Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1930)
- Date
- 1930-02-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 Nr. 7 Der Israelit i: j;!!'■ ji 13. Februar 1930 der eigenen Scholle bisher wie auf einer sicheren Insel mitten in der roten Brandung fühlten, ins Herz trifft. Dorfgememschaften werden ohne Rücksicht auf Unterschied in Glauben, Rasse und Einstellung zu einer Kommune zusammengeschmolzen. Die religiöse Integrität des jüdischen Dorfes hat damit ihr Ende erreicht. Darum die gesteigerte Jlot der Juden und wer hat sie verschuldet? Daß sich an Rußlands Juden das alte Wort tr^saa "ipb bestätigt, ist die schwere, von der Geschichte nimmer abzuwaschende Schuld von Männern, die von jüdischen Müttern geboren sind. Die Zentralregierung in Moskau hat kein Interesse daran, den Juden das Leben schwerer zu machen als den anderen. Wo sich Symptome des Antisemitismus zeigen — und sie zeigen sich in den Betrieben intensiv und häufig genug, — tritt sie energisch ein. Sie hat zur landwirtschaftlichen Ansiedlung eines Teiles der jüdischen Bevölkerung ihr Möglichstes getan. Sie weiß aber, daß in kultureller und religiöser Beziehung die Juden nicht leicht zu behandeln sind, so hat sie das Schicksal und die Zukunft der zwei M i l l i o n e n I u d e n in die Hand von einigen „jüdischen" Menschen gelegt, die auf dem ihnen ausgelieferten Gebiete sich in einer Art austoben, die nur noch mit einem politischen Sadismus zu erklären ist. Die „ I e w s e k t i e " ist es, die all jene Sondergesetze gegen die Juden diktiert und mit drakonischer Genauigkeit ausführt; sie ist es, die all die geschilderten kleinen menschlichen Tragödien, deren jede typisch für hundert andere ist, auf dem Gewissen hat. Der Hellenismus im Altertum war immerhin noch eine geistige Bewegung, wenn auch gegen den Geist des Judentums gerichtet. Man konnte seinen Lockungen entgehen. Der russische Hellenismus ist gegen alles gerichtet, was mit Gott und Geist zu tun hat; ein Kampf, wie der Papst mit Recht sagt, gegen G o t 1 u n d d i e S e e l e n. Woran das liegt? Weil sich in den Jahrhunderten des zaristischen Druckes in den Millionenzentren des Ostens in kleinen Schichten jenseits von Gott, Thora und Israel ein Mob herausgebildet hatte, der, ohne den erzieherischen und adelnden Einfluß des jüdischen Wortes und des jüdischen Gedankens viel schlimmer ist als all das, was wir in Europa mit „Proletariat" zu bezeichnen pflegten. Diese geistig Enterbten und Enteigneten, mit bisher ungestillter Machtgier im Herzen, sind zur Gewalt gekommen. Man hat ihnen eine wehrlose Bevölkerung von zwei Millionen zum Fraß hingeworfen, und sie können sich, in ihrer Macht schwelgend, ungehemmt ausleben und austoben. Hinterher können noch die Herren in der Moskauer Zentralregierung, wenn wir uns beschweren, höhnisch sagen: „Macht das alles unter Brüdern aus. Wir können nicht mehr tun, als Juden von Juden regieren und versorgen zu lassen." Was ist zu tun? Wir haben keine zentrale Macht in der Diaspora, die ihre Stimme zum Proteste, zur Warnung und zur Sammlung zum Zwecke der Abwehr erheben könnte. Sollten wir darum schweigen? Wenn irgendwo das Wort „Jüdische Einheitsfront" Inhalt hätte, so in diesem Falle, wo Millionen unserer Brüder so schwer leiden, wie -noch nie eine Religionsgemeinschaft gelitten hat. Denken wir nicht gering von dem in Rom angekündigten Allgemeinen Pr o t e st t a g e mit der päpstliche n B u ßmesse in der P e t e r s k i r ch e. Das Wettgewisien muß, wenn es kräftig gerüttelt wird, doch einmal erwachen. Und schließlich kann Rußland auch mit seinem eigenen Kalender nicht für die Dauer auf sich allein, jenseits von Zeit und Welt, gestellt bleibeni. Warum ordnen w i r nicht Fasttage an? Warum werden nicht in Stadt und Land, überall, wo jüdische Herzen schlagen, Vorträge über die Vorgänge gehalten? Wo bleiben unsere Organisationen? Auch die Zeitungen sollten mehr und lauter als bisher ihre Stimme erheben, wenn sie nicht anders in der späteren Geschichte einer Verletzung des ijn on bv "rnasm xV beschuldigt werden sollen! Aber