Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1930)
- Date
- 1930-02-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 7 Der Israelit 13. Februar 1930 9. In frischer Erinnerung ist uns festländischen orthodoxen Juden auch noch das Vorgehen der liberalen Freunde Singalewskis gegen ein führendes Mitglied des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, dessen Versuch, den jüdischen Kolonisten Sowjetrußlands freie Religionsübung zu erwirken, Herrn Sing mißfiel. Da sehen wir, wie dieselben Liberalen, die zum Schaden altjüdischer Gesetzestreue vor zwei Menschenaltern sich verpflichtet glaubten, den Anforderungen kapitalistischen Staatslebens Zugeständnis über Zugeständnis anzubieten und noch heute gern als die eigentlichen Vertreter herrschgewaltiger Staatstradition im Gebiete dieser Staaten mitgezählt werden möchten, wiederum auf Kosten der Jüdischkeit im Gebiete des antikapitalistischen Reichs den geistunterjochenden Gewaltträgern auch dieses Systems weitestgehendes Entgegenkommen beweisen. Gerade, als hieße das Prinzip des Thoragesetzes: Ich weiche jeder Gewalt, und ihr braucht mich nicht befolgen, wenn euch das die Staatsgunst raubt! Welche grobe Verkennung des Dina-Dimalchutha- Gebots, das doch nur Rechtsverhältnisse bestimmt! Welche unberechtigte Entlehnung aus einer anderen Religion! Letztere gibt Gott, was Gottes ist, — den Himmel, das Jenseits,- dem Kaiser, was des Kaisers ist, beläßt jedem Gewaltherrscher alles Irdische, mit Einschluß der Seelen und der Religionen. So sperrt auch der Liberalismus die Forderungen des Gottesgesetzes in die Grenzen, die ihm Tyrannenlaune Zieht. 10. Mancher mag geneigt fein, alle diese zitierten Beispiele als solche schikanöser Handlungsweise Einzelner hingehen zu lassen. Doch die gleiche geringe Achtung vor den religiösen Bedenken chrer jüdischen Mitbrüder bewiesen auch liberale Korporationen. In Deutschland verstehen sie den liberalen Charakter ihrer Gemeindeeinrichtungen oft dadurch zu wahren, daß sie den polnischen Juden ihres Orts Wahlrecht und Mitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde vorenthalten. Wo sie eine zu sehr aus die oberen Zehntausend und auf das ganz niedere Proletariat beschränkte Gemeinschaft bilden, wie in einigen norddeutschen Staaten, da verstehen sie es, mit Hilfe wankelmütiger Orthodoxer, jede Selbständigwerdung der Orthodoxie zu unterbinden. In den glänzenden jüdischen Spitälern, die von liberalen Juden in größeren amerikanischen Städten errichtet worden sind, ist keinerlei Vorkehrung für den rituellen Ernährungsbedarf der gesetzestreuen Juden getroffen, welche die überwiegende Majorität der Patienten stellen. Leute aller Nuancen von Weltanschauung haben immer und immer wieder mit den Direktoren und Leitern dieser Körperschaften darüber vergebens verhandelt. In England haben dagegen die Direktionen allgemeiner Krankenhäuser schon seit Jahrzehnten die rituelle Ernährung ihrer Patienten gestattet. Auch Stadtbelhörden in Amerika haben ihr Entgegenkommen durch Einrichtung von 12>2- Küchen für ihre jüdischen Kranken bewiesen. Die meisten obiger Angaben sind der erwähnten Hertzschen Schrift entnommen. Sie ließen sich beliebig vermehren. Hertz schließt etwa so: „Die beliebteste Phrase bei der Einweihung liberaler Bethäuser ist, daß wir eine neue Moralität brauchen. Ein Teil der alten Moralität aber könnte weiterhin auch von Nutzen sein, der nämlich, der mit dem Lächerlichmachen der religiösen Meinung Anderer und mit dem Vergewaltigen des Gewissens selbst der jüdischen Genossen abrechnet." — Wir jedoch sollten uns diese Tatsachenreihe stetig vor Augen halten, damit wir nie vergessen, wie wichtig es ist, daß die Orthodoxie selbständig bleibt oder es in allen den Gemeinden und in jeder Beziehung wird, wo sie es noch nicht ist. „Gott führt es einsam, kein fremder Gott steht zu ihm". üonezponHenren « ßacbricbten. Deutsches Reich. Kundgebung der Vereinigung jüdischer