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Der Israelit · 1930-02-13 · Heft 7 (13.2.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 7 (13.2.1930)
Date
1930-02-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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13. Februar 1930 Der Israelit Nr. 7 toeite 3 nachdem sie sich vielleicht bereits feit Jahrzehnten eingelebt haben, durch die Reichsverfassung ohne weiteres außer Kraft setzen zu lassen. Man wollte.sich vielmehr für etwa erforderlich werdende Gesetzesänderungen 'den langsamen Gang der gesetzgeberischen Entwicklung oder der Judikatur Vorbehalten. Daß aber vom Zeitpunkt des Inkrafttretens der Re i ch s v e r - fassung keine neuen Gesetze mehr erlassen werden dürfen, die in die ungestörte Religionsausübung und in dis Glaubens- und Gewissensfreiheit eingreifen, dürfte unzweifelhaft sein. Der Liberalismus und die bevorstehenden Berliner Gemeindewahlen. Stand auch die Breslauer Hauptversammlung des Liberalen Judentums, wie wir berichteten, unter dem Zeichen: Judentum als Weltreligion, so vergaß man doch über der großen Welt nicht die kleinere bunte jüdische Welt an der Spree, und so manches mutete schon wie Vorgefecht der nicht mehr fernen Wahlkämpfe in der Berliner Gemeinde an. Heinrich Stern, der Vorsitzende der Liberalen Vereinigung, fand in seinem Referat über den inneren Aufbau des Liberalismus Gelegenheit genug, sich über Gemeinde und Gemeindewahlen, wie er sie sieht, zu äußern. Er bezeichnet die Wahlen als schicksalentscheidend für den jüdischen Liberalismus der Welt. Käme es wieder so, daß die Liberalen in der Gemeinde nicht die Mehrheit erhielten, so wäre es kein Zufall mehr, sondern eine organische Entwicklung, die Herrn Stern mit Angst und Bangen für die Zukunft des Judentums (lies: des Liberalismus) erfüllt. Darum wünscht er, daß man zur Zeit alle Kräfte für den Kampf nach außen konzentriere und die innerliberalen Auseinandersetzungen auf ein Minimum beschränke. Für ihn gibt es nur eine liberale Einheitsfront von Baeck bis Lehmann, von der Oranienburgerstrahe bis zur Johannisstraße? Der religiöse Liberalismus als „einzige Form des Judentums, in der allein die Liberalen noch Juden sein können," könne durch die kleine Verschiedenheit der Nuance in seinem Einheitscharakter nicht erschüttert werden. Das ist deutlich! Das Minimum an Kampfeslust nach innen verwendet nun Herr Stern zu einer vernichtenden K r i t i k a n den l i b e r a l e n R abbin e r n. Mit Ausnahme einiger weniger Namen hätten die Herren Theologen auf der ganzen Linie versagt. Was im liberalen bemerken unsere Weisen, „werden in der Schrift die Götzen „andere Götter" genannt? Weil man sie mit jedem Tage neu und anders macht: Der Heide hat einen Götzen von Gold, nun braucht er aber dieses Gold, und siehe, er macht sich seinen Götzen aus Silber; Silber, dünkt ihmsei genug gut für einen Gott. Bald aber kommt die Zeit, wo er auch dieses Silber bedarf; nun, er bedenkt sich nicht lange, er verwendet das Silber zu seinen Zwecken, und seinen Gott macht er sich aus Kupfer, aus einem Metalle, das er eben jetzt nicht benötigt. Kommt aber eine Zeit, wo ihm auch ein Stück von diesem gemeinen Metalle einen nicht ganz unerheblichen Dienst leisten könnte, so muß sich sein Gott mit einem noch geringeren Metalle zufrieden geben und endlich gar mit dem wertlosen Holze". Ist nicht dieses satirische Bild die treue Zeichnung einer Gesinnung, der wir heutzutage so oft begegnen? Die Religion, man hält sie heilig; freilich läßt sich alles nicht so genau beobachten. Mit einem Abendgebet, mit so einem kleineren Dinge von geringerem Belange, kann man es nicht immer so genau nehmen, und wenn man nicht gut Zeit, hat, muh man auch ein Morgengebet samt Tallis und Tephillim bleiben lassen; ja, wenn das Geschäft es durchaus erheischt, dann kann man auch dem Sübbat nicht so in allen Stücken Rechnung tragen. Und so geht es weiter. Nach Bedürfnis und nach Bequemlichkeit zwackt man ab von der Religion ein Stück nach dem andern; das, was. übrig bleibt, sei noch genug gut, immer noch genug gut für Religion, immenr noch ausreichend als Tribut für den lieben Gott. So sind in der