Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1930)
- Date
- 1930-02-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Serie 4 Nr. 8 Der Israelit 20. Februar 1930 Kunsthandlung Julius Giessen Am Opernplalz - Ecke Bockenh. Landslr. 2 Das Fachgeschäft lür vornehme Einrahmung Die^ltmslhaadlung des gu'en Geschmacks strittene „Thora und Derech Erez"-Devise unseres großen Rabbiners, der mit seinem Namen geschmückten Gesellschaft den Weg ihres Einzuges in jene Kreise verbauen werde, die es für sich üblehnen, bei ihrer Erziehungsmethode andere Wege einzuschlagen, als die von ihrer eigenen Tradition ihnen vorgezeichneten, und schon hat der greise Patriarch der Erez Jisroel-Orthodoxie, R. Chajim Sonnenfeld, den Aufruf zur Gründung einer „Rabbiner Hirsch-Gesellschaft" mit seinem ehrwürdigen Namen unterzeichnet. Es dürste sich schon verlohnen, einmal den Gründen nachzugehen, wieso es kommt, daß die Orthodoxie eines Landes, das bis zur Stunde das klassische Land des jüdischen Kulturkampfes ist, in dem seit je das offene oder latente Eindringen moderner und modernistischer Bildungskeime mit besonderer Vehemenz bekämpft und abgewiesen wurdH heute gleichwohl nicht ansteht, die Gründung einer Rabbiner Hirsch-Gesellschaft als eine Förderung der Interessen der palästinensischen Orthodoxie zu begrüßen, und warum es mehr als ein unverbindlicher Höflichkeitsakt ist, wenn ein Mann wie R. Chajim Sonnenfeld, dessen 80jähriges Leben unter dem Schatten der Kothel Maarowi zur trotzigen Hoheit eines unbeugsamen Felsens gedieh, sich heute vor der Gestalt unseres großen Rabbiners in Ehrfurcht verneigt. Groß ist die Zahl unserer jüdischen Brüder und Schwestern, die sich niemals in das Lebenswerk S. R. Hirschs ernstlich vertieft haben. Wird der Name S. R. Hirsch ausgesprochen, dann sind es zwei Dinge, die man in der großen jüdischen Welt mit ihm verbindet. Erstens: „Thora und Derech Erez", zweitens: „Austritt". Und nun lösen diese Gedankenverbindungen in der breiten jüdischen Masse folgende rechnerische Ueberlegung aus. Das „Thora urid Derech Erez" - Prinzip wird in der Resonanz, die ihm Hirsch verlieh, ebenso bestritten, wie das Austrittsprinzip als Grundlage der Lokalgemeinde- und Weltgemeindepolitik seine heftigsten Widersacher findet. Folglich ist Hirsch nur eine ephemere Erscheinung in der Geschichte des deutschen Judentums, die über kurz oder lang von der Selbstbesinnung der Weltorthodoxie überholt sein wird, die sich nach denselben zwei Richtungen hin auswirken muß, wie das Lebenswerk Hirschs. Es wird eine Selbstbesinnung sein auf das Wesen des jüdischen Denkens. Fühlens, Lebens, Erziehens in seiner ursprünglichen Autonomie und ungetrübten Ausschkießecht jüdisch, altjüdisch will, ich sagen, auch an den bösen Charakteren noch Gutes gefunden und die Schläge des Schicksals echt talmudisch gedeutet: „Auch .das ist zum Guten". Ganz neu war mir das Verfahren beim Banne. Sie hatten's auch noch so tragisch dargestellt; herzlichen Dank dafür, ebenso für die Einblicke in die Gedankenwelt der Kabbalisten. Der Brand des Ghetto ist großartig geschildert; durch eine Bemerkung im Tert vermute ich, daß die „Gasse" östlich vom Dome gelegen hat, also in der Gegend, wo ich Sie fand bei meinem Besuche. Das Buch mutz man in Fmnkfurt oder als Frankfurter lesen, dann bietet's noch mehr als aus der Ferne. In dankbarer Verehrung Ihr P. Aug. Jos. Arand. Wochenkalender. v. 22. Februar b. 1. März 1P30 / o. 24 Echebat b. 1. Adar 