Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1930)
- Date
- 1930-02-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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13. Februar 1930 tiert, Diese Interpretation feiert ihre Triumphe in der ganzen Welt. Heutzutage mehr als zu seinen Lebzeiten. Man vergesse aber nicht die mannigfachen Schattierungen», die dieses gewaltige Problem umgeben. Die Maßstäbe für die Postulate von pK *j*n sind in Frankfurt, in Berlin, in Warschau, in Hamburg, in Budapest, in Wien, m Preßburg und nun gar erst in Jerusalem sehr verschieden. Für die B e - stimmung un d Abgrenzung des im wahren Geiste von px pi oy min zu pflegenden Unterrichtsstoffes ist deswegen in jedem e i nz e l n e n Lande das Einvernehmen der Zuständigen rabbinifchen Autoritäten des betreffenden Landes unerläßlich. In Uebereinstimmung mit den rabbinifchen Autoritäten von Jerusalem war es daher gut möglich, seinerzeit auch für Erez Jisroel ein blühendes, thoratreues Schulwesen zu gründen, das in der neuesten Geschichte über , das Schulwesen in Palästina, in ideeller Hinsicht, noch lange vorbildlich bleiben wird. Das von Rabbi Chaim Berlin Oberrabbiner Sonnenfeld, Rabbi Sorach Vravermänn und Schreiber dieses gefertigte Schulprogramm ist im Archiv der Freien Bereinigung hinterlegt. Dni riax arr ist eine von den Poßkim rezipierte halachische Norm. Bei entsprechender L eistungsfähigkeit und O p f e r w i l l i g k e i t könnte auch heute das thoratreue Schulwerk m Erez Jisroel wesentlich erweitert werden. Gesetzestreue Schulen bleiben nach wie vor die sichtbaren Stützen des thoratreuen Jifchuw. - Das Hoch- und Endziel des jüdischen Er- Ziehungsproblems „Thora und Derez-Erez", kann auch in» Erez Jisroel kein anderes sein, als dasjenige, was Rabbiner Hirsch b"2i, nicht nur für Frankfurt bezw. für Westeuropa oder für seine Zeit, sondern sür^rnV'b*?2und für alle Zeiten vorgezeichnet hat: Wecket die Thora im Volke! Unterrichtet Eure Kinder in der Thora — daß Eure Jünglinge und Eure Männer ihr Leben lang in der Thora wachsen, daß der Geist der Thora wieder bis zu Euren „Rinderhirten" und Euren „Schuttorwebern" dringe — und die Thora wird von neuem ihre heilende, rettende, lebenbringende Kraft bewähren! Einiges von den Freiheilskündern. Von Rabbiner Dr. V. Lohen in FriedrichstM. Angesichts der Vorgänge in verschiedenen jüdischen Gecheinden Deutschlands, welche danach .streben, in sich alle Richtungen des Judentums M vereinigen, dürfte es von Nutzen sein, Einiges über die Ziele und Wege des Liberalismus zusammenzutragen, was sich in Zeiten und an Orten feiner Vorherrschaft abgespielt hat, was uns allen nicht neu rst, aber was täglich sich auch bei uns. wiederholen kann, wenn wir nicht auf der Hut sind und die Rechte der s e l b st ä n d i g e n Orthodoxie aufs Wachsamste wahrem; ,•- ^AbfnWch übergehen wir hier die historische Tatsache, daß in der Stadt, welche heute die angesehenste orthodoxe Gemeinde Westeuropas überhaupt beherbergt,, vor einem Jahrhundert strafrechtliche Verfolgung jedes nichtliberalen 'Thora-Unterrichts an der Tagesordnung und die heute bloß bei den Jervsekzia-Leuten zutagetretende Verfolgungssucht schon den dortigen Neologen der Biedermeierzeit eigen war. „Das sind Extreme, Uebertreibungen!", würde man uns.abwehrend erwidern. Nur solche Anzeichen der Unjüdischkeit des Liberalismus, die sich aus seinem Wesen notwendig und untrennbar von ihm erwiesen haben, sollen hier zur Erinnerung gebracht werden. 