Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1930)
- Date
- 1930-02-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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:eite 2 Nr. 3 in einer Erklärung zur Spezialsrage der Klagemauer und zum Gesamtproblem der jüdischen Rechte Stellung nehmen. Sie wird genaue Instruktionen der Verwaltung erteilen, so daß der bisherige Schwebezustand des Lavierens, des gegenseitigen Ausspielens von Juden und Arabern voraussichtlich beendigt werden wird. Die nächsten Wochen verlangen daher von allen Teilen des jüdischen Volkes, innerhalb und außerhalb Erez Jisroels, ein Zurückstellen aller trennenden Streitfragen, eine Vertagung ihrer Austragung auf glücklichere Tage, die nicht mit der Sorge um die körperliche und geistige Existenz eines jüdischen Jischuws in Erez Jisroel erfüllt sind. Denn jetzt, in diesen Tagen, geht es ums Ganze, für die nächsten Jahrzehnte wird jüdische Geschichte gemacht. Gewiß bestehen gewichtigste Meinungsverschiedenheiten im Volke über die Art des Aufbaues. Da ist das kulturelle Problem: Aufbau im Geiste der überlieferten Lehre oder im Geiste des „Freisinns" eines gestrigen Europas. Da ist das wirtschaftliche Problem: Aufbau einer Wirtschaft, die auf sozialer Gerechtigkeit gegründet ist oder Einführung des erbarmungslosen europäisch-amerikanischen Machtprinzipes in die Kolonisationsmethoden des neuen Jifchuw. Dies alles sind Fragen von wesentlicher Bedeutung, geeignet in ruhigen Tagen erbitterte Kämpfe, Spaltungen, Parteiungen herbeizuführen. Es sind dies Lebensfragen ersten Ranges, aber doch treten sie in diesen Tagen alle zurück vor der elementarsten Sorge um die Zukunft des Jifchuw, um das Recht auf Einwanderung, um den Erwerb von Boden, um bie Sicherheit des jüdischen Lebens. Die Grundrechte des Jifchuw sind in Gefahr, die gemeinsamen Voraussetzungen jeglicher jüdischer Kolonisation/ mag sie gesetzestreu oder freigeistig, mag sie kapitalistisch oder sozialistisch sein. Denn die politisch-wirtschaftliche Basis jeglicher Siedlungsarbeit ist die Balstmrdeklaration, das Mandat. Wie unser göttliches und menschliches Recht auf friedliche Arbeit in Erez Jisroel allen Teilen des jüdischen Volkes gemeinsam ist, so ist uns auch die Verteidigung und Sicherung dieser Grundrechte des Volkes gemeinsam. Ist das nackte politisch-wirtschaftliche Leben gesichert, dann wollen wir wieder um die notwendige Lösung der kulturellen und sozialen Streitfragen mit unvermeidbarer Entschiedenheit ringen. Aber jetzt, in diesen Tagen, heißt es gemeinsam beraten und gemeinsam politisch handeln! * Es entfällt in dieser Zeit für die selbständige Orthodoxie jeder Anlaß eigene Wege zu gehen In den Tagen des Streites um das Gemeindegesetz war eine vollkommen anders geartete politische Situation vorhanden. Hierzu kommt noch, daß es damals um Fragen religiöser Gewissensfreiheit ging, die für uns vor. weltlichnationalen und sozialen Fragen das Primat haben. Dies alles trifft heute nicht zu. Wenn man eine jüdische Siedlung in Erez Jisroel auf breiter Basis will, dann muß man sich jetzt mit den an>- deren jüdischen Organisationen zu gemeinsamem Handeln verständigen. Gewiß sind die Motive der Chibas Zijon bei den nichtreligiösen Zionisten und Zionistenfreunden anders gelagert als bei uns, gewiß sind auch die Endziele ihrer Erez Jisroelarbeit von den unsrigen allzu verschieden. Aöer was tuts, nochmals fei es betont: die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Einwanderung auf breiter Basis sind für gesetzestreue und freigeistige Juden die gleichen. Roch eins kommt zu diesen Erwägungen hinzu: der Gedanke an die Zukunft. Mögen die Motive, aus denen Juden aller Länder nach Erez Jisroel strömten — und mit Gottes Hilfe wieder strömen werden — noch so verschieden sein, wer weiß, ob nicht schon die Kinder und gar erst die Enkelkinder dieser ersten Immigranten ganz anders denken