5890 Samstag ffeb.22 24 Brnn i’sin» iui’ Sonntag 23 25 Der Maulet» ift Freitag früh 8 Uhr 16ia/,8aRin. Montag 24 26 Dienstag •25 V3V 27 Mittwoch 26 28 Donnerstag 27 29 |öf> 11*53 Dl’ DIN «M11 '«• Dl’ Freitag L> 28 30 Samstag g 1 11« 1 «nn Bsn '3 Dl’ D’^pv '3 D’DEPD lichkeit, und es wird ferner eine Selbstbesinnung sein aus die' Einheit des jüdischen Volkes, die durch keine wie immer geartete religiöse, weltanschauliche Gegensätzlichkeit im jüdischen Lager je gebrochen werden darf. Sind „Thora und Derech Erez" und „Austritt" wirklich die beiden Totenglöcklein, deren trüber Klang unseren großen Rabbiner einmal in das Reich der Schatten begleiten wird? Zur Beantwortung dieser Frage genügt es vollauf, sich genau zu überlegen, daß es fürwahr kein Zufall sein kann, wenn derselbe Mann, der wie kein Anderer unter den jüdischen Großen des vorigen Jahrhunderts die Entstehung eines„neuenTypsjüdischerOrthod o x i e " nicht nur zugelassen, sondern in aller Offenheit als Grundbedingung ihrer Erhaltung und Fortvererbung gefordert hat, zugleich derselbe Mann ist, der wie kein anderer unter den jüdischen Großen des vorigen Jahrhunderts die Entstehung eines neuen Typs des — Judentums so radikal und schonungslos bekämpft hat, daß er in diesem Kampfe nicht einmal vor dem — Austritt zurückgeschreckt ist. Schon dieser gemeinsame Ursprung der „Thora' und Derech Erez"- und „Austritts"- Devise aus der einen und derselben Quelle eines von der jüdischen Revolution seiner Zeit tief erschütterten und zu ihrer Ueberwindüng von Gott auf den Plan gerufenen Sehergeistes, schon die einfache, ganz primitive Erkennftnis, daß diesem gemeinsamen Ursprung ein in die Zukunft hinausdeutender Sinn innewohnen muß, sollte die große Schar der Gedankenlosen und Oberflächlichen stutzig machen, wenn sie sich das „Hirsch- Phänomen" nach der geistigen Seite nur aus seinem Willen zur Schaffung einer zweiten Orthodoxie und nach der politischen Seite nur aus feinem Willen zur Zerreißung Jisroels in zwei unversöhnliche Lager erklären können. Was aber ist der Sinn dieses gemeinsamen Ursprungs? S. R. Hirsch hat den Moderriismus so gründlich abgelehnt, daß er das freiwillige Verbleiben in einer Gemeinde, die diesem Modernismus einen Altar errichtet hat, als religiös verboten erklärte. Folglich kann der Modernismus Hirschs kein — Modernismus sein. Sondern er muß etwas anderes sein. Er muß ein „Profanes" sein, das, mit reinen Händen und reinem Sinn in den Kreis des Heiligtums gehoben, zu einem Stück dieses Heiligtums selber wird. Er muß eine Fähigkeit des jüdischen Auges sein, das wahrhaft Göttliche der menschlichen Kultur und Zivilisation in solch eindringender Schau zu erfassen, daß derselbe Mund, der Gott als den Teilhaber jüdischer Thoraweisheit derer, die ihn fürchten, preist, denselben Gott mit gleicher Innigkeit als den Spender seiner Weisheit an Menschen, die aus Fleisch und Blut bestehen, segnet. Er muß eine Wiederanknüpfung an alle die Großen Jisroels in früheren Glanzepochen sein,die schon Jahrhunderte von Hirsch jenen „neuen Typ jüdischer Orthodoxie" geschaffen haben, der auch ihm vorgeschwebt und den auch er bewußt gefördert hat, weil er in seiner Neuschaffung die einzige mögliche Rettung vor den Sturmfluten des Modernismus sah. Wäre der Modernismus H i r s ch s d a s g e w e s e n, w a s die G e g n e r der „Thora und Derech Erez "-Devise in ihm erblicken, er hätte fürwahr den Austritt aus der Welt dieses Modernismus mit gleicher