2. Wir beginnen' mit den Anzeichen seiner allgemein religiösen Unproduktivität. Wie der -jüngere Rabed von den Karäern konstatieren - mußte, daß sie die Sache -des Judentums nie vorwärts, kein bedeutsames Werk ewiger Weisheit zuwege, ja. Nicht einmal einen wertvollen _Der Israe l i t Hymnus hervorgebracht haben, — so wendet Chief-Rabbi Hertz (Affirmations S. 175) auf den jüdischen Liberalismus das Wort des Dichters Wordsworth an, das der französischen Revolution galt: Endlose Leere, unaufhörlich Schwanken, kein einzig überragend Werk, ja, kein Gesetzbuch/ kein Geist als Herr, kein abgesteckter Weg, an Büchern und an Menschen stete Not! Hertz nennt die Neologie einen „trockener! Vernunftlgäuben ohne Ehrfurcht und ohne Ausgeglichenheit." Wer die Richtigkeit seines Urteils nachprüfen will, lese einmal in dem Gesangbuch, das 1833 vom württembergischm israelitischen Oberkirchenrat herausgegeben wurde und 384 frisch fabrizierte jüdische Choräle für alle Gelegenheit des Jahres und des Lebens enthielt, deren schönster, über die Unsterblichkeit, begann: „Ich bin überzeugt durch Gründe". 3. Hertz entrollt ein Bild aller der geschichtlichen Tatsachen, die beweisen, daß Liberalismus unjüdischer Quelle entsprungen und immer in unjüdische Religionsbekenntnisse eingemündet ist. Auflehnung gegen die Verpfkichtungskräft der Thora hat immer in völligem Verlassen des Judentums geendigt; so begann es mit der Religionsgründung des Paulus, — so verhielt es sich mit dem Gesuch David Friedländers und seiner Genossen, in die evangelische Kirche 1799 ausgenommen zu werden. Durch Leop. Loew (Ges. Schr. n 253) ist betannt geworden, daß der seinerzeitige Befürworter der Hamburger Reform, Rabbiner Aron Choriner in Arad in seiner Jugend in Prag zu den Anhängern Sabbatai Zebis gehörte; bei seinem Tode 1844 läuteten Kirchenglocken. Als Augenzeuge jener unseligen Sektenbildung sagte selbst der abtrünnige Heine: „Leute, die ihre Ausbildung von Schauspielern erhalten haben, wollen dem Judentum neue Ausstattung und neue Bühnen geben, und den Ozean des Judentums wollen sie in ein hübsches, kleines Handgefäßchen gießen." 4. Ein freigläubiger Gottesbekenner nichtjüdischer Herkunft würde fassungslos der Anbetung gegenüberstehen, mit der jüdische Liberale den Gründer des Christentums verehren. Die neuestens dem Newyorker Rabbiner Stephen Wise zugeschriebene, von ihm aber in Abrede gestellte Aeußerung, der Jude müsse den Sittenkodex des Gründers des Christentums aNnehmen, entspricht vollinhaltlich dem, was die amerikanischen Führer der Liberalen immer wieder aussprechendie, wie Levy-Pittsburg, neben Mose und den Zehn Geboten den neun Kardinaltugenden der anderen Religion den ersten Rang einräumen wollen. Sie glauben judenfeindliche Angriffe dadurch abzuwehren, daß sie alttestamentliche Ueberlieferungen durch neutestamentliche Lehren angeblich zu vervollkommnen trachtend So ging es seit den Tagen der altpalästinensischen Judenchristen bis zu den Tagen der Sonntagssynagogen oder der Kischinewer „Neu-Jsrael"-Bewegüng, die in Palästina jüngst eine „Gemeinde neutestamentlicher Israeliten" gegründet haben sollen. So führt thoraloser Nationalismus, — nicht minder als thoraloser Universalismus, g ra d e nw e gs in die Arme der christlichen Kirche. Daß sich am Sohne des großen Th. Herzl eine ähnliche Tragödie vollzogen, verschweigt Ehief-Rabbi Hertz, dem ja jede persönliche Schärfe zuwider ist. Wer aber den Kultus mitangesehen-, der mit diesem Knaben 6 Jahre nach seines edlen Vaters Tode während eines Kongresses in einer Synagoge getrieben wurde, hat ein unauslöschliches Erinnerungslicht ständig iM Geiste daran, wohin thora-lose Auffassungen des Judentums bei noch so hoch idealer Erziehung 'zwangsläufig führen müssen. "..i^'^''?äs.'