Akademiker. Berlin, 7. Febr. Die „Vereinigung jüdischer Akademiker" im „Bund Jüdischer Akademiker" veranstaltete am 5. Februar eine große öffentliche Kundgebung, zu der sich Teilnehmer aus allen thoratreuen jüdischen Lagern in stattlicher Zahl eingefunden halten. Herr Rabbiner Dr. Esra M u n k referierte über „W issenschaftlichen Anti s e m i t i 5 nt u s". Der Referent definierte zunächst „Wissenschaft" als die Forschungsweise, die Suche nach Wahrheit, logische Geschlossenheit und größtmögliche Durchdringung des Stoffes ausweist und vereint. Wem daher auch nur jüdische Geistesart und hebräische Sprache fremd sind, verdient nicht, als Fachmann gewertet zu werden. Es ist bei der Betrachtung des Gegenstandes, d. h. des Judentums, vor allem festzuhalten, daß schriftliche und mündliche Lehre, die Quellen des Judentums, nicht zwei Größen, sondern ein einziger Organismus sind. Auch das Christentum kennt eine Doppelüberlieferung, und die Institution der Kirche findet ihre Rechtfertigung vor allem in der mündlichen. Dr. Munk legt nun dar, in welcher Weise die Antisemiten den „Beweis" für die Minderwertigkeit jüdischer Gottes- und Weltanschauung führen. So behauptet Fritsch in der „Herrmannsbotschaft", die in Hunderttausenden von Exemplaren an Glieder aller Volksschichten hinausgeht, „Meuchelmord und Falscheid dem Juden erlaubt , Betrug gegen den Staat erlaubt" usw. An Einzelbeispielen belegt der Referent die raffinierte Methode der Bewiessührung: Jene fälschen nicht so plump wie früher, aber sie verfälschen durch Auslassungen, mißverständliche Übersetzungen u. dgl. m. Oder sie rufen — das Allergefährlichste! — bestimmte Vorstellungen mittelalterlicher Art wach. So wird immer noch behauptet, den Juden sei jede Gemeinschaft mit Nichtjuden verboten. In Wahrheit geht jene Vorschrift lediglich aus die damaligen Verhältnisse des den Israeliten ^verheißenen Landes, das, schon Sem zugesprochen, von Ham okkupiert worden war. 400 Jahre Verbannung dienten dann der Erziehung des Volkes zu der sittlichen Höhe, die den einzigen jüdischen Besitztitel des Landes auch heute noch ausmacht. Dann sollte sie das Verbrüderungsverbot vor Rückfall bewahren. Sie sollten die dort sitzenden Völker nicht vernichten, sondern nach dem jerusalemischen Talmud stellte Josua die 31 Könige vor die Wahl, die sieben noachidischen Gebote, d. h. die Grundregeln menschlicher Gesittung, anzunehmen oder auszuwandern, oder zu kämpfen. Wo — so rief Dr. Munk aus — gibt es in irgend einem Zeitalter oder gar in den letzten 15 Jahren einen Fall, dem damaligen auch nur ähnlich? Das Judentum nimmt es in seiner Ethik mit allen Völkern und Epochen der Geschichte auf! Das Gleiche gilt von dem angeblichen Steuerhinterziehungsgebot im „Schulchan Aruch Choschen Mischpat", das sich, wie der Redner quellenmäßig nachweist, beim genauen Lesen geradezu als ein positives Grundgesetz jeder Steuermoral entpuppt. So stellen gerade jene angeblichen Quellen unserer Schande besondere Höhepunkte von Sittlichkeit und Recht dar! — Im letzten Teile seines Vortrags ging Dr. Munk, anknüpfend an den Gesetzesbeschluß des bayrischen Landtags, auf die Schächtfrage ein. Zusammenfassend stellt er nochmals fest, daß die unbefangene Wissenschaft dem Schächten zumindest nicht ablehnend, wenn nicht gar wohlwollend gegenübersteht. Unsere Feinde aber wollen jetzt — und das zeigt den geistigen Niedergang — auch nicht einmal mehr einen pseudowissenschaftlichen Firnis. Den ernstesten Schlag hat bei dieser Entscheidung nicht das Judentum erlitten, das schon größere Schläge in Gottvertrauen überdauert hat, sondern unser Vaterland, bisher trotz Krieg und Not Hochland und Heimat der Wis- 'enschast. Im deutschen Interesse müssen die Freunde dieses Landes und Volkes jenem Treiben „Halt!" gebieten. — Der Referent schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß Deutschland zu sich selbst wiederfinde, das. Judentum aber zu jenen: Geisteszion, von dem Lehre und