neuen Zeit viele unserer Glaubensbrüder wie einerseits durch den vermehrten Reichtum und seine erhöhte Versuchung, so andererseits, durch die gesteigerte Not und die verschärfte Prüfung des Lebens vom Pfade der Religion abgelenkt worden. Darum die Bitte des biblischen Weisen: i | Judentum noch geschieht, geschehe ohne sie oder 'gegen sie. Handbücher über Ideologie und Programm des Liberalismus müsse man aus England beziehen. Die „Vereinigung Liberaler Rabbiner" habe zweimal in diesem Jahre getagt und jedesmal vor einer Tat, auf die die Lberalen gewartet hätten, zurückgescheut. In der Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und Zionismus stellen sie jedem Einzelnen die Stellungnahme frei. Als ob dem Einzelnen bis dahin und ohne diesen weisen Entschluß seine Stellungnahme nicht frei stand! Eine Entscheidung vom jüdischen religiösen' Standpunkte aus zu treffen, fehle es ihnen, an Kraft und Mut. Das jüdische E h e r e ch t hätten sie nur akademisch erörtert, nicht aber gewagt, „die Schmach des jüdischen: Eherechtes zu beseitigen." Bis heute fei die feit Jahren geforderte theologische Grundlegung der P o s e n e r Richtlinien nicht erfolgt. Heinrich Stern, dys muß man schon sagen, hat Mut, viel mehr Mut als feine Rabbiner, und er schafft durch die ehrlichen Bekenntnisse seiner schönen liberalen Seele eine klare Linie für den Wahlkampf, auf der die „Volkspartei" und die Konservativen keinen Augenblick im Zweifel darüber gehalten werden, was die Herren links von ihnen unter der vielgepriesenen E i n h e i t s g e m e i n d e verstehen. Das schwächliche Hinundherschwanken der - liberalen Rabbiner wäre zuweilen wirklich dazu angetan, über den wahren Text zu dieser Einheitsmelodie hmwegzutäuschen. Es mutet schon etwas grotesk an, daß wir uns im übrigen in der Lage befinden, die liberalen Rabbiner vor den Angriffen des Vorsitzenden der Liberalen Vereinigung in Schutz zu nehmen. Welche große Tat kann die Vereinigung von ihren Rabbinern erwarten, wenn sie ihnen von vornherein den Weg — und das Ziel — vorschreibt? Für seine Stellungnahme zum Zionismus, sagt Herr Stern sehr richtig, wird sich der Einzelne nicht erst die Genehmigung des Herrn Rabbiner einholen. Und für feine Stellungnahme zur Religion? „Man schreit nach der theologischen Grundlegung der Posener Richtlinien." Wer schreit danach? Herr Stern vielleicht. Das liberale Volk hat die Richtlinien samt ihrer theologischen Grundlegung längst vergessen. Die theologischen Initiatoren und Autoren der neuen Posener Gesetzesoffenbarung haben inzwischen erfahren, was.wir immer schon wußten: Es gibt für unsere Stellung zur Religion und zum Judentum nur einen Schulchan- Aruch und ihm gegenüber so viele Nicht- TZnientfußerir E.NE VO.ZÖGUCHE CIGARRE Q AA H O L Z FR A N Kf II B T*A-lt'CEG B : 18*9 linien, w i e es liberale Juden gibt; so wie es nur e inen richtigen Weg geben kann gegenüber ungezählten und unbegrenzten falschen Wegen. Wer wartet hier auf das entscheidende Wort der liberalen Rabbiner? Herr Stern selbst auch nicht. Beispiel: Er registriert in seinem Sündenregister für die Rabbiner auch ihr Versagen in der Frage des jüdischen Eherechts und nennt selbstherrlich, ohne die Rabbiner zu fragen, ja, trotzdem sie sich an eine Aenderung solch grundlegender Religionsgesetze nicht herangewagt hatten, das jüdische Eherecht eine Schmach. Was hätten Rabbiner noch zu einer religiösen Angelegenheit zu sagen, die ihnen von den Herren Rechtsanwälten und Geheimräten a priori als eine „Schmach" zur Erledigung und — Be f eitigung vorgelegt wird?! ' ' Wie gesagt: Herr Stern tut den theologischen Beiräten in der Liberalen Vereinigung bitter Unrecht, aber für seine klaren Bekenntnisse über Wesen und Wünsche des Liberalismus innerhalb der Berliner jüdischen Gemeinde wird man ihm Dank wissen. Geld. Geld und Geld. — Die drei Grundsätze des deutschen Faschismus. In einem lehrreichen Beleidigungsprozeß vor dem Münchener Landgericht, in dem es um Aufdeckung der Geldquellen den Hitlerpartei geht, sprach der große Teutone österreichischer Nationalität, Hitler, die stolzen Worte: „Drei Grundsätze habe ich immer hoch gehalten: Niemals Geld von Juden zu nehmen, niemals Geld von Ausländern: zu nehmen und niemals Geld anzunehmen, das unter i r - g e n d e i n e r Bedingung gegeben werde." Trotzdem konnte die Verteidigung mit einem Beweise dienen, daß Hitlers Auslandsagent L ü d e ck e , in Amerika Henry Ford um Subventionen für die deutschen Nationalsozialisten angegangen sei, von diesem aber zur Türe gewiesen wurde. Eine ähnliche Mission Lüdeckes in Italien hatte mehr Glück. Ein rechtsstehender Journalist, Werner Abel, war Zeuge kleines Feuilleton. (Deutschland und die Affäre Dreyfus.) Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, stellvertretender Vorsitzender des Zentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, hielt am Mittwoch, den 5. Februar abends, in Berlin vor einer Zuhörerschaft, die sich zu einem großen Teil aus Juristen zusammensetzte, einen Vortrag über die „Affäre Dreyfus", der im Ausbau außerordentlich spannend und in der Wirkung sensationell war. Der Vortragende gab Kenntnis von den deutschen Akten^zum Fall Dreyfus, von denen der größte Teil bis jetzt einer weiteren Oeffentlichkeit vollkommen unbekannt war. Die Akten betreffen Berichte des damaligen deutschen Botschafters in Paris, Grafen Münster, des deutschen Militär-Attaches Oberst Schwarzkoppen, der nach der Version der Anti-Dreyfus-Partei die Mitteilungen vom „Verräter Dreyfus" über französische Militärgeheimnisse und das mysteriöse Bordereau in Empfang genommen haben soll. Randbemerkungen des früheren Kaisers Wilhelm II. zu den Berichten, schriftliche Aeußerungen des damaligen Reichskanzlers Fürsten Bülow, die Niederschrift einer fast tragisch verlaufenen Unterredung zwischen Münster und Schwarzkoppen u. v. a. Aus allen diesen Berichten, Aufzeichnungen und Randbemerkungen geht klar und zweifelsfrei hervor, daß der von der französischen Militärpärtei wegen Verrats militärischer Geheimnisse an Deutschland verfolgt gewesene und von zwei Militärgerichten verurteilte jüdische Kapitän Alfred Dreyfus niemals irgendwelche mittelbare oder unmittelbare Beziehungen zu deutschen zivilen und militärischen Stellen unterhalten hat, ebenso zweifelsfrei geht aus den deutschen Akten hervor, daß der französische Major Estherhazy, der damals von der französischen Militärpartei gedeckt und gegen die Anklagen eines Zola, Clemenceau u. a. m. beschützt wurde, dem Obersten Schwarzkoppen französische militärische Akten auslieferte und an ihn jenes mysteriöse „bordereau" schrieb, das später in die Hände des französischen Generalstabs gespielt wurde und dessen Autorschaft durch ein falsches Urteil von Schriftsachverständigen Dreyfus zugeschrieben wurde. Das spannendste Moment in dem Vortrag Dr. Weils war die Schilderung der folgenden Episode. Bevor der zweite Dreyfus-Prozeß vor dem Militärgericht in Rennes stattfinden sollte, wandten sich der damalige französische Ministerpräsident, der französische Außenminister und der französische Kriegsminister isoliert und geheim, ohne daß einer von der Tat des anderen wußte, teils an Kaiser Wilhelm, teils an den Reichskanzler Fürsten Bülow mit der Bitte, wenn Dreyfus unschuldig ist, das mitzuteilen, was ihn entlasten kann. Der Appell der französischen Regierungsleiter ist daraus zu erklären, daß sich Frankreich damals infolge der Dreyfus-Affäre fast an der Schwelle eines Bürgerkrieges befand,, der durch die Klärung des Falles vermieden werden sollte. Aus den deutschen Akten geht nun hervor, daß Kaiser Wilhelm seinerseits nicht abgeneigt war, das zu tun, was zur Liquidierung der Affäre geführt hätte. Fürst Bülow, der Reichskanzler, aber vertrat einen anderen Standpunkt. „Es sei nicht zu wünschen," so führte er aus, „daß Frankreich durch eine rasche und eklatante Reparation von Dreyfus sich sofort wieder die liberale und jüdische Sympathie erwirbt. Am besten ist es, wenn die Affäre weiter schwärt, die Armee zersetzt und Europa skandaliert." " So wurde die Rehabilitierung Dreyfus' auf Jahre hinaus verzögert. Das Rechtsprinzip und die Ehre eines untadeligen Ehrenmannes wurdender Staatsraison geopfert. Der Vortragende schloß mit des Ausdruck der Hoffnung, daß sich im neuen Deutschland in

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