die Sache scheint in ein greifbares Stadium zu treten. Rom begnügt sich nicht mit Fasten und Beten. Es appelliert an die S t a a - ter, und Regierungen. Es wünscht die Glaubensfreiheit in Rußland als Preis für seine Anerkennung als Glied im Völkerchore der Welt. Dieses Druckmittel hat Europa in der Hand, und es gibt Staaten genug, denen der Vatikan noch etwas gilt. Daß wir Juden dabei nicht zu kurz kommen, daß nicht — was Gott verhüten mag — die Glaubensfreiheit in Rußland kommt und das Schicksal der jüdischen Religion den nochin der Hand der wi bleibt, darauf fei heute unser ganzes Denken und Trachten gerichtet. Behalten wir d ie rö mi sche Akt i o n im Auge .und verlieren wir den Anschluß nicht. Hier müßte ein Weltbund allerreligiösen Menschen erstehen, um den Kamps der Gewissensfreiheit gegen ein ruchloses System fluchwürdiger Gewalt aufzunehmen. Gib mir weder Armuk noch Reichtum. Nach einer Darstellung von Rabbiner Dr. Lazar (Mitgeteilt anläßlich seines 9. Jahrzeitstages.) *b ]nn ^x mrwi vi Die h. Schrift hat uns das Gebet eines Weisen aus uralter Zeit aufbewahrt: „Gib mir weder Armut noch Reichtum", betet jener Weife. Er fleht zum Herrn, daß er ihn vor der Sorglosigkeit bewahre, die mit dem Reichtums verbunden ist, und vor dem schweren Kampf um das Dasein, der durch die Dürftigkeit herbeigeführt wird. In beiden, in der ungebundenen Freiheit, welche die Fülle irdischer Glücksgüter gewährt, und in dem Drang und Zwang, den das nach Befriedigung ringende Bedürfnis ausübt, erblickt nämlich der Weise schwere Versuchungen. Aber diese Versuchungen sind in der jetzigen Zeit viel schärfer an das Judentum herangetreten, als in der früheren. Sind doch nun einerseits, wie in der Mitte der anderen Nationen, so auch in der Mitte des jüdischen Volkes so manche, die vom Glücke begünstigt wurden, in rqichem Maße zum Besitz irdischer Güter gelangt; andererseits aber haben sich die Nahrungs¬ und Erwerbsverhältnisse so gestaltet, daß der Jude j manches Opfer an Hab und Gut zu bringen und um die, Mittel seiner Existenz schwer zu kämpfen hat, wenn er, seinen religiösen Pflichten Nachkommen und die Gebote I seiner Lehre beobachten will. Die Versuchung, welcher die mit Glücksgütern Reichgesegneten ausgesetzt sind, und auch die, welche der Mangel und die Not mit sich bringt, machte sich also in unserer Zeit in einem höheren Grade geltend als ehemals. Aber wie wurde die eine und die andere bestanden? „Dem Reichen," sagt die h. Schrift, „ist sein Vermögen eine feste Burg"; der Besitz der Glücksgüter, der ihn aller Sorgen um den Lebensunterhalt enthebt, gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit, und er glaubt sich vor allen Gefahren geschützt und geborgen. Das Bewußtsein, daß er von einer höheren Macht abhängt, daß er mit Leib und Gut, daß er mit allem, was er ist und was er hat, in der Gewalt eines höheren Wesens steht, tritt zurück in den Hintergrund seiner Seele; es dünkt ihm, als wäre er selbst der Schöpfer und Bildner seines Glückes: „meine Kraft und die Stärke meiner Hand hat mir dieses Vermögen erworben". Ist aber dieses stolze Gefühl in der Seele erwacht, dann ist das eingetreten, was die Schritf befürchtet, wovor sie uns warnt mit den Worten: „Wenn sich das Silber und Gold dir mehret und alles, was du hast, dir mehret, so könnte sich dein Herz erheben, daß du des Ewigen deines Gottes vergessest." Und vergißt man denn des Herrn und seines Wortes nur dann, wenn sich das Herz gegen Gott erhebt? Geschieht das nicht auch dann, wenn es sich auch nur über den Mitmenschen, über den Mitbruder in Stolz und Hochmut erhebt? Wie lautet die Mahnung, welche die Thora an den Hochgestellten in Israel ergehen läßt? „Daß sich sein Herz ja nicht über seine Brüder erhebe, auf daß er nicht abweiche von dem Gesetze rechts oder links". Der Hochgestellte, der Reiche und Vornehme braucht nur auf seine Brüder, auf seine Glaubensgenossen mit Stolz herabzublicken; dann sind schon die Gebote Gottes nicht mehr für ihn vorhanden, dann setzt er sich schon hinweg über die Satzung der Lehre. Er wird doch nicht