Gotteswort ausging und kommen wird. Den eindringlichen Appell des Redners zur Einkehr irrib-treuem Zusammenstehen in jüdischer Arbeit begrüßte die tiefergrisfene Versammlung mit stürmischen Beifallskundgebungen. Der Rat des Preußischen Landesverbandes berat über Verfassungsänderungen. Berlin, 10. Febr. Im „Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden^ hat die Ratssitzung, welche zur Erledigung der in der Novembersitzung vertagten Gegenstände notwendig geworden ist, am 9. Februar 1930 unter dem Vorsitz des Präsidenten, Kammergerichtsrat Leo Wolff, stattgefunden. Sie beschäftigte sich im wesentlichen mit den Verfassungsänderungen, welche von der Verbandstagung des Jahres 1929 angeregt und alsdann von dem Rechtsausschuß des Landesverbandes durchberaten worden sind. Es erscheine zweckmäßig, den hauptsächlichsten Grundsatz der bisherigen Verfassung insofern beizubehalten, alsdem Rat nicht bloß, wie vorgeschlagen worden ist, die Exekutive belassen werden soll, wodurch er zu einem bloßen, die Verwaltung führenden Ausschuß des Verbandstages werden würde. Neben dem letzteren soll der Rat nach wie vor als gesetzgebendes Organ bleiben, sodatz ein Verbandsbeschluß erst durch übereinstimmenden Willensakt des Rates und des Berbandstages zustandekommt. Wie auf dieser Grundlage die Verfassungsbestimmungen über den Rat, insbesondere seine Zusammensetzung, abzuändern sein werden, darüber soll zunächst ein achtgliedriger Ausschuß beraten, der bis zur Verbandstagung Bericht erstatten soll. Diese ist auf den 23. März 1930 einberufen worden. Die Sitzung beschäftigte sich im übrigen mit der Feststellung der Aenderungen, welche für die Ende dieses Jahres vorzunehmenden Wahlen die bisherigen für den Rat und den Verbandstag geltenden Wahlordnungen zu erfahren haben werden, sowie mit einigen dem Landesverband vorliegenden Gesuchen um Zuwendung von Subventionen. Es wurde ferner über den Stand der Verhandlungen mit dem Ministerium wegen der Genehmigung der Verfassung des Landesverbandes und wegen des Gesetzentwurfes zur Regelung der Verhältnisse der Juden in Preußen eingehend Bericht erstatten. — Endlich fand noch eine Beratung über die beantragte Unterstützung des Lehrerseminars in Köln statt, welchem im laufenden Etatsjahre die Möglichkeit der Unterstützung des Kölner Lehrerseminars gegeben sein wird. Ratssitzung des Preußischen Landesverbandes. Berlin, 11. Febr. In der vorgestern stattgehabten Ratssitzung des Preußischen Landesverbandes gelangten eine Reihe von Verassungsänderungen zur Besprechung, von denen die bedeutsamste sich gegen den Halberstädter Verband richtete. Es soll künftig keiner dem Landesverband angehörigen Gemeinde gestattet sein, auch gleichzeitig dem Halbertädter Verband anzugehören. Die konservativ gerichteten Ratsmitglieder, Rabbiner Dr. Horovitz-Frankfurt, Moritz A. Loeb-B-rlin und mit ihnen Prof. Gutmann- Breslau bekämpften den Antrag wegen seiner Ungerechtigkeit und Intoleranz. Sie konnten aber gegenüber dem ganz auf die Bekämpfung der selbständigen Orthodoxie eingestellten Willen der Ratsmehrheit nicht durchdringen. Auf diesem Gebiete reichen sich Zionisten und Liberale jederzeit in inniger Freundschaft die Hände: mim bs non w Man glaubt noch immer, religiöse Ideens durch kapitalistischen Boykott zu Grunde richten zu können. Jüdische Massenkundgebung für den Sabbatgedanken. Berlin, 10. Febr. Die „Deutsche Landeszentrale des Wellverbandes Schomre Schabbos" veranstaltet am Sonntag, den 16. Februar, vormittags 11 Uhr im Bachsaal, Lützowstr. 76, am Magdeburger Platz, eine große Kundgebung des Berliner Judentums unter der Devise: „Sabbat — Judentum — Menschhei t". Redner sind: Rabbiner Dr. I. F r e i m a n n , Dozent Dr. Samuel G r ü n - berg (Vorsitzender des Wellverbandes Schomre Schabbos), Oberrabbiner Dr. Josef Carlebach - Altona, ^Prokurist Fritz Cohn, Dr. Jsmar Freund, Bankier Dr. Erwin G a l e io sj i, Prof. Dr. Hermann Pick, Lina Wagner-Tauber.