.Alies'abe^stnd ja nur Ausblicke über das Geschick, welchem der Liberalismus seine .eigenen. Getreuen preisgibt und dessen. Auswirkungen wir nicht Liberalen nicht unmittelbar zu fürchten hätten, wenn die Liberalen nicht durch Gewalt immer wieder ihrer Auffassung des! Nr. 7 Seite 5 Judentums Anhänger zuzuführen trachten und damit leider oft auch Erfolg haben würden. Die Duldsamkeit derer, die das Gesetz Gottes für unverbindlich erklären, findet oft auf jeden Anderen loyalere Anwendung als auf den Befolger des Gesetzes. So war es bei den ersten Verbreitern der herrschenden Weltreligion, so bei den liberalen Juden. Sogar die antisemitischen Verleumdungen jüdischer Glaubensvorstellungen und Gebräuche wurden von ihnen mitgeschrieen. Und es blieb nicht bei bloßen Verleumdungen. Hertz erinnert an die Herkunft des schweizerischen Schächtverbotes. Aufgrund eines Gutachtens zweier württembergischer „Rabbiner" radikalster Observanz haben 1891 mehrere schweizerische Kantone entschieden, die Schechita sei kein religiöser Brauch und könne daher nicht den Schutz durch die Bundesgesetze beanspruchen. Und als jüngst in England, eine fürchterliche Agitation das Parlament und die öffentliche Meinung zu einer Verurteilung des Schächtens, der ältesten humanen Schlachtmethode unter dem Vorwände, sie sei grausam, drängen wollte, — zu einer Zeit also, als die religiöse Freiheit der Juden auf dem Spiele stand, — da erlaubte sich der Geistliche der Londoner liberalen Synagoge, vom „Konflikte" zwischen den Schechitagesetzen und den neuesten Ansichten Sachverständiger über die Anforderungen humanen Schlachtens zu reden. Er ignorierte die geachtete Meinung der leitenden Autoritäten der Welt, — Lister, Virchow, Dubois Reymond und buchstäblich Hunderter Anderer, welche die Humanität des Schächtens anerkennen, — und war völlig bereit, den boshaftesten Feinden seines Volkes den Rücken zu steifen. Vergeblich hat er später versucht, seine eigenen Worte als Sympathiekundgebung für uns umzudeuten. 6. Mitten in jener Kampfzeit verlangte der liberale Führer Claude G. Montefiore, man müsse, wenn vom Interesse der Juden am Schächten die Rede sei, immer die Einschränkung hinzufügen, es fei nur das Interesse der orthodoxen Juden. Hertz bemerkt dazu sehr treffend: Daß das Schächten ein wesentlicher Bestandteil der jüdischen Religion ist, kann eben so wenig aufgrund der gleichgültigen oder feindseligen Haltung einiger liberalen Juden bestritten werden, wie man etwa deshalb, weil es in der grauen Vorzeit jüdische Götzendiener gab oder deshalb, weil es heutzutage jüdische Atheisten gibt, daran zweifeln kann, daß der Glaube an die Einzigkeit Gottes die Grundlehre des Judentums ist. 7. Daß auch in Deutschland ein „Rabbiner" über diesen Punkt sich zweideutig geäußert hat, ist, zur Ehre der deutschen Judenheit, dem Chiefrabbi nicht bekannt geworden. 8. Als gegen Ende 19JS3' aus Genf vom Völkerbunde die Anregung ' kam, dem Kalender ,-weiße", der Wochenzählung nicht unterstehende Tage einzufügen, war den Führern der orthodoxen Judenheit sofort klar, daß dies einen in der Wochenzählung dauernd rückwärts rückenden jüdischen Ruhetag ergeben und die Schwierigkeit der Sabbatbeobachtung der überwiegenden Mehrheit der Juden unermeßlich steigern würde, legten diese Führer in einem ausführlichen Schreiben der Kalenderkommission des Völkerbundes diesen Einwand überzeugend dar. Einer der Sprecher des Liberalismus aber fand und machte diese für den Sabbat lebenswichtige Abwehr, um seine eigenen frivolen Worte zu gebrauchen, — „lächerlich". Im gleichen Maße war, als vor 20 Jahren die gesetzgebende Körperschaft des Staates Massachusettes ihre Bereitschaft zeigte, den sabbatbeobachtenden Leuten das Oeffnen ihrer Läden am Sonntag zu gestatten, ein bedeutender liberaler Rabbiner für das Nichtzustandekommen dieses Gesetzesvorschlags voll verantwortlich und behauptete: „Orthodoxe Juden haben soviele Opfer für ihre Religion gebracht, daß es ihnen nichts, schadet, wenn sie dieses weitere Opfer bringen und weiterhin ihre Läden allwöchentlich an zwei Tagen geschlossen halten."