werden als ihre Väter und Großväter? Das Denken von Millionen jüdischer Menschen, die vor uns waren, hat in D er Is r a e Blätter l i t jedem von uns seine tiefen Spuren hinterlassen Mag er vom Leben, vom Willen zur Angleichung und Nachäffung des uns Fremden noch so verschüttet worden sein, der Abglanz' der Schechina, der in jeder jüdischen Seele ruht, wird dennoch wirksam zu seiner Zeit und wenn es selbst beim späten Enkel wäre, der eines Tages in nachdenklicher Stunde den Weg zum Vater des jüdischen Volkes zurückfindet. Wie ist es aber möglich, daß von bestimmter Seite in diesen Tagen der Sorge der Versuch gemacht wird, die selbständige Orthodoxie in <3onderparolen und Sonderaktionen hineinzulotsen sie von der natürlichen Verteidigungsreihe des jüdischen Gesamtvolkes wegzudrängen und in künstliche Kombinationen hineinzuzieheni, die niemand außer ihren gedanklichen Urhebern ernf nimmt? Wie kann man einer großen Organisation, die Millionen Juden — sei es mehr oder weniger straff — politisch vertritt, zurufen: „Hands off! Die Klagemauer geht Euch nichts nichts an!" Wir werden eine Verständigung mit dem gläubigen Mufti schon finden. Wir werden den Kontakt mit den geistigen Urhebern des Mordes an jüdischen Menschen, die nicht etwa den „ungläubigen" Kreisen, sondern dem gläubigen Jifchuw entstammten, in der Gemeinsamkeit gläubiger Menschen suchen. Wir werden uns mit den arabischen Effendis, die nur darauf warten, eine Friedensbotschaft aus der Leopoldsgasse zu erhalten, sehr bald politisch verständigen können, wenn nur einmal die Verbindung zwischen dem gläubigen Mufti, seinem Anhang und uns hergestellt ist. Den anderen aber, die zwar nicht gläubig sind, aber das Recht zum Gebet an der Klagemauer nicht für sich, aber für ihre jüdischen nahen Enkel verteidigen, diesen ungebetenen Ver leidigem der Klagemauer rufen wir zu: „Hands off!" - Auch ein „Kulturheim", wie jüngst mit Recht im „Israelit" ausgeführt wurde, selbst wenn es nur aus lauter orthodoxen Häusern bestehen würde, wäre doch an bestimmte politische und wirtschaftliche Voraussetzungen gebun den, um die keine jüdische Siedlung, möge sie welchen Charakter auch immer haben, herumkommt. Um diese Voraussetzungen geht es. Es muß eine Verständigung mit den Arabern gesucht werden. Sie wird bestimmt nicht im Uebereinkommen mit dem „gläubigen" Kreise um den Mufti gefunden werden, sondern in einer Konstellation, die den arabischen, ausgebeuteten Fellachen politisch und wirtschaftlich befreit und seinen Wohl st and mit der jüdischen Einwanderung parallel koppelt. Wir wollen mit diesen Arabern, wie Weizmann in Jena ausrief, ein g e m e i n f a m e s V a t e rl a n d aufbauen. Ein Vaterland, in dem es gleichgültig ist, wer die Mehrheit im Lande besitzt, weil die Minderheit, sei sie arabisch oder jüdisch, sich im Besitze der gleichen Rechte befindet. Ein Vaterland, das die alten Traditionen jüdischarabischer Zusammenarbeit sortsetzt, das die Atmosphäre schafft für einen neuen Maimoni - des, der das Wort Gottes in hebräischer und arabischer Sprache erklärt. Ein Vaterland, das sich willig einordnet in das politische und wirtschaftliche Wollen des zur Selbständigkeit drängenden Orients. Ein Vaterland, in dem Majorität und Minorität nicht geduldet, sondern kraft uralten Rechtes lebt, gleichgültig, ob diese Majorität Juden oder Araber sind. Und weil oben bereits von einem Jenaer Worte Weizmanns die Rede war, so sei hier noch der Schluß seiner Rede angeführt: „Was wir heute tun, tun wir als Kiddusch haschem und wenn unsere Jungens in die Wüsten und in die Felder Palästinas gegangen sind, und wirkten und schafften und arbeiteten, so erschallte aus ihren Herzen eine neue Hymne der Arbeit und des Glaubens, die stieg zum Himmel und der jüdische Gott schaute auf seine Kinder herunter und erkannte sie wieder. Und dieser Gott wird uns weiterführen." 