dieselben Vochenrundschau. Das bayrische Schächtverbol und die Reichsverfassung. Bon juristischer Seite schreibt man uns: Der bayrische Landtag hat, ohne sich um seine eigene Landesverfassung zu kümmern, die natürlich volle Glaubens- und Gewissensfreiheit gewährleistet, ein. S ch ä.ch t.v er b o t beschlossen, das für jeden unbefangen urteilenden Juristen als gegen b i c Reichsverfassung v e rstoßend angesehen werden muß. Artikel 135 der deutschen Reichsverfassung besagt: „Alle Bewohner des Reiches genießen volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die ungestörte Religionsübung wird durch die Verfassung. , gewährleistet und steht unter staatlichem Schutz. Die allgemeinen Staatsgesetze bleiben hiervon unberührt." Enthielte dieser Artikel 135 der deutschen Reichsverfassung nur die beiden ersten der hier angeführten Sätze, so würde wohl niemand bestreiten, daß ein Schächtverbot, das einer ganzen Religionsgemeinschaft bei Strafe der Entziehung eines mehr oder minder unentbehrlichen Lebensmittels, die Verletzung einer ihrer heiligsten -Religionsvorschriften . aufzwingen will, verfassungswidrig wäre. Es ist lediglich der letzte Ärtz des Artikels 135, auf den sich die Juristen unter den Schächtgegnern stützen und den sie dahin auslegen, daß Beschränkungen der Glaubens- und Gewissensfreiheit nur solange unzulässig sind, wie sie nicht durch ein allgemeines Staatsgesetz legitimiert werden! Es liegt aber auf der Hand, daß diese Auslegung des letzten Satzes des 8 135 unsinnig ist, wenn man sich den Zweck der Verfassung vor Augen hält. Sie soll ja gerade die allgemeinen Richtlinien umreißenj, in deren Rahmen sich die gesetzgeberische Tätigkeit zu bewegen hat. Die Gesetzgebung selber v o n j e d e r Bindung durch die Verfassung be - f r e i e n , und diese letztere umgekehrt ihren Inhalt erst aus den im politischen Tageskampf geborenen Einzelgesetzen gewinnen lassen, heißt die elementarster! staatsrechtlichen Grundsätze, aber auch die Logik, auf den Kopf stellen. Der letzte Satz des Artikels 135 kann vielmehr nur den einen Sinn haben, die Gesetze, die bei Erlaß der neuen Reichsverfassung bereits in Kraft waren, nicht nachträgliche Bräuche und Zeremonien üben, wie die armen Juden; er wird sich doch nicht an die Vorschriften binden, an die sich die gewöhnlichen alltäglichen Juden halten. Genug, genug Ehre für die jüdische Nation, genug Verdienst um Gott und die Religion, daß er, ein Mann von solcher Vornehmheit sich zum Namen „Jude" bekennt, sich des jüdischen Namens nicht schämt. Und können wir sagen, daß die Großen und Reichen unserer Zeit dieser Gefahr entgangen sind? Können wir behaupten, daß die Millionäre und die großen Finanzmänner, die unserem Volke angehören, gewöhnlich und in der Regel — von Ausnahmen sprechen wir nicht— schlicht und einfach, in Demut gegen Gott und frei von Stolz gegen ihre Mitbrüder, nach den Vorschriften der h. Lehre wandeln? „Jeschurun ward feist und es wurde übermütig", das ist ja schon eine alte Klage. Die Prüfung, die aus dem Schoße des Glückes hervorgeht, die mit dem Besitze reicher Güter verbunden ist, haben die Juden leider nur selten gut bestanden. Aber diese Prüfung ist in den jetzigen Zeiten in einem viel ausgedehnteren Maße und in einem weit schärferen Grade als in den früheren an die Söhne unseres Volkes herangetreten, und sie haben sich ihr gegenüber nicht bewährt. Und die Versuchung der entgeqenqesetzten Art, wie wurde diese bestanden? Wie sich die Verhältnisse in der neueren Zeit gestaltet haben, hat der Bekenner des Judentums bei dem Erwerb seiner Nahrung eine schwere Probe zu bestehen. Wir sind eingetreten in den großen Geschäftsverkehr der Völker, hinausgetreten auf den Weltmarkt: aber das große Getriebe des Weltverkehrs nimmt auf unsere religiösen Bedürfnisse keine Rücksicht. Da gilt es zu Gunsten der Religion auf Vorteile Verzicht leisten, manchen Verlust an Hab und Gut sich gefallen zu lassen, manchen Beschwerden willig sich zu unterziehen. Aber wie haben sich die Söhne des jüdischen Volkes zu dieser Aufgabe gestellt? „Warum", /