hier mit Erfolg erzogen werden, so tst es nötig, auch die Leugnungen des Judentums zu kennen, in Betracht zu ziehen und dafür zu sorgen, daß ihrer Schädlichkeit „die Zähne stumpf werden." Dies letztere bedeutet aber, zu wissen, welche Weltbilder an den Jüngling herantreten können, wenn er mit den geistigen Strömungen außerhalb seines jüdischen Milieu bekannt wird, — und darum muß dem Jüngling das Judentum sein Weltbild geworden sein, trotzdem oder gerade weil er von anderen Weltbildern weiß. Im Anschluß an den vorstehenden Artikel benutze ich die Gelegenheit, aus einem Briefe, den vor 25 Jahren Frau Sarah Fanny von Manstein in Würzburg, eine Konvertitin, an mich schrieb, folgende Sätze wiederzugeben: „Damals studierte und bewunderte ich das mir völlig neue, aber mir höchst zusagende System; ich unterwarf mich jahrelang der strikten Jnnehaltung der strengen Sabbatfeier, der rituellen Speisegesetze usw., ohne daß mein Judentum aufgenommen, lediglich der Einsicht folgend, daß der Mensch eines Gängelbandes bedarf, um aufrecht stehen zu bleiben. ,j( Ich wurde krank. In dieser Leidensschule gab ,mlx der Allgütige die Werke eines Samson Raphael Hirsch in die Hände, — und da erst kam ich zur richtigen Erkenntnis und zum richtigen Verständnis. Die religiösen Vorschriften wurden mir mehr als das „beste System". Die Stimme Gottes, welchezerstörend neues Leben bewirkt, hatte mein'Ohr getroffen. Die Unterwerfung unter das Gottesgesetz trat an die Stelle des Systems und mit ihm die Segnung treuer Pflichterfüllung: die Innere Befriedigung und damit auch die Heilung. Dreizehn Jahre nach meiner Annäherung an das Judentum wurde ich zur wahrhaften Jüdin, und meinem der reinsten Ueberzeugung entsprungenen Aufnahme-Gesuch räumte der Ewige alle Hindernisse aus dem Wege. » Und als Gott mit der wunderbaren Zuführung meines Gatten, der gleich mir mit Leib und 'Seele zum Judentum übergetreten ist, einen Beweis treuen Lebensdienstes forderte, habe ich es versucht, mein Möglichstes zu tun: durch Uebernaßme. der Pflichten einer jüdischen Hausfrau." iongssgs5ss25'2? sionesponüenren « nacbrichten. Deutsches Reich. Schächten ist keine Tierquälerei. Berlin, 14. Febr. Der Strafrechtsausschuß des deutschen Reichstags beschäftigte sich am Freitag, den 14. Februar, mit den Paragraphen 366 und 412, die Tierquälerei mit Gefängnis bis zu sechs Monaten oder Geldstrafen bedrohen. Mehrere Parteien hatten hierzu Abänderungsanträge gestellt. Um nun zu verhindern, daß etwa von gewisser Seite das Schächten als Tierquälerei hingestellt und damit bestraft werden könnte, hatte das Zentrum den folgenden Antrag eingebracht. Dem Paragraph 412 des Strafgesetzbuches, der bert Tierschutz behandelt, soll folgender Absatz zwei angesügt werden: „Handlungen an Tieren dürfen nicht mit Strafe bedroht werden, soweit sie zur Verfolgung ernster wissenschaftlicher Zwecke oder zur Erfüllung der Gebräuche einer Religionsgesellschaft des öffentlichen Rechts geboten sind." Der Zentrumsabgeordnete Bell, ehemals Reichsjustizminister, begründete diesen Antrag und erklärte, daß seine Freunde in dem Schächten keine Tierquälerei sehen, daß sie es für erforderlich halten, den Religionsbedürfnissen ihrer jüdischen Mitbürger gerecht zu werden. Das Schächten sei eine Religkonseinrichtung des Judentums, deshalb müsse man es auch weiter ausdrücklich gestatten. Der Redner verwies weiter auf die Reichstagsberatungen im Jahre 1911 und auf die damalige ausführliche Rede des Zentrumsabgeordneten Gröber. Auch Ministerialdirektor Schäfer vom Reichsjustizministerium nahm ausführlich auf die religiösen Schächtvorschriften Bezug und trat für die Beibehaltung des Schlichtens ein. Ein Vertreter des Reichsgesundheitsamtes gab die Erklärung ab, daß das Reichsgesundheitsamt, wie in früheren Zeiten, auch jetzt noch auf dem Standpunkt stehe, daß man in dem Schächtakt der Juden keine Tierquälerei'sehen dürfe. Damit wurde die Debatte geschlossen. Die Abstimmung erfolgt Dienstag. Die zweite Lesung des Entwurfs zum Strafgesetzbuch wird im Ausschuß erst nach geraumer Zeit erfolgen. (Siehe „Letzte Nachrichten".) Große Kundgebung des Weltverbandes «Kchomre Schabbos". Berlin, 17. Febr. An einer Massenkundgebung des „Schomre Schabdos" am 16. Februar im „Bachsaale" beteiligten sich etwa 2000 Personen, zum größten Teile aus den tzefetzestreuen Kreisen Berlins bestehend:! Der Präsident des Westverbandes, Deminardozent Dr. Samuel Gründe r g, begrüßte die Versammlung und die Ehrengäste und verlas mehrere Telegramme und Sympathiekundgebungen. Es sprach zunächst Rabbiner Dr. Freimann, der u. a. die sogenannten ,, S a b b a.t to n - trakte", dnrch die manche glauben, sich vom Sabbat emanzipieren zu können, scharf geißelte. Er wies auch auf die Gefahren der Kalenderreform hin. Oberrabbiner Dr. Carlebach*Altona kennzeichnete in hinreißenden Worten das Wesen und die veredelnde Kraft des Sabbats. Die Krise der Religiosität in der Großstadt, geboren aus der Verflachung des Lebens, könne, wie die anderen Krisen, nur durch den Sabbat überwunden werden. Hermann Cohen nannte schon den Sabbat „das Insiegel der Gottesliebe". Das ist er immer noch, wenn auch Menschen, die Gott im Munde führen, oft ihren Profit und ihre Wirtschaftsmacht auf Kosten des Sabbats und ihrer jüdischen Mitmenschen steigern. . Frau Lina Wagner-Tauber vermißt unter gesetzestreuen Juden die Solidarität in Bezug auf den Sabbat, wie man sie beispielsweise bei den „Adventisten" findet: „Wir wollen uns vornehmen, den Sabbat zu halten und Gott wird uns helfen!"

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