6. Februar 1930 Ich glaube, wir Agudisten, die in den Tagen des uns aufgezwungenen Kampfes um das Gemeindegesetz die hartnäckigsten Gegner des Zionismus waren, wir können uns dieser Hoffnung. Weizmanns auf eine neue Hymne der Arbeit und des Glaubens anschließen. Und erst recht seinem Glauben, daß es n*apn ist, der letzten Endes das jüdische Schicksal zum Guten bestimmen wird. Agudas Jisroel in amerikanischzionistischer Beleuchtung. Im Newyorker „Jewish Morning Journal" veröffentlicht Efcaim Kaplan eine Serie von Artikeln: Meine Reise über Polen und Litauen 1929. Kaplan, ein hervorragender Schriftsteller, stand in der ersten Reihe der Kämpfer gegen die Aguda. Umso interessanter ist es für uns, seinen jetzigen Standpunkt kennen zu lernen. Wir geben deshalb seine Ausführung nach Nr. 7 des „Jewish Morning Journal" im Wortlaut wieder: Die Erfahrungen, die ich mit meiner Reise durch Polen und Litauen machte, überzeugten mich, daß die Agudas Jisroel eine gewaltige Kraft ist, mit der man bei Erwägungen über die Zukunft der jüdischen Dinge rechnen muß. Sie ist vielleicht nicht stark' als Organisation, aber als Richtung eine gewaltige Kraft. Wenn sie ihre Kräfte in allgemeinen politischen Wahlen an anderen Richtungen mißt, mag sie manches Mal oder oft unterliegen, aber ihr Einfluß auf die breiten orthodoxen Massen bleibt immer dirigierend. Derselbe Fromme, der nicht für sie stimmt als organisierte Macht, bleibt loyal zu ihr, um bei ihr Direktiven für die meisten Hauptpunkte des traditionellen Lebens zu holen; bei ihr erfragt er, was rituell, was man soll und nicht soll; gewiß, er folgt ihr nicht immer, aber dann fühlt er sich sündig, genau so, wie wenn er ein ausdrückliches Gebot der Thora übertreten hatte, oder eine klare Vorschrift des Schulchan Aruch infolge feiner sittlichen Schwäche. Man trifft deshalb fromme Menschen, die sich eng dem Zionismus angeschlossen haben, Schekelzahler und Unterstützer zionistischen Fonds, aber sie tun es gegen ihre frommen Ueberzeugungen, die agudistifch sind. Da ist ein Konflikt zwischen Herz und Kopf, zwischen Gefühl und Verstand. Der Verstand sagt, was die Aguda sagt, daß der Zionismus eine linke Bewegung ist, von dessen Bereich man sich fernhalten muß, aber das Gefühl treibt ihn zu der Bewegung, in der er eine Erlösung aus der Judennat sieht. Da sie sich aber als fündig betrachten, kann man trotz des Ueberwiegens des Gefühls auf sie nicht rechnen. Ihr Gewissen quält sie und früher oder später werden sie bußfertig und werfen wie bei einem Taschlich ihre zionistischen Entgleisungen in die Fluten agudistischer Opposition. Denn nach Zahl und Bedeutung ist die überwältigende Majorität der Thoragrößen Polens und Litauens für Aguda. Sowohl die großen berühmten Jefchiwos wie auch die kleineren gehören in die Einflußsphäre der Aguda; Meister, Führer und Leiter betrachten die zionistische Arbeit mißtrauisch. Folglich sind die Jeschiwoh-Menschen ausgesprochene und tief überzeugte Gegner des Zionismus in feiner jetzigen Organifationisform, obwohl ihr Sentimenk stark für den Aufbau Palästinas spricht, bei ihnen und bei ihren geistigen Führern. Es hat also die Aguda die geistige Hegemonie über das jüdisch-orthodoxe Leben in Polen und Litauen und es liegt die ganze gehobene jüdische Erziehung in ihrer Hand; es genügt nicht, das zu ignorieren oder zu tadeln. Man muß die rein oppositionelle Taktik aufgeben, muß ihren Standpunkt zu verstehen suchen, ihre Behauptungen anhören, ihre Forderungen analysieren und versuchen, mit ihr zu einer Verständigung zu kommen. Es gibt bei uns Pazifisten, die es als besonders heilig unternehmen, Frieden zwischen uns und den Arabern zu machen, und bereit sind, Valfour-Deklaration, Mandat und den ganzen Zionismus auf den Alar dieses Friedens zu bringen. Aber es gibt deinen, der auch nur den Versuch machen wollte, Frieden zwischen den Zionisten und einem so bedeutenden Teil des jüdischen Volkes zu machen.