Schärfe und Entschiedenheit gefordert, wie den Austritt aus dem Mode r n i s m u s d e r G e m e i nd e! S. R. Hirsch hat die Einführung der jüdischen Jugend in alles wahrhaft Göttliche der menschlichen Kultur und Zivilisation als eine unabweisbare Forderung der Erziehung zur Thora betrachtet. In heißer Liebe schlug sein Herz allem Göttlichen der vom Odem des Schöpfers beseelten Menschenbrust entgegen. Seine Sehnsucht galt der Vereinigung der ganzen Menschheit unter der Fahne des Gotteswortes. Eine im Gottesglauben geeinte Menschheit, ein im Gottesge- Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat März! Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a.M. setz geeintes Jisroel, die ergreifendsten Klänge seiner Harfe hat er diesem Endziel der Menschengeschichte geweiht. Folglichkannseine „Austritts "-Devise nicht einem Mangel an Liebe zu seinen jüdischen Brüdern und nicht einen kalten, d o k t r i rnä r e n W i l l e n zur Zer - reißungJisroels in zwei unversöhnliche Lager entsprungen sein. Sondern sie muß etwas anderes sein. Sie muß der glühenden Erkenntnis entstammen, daß nur die Sorge um die Unversehrtheit des Thoragesetzes die Einheit der jüdischen Gemeinde und die Einheit des jüdischen Volkes verbürgt. Wäre die „Austritts "-Devise Hirschs das gewesen, was die Gegner seiner „politischen Ideologie" in ihr erblicken, hätte er in dem Modernismus der Gemein de auch nur eine Spur jenes Gotteshauches erkannt, vor dem er sich ehrfürchtig verneigte, wenn immerihm ausmenschlicher Kultur und Zivilisation wahrhaft Göttliches entgegenwehte, er hätte fürwahr den Anschluß an! den Modernismus der Gemeinde ebenso entschieden verlangt, wieerdenAnschluß an die Welt seines Modernismus vertrat. Seitdem vor 100 Jahren S. R. Hirsch zum ersten Male in das Licht der jüdischen Oeffentlichkeit trat, haben sich dtfe wahrhaft Großen des jüdischen Volkes das „Hirsch-Phänomen" nur sa erklärt, wie es einzig und allein der geschichtlichen Wahrheit entspricht. Daß ins diesem Belange trotz aller Gegenströmungen, die der Thora ebenso fern wie dem Derech Erez sind, sich bis zur Stunde nichts : geändert hat, darin liegt die historische^ Bedeutung der impulsiv schnellen, programmatisch ostentativen Unterschrift, die der greise Führer der palästinensischen Orthodoxie, R. Chajim Sonnenfeld, unter den Aufruf der „Rabbiner Hirsch-Ge-; sellschaft" setzte. . Die vorläufigen Satzungen der „Rabbiner Hirsch-Gesellschaft" lauten: 1. Die Vereinigung führt den Namen Rabbiner Hirsch-Gesellschaft und bezweckt: a) Heranbringung des geistigen Erbes Rabbiner S. R. Hirschs in Schrift und Wort an alle, die seiner unter den verwirrenden Einflüssen der geistigen mnd kulturellen Strömungen unserer Zeit mehr als je bedürfen, durch Verbreitung seiner Weltanschauung und der von ihm gelehrten jüdischen Wahrheiten auf dem Gebiete des Einzel-, Gemeinde- und Gesamtheitslebens. b) Verbreitung seiner literarischen Werke in den breiten jüdischen Volksmassen durch Popularisierung, Verarbeitung sowie durch ihre Uebersetzung vor allem ins Hebräische und Jiddische. 2. Mitglied kann jeder Jude und jede Jüdin werden, welche die Ziele der Gesellschaft zu fördern gewillt sind. 3. Der Mindest-Jahresbeitrag wird auf RM. 6.— festgesetzt. : 4. Ortsgruppen sollen an allen in Betracht komment den Orten eingerichtet werden. " - - 5. Zu Funktionären sind nur solche Persönlichkeiten zulässig, welche auf dem Boden der Weltanschauung Rabbiner Hirschs stehend